Burkhard Tomm-Bub, M.A.

 

Kinder aus Alkoholikerfamilien aus (sonder-) pädagogischer Sicht

- Grundlagen von Prävention und Intervention-

Gliederung/Inhalt

1. Zu dieser Arbeit.
2. Alkoholikerfamilien
2.1 Die Krankheit

2.1.1 Alkoholismus (Ätiologie, Epidemiologie, Phasen, Typen)

2.1.2 Schäden durch Alkoholismus

2.2 Die Familie/Der andere Partner

2.2.1 Co-Abhängigkeit

2.3 Die Kinder: Schäden und Risiken.

2.3.1 Epidemiologie

2.3.2 Physische, psychische und soziale Schäden.

2.3.3 Suchtkrankheit

3 Prävention/Intervention in pädagogischen Einrichtungen

3.1 Grundlage: Wissen der Mitarbeiter (Vermittlung: Wo/Wie)

3.2 Grundlage: Erkennen gefährdeter Kinder

3.2.1 Kontakte mit Betroffenem/dem anderen Partner/sonstigen Personen

3.2.2 Kindes-Äußerungen beachten und Rollenmuster (er)kennen

3.3 Definitionen/Abgrenzungen (Prävention-Intervention)

3.4 Prävention.

3.5 Interventionschancen/-Strategien

3.5.1 Der alkoholkranke Elternteil

3.5.2 Der andere Partner

3.5.3 Das Kind

3.6 Notwendigkeit interdisziplinären/konkret vernetzten Arbeitens.

4. Resümee

Quellen/Literatur

1. Zu dieser Arbeit

 

Alkoholabhängigkeit wird seit einigen Jahrzehnten als Krankheit anerkannt, erforscht und behandelt. Sowohl professionelle Bemühungen (durch Mediziner, Soziologen, Psychologen, etc.), als auch Aktivitäten der Betroffenen selbst (insbesondere Selbsthilfegruppen und -Organisationen) sind in diesem Zusammenhang  erwähnenswert.

Im Laufe der Zeit kam man zu der wichtigen Erkenntnis, dass in Bezug auf “Sucht” in der Regel nicht ein einzelnes, isoliertes Individuum “zur Behandlung ansteht”, sondern dass sich Abhängigkeit entwickelt, dass vielfache Ursachen hierfür maßgeblich sind und -vor allem- dass die Menschen in der sozialen Umgebung des Süchtigen mitwirken an der Entstehung und Aufrechterhaltung der Suchtkrankheit. Dies fast immer unwissentlich und sehr oft besonders dann, wenn sie selbst in hohem Maße unter der Krankheit des Betroffenen leiden und alles nur menschenmögliche tun, um ihm (scheinbar) zu helfen. Mitbetroffene in diesem Sinne sind natürlich vor allem die jeweiligen (Ehe-)Partner der Abhängigen, auch Söhne und Töchter, sowie Eltern oder andere enge Verwandte können hier angesprochen sein. Im -nur etwas- weiteren Sinne werden aber auch Arbeitskollegen, Vorgesetzte und andere Personen aus dem Umfeld oft vom Alkoholsüchtigen als wichtige Faktoren in sein krankes System mit einbezogen. Der Fachbegriff für dies unbeabsichtigt suchtfördernde Verhalten lautet “Co-Abhängigkeit” oder, hier, eben “Co-Alkoholismus”. Der Erkenntnisgewinn bezüglich dieser Sachverhalte brachte wichtige Impulse in Bezug auf bessere Hilfe und Unterstützung für Betroffene und Angehörige. Später sollen hierzu auch noch weitere, wichtige Erläuterungen gegeben werden.

Hauptsächlich jedoch soll im folgenden von einer Gruppe die Rede sein, die allzu lange vergessen wurde: den Kindern aus Alkoholikerfamilien. Sie sind Mitbetroffene in besonderer Hinsicht. Einerseits verfügen auch sie nicht über die notwendigen Informationen, verhalten auch sie sich in der Regel so, dass der süchtige Vater, die süchtige Mutter in der Krankheit bleibt, keine Anstalten unternimmt die Sucht zum Stillstand zu bringen und insofern sind auch sie, die Kinder, “Co-Alkoholiker”. Andererseits sind sie aber Opfer in doppeltem Sinne, denn sie sind körperlich unterlegen, rechtlich höchstens beschränkt handlungsfähig und ganz allgemein mit weniger Möglichkeiten und Kompetenzen versehen als jeder erwachsene “Co”.

Erst seit vergleichsweise wenigen Jahren hat sich die Forschung dieser Kinder angenommen, ganz konkrete, praktische Einrichtungen, Hilfen und “Strategien zur Hilfe” fehlen bislang noch in hohem Maße.

Hier soll versucht werden, einen Beitrag zu leisten.

Kinder bewegen sich im öffentlichen Raum, sei es im Kindergarten, im Hort, der Schule, offenen Kinder- und Jugendeinrichtungen, oder verschiedenen sonderpädagogischen Einrichtungen. Vielfach wäre es möglich -früher und öfter als bisher- die von Sucht massiv mitbetroffenen Kinder zu erkennen und ihnen zu helfen. Ein sehr “schwieriges Geschäft” wird dieser Prozess allerdings wohl in jedem Falle bleiben.

Es gibt einige typische Verhaltensweisen und oft eingenommene Rollen von Kindern aus Alkoholikerfamilien, dasselbe gilt für den mitbetroffenen Partner und auch den Süchtigen selbst. In der Begegnung mit dem Kind, dem Partner, möglicherweise auch dem Betroffenen diese Rollen zu kennen, kann nicht nur hilfreich sein, oft ist es eine der Grundbedingungen für die rechtzeitige “in Gang Setzung” eines Hilfeprozesses.

Hierzu sind zunächst einmal die entsprechenden Kenntnisse notwendig. Geklärt werden müssen also Begriffe und Sachverhalte wie “Alkoholismus-Phasen”, “Alkoholiker-Typen”, “Co-abhängiges Verhalten” und “typische Rollenmuster der Kinder”.

Es soll demnach im folgenden zunächst noch einmal auf die Krankheit und auf das Verhalten des jeweils dem Süchtigen “nahestehendsten” Menschen eingegangen werden. Anschließend werden die Risiken und Schädigungen hinsichtlich der betroffenen Kinder näher geschildert. Schon hier wird deutlich werden, dass das vorliegende Thema ein wichtiges ist, mit dem zu beschäftigen sich lohnt.

In der Folge soll dann einiges zum Thema “Prävention und Intervention in pädagogischen Einrichtungen” (wie Kindergärten, Horten, Schulen und in der offenen Kinder-/Jugendarbeit) gesagt werden, insbesondere zu den Voraussetzungen hierfür. Detaillierte Handlungspläne, Schilderungen entsprechender didaktischer Einheiten und Projekte, u.ä. können dagegen hier nicht gegeben werden, dies würde den Rahmen der Arbeit sprengen. Wenn aber einige grundlegende Bedingungen für qualifizierte Hilfe besser abgeklärt und -zumindest grob und skizzenhaft- “Strategien für den pädagogischen Alltag” angeregt werden können, so ist wohl schon einiges erreicht.

Gelegentlich wird es notwendig sein, wichtige Begriffe in kurze Definitionen zu fassen. Dies soll in den jeweiligen Kapiteln geschehen.

Vorweg will der Verfasser, wie immer bei solchen Gelegenheiten, daher auf etwas hinweisen:

Der Versuch, Wirklichkeit in Begriffe zu fassen, also Definitionsversuche zu machen ist allgemein sicherlich wertvoll. Überhaupt erst einmal klar zu machen, worüber man eigentlich spricht, erleichtert die Kommunikation und ermöglicht somit, im günstigen Fall, das Gewinnen neuer Erkenntnisse. Vergessen werden darf dabei aber nicht, dass “Realität” naturgemäß nicht vollständig fassbar ist -und bleibt- stets wird definitorisch an den “Rändern” von Begriffen “abgeschnitten”, d.h. Teile von möglichen Bedeutungen gehen verloren, Übergänge, Mischungen, etc. sind nicht adäquat darstellbar. In der Bewusstheit dieser Einschränkungen wird an den jeweils sinnvollen Orten versucht werden, sich erklärungsbedürftigen Begriffen (wie z.B. “Sucht”, “Coabhängigkeit”, etc.) zu nähern.

Zum Abschluss dieser Einleitung möchte sich der Verfasser in der Form einer knappen “Vita” kurz vorstellen. Hierdurch wird (u.a.) ein weiterer Grund deutlich, der ihn bewog, sich mit dem vorliegenden Thema auseinander zu setzen: die persönliche Betroffenheit.

 

Heinz-Burkhard TOMM-BUB, geb. Tomm

Geboren am 25.12.1957 in Recklinghausen (NW), dort auch aufgewachsen. Lebt seit 1989 in Ludwigshafen am Rhein. Verheiratet seit 1993, keine (eigenen) Kinder.

Mehrfachabhängig mit den Schwerpunkten Alkohol / Tranquilizer. Tiefpunkt November 1987. Durchlauf vieler ambulanter Hilfsangebote (diverse Selbsthilfegruppen, Suchtberatungen, Psychologen-Gespräche, Psychotherapie), mehrmonatige stationäre Therapie. Rückfallfrei trocken / clean seit März 1989.

Er ist staatlich anerkannter Erzieher und Diplom-Sozialarbeiter (FH) -und als solcher gegenwärtig auch bei der Stadt Ludwigshafen beschäftigt (“Kinder- Eltern- Haus e.V.”, Sparte 5-25). Stadtverwaltungs-intern zusätzlich mit betrieblicher Suchtkrankenhilfe befasst. Besuch entsprechender Fortbildungen.

Außerhalb seiner Erwerbstätigkeit ist er z.Zt... in der “Freiwilligen Suchtkrankenhilfe e.V., Ludwigshafen” als stellvertretender Vorstand engagiert.

Zeitweise war er, ebenfalls ehrenamtlich, “Justizvollzugshelfer” (Suchtgruppe) in einer Justiz- Vollzugs- Anstalt (JVA/Sozialtherapeutische Anstalt).

Er schreibt in seiner Freizeit vor allem Lyrik, gelegentlich auch Fantasy-/Sience Fiction-Stories, sowie “Kurz-Krimis” und Rezensionen. Veröffentlichungen in Anthologien, (Literatur-) Zeitschriften, im Literaturtelefon und im Internet.

2. Alkoholikerfamilien

 

Unter den Begriff “Alkoholikerfamilien” lassen sich theoretisch recht verschiedene Familiensysteme einordnen. So könnten, in größeren Familien, durchaus auch die Großeltern abhängig sein, denkbar wäre genauso, dass ein bereits erwachsenes Kind der Betroffene ist, oder eben, hier schwerpunktmäßig, dass ein Elternteil (oder beide) Alkoholiker ist (bzw. sind). Nicht selten sind auch allein stehende Mütter von sich entwickelnder Alkoholsucht betroffen. Ein im Alltag aber noch immer besonders häufiger Fall ist jedoch  wohl der, dass der Vater (oder Stiefvater) der Problemträger in der Familie ist. Von diesem “idealtypischen” Fall soll im folgenden ausgegangen werden, soweit nichts anderes erwähnt wird. In mehr oder weniger hohem Maße sollten aber viele der Aussagen übertragbar sein. Besondere Gefahrenschwerpunkte sind dabei möglich: ein Beispiel hierfür ist die bereits tief in der Krankheit verhaftete, allein stehende Mutter mit einem noch jüngeren Kind. Hier stellen sich Fragen etwa nach “Vernachlässigung” und “Gefährdung des Kindeswohles” mit deutlich stärkerer Akzentuierung!

Der Alkoholiker wird im Krankheitsverlauf zunehmend zu einem einsamen Menschen. Entweder ist er von vornherein mehr oder weniger allein stehend, oder es trennen sich die engsten Bezugspersonen im Laufe der Zeit von ihm. In jedem Falle entsteht nach und nach ein immer größer werdender innerer Abstand zu den Mitmenschen: weder Zeit noch Lust ist vorhanden sich mit diesen zu beschäftigen, möglicherweise stören sie ihn beim Trinken, auch ist es oft der Fall, dass der Abhängige zunehmend weiß oder ahnt, dass er sich hier und dort, bei dieser und jener Gelegenheit wieder einmal “danebenbenommen” oder “dummes Zeug erzählt” hat. So lässt man lieber “Gras über diese Sachen wachsen” und meidet dann vorsorglich gleich viele Situationen lieber ganz.

Dieser Abstand, diese Isolation entsteht im Prinzip fast immer, für die äußere Situation gilt dies jedoch viel weniger häufig. Die Krankheit “Sucht” braucht -insbesondere beim Alkoholismus- oft viele Jahre bis sie ein gravierendes Ausmaß erreicht. So leben denn viele Alkoholiker in Familien, die meist noch in “besseren Zeiten” gegründet wurden, sie haben demnach einen Ehepartner und gar nicht selten auch ein Kind oder deren mehrere. Diese Konstellationen bleiben häufig noch erstaunlich lange (nach außen hin) stabil. Grund hierfür ist, dass die jeweiligen Partner die Ehe und die Familie sehr lange aufrecht zu erhalten versuchen, und dass sie dem Betroffenen auf ungeeignete Weise zu helfen bemüht sind. Der Betroffene, der jeweilige Angehörige und eben auch die Kinder nehmen bei diesem Prozess Schaden.

Diese Tatsachen sollen nun näher erläutert und belegt werden. Die dabei vermittelten Kenntnisse sind grundlegend für eine verbesserte Hilfe, dies insbesondere in Bezug auf die machtloseste der betroffenen Gruppen: die Kinder.

Abgebracht ist nun noch ein folgender Hinweis: “Alkoholismus” -um den es hier geht- ist eine äußerst verbreitete Krankheit, andere Süchte sind jedoch zahlenmäßig keineswegs unbeachtlich, auch hier sind viele Kinder mit betroffen. Als Beispiel soll die Medikamentensucht und die Abhängigkeit von “illegalen Drogen” wie Heroin, Kokain, u.ä. genannt sein. Auch die zunehmenden Mehrfachabhängigkeiten (Polytoxikomanie) verschlimmern und verwirren oft die Sachlage noch. Einen Definitionsversuch und einige Erklärungen hierzu gibt Doll:

Polytoxikomanie - Drogenabhängigkeit von mehreren oder vielen Drogen, Medikamenten und Alkohol. - Immer häufiger werden Medikamente zusätzlich zum täglich getrunkenen Alkohol eingenommen, wie zum Beispiel Schmerzmittel, Schlafmittel. Beruhigungsmittel, Aufputschmittel, Herz- und Kreislaufmittel, Magenmittel - um nur einige zu nennen. Dies geschieht zum Teil, um die Nebenwirkungen übermäßigen Alkoholkonsums gering zu halten, denn Alkohol - über längere Zeit oder/und im Übermaß genossen - schädigt die inneren Organe und das vegetative Nervensystem erheblich. Das zusätzliche Einnehmen von Medikamenten geschieht jedoch auch in vermehrtem Ausmaß, weil a) der Abhängige sich eine den Alkohol potenzierende Wirkung erhofft, b) Medikamente geruchlos sind und somit der Konsum weniger auffällig ist. c) bestimmte Wirkungen, wie z.B. leistungssteigernd, mobilisierend, konzentrationsfördernd, stimmungsaufhellend, angstbefreiend oder einschläfernd besser gesteuert werden können, der Abhängige sich besser in den Arbeitsalltag integriert d) der Abhängige sich beruflichen Leistungsanforderungen wie privaten, sozialen Anforderungen eher gewachsen fühlt.” (Doll,A.;1990,S.123)

Anschließend soll sich zunächst näher mit der Krankheit an sich befasst werden.

2.1 Die Krankheit

 

Schon mehrfach war vom Alkoholismus, von Sucht allgemein, als einer Krankheit die Rede. Dies ist keineswegs eine “Auslegungssache”, sondern die Anerkennung als echte Krankheit ist medizinisch allgemein erfolgt und auch die Rechtsprechung und die Krankenkassen tragen den Tatsachen seit spätestens 1968 gleichermaßen offiziell Rechnung.

Im Grundsatzurteil des Bundessozialgerichts vom 18. Juni 1968 (BSG 28, 114, bzw. 3 RK 63/66) heißt es nämlich: “Trunksucht ist eine Krankheit im Sinne der Reichsversicherungsordnung RVO (§ 182, RVO)”. Nach diesem Urteil ist übrigens jede Sucht eine solche Krankheit.

So ist gewährleistet, dass Kostenträger für die Behandlung (d.h. für Entgiftung und Entwöhnung; Selbsthilfegruppen arbeiten kostenlos) zur Verfügung stehen. Es gibt viele Wege der Hilfe, ambulante und/oder stationäre und der Aufwand lohnt allemal!

Als wichtig bleibt festzuhalten: Sucht ist keine Willensschwäche und kein Charakterfehler und kann demnach auch nicht unter dieser Perspektive “behandelt” werden (“Reiß`dich doch mal zusammen und trink` nicht soviel!”).

Den Arten, Formen und Abläufen einer angemessenen Therapie, der “Hilfe zur Selbsthilfe”, wird in dieser Arbeit kein eigener Abschnitt gewidmet, entscheidend ist aber: sie gibt es. Zu den Chancen, die Krankheit zum Stillstand zu bringen (von einer klassischen “Heilung” zu sprechen, verbietet sich aus logischen Gründen) soll nun noch ein Zitat angeführt werden das belegt, dass die Aussichten hier besser sind, als bei manch` anderen, tödlichen Krankheiten:

“Eine Meta-Analyse von Süß (1995) konzentriert sich ... auf weniger, aber methodisch solidere Untersuchungen. ... Zur Berechnung der Abstinenz- und Besserungsraten wurden unterschiedliche Bezugsgrößen gewählt, so dass sowohl pessimistische wie auch optimistische Schätzungen resultieren ... Fasst man alle Patienten und alle Katamnesezeitpunkte zwischen 6 Monaten und 4 Jahren zusammen, so ergeben sich Schätzungen von 34 Prozent dauerhaft Abstinenten für den pessimistischen Berechnungsmodus, 48% für den optimistischen Berechnungsmodus. Die Nichtabstinenten aber Gebesserten machen bei der pessimistischen Schätzung nur 6% aus, bei der optimistischen Schätzung 22%. Die Ergebnisse dieser Meta-Analyse belegen recht überzeugend, dass im Verlauf eines Jahres nach Abschluss einer Entwöhnungsbehandlung auch bei pessimistischer Schätzung doch mit einer Abstinenzquote zwischen 30 bis 50 % zu rechnen ist.” (Rist,F.; “Therapiestudien mit Alkoholabhängigen”, in Mann,K.; Buchkremer,G. (Hrg.), 1996, S. 244)

Klar geht hier hervor, dass bei angemessener Hilfe viel Raum für Hoffnung ist. Dies ist etwas, dass sich weitergeben lässt: an Mitbetroffene -und Kinder!

 

2.1.1 Alkoholismus (Ätiologie, Epidemiologie, Phasen, Typen)

Zur Vertiefung des Wissens, zur Schaffung einer Basis, aufgrund derer Verständnis und Hilfe möglich werden, soll nun einiges zu den Ursachen und der Verbreitung der Alkoholkrankheit gesagt werden. Die Kenntnis der Phasen dieser Sucht und der unterschiedlich ausgeprägten  Typen von Alkoholsüchtigen scheint an dieser Stelle ebenso relevant.

Zuvor gilt es aber, die Grundbegriffe handhabbar zu machen, daher sollen zunächst einige Zeilen zur Definition von “Sucht” und “Alkoholismus”, u.ä. angeführt werden.

Zum Begriff “Alkohol” selbst lässt sich dabei unter Heranziehung gängiger Lexika leicht herausfinden, dass hier der sog. Ethylalkohol (C2H5OH), also der Trinkalkohol, gemeint ist. Er entsteht durch die Gärung von Zucker und ist ein Stoffwechselprodukt lebender Mikroorganismen und kann seit dem 20. Jahrhundert auch künstlich hergestellt werden. Interessanterweise kommt Alkohol in der Natur höchstens in einer Konzentration von 14 % vor, bei höherer Konzentration sterben die Organismen, die Alkohol herstellen, nämlich ab.

Etymologisch stammt ,,Alkohol” aus der arabischen Sprache und bedeutet ,,das Feinste”.

Alkohol ist eine Droge und wirkt unmittelbar verändernd auf Funktionen des Zentralnervensystems.

Schon interessanter als diese Stichworte sind einige der Festlegungen der Weltgesundheitsorganisation (=World Health Organization, WHO). Der schon mehrfach benutzte Begriff “Sucht” ist nämlich, folgt man der WHO, eigentlich nicht mehr ganz korrekt. Diese ersetzte ihn schon im Jahre 1964 durch den Begriff der ,,Drogenabhängigkeit”. Zu diesen Drogen zählt -natürlich- auch der Alkohol, dies erkennt z.B. schon 1985 auch (der Jurist!) Kreuzer. Unter der Überschrift “Drogenarten” führt er aus:

“Nicht zuletzt ist Alkohol zu erwähnen, der neben seinen Funktionen als technisches Hilfsmittel (Lösungs- und Desinfektionsmittel), als bedeutsames, kulturell integriertes Nahrungs-, Genuss- und Kultmittel schon unabhängig vom gegenwärtigen Drogenmissbrauch junger Menschen auch die Funktion als wichtigste und weitgehend gesellschaftlich tolerierte Rauschdroge hat. Junge Drogenkonsumenten nehmen im allgemeinen auch stärker Alkohol. Seine möglichen Wirkungen dürften hinreichend bekannt sein (Rausch, körperliche und seelische Abhängigkeit, Leberzhirrose, Letaldosis usw.).” (S. 12/13)

Recht qualifiziert unternehmen Dörner und Plog den Versuch, die sich hieraus definitorisch ergebenden Begriffe näher zu bestimmen:

Droge: Sammelbegriff für alle das Gehirn bzw. das Handeln beeinflussenden (enzephalo- bzw. psychotropen) Mittel.

Abhängigkeit: (Dependence): tritt an die Stelle der alten Begriffe (addiction) und Gewöhnung (habituation).  ...

Definition für Drogenabhängigkeit: (in Anlehnung an die WHO): Zustand periodischer oder chronischer Vergiftung durch ein zentralnervös wirkendes Mittel, der zu seelischer oder seelischer und körperlicher Abhängigkeit von diesem Mittel führt und der das Individuum und/oder die Gesellschaft schädigt - Bestandteil der Definition ist also auch die Gesellschaft. Nikotin, Alkohol, Haschisch werden sozial unterschiedlich gewertet.

Seelische Abhängigkeit: das schwer bezwingbare Verlangen, durch eine Droge Selbstverwandlung, Entlastung und Genuss herzustellen, mit Verselbständigung des Mittels, Verlust der Konsumkontrolle, und Versuch, um jeden Preis sich das Mittel zu beschaffen.

Körperliche  Abhängigkeit:  Anpassungszustand  mit  Toleranzsteigerung, Zwang zur Dosissteigerung für dieselbe Wirkung und mit Abstinenzerscheinungen bei Absetzen oder Verminderung der Dosis”  (1984, S.250). (Unterstreichungen vom Verfasser.)

Nachzutragen ist hier noch, dass bei Alkoholismus oft, wenn auch keineswegs immer, körperliche und seelische Abhängigkeit vorliegt, dies im Gegensatz etwa zu Stoffen wie Haschisch (Cannabis, Hauptwirkstoff THC) und Kokain.

Ungeachtet der Dörner/Plog-, bzw. WHO-Definition wird der Verfasser weiterhin die Begriffe “Abhängigkeit” und “Sucht” (synonym) verwenden. Dies hat folgenden Grund:

Der Ausdruck “Sucht” signalisiert scheinbar Assoziationen zu “Suchen”, “Sehnsucht”, u.ä., in Wahrheit ist als etymologische Herkunft des Begriffs jedoch der Wortstamm “krank sein, siechen” anzusehen. Diese “Doppelbödigkeit” sollte nach Ansicht des Verfassers bei der Beschäftigung mit dem Thema ruhig auch weiterhin gelegentlich “mitschwingen”!

Damit mögen die wichtigsten Begriffsbestimmungen vorerst gegeben sein. Es soll nun in groben Zügen versucht werden, einige der Ursachen die Sucht entstehen lassen, bzw. fördern, aufzuzeigen (Ätiologie). Auch dies kann durchaus hilfreich sein, um den Süchtigen und seine Handlungen besser zu verstehen.

Einen ersten Hinweis gibt Maier:

“Der Alkoholismus ist multifaktorieller Genese. Genetische Faktoren spielen eine etwa gleichgewichtige Rolle wie individuumbezogene Umgebungsfaktoren. ... Der familiär übertragene Phänotyp umfasst neben der Alkoholabhängigkeit auch den Alkoholabusus und andere substanzmittelinduzierte Abhängigkeiten bzw. Formen des Missbrauchs. Die familiäre Übertragung des Alkoholismus lässt sich nicht auf ein einzelnes Gen zurückführen. Wahrscheinlich wirken mehrere Gene bei der Manifestation des Alkoholismus zusammen.” (Maier, W., in Mann, K.; Buchkremer, G. (Hrg.), 1996, S.95)

Wichtig ist hier die Aussage, dass die Krankheit in der Regel mehrere Ursachen hat. Weiter wird der Faktor der Vererblichkeit angesprochen, der leider oft zu den verschiedensten Missverständnissen führt. Beispielsweise wird etwa angenommen, da “man das Saufen ja nun mal geerbt hätte, könne man halt leider nichts daran ändern”, -so die Argumentation manch` “nasser” Alkoholiker, die noch nicht bereit oder in der Lage sind, gegen ihre Erkrankung anzugehen. Natürlich wird hier ein Trugschluss produziert: egal, worauf meine Krankheit beruht, ich kann sie zum völligen Stillstand bringen, durch Abstinenz und durch Arbeit an mir selbst, mit dem Ziel der zufriedenen Abstinenz!

Andererseits ist die Möglichkeit der Vorurteilsbildung gegeben: “Der Vater säuft, da wird der Jungen wohl auch bald ein ‘Alki’ werden!” Diese Zuschreibung (die durchaus Mechanismen in der Art der “sich selbst erfüllenden Prophezeiung” in Gang setzen kann), ist aus vielen Gründen falsch:

 

Einmal sind die Arbeitsergebnisse der verschiedenen Forscher keineswegs eindeutig genug, um von einer direkten und auch nur annähernd “sicheren” Vererbung des Alkoholismus sprechen zu können, zum anderen hat Sucht -wie schon erwähnt- fast immer viele Ursachen.
 

Die wichtigsten Hauptfaktoren (Droge, Mensch und soziales Umfeld) sind hier dargestellt. Diese bedürfen aber der Ausdifferenzierung und Erläuterung.

So ließe sich nach Ansicht des Verfassers daher zu der nachfolgenden Darstellung kommen, in der die Oberbegriffe beispielhaft in Einzelfaktoren unterteilt werden:

 

Zu beachten ist, dass die Teilfaktoren untereinander oft in Wechselwirkung miteinander stehen, teilweise sogar voneinander abhängig (interdependent) sind. Dies gilt für einige Teilfaktoren innerhalb einzelner Felder, aber auch für manche Querverbindungen.

 

Es soll nicht versucht werden, die Liste der möglichen Einzelursachen erschöpfend darzustellen und zu erläutern, einige Hinweise können aber -auf der Grundlage des heutigen Kenntnisstandes und der persönlichen Erfahrungen des Verfassers- noch vorgebracht werden.

 

Zur Droge:

-Die Verfügbarkeit von Alkohol in Deutschland ist ausgesprochen hoch, Alkohol ist fast überall in fast jeder Preislage erhältlich.

-Suchtpotential: Hier bewegen sich Schätzungen, etwa der “Anonymem Alkoholiker (AA)” und der “Deutschen Hauptstelle gegen die Suchtgefahren” (DHS), bei ca. 5 - 10 %, das bedeutet, jeder zehnte bis zwanzigste “Alkoholprobierer” endet als behandlungsbedürftiger Alkoholiker. 

 

Zu den Individualfaktoren:

 

Hier können unter anderem folgende Faktoren Suchtentstehung begünstigen und/oder fördern: 

·         -Soziale Ängste (z.B. Prüfungsängste, vor Vorgesetzten, “Lampenfieber”,...)

·         -Sexuelle Ängste (Annäherungsängste, Versagensängste)

·         -Depressionen

·         -Geistig-seelische Schwächen (Schwierigkeit mit Gefühlen umzugehen, geringe Belastbarkeit,..)

·         -sonstige Ängste und seelische Störungen

·         -Eltern - Kind- Konflikte

·         -Kommunikations- und Partnerschaftsprobleme

·         -Lebenskrisen (wie der Tod eines Angehörigen oder Trennungen)           

·         -Lebensalter (Jugendprobleme - Altersängste)

·         -Falsche Lernerfahrungen in Bezug auf das Suchtmittel (“mit” geht scheinbar Schlechtes besser  / Gutes noch besser)

·          Geschlecht (Frauen wird in der Öffentlichkeit ein Alkoholrausch noch immer nicht so leicht verziehen wie einem Mann. Dies ist sicher mit ein Grund dafür, dass sie eher bei den Medikamentensüchtigen ,,in Führung liegen”).

 Zur Sozialen Umwelt:

 

-Verbreitete falsche Vorurteile über die Droge / (gesellschaftliche) Bewertung der Droge

Beispiele: “Alkohol wärmt, bringt den Kreislauf in Schwung, beugt Erkältungen vor und desinfiziert den Körper und ist außerdem ein gutes Schlaf- und Beruhigungsmittel.” (Wohlgemerkt: Alle diese Annahmen sind erwiesenermaßen falsch!).

 

-Das berufliche Umfeld

Beispiele sind hier Berufe die verstärkt mit Alkohol zu tun haben, wie Winzer, Brauer, Gastwirt, aber auch andere, in denen “traditionell” viel getrunken wird, wie Bauarbeiter, mancherlei Geschäftsleute, usw.

 

-Häusliche und familiäre Verhältnisse

Belastete und zerrüttete Verhältnisse können sicher ebenfalls zu verstärktem Alkoholkonsum und damit zur Suchtgefährdung beitragen. Auch sind möglicherweise allein stehende, vereinsamte Menschen stärker gefährdet. Aber auch ein Partner der seinerseits bereits Alkoholprobleme hat, kann unter Umständen den anderen Partner “mitziehen”.

 

-(Fehlende) Religion

Dies weist darauf hin, dass unsere westliche Gesellschaftsordnung mittlerweile doch recht stark säkularisiert (verweltlicht) ist. Labile Menschen (was immer dies auch genau heißen mag) hatten in früheren Zeiten möglicherweise an ihrer jeweiligen Religion einen gewissen Halt, der heutzutage eher wegfällt. Auch dies könnte die Suchtgefährdung vergrößern. Allgemein wurden in der Menschheitsgeschichte aber auch schon immer Drogen aller Art zu religiösen Zwecken eingesetzt, so auch Alkohol (römische Bacchanten, katholischer Messwein, usw.). Evtl. versuchen demnach auch einigen Menschen dieses (unterstellte) religiöse Bedürfnis (bewusst oder unbewusst) durch Alkoholkonsum zu befriedigen.  

-Erziehung

Hier ist vor allem an die Vorbildrolle der Eltern zu denken, d.h. es ist wichtig wie sie Alkohol bewerten und -vor allem- wie sie damit umgehen (Konsumart/-häufigkeit, etc.).

 

Es soll, wie gesagt, nicht versucht werden, diese Stichworte im einzelnen zu belegen und zu quantifizieren, es lässt sich aber davon ausgehen, dass all dies suchtbegünstigende Faktoren sein können -aber nicht müssen. Die Aufzählung ist keineswegs vollständig, im Einzelfall sind durchaus auch noch ganz andere Bedingungsfaktoren  denkbar. Als Anregung um sich mit konkreten Fällen auseinander zu setzen mag die Darstellung jedoch genügen.

 

Kurz geschildert werden soll nun die quantitative Ausbreitung des Alkoholismus und ähnlicher Süchte. Hierzu findet sich zunächst folgender Hinweis:

 “In den alten Bundesländern rechnet die Deutsche Hauptstelle gegen die Suchtgefahren mit

80 000 bis 100 000 Abhängigen von illegalen Drogen; mit 500 000 bis 800 000 Abhängigen von Medikamenten; mit etwa - wie erwähnt - 2 Millionen alkoholabhängigen Menschen. Dieses beachtliche Heer von Menschen aus dem Zwischenreich des Drogenlebens hat Einfluss auf ... (die) Kinder, die ihnen familiär verbunden sind.” (Schmieder,A.;1992 ,S.67)

Neuere Quellen zeigen, dass dieser Trend wohl ungebrochen ist:

Suchtmittelmißbrauch bleibt eines der dringendsten Probleme unserer Gesellschaft. ... Auch bezüglich der legalen Suchtstoffe lässt sich keine Verringerung des Problemdrucks erkennen. Zwar ist der Pro-Kopf-Verbrauch an reinem Alkohol in der Bundesrepublik Deutschland von 12,0 1992 im Jahr 1993 auf 11,5 1 - 1994 zurückgegangen, nach den vorliegenden Daten ist aber zugleich davon auszugehen, dass rd. 13 % der Männer und 7 %, der Frauen in einem gesundheitsgefährdenden Ausmaß Alkohol konsumieren. Es bleibt festzuhalten, dass das Suchtproblem in unserer Gesellschaft in erster Linie gekennzeichnet ist durch den Missbrauch und die Abhängigkeit von legalen Suchtstoffen. Das vielfältige Bedingungsgefüge einer Sucht- erkrankung, der prozeßhafte Verlauf der Entstehung und der Behandlung erfordert differenzierte und vernetzte Maßnahmen.”  (Ministerium für Kultur, Jugend, Familie und Frauen Mainz (Hrg.), 1996, S.12 )

Auch Ziegler nennt ähnlich alarmierende Zahlen:

“Zahlen zum Suchtproblem ...

In Deutschland ist nach den Angaben der Deutschen Hauptstelle gegen die Suchtgefahren mit

2.500.000 Alkoholkranken und 800.000 - 1.200.000 Medikamentenabhängigen zu rechnen.

Der Altersschwerpunkt der Alkoholabhängigen liegt zwischen 30 und 50 Jahren, etwa 65% der Alkoholabhängigen sind Männer, 35% sind Frauen. Anders stellen sich die Verhältnisse bei der Medikamentenabhängigkeit dar: Hier sind doppelt soviel Frauen betroffen wie Männer.

Für den Arbeitsplatz liegen keine gesicherten Zahlen vor. Gleichwohl kann mit 5% bis 7% behandlungsbedürftigen Abhängigkeitskranken gerechnet werden.” (Ziegler,H.;1996,S.7).

 

Es handelt sich also keineswegs um ein randständiges Problem, sondern um eine relativ große Teilgruppe des Klientels, die betroffen ist.

 

Das nächste Thema sollen die Phasen des Alkoholismus sein, deren Entwicklung sich oft über (viele) Jahre erstreckt.

 

Phasen und Typen

Zu den Grundkenntnissen bezüglich der Alkoholkrankheit gehört sicherlich auch die (schon ältere) Phasen- und Typenlehre von Jellinek. Diese Einteilungen wurden in den letzten Jahren verschiedentlich kritisiert. Sie seien ,,nicht mehr aktuell” und zunehmend gäbe es ,,Mischtypen” und Abweichungen. Letzteres ist zweifellos richtig. Will man aber -bei allen Nachteilen- die Vorteile einer Einteilung beanspruchen, so gibt es m.E. bislang keine annehmbare Alternative zu Jellineks Modellen.

 

In der Regel verläuft eine Suchterkrankung in mehreren Phasen. Deutlicher gesagt: Die Krankheit verschlimmert sich mit der Zeit und führt sehr häufig -wenn sie nicht zum Stillstand gebracht wird- zum Tode. Bestimmte Verhaltensweisen und Schäden sind hier typisch für die jeweilige Phase. Äußerst wichtig und unbedingt zu beachten ist hier aber folgendes: keineswegs muss jede Verhaltensweise, jede Schädigung bei jedem Betroffenen auftreten! Gleiches gilt für die Abfolge der Symptome: Diese treten nicht unbedingt ,,wohlgeordnet” auf, also nicht Punkt für Punkt, Phase nach Phase. Eher ist es z.B. möglich, dass die Anzeichen der ersten Phase schon (fast) alle auftreten, bereits die meisten der Zweiten und einige der Dritten. Dieses zu wissen und zu beachten ist wichtig für jeden Einschätzungsversuch.

 

Nur allzu gern klammern sich der Süchtige und teilweise auch seine Angehörigen an jeden ,,Strohhalm”: ,,Trifft dieses und jenes auf mich ja gar nicht zu, wieso sollte ich dann einer von diesen ‘Alkis’ sein”. Diese “Argumentationsfalle (eine von  vielen) gilt es unbedingt zu vermeiden. Als Anhaltspunkt, um in etwa zu erfahren wo der Einzelne steht, ist die Phasenlehre also durchaus sehr nützlich, was sich dann auch auf den Umgang mit dem Betroffenen und seinem Verhalten hilfreich auswirken kann.

 

Eine sehr brauchbare Übersicht gibt hierzu nun Feuerlein:

“Phasen der Alkoholsucht:

A. Prodromal-Phase

1. Alkoholische Palimpseste (Räusche mit Erinnerungslücken)

2. Heimliches Trinken

    (Gelegenheit suchen ein paar Schnäpse ohne Wissen der anderen zu trinken)

3. Dauerndes Denken an Alkohol

    (Sorge ob genügend da ist, vorsorglich ein paar Schnäpse trinken)

4. Gieriges Trinken der ersten Gläser

5. Schuldgefühle

6. Vermeiden von Anspielungen auf Alkohol

7. Häufige Palimpseste

   

B Kritische Phase

8. Verlust der Kontrolle nach Beginn des Trinkens

9. Alkoholiker-Alibis (warum er trinken muss)

l0. Widerstand gegen Vorhaltungen

11. Großspuriges Benehmen

12. Auffallend aggressives Benehmen

13. Dauernde Zerknirschung

14. Perioden völliger Abstinenz mit ständigen Niederlagen

15. Änderung des Trinksystems (nicht vor bestimmten Stunden)

16. Freunde fallenlassen

17. Arbeitsplatz fallenlassen

18. Das Verhalten auf den Alkohol konzentrieren

19. Verlust an äußeren Interessen

20. Neue Auslegung zwischenmenschlicher Beziehungen

21. Auffallendes Selbstmitleid

22. Gedankliche oder tatsächliche Ortsflucht

23. Ungünstige Änderung im Familienleben

24. Grundloser Unwille

25. Bestreben, seinen Vorrat zu sichern

26. Vernachlässigung angemessener Ernährung

27. Erste Krankenhaus-Einweisung wegen körperlicher Beschwerden

28. Abnahme des sexuellen Triebes

29. Alkoholische Eifersucht

30. Regelmäßiges morgendliches Trinken

 

C.  Chronische Phase

31. Verlängerte tagelange Räusche

32. Bemerkenswerter ethischer Abbau

33. Beeinträchtigung des Denkens

34. Passagere alkoholische Psychosen

35. Trinken mit Personen weit unter seinem Niveau 

36. Zuflucht zu technischen Produkten (Haarwasser, Rheumamittel, Brennspiritus)

37. Verlust der Alkoholtoleranz

38. Angstzustände

39. Zittern

40. Psychomotorische Hemmung

41. Das Trinken wird wie besessen

42. Das Erklärungssystem versagt. Er wird leichter der Behandlung zugänglich.”

 

(Feuerlein,W.,”Alkoholismus - Missbrauch und Abhängigkeit", Stuttgart, 1975)

 

 

Typen Diese geschilderten Phasen treffen im Prinzip auf alle Alkoholiker zu, ursprünglich und insbesondere aber auf einen bestimmten Alkoholikertyp, nämlich den so genannten “Gamma - Typ". Dieser ist in unserem Kulturkreis tatsächlich auch am weitesten verbreitet.

Auch auf die übrigen Typen ist die Phasenlehre aber übertragbar, wenn auch gelegentlich mit gewissen Abweichungen. So entfällt beispielsweise beim ,,Delta - Typ" oft das Merkmal sozialen Drucks, zumindest zu Beginn seiner Suchtkarriere. Abhängige diesen Typs sind nämlich meist nicht auffällig betrunken und im Verhalten oft sehr korrekt. Die verschiedenen Typen sollen nun im Zusammenhang dargestellt werden.

 

Alkoholikertypen

,,Alpha-Typ: Problem - und Erleichterungstrinker; kein Kontrollverlust; seelische Abhängigkeit, da diese Angstabwehr die Probleme vergrößert.

Beta-Typ: Anpassungs - und Gewohnheitstrinker, um ‘mitzuhalten’ mit den (Trink-) Sitten, an Situationen gekoppelt (Fernsehen, Wochenende, Arbeitswege, Hausarbeit); wenig seelische, aber später körperliche Abhängigkeit.

Gamma-Typ: Eigentlicher Prozeß-Trinker mit seelisch - körperlicher Abhängigkeit, Toleranzsteigerung, Kontrollverlust, Abstinenzsymptome, auch wenn Abstinenzzeiten möglich sind.

Delta-Typ:  Spiegel-Trinker; da über lange unauffällige, schleichende Gewöhnung der Alkohol-Spiegel sich langsam erhöht, bis er gebraucht wird, hat der Betroffene nie das Gefühl des Kontrollverlustes, und da er sozial überkorrekt ist, ist er bei dieser rauschlosen Dauerimprägnierung besonders schwer zu motivieren.

Epsilon-Typ: Periodischer Trinker (früher Quartalssäufer...); auch diese im Alltag überkorrekten Menschen brauchen den Ausbruch ins zerstörerische Sozial-Unerlaubte, um überbemüht sozial erlaubt leben zu können; maskiert sich lieber mit Hilfe von Ärzten mit der ,,feineren" Diagnose phasischer Depressionen." (Dörner, K. &  Plog, U.; 3.Aufl.,1986; S.251)

 

Als behandlungsbedürftig krank gelten allgemein alle Typen außer dem Alpha- und Beta-Typ, wobei anzumerken ist, dass hier Weiterentwicklungen in Richtung eines “echten” Alkoholikertypus nicht unwahrscheinlich -und eine große Gefahr  sind!

Die Übersicht zur Krankheit an sich soll damit abgeschlossen werden. Um die Wichtigkeit des Themas zu unterstreichen, sollen aber noch einige kurze Anmerkungen zu den durch Alkoholismus entstehenden Schäden gemacht werden.

 

2.1.2 Schäden durch Alkoholismus

Einen sehr kompakten Überblick über die physischen Folgen von Alkoholkonsum gibt Reiners-Kröncke (o.J.,S.31) unter der Überschrift “Alkoholfolgen: ...Alkoholfettleber, chronisch-

dauerhafte und chronisch- aggressive Alkoholhepatitis, alkoholische Leberzirrhose, Bauchspeicheldrüsenentzündungen, Schleimhauterkrankungen (dadurch erhöhte Gefahr von Karzinomen), Alkoholhalluzinose (seltene Psychose), Eifersuchtswahn, Alkoholparanoia, Störung des Altgedächtnisses, gesteigerte Ermüdbarkeit, Reduktion des Vorstellungsschatzes, Affekt-Labilität, Misstrauen, Wernicke-Korsakow-Syndrom, Kleinhirn-atrophie, Polyneuropathie,

             | Abb.: “Vielfältige Schädigungen” |                                             alkoholischer Tremor.”

 

Auch Auflistungen anderer Autoren bestätigen derartige Gefahren: “Alkohol kann fast alle Organsysteme schädigen. Wenn sich der Betreffende zusätzlich ungenügend und fehlerhaft ernährt, entsteht ein Mangel an einzelnen Vitaminen ... Dieser Mangel führt dann zu  weiteren körperlichen Schädigungen. Die wichtigsten Körperschäden sind:

           -   Schädigungen der Leber (Fettleber, Hepatitis, Leberzirrhose),

           -   Schädigungen der Magenschleimhaut (Gastritis),

           -   Schädigungen der Bauchspeicheldrüse (Pankreatitis),

           -   Schädigungen des Herzens (Kardiomyopathie).

           -   Nervenentzündungen (Polyneuropathie),

           -   Hirnschädigungen,

           - sonstige Krankheiten (erhöhte Infektionsanfälligkeit, bestimmte Krebserkrankungen,

             Schädigungen der männlichen Geschlechtsorgane),

           - Schädigungen des Embryos”

(Feuerlein,W./Dittmar,F.;3.Aufl.,1989; S.16)

Bezüglich der körperlichen Schäden sollen diese Übersichten genügen, evtl. noch wichtiger für das vorliegende Thema können nämlich durchaus Schäden in anderen Bereichen werden.

Zu denken ist hier etwa an die sich im Zeitverlauf steigernden Beeinträchtigungen im sozialen Bereich. Eine von der DHS herausgegebene Informationsschrift für Mediziner untergliedert und erklärt diese Schädigungen folgendermaßen:

“Die sozialen Folgen erstrecken sich auf verschiedene Bereiche:

... Familie: - Gefährdung der partnerschaftlichen Beziehungen, schließlich Abwendung der Familienangehörigen bis hin zur Scheidung. Die Scheidung ist in vielen Fällen nicht nur Folge des Alkoholismus, sondern wird auch zur Ursache seines weiteren Fortschreitens. Zunehmende Bindungslosigkeit, die schließlich zur völligen Vereinsamung des Betroffenen führen kann, negative Auswirkungen auf die Kinder: Erziehungsprobleme, psychosomatische Beschwerden (z.B. Enuresis, Erbrechen, Schlafstörungen, Kopf- und Bauchschmerzen), schlechtere Leistungen im kognitiven Bereich.

 ... Beruf - Nachlassen der beruflichen Leistung, besonders in Berufen, die hohe Anforderungen an Konzentrationsvermögen, feinmotorische Geschicklichkeit, Sehleistung, Reaktionsfähigkeit und Sorgfalt stellen. Die Einengung des Interessenhorizontes, die Verlangsamung und die Unzuverlässigkeit sind bei fortgeschrittenem Alkoholismus weitere Ursache von Minderleistung und Verschlechterung der allgemeinen Qualifikation. Erhöhung der Unfallgefährdung, insbesondere bei Arbeiten auf Gerüsten und an Maschinen. Vermehrtes Auftreten von interpersonellen Spannungen, die sich auch negativ auf die beruflichen Leistungen auswirken. Zunahme des unentschuldigten Fernbleibens von der Arbeit.

... Verkehrstüchtigkeit Fahren bei erhöhtem Blutalkoholspiegel mit konsekutiver Vermehrung alkoholbedingter Fahrfehler und Unfälle. Beeinträchtigung des Fahrvermögens durch die sensorischen und psychischen Defizite, wie sie bei chronischem Alkoholmißbrauch auftreten.

 ... Kriminalität - Unter akutem Alkoholeinfluß Häufung von Straftaten (“Rauschtaten”): vor allem neben Verkehrsdelikten, Körperverletzungen und Sachbeschädigungen. Bei chronischem Alkoholismus häufen sich Straftaten, die mit seinen psychischen und sozialen Folgen zusammenhängen: z.B. Diebstähle, Unterschlagungen, Zechprellereien, Sexualdelikte, Körperverletzungen.” (Feuerlein,W., Krasney,O., et al.,1991, Seite 30)

Insbesondere die Angaben zum Punkt “Familie” sind hier noch stark erläuterungs-,  erweiterungs- und z.T. sogar korrekturbedürftig. Dies soll weiter unten auch geschehen.

Um das Bild der negativen Auswirkungen abzurunden, soll jedoch zunächst noch einiges zu volkswirtschaftlichen Aspekten des Alkoholismus gesagt werden (psychische Deformationen werden hier nicht eigens aufgeführt, sie ergeben sich aus anderen Schilderungen, u.a. der Darstellung der “Phasen”). Die DHS teilte dem Verfasser auf Anfrage folgende aktuelle Einschätzungen schriftlich mit:

“Die Zahl der (jährlichen -d.Verfasser) Alkoholtoten wird bei etwa 40.000 angesetzt. ... Der alkoholbedingte volkswirtschaftliche Schaden wird unterschiedlich geschätzt. Die DHS schätzt jährlich Kosten in Höhe von 30 - 80 Milliarden. Das WHO-Regionalkomitee für Europa schätzt die Gesamtkosten, die der Gesellschaft durch den Alkoholkonsum entstehen, auf 5 bis 6 % des Bruttosozialproduktes. Die westdeutschen Arbeitgeberverbände sprechen von einem volkswirtschaftlichen Schaden durch Alkoholmißbrauch in Höhe von 30 Milliarden Mark pro Jahr allein in den alten Bundesländern.” (DEUTSCHE HAUPTSTELLE GEGEN DIE SUCHTGEFAHREN e.V.: 59003 Hamm, Westring 2; 1998, S.1 des Skriptes)

Durch die bisherigen Schilderungen der Auswirkungen auf den Betroffenen sollte einerseits die Wichtigkeit des Themas betont werden, andererseits Verständnis für die Entwicklung des Kranken und seine Situation erzeugt werden. Dieses Verständnis ergibt sich im günstigen Falle auch und besonders aus der Schilderung der Alkoholikertypen und der Phasen des Krankheitsverlaufes. Hier lässt sich eine behutsame, vorläufige Einordnung des Betroffenen versuchen, um seine -beschädigte, deprivierte- Realität besser verstehen zu können, ihm, im günstigsten der Fälle, dort begegnen zu können und ihm -annehmbare- Hilfsangebote zu machen.

Im Fokus der Aufmerksamkeit sollen in dieser Arbeit die Kinder stehen, doch zwischen ihnen und dem Trinker steht oftmals eine weitere erwachsene Person.

Dass und warum es wichtig ist, sich auch mit dieser Person, ihrer Entwicklung, ihrem Verhalten, etc., intensiv auseinanderzusetzen, soll im nächsten Abschnitt geschildert werden.

 

2.2 Die Familie/Der andere Partner

Kinder leben in Familien. Heutzutage ist dies i.d.R.... die so genannte Kleinfamilie, d.h. nur noch zwei Generationen leben “unter einem Dach”. Mithin sind also Familienkonstellationen in Form von Drei- oder Mehrgenerationenhaushalten die Ausnahme. Die Zahl der nochmals quantitativ reduzierten Familien, also der Haushalte, in denen ein Elternteil (meist die Mutter) allein erziehend ist, wächst andererseits seit Jahren an, denn weitaus mehr Familien als noch vor wenigen Jahrzehnten entschließen sich zu Trennung oder Scheidung.

So rechnet etwa das Bundesministerium für Frauen und Jugend damit, dass jede vierte der 1992 geschlossenen Ehen wieder zerbricht. Diese Zahl bezieht sich auf die gesamte Bundesrepublik, wobei anzumerken ist, dass in stark traditionellen, ländlichen Gebieten die Scheidungsrate eher geringer ist als in den Städten und Ballungszentren.

Weiterhin sind einige wenige Kinder Vollwaisen, die in Heimen, bei nahen Verwandten, oder bei geeigneten “Pflegeeltern” untergebracht sind. Größer ist hier schon die Zahl der so genannten “Sozialweisen”, d.h. der Kinder, die aus anderen Gründen in entsprechenden Wohn- und Lebensformen “untergebracht sind”.

Wie schon angedeutet, soll grundsätzlich auf die Kleinfamilie, den heute (noch) so bezeichenbaren “Normalfall” Bezug genommen werden. Diese Wahl der Art des Zusammenlebens impliziert einen Mangel an anderen Bezugspersonen und generiert damit einen höheren Bedarf der Kinder an Zuwendung, Anregung und Förderung durch die Eltern.

Besonders in Städten ist die Wohn- und Lebenssituation von Familien oft von sozialer Anonymität geprägt, was durchaus eine Tendenz zur Isolation beinhalten kann.

Unter diesen Rahmenbedingungen wird die Situation der Familien dann prekär, wenn besondere Probleme oder Schicksalsschläge, wie z.B. Krankheit,  Geldsorgen, Wohnungsnot, Arbeitsüberlastung, Arbeitslosigkeit oder eben Suchtprobleme das Zusammenleben belasten (wobei die Problemfelder natürlich oftmals interagieren). Vielfach sind die Erwachsenen dann so stark mit ihren eigenen Schwierigkeiten beschäftigt, dass sie nicht in der Lage sind, auf die Bedürfnisse und Wünsche der Kinder und Jugendlichen ausreichend einzugehen. Statt dessen werden diese mit Problemen der Erwachsenen konfrontiert, mit welchen sie nicht adäquat umgehen können und die sie häufig extrem überfordern.

Skizziert man eine heutige “idealtypische Alkoholikerfamilie”, lässt sich demnach ausgehen von einem suchtkranken Elternteil, einem bis zwei Kindern, sowie dem nicht alkoholabhängigen Elternteil. Wobei letzteres häufig die Mutter, gelegentlich auch der Vater ist.

Dieser Elternteil steht sowohl dem Kind, als auch dem Betroffenen sehr nahe, er könnte für eine, manchmal auch beide Parteien viel positives erreichen. Doch wird noch immer die Krankheit “Sucht” und der “Säufer”  in unserer Gesellschaft als etwas anrüchiges gesehen, Tabuisierungen finden statt. Kenntnisse über die Krankheit und über wahrhaft hilfreiches Verhalten von Mitbetroffenen sind kaum verbreitet, Hemmungen sich anderen Menschen anzuvertrauen kommen erschwerend hinzu. Dies alles führt oftmals -unterlegt mit den besten Absichten und großer Opferbereitschaft- zu Verhaltensmustern, die die Krankheit nicht nur nicht aufhalten, sondern die sogar ungemein krankheitsfördernd wirken können.

Bevor dieser Gedankengang weitergeführt werden kann, soll kurz noch einmal das Verständnis von Sucht und Alkoholismus rekapituliert werden. Ursprünglich eher als Charakterfehler oder als Willensschwäche verkannt, wandelte sich das Verständnis von Sucht in Richtung des Ausdrucks “Abhängigkeitskrankheit”. Hier stand dann zunächst der einzelne Betroffene als eben “der Kranke” im Vordergrund, der zu behandeln ist. Erst nach und nach wurde die eminente Wichtigkeit der Motivation und Eigenaktivität des Betroffenen und die multifaktorielle Determiniertheit der Suchtkrankheiten erkannt.

Von dorther bedeutete es noch einmal einen Schritt zu erkennen, dass die Rolle der Menschen die dem Betroffenen nahe stehen, enormen Einfluss auf den Krankheitsverlauf haben kann.

Einflüssen der klinischen Psychologie, der Sozialpsychologie (soweit sie sich zuständig fühlte) und insbesondere systemischen und familientherapeutischen Ansätzen innerhalb der Sozialwissenschaften, sowie Impulsen aus der Praxis von großen Selbsthilfeorganisationen (Al-Anon-Arbeit der Anonymen Alkoholiker, u.ä.) ist es wohl zu verdanken, dass insbesondere die Rolle des jeweils dem Betroffenen am nächsten stehenden Menschen mehr und mehr aufgeklärt werden konnte.

Dieser (Ehe-)Partner oder nahe Angehörige, zeigt in der Regel ein Verhalten, bzw. im Verlauf verschiedene Verhaltensmuster, die selbst in die Nähe des pathologischen gehen und -nicht wenigen Autoren zufolge- diese Grenze oft sogar (weit) hinter sich lassen.

Der Fachbegriff für diese wiederkehrenden Verhaltensmuster ist “Co-Abhängigkeit”, bzw. “Co- Alkoholismus”.

Nach Ansicht des Verfassers ist dieses Thema ebenfalls sehr wichtig und des Vertiefens wert, um Verständnis für die Situation der Familie und damit auch des Kindes, gewinnen zu können. Insbesondere bei Gesprächen und bei der Unterbreitung von Hilfsangeboten an den mitbetroffenen Elternteil sind hier Kenntnisse unverzichtbar, sollen diese Aktionen nicht “ins Leere laufen”.

 

2.2.1 Co-Abhängigkeit

 

Eine der Möglichkeiten der Einseitigkeit von kurzen Definitionen zu entgehen, ist, deren mehrere zu sammeln und darzustellen. Recht gewinnbringend hat dies z.B. Bertling (1993, S. 24/25) (Unterstreichungen vom Verfasser) unternommen:

“Die Begriffe ,Co-Abhängigkeit' und ,Mitbetroffenheit' sind auf alle die Menschen bezogen, die mit einem Abhängigen leben (Lebenspartner, Ehepartner, Kinder und weitere Angehörige) oder außerhalb des Familienlebens mit ihm Kontakt haben (Arbeitskollegen, Vorgesetzter, Arzt, Seelsorger, Therapeut und Freunde). Der Begriff der ,Co-Abhängigkeit' wird sehr unterschiedlich definiert. ...

R. Subby definiert ,Co-Abhängigkeit' als ,,ein Lebensbewältigungs- und Problemlösungsmuster, das durch eine Reihe von dysfunktionalen Regeln innerhalb der Familie oder des sozialen Systems geschaffen und aufrechterhalten wird. Diese Regeln beeinträchtigen gesundes Wachstum und machen konstruktive Veränderungen sehr schwer, wenn nicht unmöglich."

Cruse -Wegscheider definiert: ,,Co-Abhängigkeit ist ein spezifischer Zustand, der durch die vorrangige Beschäftigung mit einem anderen Menschen oder Objekt sowie die Abhängigkeit (emotional, sozial, manchmal auch körperlich) von diesem charakterisiert ist. Schließlich wird diese Abhängigkeit von einer anderen Person zu einem pathologischen Zustand, der die co-abhängige Person in allen anderen Beziehungen beeinträchtigt."

T.L. Cermak definiert ,Co-Abhängigkeit' so: ,,Co-Abhängigkeit ist ein erkennbares Muster von Persönlichkeitsmerkmalen, die in vorhersagbarer Weise bei den meisten Mitgliedern von suchtkranken Familien gefunden wurden und dazu geeignet sind, eine ausreichende Dysfunktion hervorzurufen, um die Diagnose einer gemischten Persönlichkeitsstörung zu rechtfertigen, wie sie im DSM-11133 skizziert ist." ...

Robin Norwood ... spricht von ,Co-Alkoholikern'. Sie sagt: ,,Das Wort ,Co-Alkoholiker' bezieht sich auf Menschen, deren Verhalten im Umgang mit anderen gestört ist, weil sie eine sehr enge Beziehung zu jemandem hatten, der alkoholkrank war. Ganz gleich, ob der Alkoholiker nun ein Elternteil, Ehepartner, Kind oder Freund gewesen ist - eine solche Beziehung bewirkt meistens, dass beim Co-Alkoholiker bestimmte Gefühle und Verhaltensweisen auftreten: ein niedriges Selbstwertgefühl, das Bedürfnis, gebraucht zu werden, ein starkes Verlangen danach, andere zu verändern und zu kontrollieren, und eine Bereitschaft zu leiden.” ...

Um das Verhalten der ,Co-Abhängigen' kurz zu beschreiben, sei gesagt, dass sie aus einem Mitgefühl gegenüber dem Abhängigen heraus sich sorgen und dem Abhängigen helfen wollen. Sie verbünden sich mit ihm, indem sie seine Abhängigkeit vor sich selbst und vor anderen Personen leugnen, den Abhängigen in Schutz nehmen, ihn für sein Verhalten entschuldigen, ihm jede Verantwortung abnehmen, um sie sich selbst aufzubürden und sich als ,,Verräter" fühlen, wenn sie die Abhängigkeit eines ihnen nahe stehenden oder gut bekannten Menschen gegenüber sich selbst und anderen Menschen preisgeben.”. (Bertling,1993,S.24/25)

Mit diesen Ansätzen zur Begriffsbestimmung ist schon vieles deutlich geworden. Anders als Bertling hat der Verfasser keine Probleme damit, all´ diese Definitionen nebeneinander bestehen zu lassen. Ausdrückliche Widersprüche finden sich nicht, im Gegenteil werden die unterschiedlichen Facetten des Begriffs recht gut dargestellt.

Aus eigener Anschauung kann nur noch ergänzt werden, dass es in der Tat bemerkenswert scheint, wie lange und mit welch´ hohem körperlichen und seelischen Durchhaltevermögen Co-Abhängige in ihrer Rolle verbleiben, selbst wenn sich der eigene Zusammenbruch schon klar abzeichnet, bzw. verschiedene Gefahren schon längst deutlich geworden sind.

In der co-abhängigen  Rolle befinden sich zwar zum Teil auch die Kinder selbst, insbesondere nimmt diese aber der Elternteil ein, der die Kinder aus (sonder-) pädagogischen Einrichtungen abholt, der evtl. zu Elternabenden, Einzelgesprächen und ähnlichem erscheint. Seine Situation und seine Verhaltensmuster müssen ebenfalls bekannt sein, wenn Hilfe in einer Form angeboten werden soll, die für diesen Mitbetroffenen auch wirklich “annahmefähig” ist.

Reine Begriffsbestimmungen reichen zur Herstellung dieses Verständnisses nicht aus, auch Co-Abhängigkeit verläuft z.B. meist in sich entwickelnden Phasen. Diese werden u.a. von Schmieder (1992, S.41/42) recht anschaulich folgendermaßen dargestellt:

“Wie die Beziehungskonstellationen auch geartet sein mögen, idealtypisch werden für das co-alkoholische Verhalten und dessen Verlauf im Zuge der Krankengeschichte drei Phasen unterschieden ... :

1. die Beschützer- oder Erklärungsphase,  2. die Kontrollphase,  3. die Anklagephase

In der Beschützer- oder Erklärungsphase versucht die Co- Alkoholikerin oder der Co-Alkoholiker zu erklären, welche Gründe für den Alkoholkonsum des Partners vorliegen. Was oder wer, stellt sich die Frage, ist schuld daran, dass er zu häufig und zu tief ins Glas schaut. Es wird nicht darüber gesprochen, was in der Familie vor sich geht. Weder reden die Familienmitglieder miteinander, schon gar nicht spricht man sich mit Außenstehenden aus. Es herrscht ein Klima des beredten Schweigens, was der Alkoholiker spürt und was ihm zusätzliche Schuldgefühle verschafft. Das lässt sein Selbstwertgefühl noch mehr sinken, als es schon gesunken ist - ein weiterer Anlass zum Trinken.

In der Kontrollphase geraten die Versuche zu erklären und zu beschützen an ihre Grenzen oder brechen zusammen, weil der Alkoholiker beschützt wurde und weil ihn das dadurch noch weiter ruinierte Selbstwertgefühl immer tiefer in seinen Alkoholismus hineinzog. Beim Co-Alkoholiker wird das Gefühl verstärkt, versagt zu haben. Nun bleibt nur noch die Möglichkeit, stellvertretend für den Alkoholiker das zu tun, was er selbst nicht zu leisten in der Lage ist: den Alkoholkonsum zu kontrollieren, zu überwachen. Dies ist die leidvolle und immer zum Scheitern verurteilte Phase, in welcher der zähe und in den meisten Fällen stumme Kampf um die Flasche geführt wird. Durch dieses Überwachen und Kontrollieren wird dem Alkoholiker seine Unselbständigkeit noch weiter demonstriert, wogegen er sich mit der ihm einzig verbliebenen ‘Waffe’ wehrt: Er steigert seinen Alkoholkonsum. Auf der anderen Seite wächst die Verzweiflung der Co-Alkoholikerin oder des Co-Alkoholikers weiter, sind doch alle bemühten Versuche nicht nur erfolglos, sondern zeitigen fast schon das Gegenteil der guten Absicht. Wachsende Enttäuschung und Unzufriedenheit werden schließlich in der Anklagephase meistens in Vorwürfe übersetzt. Es sind Schuldzuweisungen an den saufenden Sündenbock, um das eigene, durch vergebliches Bemühen stark erschütterte Selbstvertrauen, wenn schon nicht zu retten, so doch die kläglichen Restbestände über die Runden zu bringen.

 Die Phaseneinteilung bleibt holzschnittartig gegenüber der Wirklichkeit des Suchtalltags.

Welche Co-Alkoholikerin weiß nicht ein trauriges Lied davon zu singen: die vielen Methoden der heimlichen Kontrolle, die er mit ebenso vielen raffinierten Tricks zu unterlaufen versteht. Um an seine Droge zu kommen, ist er außerordentlich einfallsreich und erfinderisch - wie alle Drogenabhängigen, gleichviel um welche Droge es sich handelt. Er hat seine Depots, ob im Bastelkeller, im Garten, manchmal ist sogar der Wasserbehälter der Scheibenwischanlage seines Autos mit Schnaps gefüllt: Ein Blick unter die Motorhaube, heimlich und schnell ein paar Mal am Kunststoffschlauch gesogen, schon ist die alkoholisierte Welt wieder in Ordnung. Sein Portemonnaie wird kontrolliert und zur Not erleichtert oder die Flaschen werden einfach ausgegossen; für ihn ärgerlich, aber er wird sich auf jeden Fall wieder Alkohol verschaffen - er kann nicht anders, denn er ist süchtig.”

Diese recht ausführliche Darstellung gibt wertvolle Hinweise, die das Empfinden des mitbetroffenen Elternteils erklären und sein Verhalten beleuchten. Auch hier ist aber natürlich der Hinweis am Platze, dass diese Phasen nicht streng gesetzmäßig ablaufen, dass sie in der Praxis verändert, unterbrochen und verschoben auftreten können.

Aus eigenem Erleben und erfahren von sich und anderen Kranken kann der Verfasser bestätigen, dass die Schilderung der Raffinesse des Süchtigen in keiner Weise überzogen ist: Selbst bei eigentlich eher einfach strukturierten Persönlichkeiten und trotz -nein- wegen ihrer Krankheit wächst der Einfallsreichtum des Abhängigen ins kaum glaubliche -jedenfalls soweit das Beschaffen und Konsumieren des jeweiligen Suchtmittels tangiert ist.

Im -vergeblichen- Kampf mit dieser Problematik befinden sich die Angehörigen, oft die Mütter, der Kinder aus Alkoholikerfamilien. Ihren Schmerz zu kennen, die Belastung unter der sie stehen zu realisieren und -insbesondere- ihre aus der Not geborenen Selbsttäuschungen  zu durchschauen: dies ist wichtig.

Weiter oben wurde der Satz zitiert: “Die Scheidung ist in vielen Fällen nicht nur Folge des Alkoholismus, sondern wird auch zur Ursache seines weiteren Fortschreitens.” Dies muss korrigiert werden: das allzu lange Ausharren und “Nicht-an-sich-selbst-denken” des Angehörigen -dies ist es, was dem Trinker ermöglicht “in Ruhe” weiterzutrinken!

Es ist bis hierher versucht worden, die Krankheit Alkoholismus zu definieren und darzustellen, ein weiteres “Schlaglicht” wurde auf die Situation der Familie und des Co-Abhängigen “geworfen”. Dies alles stellt jedoch nur einen Hintergrund, eine Folie, dar.

Denn die eigentlichen Protagonisten sollen hier ja erklärterweise die Kinder aus den entsprechenden Familien sein. Ihnen wird sich im folgenden stärker gewidmet. 

2.3 Die Kinder: Schäden und Risiken

 

Angedeutet wurde schon mehrfach, dass Kinder aus Familien mit mindestens einem suchtkranken Elternteil mannigfachen Risiken ausgesetzt sind und Schädigungen in den verschiedensten Bereichen bei ihnen vorliegen können.

Um die Wichtigkeit und durchaus auch Dramatik des Themas zu dokumentieren, aber auch um gewisse Indikatoren für die Erkennung solcher Kinder aufzuzeigen, soll sich nun mit der Epidemiologie und den Erscheinungsformen des Phänomens näher beschäftigt werden.

2.3.1 Epidemiologie

Die neueren Schätzungen und Untersuchungen über die Anzahl der betroffenen Kinder sind durchaus beeindruckend. So berichtet etwa Arenz-Greiving (1993; Hrg.:DHS, S.265):

“Seit etwa drei bis vier Jahren häuft sich die Literatur, die belegt, dass die Suchterkrankung der Eltern bei Kindern physische und psychische Auswirkungen hat. Diese betroffenen Kinder und Jugendlichen werden durch bestimmte Symptome und Persönlichkeitsmerkmale charakterisiert; ... Doch ein auch nur ansatzweise ausreichendes Hilfeangebot für diese Kinder ist längst noch nicht vorhanden. Diese Tatsache ist erschreckend, wenn man bedenkt, dass es sich immerhin um eine Größenordnung von 3-4 Millionen betroffener Kinder und Jugendlicher handelt, die heute noch weitgehend alleingelassen werden mit ihren Erlebnissen und Erfahrungen.”

Auch aktuellste Mitteilungen der DHS an den Verfasser zeichnen kein anderes Bild (DHS,1998,Skript):

“ Allgemeines zur Situation

Nach Schätzungen der Deutschen Hauptstelle gegen die Suchtgefahren (DHS) sind etwa fünf Prozent aller Bundesbürger suchtkrank. Die meisten von ihnen benutzen legale Suchtmittel wie Alkohol und Medikamente. Betroffen sind auch schätzungsweise drei bis vier Millionen Kinder unter 18 Jahren, deren Eltern an einer Suchtkrankheit leiden. Der überwiegende Teil dieser Eltern ist alkoholabhängig.

Diesen Zahlen ist wenig hinzuzufügen, vor ihrem Hintergrund scheint die deutliche Formulierung von Arenz-Greiving (“erschreckend”) nur zu verständlich. Der Verfasser schließt sich ihr vorbehaltlos an.

2.3.2 Physische, psychische und soziale Schäden

Die Risiken, denen Kinder aus Alkoholikerfamilien unterliegen sind groß, die Schädigungen können ebenso groß und recht vielfältig sein.

In Bezug auf  körperliche Schäden und Auswirkungen ist zunächst an (teils bleibende) Beeinträchtigungen durch Misshandlungen zu denken. Diese Folgen missbräuchlicher Ausübung des elterlichen Sorgerechts können sich in Familien in denen mindestens ein Elternteil abhängigkeitskrank ist -ebenso wie auch die sexuellen Missbrauchs- leichter und schneller ergeben, als in anderen Familien. Dies ist zum einen der jeweils akut enthemmenden Wirkung der Droge Alkohol zuzuschreiben, andererseits dem im Verlauf der Suchtkarriere sich steigernden ethischen Abbau dem der Betroffenen unterliegt. Verschiedenste Desorganisations-erscheinungen des Familiensystems können im Verlauf zur Verschärfung der psychischen Belastung aller Beteiligten führen, was die Tendenz zu Missbrauch und Misshandlung verstärken kann. Zu bedenken sind in diesem Zusammenhang ggf. auch Mangelerscheinungen und Krankheiten die bei den Kindern aufgrund schlechter / einseitiger Ernährung und unzureichender Hygiene auftreten können.

Ein besonderes -und besonders trauriges- Kapitel stellt sich in Gestalt der Kinder dar, deren Mütter während der Schwangerschaft Alkoholmißbrauch betrieben. Der Fachbegriff für die sich ergebenden Schädigungen lautet “fetales Alkoholsyndrom” oder “Alkoholembryopathie”.

Nach einer langen Zeit des (Ver-)Schweigens sind nun auch diese Schäden untersucht und dargestellt worden. Merfert-Diete (1997,S.2-3) führt hierzu folgendes aus:

Angelika, fünf Jahre alt  / Frank, zwei Jahre alt:

“Kind und Alkohol” (Abb.: Gerber,C.,1979,S.21)

“Unter fetalem Alkoholsyndrom (oder Alkoholembryopathie) versteht man eine Schädigung des Kindes, die durch übermäßigen und / oder dauerhaften Alkoholkonsum der Mutter während der Schwangerschaft entstanden ist.

Selbst für den erfahrenen Arzt ist es nicht immer einfach, das Vorliegen eines fetalen Alkohol- syndroms festzustellen, besonders          

 bei leichteren Fällen.

 Zwar gibt es eine Reihe typischer körperlicher Anzeichen, wie

·       kleiner Kopfumfang (Mikrozephalie)

·       Hautfalten an den Augenecken

·       kleine Augenöffnungen

·       tiefe Nasenbrücke

·       kurze abgeflachte Nase

·       dünne Oberlippe

·       kleine Rinne zwischen der Oberlippe und der Nase (philtrum)

·       Minderwuchs und Untergewicht

In vielen Fällen bewegen sich jedoch kleine Körperanomalien an den Extremen des normalen Entwicklungsspektrums.

Dies gilt auch für Verhaltensauffälligkeiten und geistige Entwicklungsverzögerungen, wie

·       Hyperaktivität

·       Aufmerksamkeitsmangel

·       Lernschwierigkeiten

·       Gestörte Feinmotorik

·       Schwierigkeiten, sich an neue Bedingungen anzupassen

·       verzögerte geistige Entwicklung

·       Sprachstörungen

·       Hörstörungen

·       Ess-Störungen

... In schweren Fällen können auch an Herz, Geschlechtsorganen und Nieren sowie an Extremitäten und dem Skelett Fehlbildungen auftreten und irreversible Hirnschäden entstehen. Für leichtere Schädigungen des Fetus durch Alkohol hat man den Begriff der ‘fetalen Alkohol- Effekte’  (FAE) geprägt. .. Unter allen vorgeburtlichen Schadstoffen hat Alkohol die größte Verbreitung und die größte medizinische Bedeutung. Obwohl das fetale Alkoholsyndrom eine der häufigsten Schädigungen ist, bei welchen Substanzen Missbildungen hervorrufen, wird es kaum zur Sprache gebracht: es wird allenthalben verdrängt, verharmlost und verschwiegen. Zwar gibt es in Deutschland keine Statistik über die Häufigkeit des fetalen Alkoholsyndroms, doch lassen Studien aus Deutschland, den Vereinigten Staaten und Frankreich den Schluss zu, dass auf tausend Geburten drei Neugeborene alkoholgeschädigt sind.”

Hiermit ist eine recht umfassende Darstellung der möglichen (Dauer-)Störungen gegeben. Klar wird, dass, zumindest bei schweren und schwersten Schädigungen, diese Kinder in den so genannten “normalen” pädagogischen Einrichtungen (Hauptschule, offene Einrichtungen, u.ä.) tendenziell nicht zum Klientel gehören. Hingegen werden sie in speziellen sonderpädagogischen Einrichtungen durchaus nicht selten zu finden sein.

Weiterhin wird klar, dass in diesem Feld physische und psychische Schäden relativ schwer voneinander isolierbar sind und in der Praxis ja auch oft genug kombiniert auftreten.

Einige der beschriebenen Phänomene (wie Aufmerksamkeitsmangel, Lernschwierigkeiten, usw.) können, müssen aber nicht auf  vorgeburtlichen Schädigungen beruhen. Die Ursache kann hier nämlich auch die erst nach der Geburt manifest gewordene Suchterkrankung eines Elternteils sein, d.h. aufgrund der (immer desolater werdenden) Lebens- und Familiensituation entwickeln sich diese Symptome.

Diese Störungen des (Familien-)Lebens können unterschiedlich geartet und auch unterschiedlich gravierend sein. Grundsätzlich aber eskaliert die Situation, wenn auch oft erst über einen Zeitraum von Jahren hinweg.

Die Kinder werden (sehr) früh stark gefordert und überfordert: Geschwister sind zu versorgen, die Mutter muss beruhigt und getröstet werden, der Vater wird von Ihnen aus der Stammkneipe abgeholt, sie erleben “Besäufnisse”, Entzugssituationen und ähnliche Peinlichkeiten mit. Streitereien (teils tätliche) und/oder äußerst angespannte “Ruhe” begleiten zunehmend das emotionale Leben der Familie.

Gefühle von Zuverlässigkeit, Geborgenheit, u.ä. gehen mehr und mehr verloren.

Ähnlich schildert dies auch Gilbert Fritsch vom Deutschen Guttempler-Orden:

“Wir sind davon ausgegangen, dass ein Kind umso stärker in seiner seelischen und sozialen Entwicklung gestört wird, je jünger es in der Krankheitsphase des suchtkranken Elternteils ist. Am meisten gefährdet ist also das Kind, von dem die Eltern meinen, es sei ja noch zu klein, um das Geschehen zu begreifen. ...

Die fortschreitende Suchterkrankung besetzt aber in dem Netz der Familie einen derartig großen Raum, dass für kaum etwas anderes Platz bleibt. Vor allem nicht für das Kind und seine Bedürfnisse. Es findet, je jünger es ist, kaum die Gelegenheit, in der es Geborgenheit, Sicherheit und Bindung erfährt. Es erlebt vielmehr Unsicherheit, Kälte und distanzierte Bedürfnisbefriedigung; es fühlt sich alleine gelassen und kann keine Identifikation im Sinne seiner Ich-Entwicklung erfahren. Oft wird es nicht einmal mit dem Nötigsten versorgt. Schwere schizoide Störungen können die Folge sein. Im Laufe der Zeit vergrößern sich seine Ängste, seine Verwirrtheit und die ständige Überforderung möglichst selbständig sein zu müssen. Dieses Dilemma des Kindes wird von dem nicht suchtkranken Elternteil nicht wahrgenommen, da dieser durch die Krankheit des Partners oder der Partnerin ebenso verunsichert, verwirrt und überfordert ist.” (Ministerium für Kultur, Jugend, Familie und Frauen Mainz (Hrg.),1997,S.90)

Diesen Ausführungen und Schilderungen ist nicht mehr allzu viel hinzuzufügen. Ein beeindruckendes Bild der möglichen, ja wahrscheinlichen körperlichen und geistig-seelischen Schäden wird hier gezeichnet.

Dennoch ist der “Negativ-Katalog” damit noch nicht abgeschlossen: neben die physischen und psychischen Beeinträchtigungen treten die sozialen Folgen und Spätfolgen, die Kinder aus Alkoholikerfamilien erleiden. Auch diese bleiben den Kindern oft noch bis ins Erwachsenenalter oder auch für immer “erhalten”.

Die belastende, ungute Familiensituation “strahlt” sehr schnell auch auf das Verhalten der Kinder außerhalb der Familie “aus”. Dies betrifft ihr Erleben und Verhalten im Kindergarten, in der Schule, der Freizeit, usw.

Eine interessante Analyse der Situation von Kindern aus Alkoholikerfamilien in der Schule liefert in diesem Zusammenhang Bertling (1993,S.138):

“... nicht nur die Kinder von Alkoholikern tun sich schwer mit mitmenschlichen Beziehungen. Auch die Mitschüler und Gleichaltrigen bauen eventuell eine initiierte misstrauische Grundhaltung auf, in der die sozial-strukturelle Gewalt deutlich zum Ausdruck kommt und enge, gute Freundschaften zu Kindern aus Alkoholikerfamilien unmöglich macht. Das bei einigen mitbetroffenen Kindern auftretende aggressive und hyperaktive Verhalten kann ebenfalls zu dem Verhalten der Mitschüler beitragen, mit diesen Kindern nur den absolut zwingendsten Kontakt aufzunehmen, aber darüber hinaus diese innerhalb der Klassengemeinschaft zu isolieren. Die Absicht der Kinder von Alkoholikern, sich durch ein derartiges Verhalten Aufmerksamkeit zu verschaffen, gelingt zwar, aber eine engere Beziehung bleibt ausgeschlossen. Finden Kinder von alkoholkranken Eltern über eine lange Zeit keinen Kontakt zu ihren Mitschülern oder bauen keine Freundschaften auf, so werden sie immer unsicherer in der Kontaktaufnahme und wissen im Laufe der Zeit gar nicht mehr, wie dieser hergestellt wird. Die daraus folgende soziale Isolation, sei sie durch eigenes oder fremdes Verhalten hervorgerufen, lässt einen erneuten ,,Teufelskreis” beginnen, aus dem diese Alkoholikerkinder ohne fremde Hilfe nicht mehr herausfinden und dessen Ende sich dann unter Umständen in Neurosen der Kinder widerspiegelt.”

Dieses Szenario lässt sich nach Ansicht des Verfassers ohne weiteres auf die Situation der Kinder etwa in Kindergärten, offenen Einrichtungen der Kinder- und Jugendarbeit, u.ä. übertragen.

Kann in dieser Lebenssituation nicht gezielt interveniert und geholfen werden, sind negative Auswirkungen auf das spätere Leben des jeweiligen Kindes sehr wahrscheinlich. Treten gar noch traumatischere (Einzel-)Erfahrungen, wie z.B. besondere Gewalttaten / Tötungsdelikte des suchtkranken Elternteils, sexueller Missbrauch, o.ä. hinzu, ist die “beste” Grundlage für ein schwer gestörtes, späteres Leben als Erwachsener gelegt, die nur äußerst schwer bzw. gar nicht mehr sinnvoll aufgearbeitet oder überwunden werden kann.

Diesen Schluss legen zumindest -unter anderem- auch verschiedene Untersuchungen an erwachsenen Kindern von suchtkranken Eltern nahe.

Negative Auswirkungen auf das (spätere) soziale Leben der Kinder können sich demnach in den Bereichen Schule, Beruf, Partnerschaft, etc. ergeben.

Ein recht umfassendes Bild der Risiken und Schäden wurde bis hierher bereits gezeichnet. Es sollte die Wichtigkeit des Themas “untermauern”, aber auch erste Hinweise geben, die das Erkennen derartiger Kinder und Jugendlicher erleichtern, denn dies ist Voraussetzung für adäquate Hilfe.

Bevor dieser Abschnitt aber abgeschlossen werden kann, soll noch ein besonderer Hinweis zum Stichwort “Suchtkrankheit” erfolgen. Nur allzu oft nämlich geraten Kinder süchtiger Eltern ihrerseits in den Sog der Abhängigkeit. Dies stellt eine Tatsache dar, wobei man sich allerdings vor Generalisierungen wieder einmal hüten sollte.

 

2.3.3 Suchtkrankheit

Eine der Krankheiten, an deren Entstehung die Herkunftsfamilie maßgeblich beteiligt sein kann, ist die Krankheit “Sucht”. Auf die so gut wie immer vorliegende multifaktorielle Determiniertheit von Abhängigkeitskrankheiten wurde weiter oben schon hingewiesen, dennoch lässt es sich nicht abstreiten, dass ein hoher Prozentsatz der Süchtigen aus Familien stammt, in denen mindestens ein Elternteil ebenfalls suchtkrank war.

Für diese “Weitergabe” lässt sich jedoch wiederum kein isolierter, einzelner Faktor fixieren. Es ist nämlich nicht davon auszugehen, dass -in Bezug auf die Vererbung- ein bestimmtes Gen zwingend z.B. Alkoholismus hervorruft. Diverse Forschungsvorhaben erbrachten diesbezüglich z.T. unterschiedliche Ergebnisse, es scheint allerdings tatsächlich gewisse “Kandidatengene” für Suchtanfälligkeit zu geben. Das bedeutet jedoch lediglich, dass das Risiko abhängig zu werden höher ist, ein unabwendbares Schicksal ist hiermit keineswegs verbunden. Auch für die Therapie hat diese Tatsache letzten Endes keine Relevanz: ob ein genetischer Faktor mitgewirkt hat oder nicht, die Chance die Krankheit zum Stillstand zu bringen ist stets gegeben, andererseits entbindet das Vorliegen eines bestimmten Gens nicht von der Notwendigkeit die eigene Suchtkarriere geistig-seelisch aufzuarbeiten.

Weiterhin wird auch ein deutlicher Prozentsatz an Menschen ohne diese “Kandidatengene” süchtig. Auf eine Darlegung der verschiedenen Untersuchungen wird hier verzichtet, verwiesen werden kann aber u.a. auf die Forschungen von Kenneth Blum, sowie von Pickens (Rockville, USA).

Ein anderer Einflussfaktor, der die Suchtentstehung beeinflussen kann, ist im Bereich von Erziehung und Sozialisation zu finden. Unter “Sozialisation” lassen sich -verkürzt formuliert- alle Umgebungseinflüsse verstehen, die Einfluss auf die Persönlichkeitsentwicklung des Kindes haben. Hierzu gehören also z.B. auch Werte und Normen die die Gesellschaft vermittelt, etwa mittels ihrer Idole und Vorbilder, mittels der Werbung, etc. Aber auch Einflüsse durch Gleichaltrigengruppen (peer-groups) u.ä. sind hier zuzurechnen. (Vergleiche zu diesem Thema auch den obigen Punkt “2.1.1 Alkoholismus -Ätiologie-”.)

Als primäre Sozialisationsinstanz ist aber sicherlich die Familie des jeweiligen Kindes anzusehen, frühe und nachhaltige Prägungen finden hier statt. So scheint es nicht verwunderlich, dass ältere Kinder, Jugendliche und -geschädigte- Erwachsene, die aus Alkoholikerfamilien stammen, zu Suchtmitteln neigen können. Einerseits mag hier das Bedürfnis greifen, schnellen (und in gewissem Sinne “zuverlässigen”) Trost zu finden, Wunden und Schmerz aus Vergangenheit und Gegenwart zu verdecken und nicht mehr fühlen zu müssen. Dass dies eine nur scheinbare Erleichterung mit sich bringt, die alsbald zu einem neuen, zusätzlichen Problem wird, kann in diesem Moment natürlich nicht realisiert werden. Andererseits ist auch zu bedenken, dass (bei allen Negativ-Erfahrungen) das Verhaltensschema “zum Suchtmittel greifen” den Kindern sehr nahe ist, es ist “für alles gut”, Tag für Tag wird ihnen derartiges Tun vorgelebt. Verhaltensalternativen lernen sie, zumal im Elternhaus, kaum kennen. Kein Wunder eigentlich, dass auch sie entsprechend handeln.

Über die Höhe des Prozentsatzes von “Suchttradierung” soll hier keine endgültige Aussage getroffen werden. Der Anteil an Süchtigen in der Gesellschaft insgesamt liegt, wie erwähnt, bei gut 5%, Schätzungen und einzelne Untersuchungen über süchtig gewordene Kinder abhängigkeitskranker Eltern gehen über 30% (Passerschröer,S.16,1996) bis zu maximal 60% (Knorr-Anders, S.84,1991). Derartige Ergebnisse sind aber sicherlich äußerst differenziert zu sehen.

Zusammenfassend bleibt festzuhalten, dass die entsprechenden Kinder tatsächlich einem höheren Risiko suchtkrank zu werden unterliegen, wobei auch eine genetische Disposition mitspielen kann, aber nicht muss.

Sie bedürfen also auch in dieser Hinsicht in besonderem Maße der Prävention und ggf. auch konkreter Hilfe. 

3 Prävention/Intervention in pädagogischen Einrichtungen                    

 

Bisher wurde recht ausführlich auf die Krankheit Alkoholismus selbst, auf “Co-Abhängigkeit” und auf die für die Kinder entstehenden Risiken und Schäden eingegangen.

Hierbei wurden Ergebnisse der Suchtforschung, Übersichten und Auflistungen anderer Autoren vorgestellt. Der Verfasser ist der Ansicht, dass es leider notwendig ist, der Darstellung von entsprechendem Grundwissen einen solch` breiten Raum zuzuweisen. Ohne dieses Wissen haben nämlich präventive Maßnahmen und intervenierende Aktionen nicht genügend Basis und keine ausreichende Substanz. Qualität und Effektivität allen Handelns würde zumindest äußerst leiden, dies bis hin zur Wirkungslosigkeit, selbst kontraproduktive Auswirkungen wären keineswegs auszuschließen.

Dass entsprechende Kenntnisse bedauerlicherweise keineswegs zum Grundbestand jedes (Sonder-)Pädagogen, bzw. Sozialarbeiters, etc. gehören, möchte der Verfasser an einigen Beispielen deutlich machen. Eines hiervon schildert Grond (1990, S.188):

“Fundierte Kenntnisse über Drogenerkrankungen sind heute für jeden SA/SP (=Sozialarbeiter / Sozialpädagogen -d.Verfasser.) dringend erforderlich. In kaum einem Arbeitsfeld tritt ihm das Phänomen Abhängigkeit nicht entgegen. Leider wird immer wieder die Erfahrung gemacht, dass gerade auch die in der Drogenberatung und in den stationären Therapieeinrichtungen Tätigen nicht über das erforderliche Wissen verfügen. ... Immer wieder hört man SA/SP darüber klagen, sie würden von ihren Klienten ,,angelogen”. Wer sich so äußert, zeigt jedoch nur, dass er mit dem Wesen der Drogenerkrankungen nur ungenügend vertraut ist. Das ,,Nicht-die-Wahrheit-sagen” ist ein geläufiges Symptom dieser Krankheiten; es darf keineswegs als Zeichen mangelnden Vertrauens gewertet werden.”

Ein anderes Beispiel stammt aus dem persönlichen Erfahrungsbereich des Verfassers:

In einer pädagogischen Einrichtung (mit ca. 10 Mitarbeitern) wurde ein neuer Erzieher eingestellt, der bekanntermaßen trockener Alkoholiker war. Nach ca. einem Jahr, anlässlich eines besonderen Anlasses, “stießen” die Mitarbeiter mit einem Glas Sekt “an”. Der Leiter der Einrichtung fragte nun den entsprechenden Mitarbeiter, ob er ein kleines Glas mittränke, denn “ab und zu trinkst Du doch etwas Alkohol”.

Wie sich bei dem etwas später stattfindenden Gespräch herausstellte, hatte der Leiter Monate zuvor gesehen, wie der Mitarbeiter bei einem ähnlichen Anlass aus einem Sektglas getrunken hatte (in dem aber Mineralwasser gewesen war). Nein, einen Anlass zu einem (vertraulichen) Gespräch habe er seinerzeit nicht gesehen, “und wenn Du privat 2 Liter Wein trinkst, für mich ist nur wichtig, dass Du hier, äh, trocken bist”, so die Äußerungen der leitenden, pädagogischen Kraft.

 

Der Verfasser möchte darauf hinweisen, dass dieses Erlebnis nicht ihm in seiner derzeitigen Einrichtung widerfahren ist und das auch (zwecks Datenschutz) Details verändert wurden. Von der Substanz her hat sich dieses Ereignis aber tatsächlich noch vor wenigen Jahren so zugetragen. Weitere Kommentare sollen hierzu nicht abgegeben werden, festzustellen bleibt aber wohl, dass durchaus ein Nachholbedarf an Wissen besteht.

Auf eine andere Perspektive lückenhaften Wissens weist auch noch Arenz-Greiving (1993; Hrg.:DHS, S.266) hin:

“Das Problembewusstsein suchtkranker Eltern für die Mit-Betroffenheit ihrer Kinder fehlt noch weitgehend und auch bei den professionellen Helfer/innen ist es noch unzureichend. (Manche Suchtberater/innen wissen nicht einmal, ob ihre Klient/innen Kinder haben!)”.

Soweit die Beispiele.

Prävention und Intervention in (sonder-)pädagogischen Einrichtungen kann demnach also nur stattfinden, wenn die oben erwähnten Grundkenntnisse im Bereich Sucht zumindest im Ansatz vorhanden sind. Hinzukommen muss weiterhin das Wissen darum, wie die entsprechenden Kinder zu identifizieren, zu (er)kennen sind. Erst seit einigen Jahren liegen hier Forschungs- und Beobachtungsergebnisse vor, die dem im (sonder-)pädagogischen Bereich Tätigen eine echte Hilfe sein können. Bevor hierauf ausführlicher eingegangen wird, soll noch kurz geschildert werden, welche (sonder-)pädagogischen Einrichtungen an dieser Stelle hauptsächlich angesprochen werden sollen und wo und wie Wissen aus beiden Bereichen (Sucht / Erkennung von “Alkoholikerkindern”) in die Praxis transferiert werden kann.

Zur Art der Einrichtungen ist zu sagen, dass generell natürliche alle Orte, an denen eine entsprechende Fachkraft einem betroffenen Kind begegnet, gemeint sein können.

Hervorheben ließen sich aber:

·       Kindergärten und -Horte / Kindertagesstätten

·       allgemeine Schulen (Grund-/Hauptschule,Gesamtschule,Realschule,Gymnasium)

·       Sonderschulen (verschiedener Ausrichtungen)

·       Einrichtungen der offenen Kinder-/Jugendarbeit

·       (Kinder-)Arztpraxen

·       sozialpädagogische (Spezial-)Dienste

·       mobile sonderpädagogische Dienste / Frühförderstellen

·       (schulische) Förderzentren

·       und ähnliche

Die aktuelle Rechtsgrundlage der meisten dieser Institutionen ist übrigens das Kinder- und Jugend- Hilfegesetz (KJHG). Weitere, z.T. auch übergeordnete, Grundlagen können hinzutreten, so ist z.B. bei (Kinder-)Ärzten an den Hippokratischen Eid, etc. zu denken. Gesetzliche Vorgaben und Aufträge mit präventiver Perspektive finden sich übrigens schon in Paragraph 1 des KJHG, dieser lautet:

Ҥ 1 Recht auf Erziehung, Elternverantwortung, Jugendhilfe

(1) Jeder junge Mensch hat ein Recht auf Förderung seiner Entwicklung und auf Erziehung zu

     einer eigenverantwortlichen und gemeinschaftsfähigen Persönlichkeit.

(2) Pflege und Erziehung der Kinder sind das natürliche Recht der Eltern und die zuvörderst

      ihnen obliegende Pflicht. Über ihre Betätigung wacht die staatliche Gemeinschaft.

(3) Jugendhilfe soll zur Verwirklichung des Rechts nach Absatz 1 insbesondere

1. junge Menschen in ihrer individuellen und sozialen Entwicklung fördern und dazu beitragen,

   Benachteiligungen zu vermeiden oder abzubauen,

2. Eltern und andere Erziehungsberechtigte bei der Erziehung beraten und unterstützen,

3. Kinder und Jugendliche vor Gefahren für ihr Wohl schützen,

4. dazu beitragen, positive Lebensbedingungen für junge Menschen und ihre Familien sowie

    eine kinder- und familienfreundliche Umwelt zu erhalten oder zu schaffen.”

(Topware, CD-Service AG. (Hrg.);1996,CD-ROM “Abschnitt KJHG”)

Auf weitere Paragraphen wird später hinzuweisen sein.

Der Verfasser entstammt bezüglich seiner beruflichen Sozialisation der offenen Kinder- und Jugendarbeit, persönliche Erfahrungen in anderen Bereichen (z.B. Kindergarten/Hort) liegen nur ansatzweise vor. So werden sich im “Zweifelsfall” Vorschläge, Perspektiven und Beurteilungen sicherlich ebenfalls in dieser Richtungen akzentuieren, grundsätzlich aber wird eine Übertragbarkeit des jeweils Vorgebrachten auf andere Bereiche angestrebt.

Dem “Wo” und “Wie” des Wissenstransfers wird ein eigener Abschnitt gewidmet, der nun folgt.

Zuvor sei lediglich noch darauf verwiesen, dass die -sehr notwendige- Auseinandersetzung mit den Begriffen “Prävention” und “Intervention”, insbesondere die Definition dieser Fachtermini, erst später, nämlich zu Beginn der entsprechenden Abschnitte, erfolgen wird. Diese wiederum schließen sich an die oben angekündigten Themen an.

 

3.1 Grundlage: Wissen der Mitarbeiter (Vermittlung: Wo/Wie)

 

Modifiziert nach der jeweiligen Art der Einrichtung, in welcher sich die Kinder aktuell bewegen, lassen sich unterschiedliche Wege und Formen finden, um die wichtigsten Kenntnisse über Sucht einerseits und die Erkennung von Kindern aus Alkoholikerfamilien andererseits, zu erwerben, weiterzugeben und zu vertiefen.

Hierzu zunächst wieder einige Stichworte im Überblick (und recht willkürlicher Reihenfolge), die anschließend erläutert werden.

Eine Wissensvermittlung scheint u.a. in folgenden (sich zum Teil ergänzenden, zum Teil überschneidenden) Feldern möglich:

·       Lehrerkonferenzen / Teamgespräche

·       Supervisionssitzungen

·       Arbeitskreise / Arbeitsgemeinschaften / Vernetzungstreffen

·       Kollegiale Beratung / Interne Ressourcen

·       Eigeninitiative der Mitarbeiter

·       Fort- und Weiterbildung

·       Ausbildung

 

In bezug auf die Ausbildung ist natürlich wiederum nach der jeweiligen Qualifikation zu differenzieren in:

-Erzieher-Ausbildung (sowie Kinderpfleger-/Erziehungshelferausbildung)

-Fachoberschulen für Sozialpädagogik (Fachhochschulreife)

-Sozialpädagogikstudium / Sozialarbeitsstudium

-Pädagogikstudium

-Fachspezifische Magisterstudiengänge

-Lehramtsstudium

-Sonderpädagogische Studiengänge

-Ärztliche Studiengänge (Kinderärzte) 

-und ähnliche.

 

Zu den Stichworten im einzelnen:

 

Lehrerkonferenzen und Teamgespräche

Diese beiden Formen der Begegnung und strukturierten Absprache im Kollegenkreis lassen sich nach Ansicht des Verfassers an dieser Stelle (teilweise) zusammenfassen. Sowohl in (Sonder-) Schulen, als auch in Einrichtungen der Offenen Kinder- und Jugendarbeit ist jeweils eine der beiden Formen anzutreffen, darüber hinaus sind zu nennen Kindergärten und -Horte, Kindertagesstätten und ähnliche Institutionen.

Persönliche Erfahrungen hat der Verfasser insbesondere mit Teamgesprächen.

Grundlage von Teamarbeit ist seinem Erleben nach die grundsätzliche Übereinstimmung aller Mitarbeiter mit den wesentlichen Gedanken der jeweiligen Einrichtungskonzeption und eben die Teilnahme aller an den regelmäßig stattfindenden Mitarbeiterbesprechungen, bzw. Team-gesprächen. Diese gewährleisten einen regelmäßigen Informationsaustausch bei dem alle Mitarbeiter gleichberechtigt sind. In allen die Arbeit betreffenden Fragen sollten dabei einvernehmliche Entscheidungen herbeigeführt werden, die von allen gleichermaßen getragen und vertreten werden können.

Es gilt nun, das Instrument “Konferenz/Teamgespräch” stärker sachbezogen zu nutzen. Ein Austausch des bereits unter den Mitarbeitern “verstreut” vorhandenen Wissens über Sucht und Alkoholismus kann hier stattfinden, wobei im Ergebnis natürlich auch zu große Defizite erkennbar werden können. Dies aber kann und sollte dann auch “positiv gewendet werden” und zu entsprechenden “Wissensbeschaffungs-Aktionen” führen.

Evtl. ließe sich z.B. eine entsprechende Fachkraft für eines der nächsten Treffen heranziehen, wobei diese mit begrenztem zeitlichen Rahmen die wichtigsten Grundlagen referiert.

Im Falle der Schulen könnte diese Aufgabe natürlich auch der Drogenkontaktlehrer (so vorhanden) übernehmen.

Weiterhin können die Zusammenkünfte dazu dienen, gezielt Beobachtungen, Erlebtes und von bestimmten Kindern Erzähltes auszutauschen, um so herauszufinden, ob Befürchtungen hinsichtlich eines Alkoholismus-Falles in der jeweiligen Familie berechtigt sind oder nicht.

Dem Verfasser ist bei diesen Vorschlägen klar, dass sowohl Konferenzen, als auch Teamgespräche stets eine ganze Fülle von Funktionen haben, und dass die Zeit stets knapp ist.

Angesichts der nicht geringen Zahl von Betroffenen und aufgrund des hohen Gefährdungspotentiales für die Kinder sollte sich diese Zeit aber unbedingt genommen werden.

 

Supervisionssitzungen

Die Auseinandersetzung mit Kindern und Jugendlichen und der Aufbau tragfähiger Beziehungen zu ihnen erfordert von pädagogisch Tätigen die Bereitschaft, sich mit der eigenen Person auseinanderzusetzen. Ein wichtiges Hilfsmittel hierbei kann die regelmäßige Teilnahme des Teams an Supervisionssitzungen sein.

Es existieren mehrere, teils unterschiedliche Ansätze von Supervision (z.B. Balint, etc.), eine  allgemeine Definition gibt der “Deutscher Verein für öffentliche und private Fürsorge” (1986, Stichwort “Supervision"):

“Unter Supervision wird eine Beratungsform verstanden, die eine systematische Reflexion des beruflichen Handelns von Personen in heilenden, helfenden und pädagogischen Praxisfeldern ermöglicht. Dabei werden Probleme, die den vielfältigen beruflichen Zusammenhängen des Supervisanden entstammen, im Kontext der individuellen, institutionellen und gesellschaftlichen Bedingungen erschlossen und reflektiert. Ausgehend vom subjektiven Erleben und Handeln des Supervisanden ist es das Ziel von Supervision, dass der Supervisand neue Sicht- und Erlebnisweisen für belastende berufliche Situationen entwickelt, wodurch ein verändertes und der Situation angemesseneres berufliches Handeln ermöglicht wird. Neben ihrer aktuell entlastenden Funktion gilt ein längerfristiger Supervisionsprozeß als wesentlicher Faktor der Professionalisierung in den sozialen Berufen.”

Aus eigenem Erleben kann der Verfasser die positiven Auswirkungen von Supervision bestätigen. Mehrjährige berufliche Tätigkeit sowohl in einer pädagogischen Einrichtung mit Supervision, als auch in einer solchen ohne diese Beratungsform führten ihn zu der Erkenntnis, dass hiermit ein wirklich hilfreiches Instrument für die Praxis zur Verfügung steht.

Wie schon das Teamgespräch hat auch die Supervisionssitzung mehrere mögliche Funktionen. In Bezug auf das vorliegende Thema ist eine Nutzung in mehrfacher Hinsicht denkbar. Zum Einen können Beobachtungen “verdächtiger” Kindern ausgetauscht und somit evtl. validiert werden. Zum Anderen kann das gezielte Verhalten gegenüber den Kindern hier reflektiert werden, anders gesagt: präventive Prozesse und auch geplante Interventionen können diskutiert und gemeinsam geprüft werden. Weitere Funktionen sind denkbar.

 

Arbeitskreise/Arbeitsgemeinschaften/Vernetzungstreffen

Oftmals bestehen bereits Arbeitskreise und/oder Arbeitsgemeinschaften in denen sinnverwandte Themen (schwerpunktmäßig) behandelt werden. Besonders gedacht ist hier an solche mit Bezeichnungen wie “AK Prävention”, “AG Drogen und Sucht” und dergleichen mehr. Hier geht es zwar um ein perspektivisch etwas anderes Thema, bedenkt man jedoch den hohen Grad der Suchtgefährdung für Kinder aus Alkoholikerfamilien, so bietet es sich geradezu an, diese Veranstaltungen zu nutzen. Konkret bedeutet dies, dass klargemacht werden muss, dass das Thema “Kinder aus Alkoholikerfamilien: Prävention und Intervention” untrennbar verwoben ist mit der allgemeinen Suchtprävention und diesbezüglich ein sehr wichtiges Teilthema darstellt.

Die Arbeitskreise und /-gemeinschaften sind -soweit sie existieren- unterschiedlich initiiert und strukturiert. Trägerübergreifende, regional ausgerichtete Ansätze sind hier genauso zu finden wie z.B. trägerinterne, die Einrichtungen gleichen Typs (z.B. Kindergärten) zusammenfassen.

Ebenfalls aus der Erfahrung des Verfassers heraus lässt sich sagen, dass so genannte “Vernetzungstreffen” z.Zt. einen gewissen “boom” erleben. Einrichtungen unterschiedlicher Trägerschaft und Zielsetzung begehren vermehrt eine (intensive) Zusammenarbeit, als Beispiel seien angeführt: “Einrichtungen der offene Kinder- und Jugendarbeit - Drogenberatung”, “Schulen- offene Kindereinrichtungen”, u.ä.

Der Verfasser sieht in diesem Trend zahlreiche Chancen, aber auch Risiken. Es werden hierzu noch einige Anmerkungen weiter unten gemacht werden (Stichwort: “Interdisziplinarität”).

An dieser Stelle sei nur darauf hingewiesen, dass derartige Treffen -zumindest teilweise- themenspezifisch nutzbar sind. Insbesondere kann ein Informationstausch bezüglich konkreter Informationen stattfinden: “Wer betreibt unter welcher Nummer ein Sorgentelefon für Kinder”, “Wo gibt es die nächste Alateen-Gruppe und wer ist dort Ansprechpartner?” und ähnliches.

 

Kollegiale Beratung / Interne Ressourcen

Hiermit soll angesprochen werden, dass das möglicherweise schon vorhandene Wissen in den Einrichtungen (und gegebenenfalls den Nachbareinrichtungen / vernetzten Einrichtungen) besser genutzt werden könnte. Die notwendigen Wege sind hier oft eher informeller Natur. Der eine oder andere Kollege ist möglicherweise selbst trockener Alkoholiker, bzw. Teilnehmer einer Abstinenz- oder Angehörigengruppe, der neue Kollege hat vielleicht seine Diplom-Arbeit zu einem entsprechenden Thema geschrieben, usw.

Hier kann -im günstigen Fall- auf konkrete Informationen und/oder Hintergrundwissen zurückgegriffen werden. Notwendig ist es an dieser Stelle jedoch, aktiv entsprechende multiplikative Prozesse in Gang zu setzen, bzw. zu fördern.

 

Eigeninitiative der Mitarbeiter

Dieser Punkt wirkt zunächst recht banal und ist es wohl auch tatsächlich. Er erklärt sich darüber hinaus weitgehend selbst. So sei nur darauf hingewiesen, dass nicht nur in bezug auf die konkrete Wissensbeschaffung (Literatur, Adressen, usw.) über Sucht einerseits und die Erkennung von “Alkoholikerkindern” andererseits, Eigeninitiative der Mitarbeiter dringend erforderlich ist. Keines der bereits erläuterten (und der noch folgenden) Felder kommt nämlich ohne die jeweils handlungsbestimmende, subjektive Motivation der entsprechenden Mitarbeiter aus.

 

Fort- und Weiterbildung

Entsprechende Fort- und Weiterbildungsangebote müssen, so noch nicht vorhanden, geschaffen und -besonders wichtig- jeweils dem neuesten Forschungsstand angepasst werden. Der Verfasser sieht hier sowohl eine “Hol-” als auch eine “Bring-Schuld” vorliegen. Die entsprechenden Arbeitgeber, bzw. Träger von Einrichtungen haben in diesem Bereich -gefäß ihrem gesetzlichen Auftrag- für die Schaffung und den Erhalt entsprechender Angebote zu sorgen.

Auf Seiten der Arbeitnehmer, der Pädagogen “vor Ort”, sind wiederum die spezifischen Fort- und Weiterbildungskurse und -veranstaltungen einzufordern -und zu nutzen!

 

Ausbildung

Wie bereits erwähnt, ist der Verfasser staatlich anerkannter Erzieher und Diplom-Sozialarbeiter (FH) und steht darüber hinaus momentan im Magister-Studium der Erziehungswissenschaft.

Die in dieser Hinsicht gewonnenen Erfahrungen, sowie verschiedene berufliche Kontakte, brachten ihn zu der Überzeugung, dass die Thematik Sucht in den angeführten Ausbildungsgängen einen weitaus zu geringeren Raum einnimmt.

Dies gilt in noch höherem Maße für die, zugegeben noch recht neuen, Erkenntnisse über Kinder aus Alkoholikerfamilien.

Zu fordern ist also eine entsprechende Überarbeitung der jeweiligen Curricula, Lehrpläne, etc.

Am Beispiel der Fernuniversität / Gesamthochschule Hagen erläutert, würde dies u.a. eine Erweiterung des spezifischen Kursangebotes, sowie eine umfassende Überarbeitung und Aktualisierung der bisher bereits angebotenen Kurse beinhalten.

 

Damit sollen die Anmerkungen zu den Stichworten beendet werden.

 

Wichtig scheint festzuhalten, dass grundsätzlich von drei Instanzen Initiative ausgehen kann und sollte:

-dem jeweiligen Mitarbeiter,

-dem jeweiligen Gruppen-/Team-, bzw. Einrichtungsleiter (!) und

-dem Arbeitgeber/Träger der jeweiligen Institution/Einrichtung.

 

Soweit also einiges über hier gegebene Möglichkeiten der Wissensvermittlung. Diese Optionen gelten sowohl für Fakten die über Sucht allgemein vorliegen, als auch für die neueren Kenntnisse, die es ermöglichen gefährdete Kinder aus Alkoholikerfamilien zu erkennen.

Über Abhängigkeitskrankheiten, Co-Alkoholismus u.ä. wurde weiter oben schon hinreichend berichtet, eine Auseinandersetzung mit den Grundlagen die zur Erkennung der betroffenen Kinder notwendig sind, soll nun folgen.

 

3.2 Grundlage: Erkennen gefährdeter Kinder

 

Um das Kind vor Gefahren zu schützen und für sein Wohl zu sorgen, soll präventiv wirksame Arbeit geleistet werden, weiterhin sind gegebenenfalls intervenierende Maßnahmen zu treffen. Um die bereits angesprochenen Gefahren aber überhaupt erkennen zu können, bedarf es zuvor der Identifikation der entsprechenden Kinder. Mehrere Quellen sind hier denkbar:

 

-Der Betroffene selbst, d.h. also der Alkoholiker

-der nächste Angehörige des Kranken, also oft die Mutter

-weitere Personen, wie z.B. Spielkameraden des Kindes, Verwandte, etc.

-und eben das Kind selbst.

In den folgenden zwei Abschnitten soll auf die konkreten Möglichkeiten, diese Quellen auch wirklich zu nutzen, näher eingegangen werden.

Da das Kind hier thematisch im Mittelpunkt steht und da es ja auch zeitlich ungleich länger als die anderen Beteiligten im Wahrnehmungsfokus der jeweiligen Fachkraft steht, wird ihm an dieser Stelle ein eigener Abschnitt gewidmet.

 

3.2.1 Kontakte mit Betroffenem/dem anderen Partner/sonstigen Personen

 

Ob in der Familie eines bestimmten Kindes ein Alkoholproblem vorliegt oder nicht, lässt sich anhand verschiedener Indizien vermuten. Ein Ansatzpunkt  zu entsprechenden Ermittlungen kann der Kontakt zum Betroffenen selbst sein (oft ist diese Person -wie gesagt- der Vater des Kindes). Folgende Beobachtungsfelder bieten sich hier beispielsweise an:

-Die Person holt das Kind aus der Einrichtung ab,

-sie erscheint zu Elternabenden oder Einzelgesprächen, oder

-bei Hausbesuchen entsteht ein entsprechender Kontakt, usw.

Bei diesen Gelegenheiten kann ein Eindruck von dem eventuell alkoholkranken oder alkoholgefährdeten Elternteil gewonnen werden. Dieser Eindruck kann und sollte dann in Gesprächen mit Kollegen mit deren Eindruck verglichen und reflektiert werden. Verschiedene Wahrnehmungen können auf Sucht hindeuten, beispielsweise:

-gerötetes Gesicht,

-häufigere, deutliche Alkohol-Fahne",

-oft starker Geruch nach Mundwasser, Rasierwasser, Parfüm usw.

-schwankender Gang, u.ä.

Vorsicht bei der Bewertung ist allerdings angebracht: alle diese Anzeichen können auf eine Krankheit wie den Alkoholismus hinweisen, müssen es aber nicht. Dies gilt auch für ein weiteres Anzeichen, nämlich dass die Person sozusagen "unsichtbar" ist. Dies meint, dass sie öffentlich immer seltener oder gar nicht mehr in Erscheinung tritt. Alkoholiker neigen zur Vertuschung und zur Isolation. So kann das beschriebene Verhalten auf Sucht hindeuten, jedoch ebenso gut etwa beruflich bedingt sein. Bei der Beobachtung eines potentiell Alkoholkranken sind unter anderem die weiter oben angeführten und erläuterten Alkoholismus-Phasen und Alkoholiker-Typen zu berücksichtigen. Hier leisten die entsprechenden Übersichten eine echte Hilfe, denn je nach Phase und Typ kann ein teils doch recht unterschiedliches Verhalten typisch für fortschreitende Suchtkrankheit sein. Eine vorsichtige, vorläufige Einordnung, deren Basis in Zusammenarbeit mit anderen gewonnen wurde, kann nun als Grundlage für mögliche, weitere Schritte dienen. 

Anders ist die Situation in bezug auf den nicht betroffenen Elternteil. Der im präventiven Bereich tätige Familientherapeut Meyer berichtet hierzu folgendes:

“Frühe Signale aus den Familien kommen meist von den Frauen. ... Sie zeigen an, wenn Familien Hilfe brauchen. Sie kommen und sagen: Mein Mann säuft, bitte sperren Sie ihn ein. ... Deswegen ist Suchtvorbeugung mit Familien häufig Arbeit mit Frauen.” (Quandt,M.; Kapitel  13.5, Sept. 1993)

Der Verfasser hat ähnlichen Erfahrungen eher nicht gemacht (wenn überhaupt, berichteten Mütter erst lange nach einer Trennung von trinkenden Vätern) und auch die weiter oben konstatierten typischen Kennzeichen von Co-Alkoholismus widersprechen eher dem geschilderten Verhalten. Jedoch stehen hier die Chancen tatsächlich ein wenig besser als beim Alkoholiker selbst. Er wird nämlich, wenn überhaupt, erst sehr spät selber Hilfe suchen und dann sicherlich bei anderen Stellen als denen, in denen seine Kinder betreut werden.

Besteht aber -ein über längere Zeit aktiv aufgebautes- Vertrauensverhältnis zum nicht betroffenen Elternteil, so existiert zumindest die Möglichkeit, dass hier eine Bitte um Unterstützung geäußert wird, bzw. dass auf eine offene Nachfrage (in geschütztem Raum) eine ehrliche Antwort erfolgt. Grundlage für eine solche gezielte Frage ist natürlich eine entsprechende Vermutung. Um zu dieser zu kommen, ist wiederum auf das oben dargelegte Wissen zurückzugreifen, d.h. der Kenntnisse über die Definition von Co-abhängigkeit, der diesbezüglich typischen Verhaltensweisen, der entsprechenden Phasen, etc. ist sich aktiv zu bedienen.

Die dritte Personengruppe, die evtl. Hinweise geben kann, lässt sich unter den Sammelbegriff “sonstigen Personen” fassen. Unterschiedliche Menschen können hier gemeint sein. Einmal ist an (ältere) Geschwister des Kindes und an entferntere Verwandte zu denken, die gelegentlich in der Einrichtung erscheinen, oder zu denen sonstige Kontakte bestehen. In bezug auf ein günstiges Gesprächsverhalten, “taktisches” Vorgehen, usw. gilt -mit Einschränkungen- das für die anderen Gruppen angeführte. Hat man -trotz der ggf. selteneren Kontakte- eine positive Beziehung zu einem solchen Menschen, fällt es diesem manchmal sogar leichter, Andeutungen zu machen, bzw. sogar realistische Angaben zu machen. Dies ist begründet in der Tatsache, dass hier die hemmenden “Co-abhängigkeits-Mechanismen” oft nicht in voller Stärke “greifen”, eine Sorge (um den Betroffenen und/oder um das Kind) aber dennoch vorliegt.

Eine ganz andere Untergruppe stellen Spielkameraden und Freunde des Kindes dar um das man Sorge hat. Hier gilt es (zufällige) Äußerungen genau zu registrieren und zu beachten. Vordergründig können damit natürlich Berichte über die häuslichen Verhältnisse des betroffenen Kindes gemeint sein, genauso interessant aber können auch wiederholte Aussagen sein wie: “Zu Kevin nach Hause darf man nie, die wollen auf keinen Fall Besuch haben!”, u.ä. Auch an diesem Beispiel wird wieder klar, dass ein guter Informationsstand über Sucht und Alkoholismus sehr hilfreich sein kann, die Stichworte lauten hier “Vertuschung” und “Isolation”.

Die bis hierher gegebenen Hinweise zu den “Erkennungshilfen” mögen vorerst ausreichen. Abschließend scheint es noch wichtig zu erwähnen, dass zwar gelegentlich ein gewisses “detektivisches” Vorgehen erforderlich ist, dies sich aber nicht in Richtung “Schnüffelei” und “Nachspionieren” entwickeln sollte. Ganz vermeiden lässt sich dies vermutlich nicht immer, zu bedenken ist nämlich, dass einiges auf dem Spiel steht: die Gesundheit und das Wohlergehen der Kinder! Zwar heiligt auch an dieser Stelle keineswegs der Zweck die Mittel, einige Zugeständnisse können aber nach Ansicht des Verfassers durchaus vertretbar sein, denn: der Süchtige verfügt über ein gehöriges Maß an “alkoholischer Intelligenz”, soweit es um das Verbergen seiner Problematik und die Sicherung des “ungestörten Weitertrinkens” geht! Es ist ihm dies (da krankheitsbedingt) in keiner Weise moralisch anzulasten, doch ein Gegengewicht muss geschaffen werden.

3.2.2 Kindes-Äußerungen beachten und Rollenmuster (er)kennen

                                         

Ein scheinbar nahe liegender Indikator zur Verortung von Gefährdungspotentialen sind die verbalen Äußerungen des Kindes selbst. Tatsächlich kann man sich gelegentlich dieser Informationsquelle bedienen. Je nach Alter des Kindes und der Art der Beziehung zu ihm, lassen sich Angaben über seine häusliche und familiäre Situation gewinnen, teils durch gezieltes und aufmerksames Zuhören, teils durch mehr oder weniger direkte Nachfragen.

Zu beachten ist dabei jedoch, dass manche (jüngere) Kinder über ein nicht sehr hohes Ausmaß an sprachlicher Kompetenz verfügen und -noch viel wichtiger-, dass viele betroffene Kinder nichts “kritisches” berichten wollen und/oder dürfen! Diese Tatsache ist eine der Hauptursachen für das immer noch viel zu oft stattfindende “Vergessen”, bzw. “Nicht-wahrnehmen” dieser Kinder. (Ein anderer Grund kann -selbstkritisch betrachtet- darin liegen, dass sich allgemeinmenschlich eben nicht gern mit derart “heiklen” Themen beschäftigt wird -und dies gilt auch für pädagogisches Fachpersonal.)

Auf verbale Äußerungen des Kindes als Indizienquelle für einen “Alkoholikerhaushalt” ist also nicht unbedingt Verlaß. Ein anderes und zum Teil sichereres Kriterium kann im Verhalten, bzw. wiederkehrenden Verhaltensmustern der betroffenen Kinder begründet sein.

Neuere Forschungen und Praxisbeobachtungen ergaben, dass bestimmte Rollen und Rollenmuster bei Kindern aus Alkoholikerfamilien überzufällig häufig auftreten.

 Der bereits zitierte Suchtfachmann Gilbert Fritsch vom Deutschen Guttempler-Orden berichtet von acht solchen Mustern:

“1.)  Das verantwortungsvolle Kind (,,wenn wir dich nicht hätten”)

2.)  Das rebellische Kind (,,wenn wir dich nicht hätten, ging es uns besser...”)

3.)  Das verlorene Kind (“wenn wir wen nicht hätten?”)

4.)  Das Familienkasper-Kind (,,wir haben ja sonst nichts zu lachen”)

5.)  Das harmonische Kind (,,wenigstens du hast mich lieb”)

6.)  Das übererwachsene Kind (,,weißt du denn keinen Rat?”)

7.)  Das distanzierte Kind (,,mir geht es doch gut”)

8.)  Das unverletzte Kind (,,ich weiß Bescheid, aber ich gehe meinen Weg”)

Liegen innerhalb dieser Klassifizierung Verhaltensauffälligkeiten vor und es ist bekannt, dass ein Familienmitglied suchtkrank ist, kann ganz sicher davon ausgegangen werden, dass die Suchtkrankheit für dieses auffällige Verhalten verantwortlich ist.” (Ministerium für Kultur, Jugend, Familie und Frauen Mainz (Hrg.),1997; “Kinder Suchtkranker”,S.90)

Diese Stichworte bieten bereits wertvolle Ansatzpunkte zur Beobachtung entsprechender Kinder, sind aber in dieser knappen Form noch nicht hinreichend brauchbar für die Praxis.

Wegscheider-Cruse entwickelte bereits 1985 ein wesentlich elaborierteres Modell, dass die eingenommenen Rollen und ihre Konsequenzen näher beschreibt.

Am besten darstellen lässt sich dies anhand der nun folgenden Übersicht, die u.a. von Passerschröer zitiert wird (In: Ministerium für Kultur, Jugend, Familie und Frauen (Hrg.); 1996 S. 23):

(Aus technischen Gründen erfolgt die Darstellung auf der Folgeseite im Querformat)

 

“Charakteristische Gefühle, Verhaltensweisen, Rollen und Persönlichkeitsmerkmale  von Kindern mit einem alkoholsüchtigen Elternteil  

(in Anlehnung an Wegschneider-Cruse, 1985)

 

Rolle, bzw.

Überlebensstrategie

Verhalten, Persönlichkeitsmerkmale

Gefühlsleben

Vorteile

Vorteile der

Familie

Häufig beobachtete Entwicklung ohne Problemverarbeitung

Häufig beobachtete

Entwicklung

mit Problembearbeitung

Held,

Heldin

“Die kleine Mutter”. Tut immer das Richtige, übermäßig leistungsorien-tiert, überverantwortlich. Braucht Zustimmung und Anerkennung von anderen. Kann keinen Spaß empfinden.

Schmerz, fühlt sich unzulänglich, Schuldgefühle, Furcht, niedriger Selbstwert, kann niemals genügen.

Positive Aufmerk-samkeit

Versorgt die Familie mit

Selbstwert, ist das Kind, auf das die Familie stolz ist.

Workaholic, kann Fehler und Miß-erfolg nicht ertragen, starkes Bedürf-nis zu kontrollieren und zu mani-pulieren, zwanghaft, kann nicht nein

sagen. Suchtabhängige/n Partner/in.

Kompetent, organisiert, verantwortungsbewußt, gut in Leitungs- positionen, zielbewußt, erfolgreich, zuverlässig.

Sünden-

bock

Feindseligkeit, Abwehr, zurück-gezogen, verdrossen. Erhält negative Aufmerksamkeit, macht Ärger. Delinquenz.

Schmerz. Gefühl zurückgewiesen und verlassen zu

sein. Wut. Fühlt sich unzulänglich, kein oder nied- riger Selbstwert.

Negative

Aufmerk-samkeit.

Steht im Zen-trum der (nega-

tiven) Aufmerk-

samkeit, lenkt ab vom sucht-

kranken Eltern-

teil.

Suchtkrankheit, Delinquenz,

 Teenager-Schwangerschaft. Schwierigkeiten überall.

Hat Mut, kann gut unter

Belastung arbeiten, kann

Realität anerkennen und

anderen aufzeigen, kann Risiko eingehen und ertragen.

Verlorenes

Kind

Einzelgänger, Tagträumer, einsam, belohnt sich auch allein, z.B. mit Essen, “driftet und schwimmt” durchs Leben, ruhig, scheu, wird übersehen, wird nicht vermißt.

Gefühl der Be-deutungslosigkeit, darf keine Gefühle haben/zeigen. Ein-samkeit, Verlas-senheit,gibt sich von vornherein geschlagen,

Schmerz.

Entkommt jeglicher Aufmerk-samkeit, hat seine Ruhe.

Erleichterung:

“Wenigstens ein Kind um das man sich nicht zu kümmern braucht”.

Unentschiedenheit, keine Lebens-

freude, Beziehungsstörungen: Pro-

miskuität oder Isolation. Kann nicht nein sagen, kann keine Veränderungen eingehen.

Unabhängig von der Meinung anderer, kreativ, phantasievoll, erfinderisch, kann sich selbst behaupten.

Maskottchen

 

Übermäßig niedlich, süß, nett, unreif, tut alles um Lachen oder Aufmerksamkeit hervorzurufen. “Baby”, schutzbedürftig, hyperaktiv, kurze Aufmerksamkeitsspanne. Lernprobleme, ängstlich.

Niedriger Selbst-wert, Angst, Ge-fühl der Einsam- keit, Bedeutungs-losigkeitUnzu-länglichkeit.

Erhält Aufmerk-samkeit, indem es die anderen amüsiert.

Erleichterung und Spannungs-

abfuhr durch Komik.

Zwanghafte Clownerien, kann Streß nicht ertragen, eng an der Grenze zum Hysterischen, sucht Held/in als Partner/in.

Charmante/r Gesellschaf-

ter/in, witzig, geistreich, humorvoll, unabhängig von der Meinung anderer. Einfühlsam und hilfsbereit.”

 

Der Verfasser hält insbesondere die Übersicht von Wegscheider-Cruse für ein sehr brauchbares Instrument. Neben der Beschreibung des Rollenverhaltens werden auch Angaben zu den Risiken einer späteren Fehlentwicklung gemacht, was hinweisgebend für mögliche Interventionen sein kann (s.u.).

Auch die Unterscheidungen von Fritsch sind praxisbezogen und interessant, es liegt jedoch hier keine annähernd so umfassende Ausarbeitung des Ansatzes vor, wie im Falle von Wegscheider-Cruse. Der hohe Grad an Ausdifferenzierung (acht Rollenmuster) scheint weiterhin nicht unbedingt zwingend, dennoch lassen sich Fritsch` Ausführungen ergänzend durchaus heranziehen.

Einige Anmerkungen sind zu den vorliegenden Rollenbeschreibungen und -analysen zu machen, Bezug genommen werden soll hierbei i.d.R. auf das Modell von Wegscheider-Cruse.

Zu den einzelnen Rollen kann aus Sicht des Verfassers folgendermaßen Stellung genommen werden:

 

Sündenbock

Diesem Typus dem Feindseligkeit und Abwehr, sowie Zurückgezogenheit und Verdrossenheit zugeschrieben werden, begegnet der Verfasser in seiner beruflichen Praxis relativ häufig. Er erhält negative Aufmerksamkeit und “macht Ärger”, auch beginnende Delinquenz ist des Öfteren festzustellen. Das beschriebene Verhalten kann, muss aber nicht mit einem Alkoholiker in der Familie in Zusammenhang stehen. Andere Stressoren können durchaus ähnliche Rollenmuster generieren. So ist beispielsweise eine Konstellation möglich, in der der Vater oder die Mutter allein erziehend, beruflich überlastet und/oder körperlich chronisch krank ist. Weitere Faktoren können eine ungünstige Wohnsituation (sozialer Brennpunkt, 3 Geschwister in einem Zimmer, etc.) sein, oder auch eine Minderbegabung des Kindes mit entsprechenden Versagenserlebnissen in der Schule. Körperliche Unattraktivität, starkes Übergewicht und noch einige andere “Negativ-Bausteine” sind vorstellbar und treten in der Praxis auch tatsächlich auf.

Häufiger als man glaubt, treffen drei oder gar vier dieser Faktoren aufeinander, bzw. generieren einander (Mutter verlässt die Familie - Kind ist ungepflegter - “frißt” aus Kummer - ...).

Häufig aber liegt natürlich doch ein Fall von “Alkoholikerfamilie” vor. Die Aufgabe lautet also, die vom Kind gegebenen Signale aufmerksam wahrzunehmen und die möglicherweise aufgekommene Vermutung auf einen Alkohol-Fall zu validieren.

In gewissem Sinne ist der Typus des “Sündenbocks” der einfachste Fall. Wie schon Wegscheider-Cruse richtig beschreibt, steht er im “Zentrum der negativen Aufmerksamkeit.” Insbesondere pädagogische Fachkräfte nehmen Kinder dieser Art i.d.R. sehr bewusst wahr und diskutieren Möglichkeiten, wie mit diesen Kindern umgegangen werden soll. So ist der Schritt zu der Vermutung, dass in der Familie möglicherweise ein Alkoholiker existiert oft nicht groß.

 

Maskottchen

Kinder, die sich innerhalb dieses Rollenmusters inszenieren werden u.a. beschrieben als “übermäßig niedlich, süß, nett, unreif, tut alles um Lachen oder Aufmerksamkeit hervorzurufen”. Die Gefahr in bezug auf diese Art von Kind liegt darin, dass es zwar nicht übersehen wird (obschon der “Sündenbock” sich weit fordernder in den Vordergrund stellt), man jedoch seinem Charme erliegt. Wer lacht nicht gern einmal und wer vermutet hinter etwas zu häufigen und zu “lächerlichen” Scherzen gleich eine besondere Problematik ? Dabei ist zu unterstellen, dass auch Fachkräfte der von diesem Kind gebotenen “Erleichterung und Spannungsabfuhr durch Komik” ohne weiteres erliegen können -auch für längere Zeit. Treten dann Probleme wie Hyperaktivität,  Lernprobleme und  Ängstlichkeit hinzu, entsteht zwar ein Problembewusstsein, bis zur Rückführung auf das Grundproblem “Alkoholprobleme in der Familie des Kindes” vergeht aber oft doch noch eine geraume Zeit. Der einzige Schutz vor diesen Mechanismen ist daher ein im Vorfeld erworbenes, fachspezifisches “Sucht-Wissen”, das im Dialog mit Kollegen oder anderen Fachkräften kontinuierlich reflektiert wird.

 

Verlorenes Kind

Dieses Kind entkommt jeder Aufmerksamkeit, es “hat seine Ruhe”, es ist ein Einzelgänger und “Tagträumer”. Ein Kind, um das man sich nicht zu kümmern braucht, ist “pflegeleicht”. Der Trinker kann sich “in Ruhe” seiner Flasche widmen, der Co-Abhängige seinen vergeblichen Versuchen den Kranken zu decken, ihn zu schützen und zu kontrollieren ungestört nachgehen. Das Kind jedoch bleibt letzten Endes “auf der Strecke”. Wegscheider-Cruse beschreibt die ihm drohenden Gefahren mit den Worten: “Unentschiedenheit, keine Lebensfreude, Beziehungsstörungen: Promiskuität oder Isolation. Kann nicht nein sagen, kann keine Veränderungen eingehen”. Weitere Gefahren (z.B. Ess-Sucht) sind vorstellbar.

Der (Sonder-) Pädagoge ist ein Mensch wie andere auch, glücklicherweise. Erst dieses Mensch-sein nämlich und seine jeweilige Individualität ermöglichen ihm eine spezifische und konstruktive Beziehungsarbeit mit Kindern und Jugendlichen. In Schulen ist eine bestimmte Menge an Lehrstoff in einer vorgegebenen Zeit zu vermitteln, in offenen Einrichtungen fordern dauernd wechselnde, unstrukturierte Situationen ständige, allseitige Aufmerksamkeit, von der ein nicht geringer Teil von Typen wie dem “Sündenbock” in Anspruch genommen wird. Somit ist es kein Wunder, wenn auch fachlich geschultem Personal das “verlorene Kind” im Alltag längere Zeit “entgeht” und die entsprechende Diagnose “Alkohol” erst sehr spät erfolgt. Neben der Erarbeitung grundlegenden Wissens kann es hier u.a. hilfreich sein, wenn sich der einzelne Mitarbeiter -besser das gesamte Team- in regelmäßigen Abständen einmal die “paradoxe” Frage vorlegt: “Welches ist denn eigentlich unser unauffälligstes Kind, das bestimmt keine Probleme hat ?” Und, vor allem: “Stimmt das eigentlich ?”

 

Held, Heldin

Der Held (oder die Heldin) tut immer das richtige und erhält positive Aufmerksamkeit. Auf dieses Kind ist die Familie stolz.

Doch dies ist nur die eine Seite: der Held empfindet Schmerz und Furcht, er fühlt sich unzulänglich und kann niemals genügen. Mehr noch als beim "verlorenen Kind" oder dem "Maskottchen" besteht hier die Gefahr, dass dieses Kind übersehen wird. Zwar erhält es oft relativ viel Aufmerksamkeit und dies sogar in positivem Sinne, doch gerade dadurch wird der Blick oftmals viel zu lange von möglichen Problemen -und hier eben von Alkoholproblemen- abgelenkt. Der Held versorgt nicht nur die Familie in dem ein Alkoholiker lebt mit Selbstwert, sondern auch die pädagogische Fachkraft arbeitet gern mit diesem Kind. In der Schule ist es leistungsorientiert und damit in starkem Maße systemkonform. Auch in anderen Einrichtungen z.B. im offenem Bereich lässt sich mit dem Helden sehr gut leben und arbeiten. Gerade darum erscheint es dem Verfasser als besonders wichtig hier zu besonderer Aufmerksamkeit aufzufordern. Niemand sollte sich durch dieses tüchtige, überverantwortliche Kind "blenden" lassen. Viel Schmerz und viele Schuldgefühle können hier verborgen liegen! Eindringlich muss daher der Appell wiederholt werden, sich kontinuierlich selbst zu hinterfragen, aufmerksam zu sein und menschlichen Schwächen nicht zu sehr zu erliegen. Bezüglich der konkret empfohlenen Maßnahmen zur Abklärung einer möglichen Problematik im Suchtbereich ist auf die teilweise bei den anderen Typen schon geschilderten Mechanismen aktiv zurückzugreifen. Das bedeutet: Hintergrundwissen ist zu erwerben und in Kontakt mit anderen Kollegen und Fachleuten regelmäßig zu reflektieren. Weiterhin ist sich immer wieder einmal die Frage zu stellen: "Hat dieses Kind wirklich keine Probleme?" Die Kenntnisse über Sucht, Alkoholismus, Co-abhängigkeit und die Rollenmuster betroffener Kinder sind dabei regelmäßig zu aktualisieren, d.h. dem jeweils aktuellen Forschungsstand anzupassen.

 

Die Kommentierung der einzelnen Rollen folgte nicht der vorgegebenen Reihenfolge. Dies hat einem bestimmten Grund. Der Verfasser ist der Auffassung, dass Typen wie das "Verlorenen Kind" und der "Held " besonders gefährdet sind (u.a. länger anhaltende Gefahr akuter Risikosituationen, Spätfolgen), weil sie zu leicht zu übersehen, bzw. fehlzuinterpretieren sind. Die hinsichtlich der Erläuterungen gewählte Reihenfolge entspricht also der vom Verfasser vermuteten Gefährdungsskala, deren Eckpunkte der auffällige "Sündenbock" und -auf der gefährdeteren Seite- der "Held" sind .

 

Mit den bis hierher dargestellten Informationen und Erläuterungen sollen zunächst genügend Hinweise zur Identifikation der Kinder gegeben sein, die mit einem suchtkranken Elternteil zusammen leben. Bevor an dieses Thema anknüpfende Vorschläge für hilfreiche Aktivitäten und Interventionen gemacht werden, soll zunächst einiges zum Thema Prävention ausgeführt werden. Die sicherlich überfällige Definition des Begriffspaares "Prävention - Intervention" soll dem, nebst der entsprechenden Abgrenzungen, vorangestellt werden.  

3.3 Definitionen/Abgrenzungen (Prävention-Intervention)

 

Schon oft ist im Verlauf der vorliegenden Arbeit der Begriff “Prävention” gebraucht worden, fast ebenso oft der Ausdruck “Intervention”.

Zunächst einmal rein lexikalisch betrachtet, lässt sich “Prävention” definieren als ein “Zuvorkommen” oder eine “Vorbeugung”,   aber auch als eine Art der “Abschreckung” (vgl. Müller W., et al.; 1982, S.619). Unter “Intervention” finden sich hier Begriffe wie “Vermittlung”, aber auch “Einmischung” (dito, S.355).

In bezug auf die soziale Arbeit ergänzen dazu Kreft und Mielenz:

"... Interventionen; diese bezeichnen i.d.R. erprobte, in ihre Wirkung voraussagbare standardisierte Verhaltensweisen, die im Dienst methodischen Handelns zur Erreichung strategischer Ziele stehen." (Kreft,D.;Mielenz,I.(Hrg.);1988,S.383)

Legt man ausschließlich diese stichwortartigen Begriffsbestimmungen zugrunde, fällt es unerwartet schwer, die beiden Begriffe voneinander abzusetzen und eine themenbezogen sinnvolle Trennung von Gliederungspunkten zu erarbeiten.

Dies hängt u.a. damit zusammen, dass beide Begriffe keinen “eigentlichen Inhalt” haben. Es wird “vorgebeugt”: doch wem oder was?  “Verhaltensweisen” werden ausgeübt, um “Ziele” zu erreichen: doch welche?

Wird man etwas konkreter und stellt einen Bezug zum vorliegenden Thema her, so sind die Schwierigkeiten keineswegs vorüber. So wäre der Terminus “Prävention” einerseits unterlegbar mit dem Sinngehalt

-“Vorbeugung / Zuvorkommen bezüglich der akuten Schäden und Spätfolgen die Kinder aus Alkoholikerfamilien im Zeitverlauf erleiden können (intervenierende Prävention)”,

-andererseits wäre auch an eine-“(spezifische) Suchtprävention” für eben diese Kinder zu denken.

Letzteres findet seine Begründung insbesondere in der Tatsache, dass diese spezielle Gruppe von Kindern einem doch deutlich erhöhten “life-time-risk” hinsichtlich Suchtkrankheit unterliegt.

Umgekehrt lassen sich auch für den Begriff “Intervention” recht unterschiedliche, aber jeweils durchaus sinnvolle Interpretationen finden.

So ist, genau besehen, jede präventive Maßnahme -i.d.R. und in gewissem Maße- auch “einmischend”, bzw. “vermittelnd” und somit zugleich eine Intervention. Andererseits wird dieser Ausdruck oftmals mit recht gravierenden Maßnahmen (z.B. der Herausnahme des Kindes aus seiner Familie) assoziiert: eine Zuschreibung die möglich, aber für sich allein genommen sicherlich nicht umfassend genug ist.

Nimmt man die weiter unten folgende Ausdifferenzierung nach Primär-/Sekundär-/ und Tertiärprävention ein Stück weit vorweg, wird eine weitere Problematik sichtbar: Zumindest die  sekundäre Prävention hinsichtlich des alkoholkranken Elternteils (der in pädagogischen Einrichtungen evtl. in Maßen zugearbeitet werden kann) stellt zugleich eine deutliche Intervention bezüglich des Kindes dar. Durch die entsprechenden Maßnahmen, bzw. Hilfsangebote (s.u.) soll zwar dem Co-abhängigen und dem Betroffenen geholfen werden, motivierend hierfür ist aber natürlich, dass das entsprechende Kind vor akuten Schädigungen und wahrscheinlichen Spätfolgen bewahrt werden soll. Überspitzt formuliert ließe sich also sagen: Ein von der Definition her sekundärpräventives Hilfsangebot an die Familie hat in Bezug auf das Kind einen intervenierenden Charakter mit einer u.a. primärpräventiven Intention.

Ohne Zweifel wird durch derartige Formulierungen die Begriffsverwirrung absichtlich auf die Spitze getrieben. Es sollte jedoch hierdurch nachdrücklich klargemacht werden, dass:

1) die Unterscheidungen tatsächlich nicht einfach zu treffen sind, und

2) die anschließend getroffenen Zuordnungen zwar willkürlich, aber erforderlich sind.

Auf der Grundlage des bis hierher ausgeführten wird weiterhin wie folgt verfahren:

Unter der Überschrift “Prävention” werden zunächst einige Begriffsbestimmungen, Standpunkte und Ansätze diskutiert, die sich schwerpunktmäßig auf die Primärprävention, bzw. Suchtprävention bezüglich der Kinder beziehen. Einige Anregungen für konkrete Strategien werden ebenfalls gegeben.

Daran anschließend sollen (unter dem Titel “Interventionschancen / -Strategien”) einige Vorschläge gemacht werden die geeignet scheinen, Schäden abzuwenden die Kinder durch das Leben in einer Alkoholikerfamilie erleiden können. Hierbei wird sich kurz mit dem Suchtkranken und dem Co-alkoholiker beschäftigt werden, insbesondere aber mit dem Kind selbst. Ein Rückgriff auf die weiter oben geschilderten Wissensgrundlagen (Rollenmuster, usw.) soll dabei sinnvollerweise stattfinden.

3.4 Prävention

 

Wie schon angedeutet, kann der Begriff Prävention unterschiedlich interpretiert werden. Unter der Prämisse ihn speziell auf Suchtkrankheit beziehen zu wollen (und dies wiederum schwerpunktmäßig in Hinblick auf Kinder und Jugendliche) kann man  sich der spezifischen Begrifflichkeit u.a. aus sozialmedizinischer Perspektive nähern. Einen ersten Hinweis gibt hier wieder Grond:

“Begriffsbestimmung Prävention

Aufgabe der Prävention ist es, entweder Erkrankungen überhaupt zu verhindern, oder -wenn das nicht möglich ist- durch Früherkennung und Frühbehandlung die Auswirkungen einer Gesundheitsschädigung so gering als möglich zu halten. Aber auch umfangreiche medizinische, berufliche und psychosoziale Rehabilitationsmaßnahmen fallen nach heutigem Verständnis unter den Präventionsbegriff. Entsprechend diesen drei Aufgaben spricht die Weltgesundheitsorganisation von Primär-, Sekundär- und Tertiärprävention. Primärprävention bedeutet, krankheitsauslösende Faktoren zu suchen und auszuschalten bzw. so unwirksam zu machen, dass es erst überhaupt gar nicht zu einer Gesundheitsstörung kommen kann. ... Die Sekundärprävention dagegen beinhaltet alle Maßnahmen zur Früherkennung und Frühtherapie bereits vorhandener Störungen. ... Bei der Sekundärprävention geht es also vor allem um Hilfen für bestimmte Risikopersonen und Risikogruppen.

Die Tertiärprävention hat es sich zum Ziel gesetzt, bei manifesten Erkrankungen weitere Komplikationen bzw. Rezidive zu verhindern und eine bestmögliche Rehabilitation und Resozialisation zu ermöglichen.” (Grond;1990,S.91/92 )

Diese Erläuterungen unterscheiden schon recht gut die verschiedenen Arten von Prävention, von denen nach aktuellem Wissensstand ausgegangen wird. Allerdings sind die Formulierungen relativ allgemein, da hiermit Krankheiten unterschiedlichster Art beschrieben werden. Passt man die Schilderungen entsprechend an, d.h. spezifiziert man sie in Bezug auf Alkoholismus und andere Abhängigkeitserkrankungen,  so lassen sich etwa folgende Punkte zusammenfassend festhalten, bzw. entwickeln: 

1) Suchtprävention wird in Primär-, Sekundär-, sowie Tertiärprävention unterschieden.

2) Primärpräventive Maßnahmen sind alle spezifischen (sonder-/pädagogischen) Maßnahmen und Aktivitäten, die sich an nicht bzw. noch nicht konsumierende Menschen richten. Sie dienen dem Ziel die Entwicklung von Suchtkrankheiten und spätere Schädigungen durch Suchtmittel zu verhindern.

3) Sekundärpräventive Maßnahmen richten sich an suchtgefährdete und/oder schon abhängige Menschen. Die Manifestation von Konsummustern bis hin zur chronischen Abhängigkeit soll durch (psychosoziale) Hilfen abgemildert oder verhindert werden, bzw. die Suchtkrankheit soll (durch Hilfe zur Selbsthilfe) zum Stillstand gebracht werden. Diese Hilfen müssen sich zunächst nicht ausschließlich am Zie1 der Suchtstoffabstinenz orientieren, sondern sie richten  sich sinnvollerweise nach den individuellen Möglichkeiten des Einzelnen, seiner momentanen Situation, seinen aktuellen Fähigkeiten, etc.

4) Tertiärpräventive Maßnahmen sollen den Wiederbeginn einer Konsumphase verhindern und zielen auf die Verminderung von Folgeproblemen bei bereits abhängig gewordenen Menschen (z.B. im Rahmen von begleitenden psychosozialen und/oder therapeutischen Hilfen, ambulanten Therapien, beruflicher Rehabilitationen, etc.).

Durch diese Unterscheidungen wird die Rolle, die Mitarbeiter in pädagogischen Einrichtungen spielen können, noch etwas klarer gemacht. In Bezug auf Kinder ist hier an fast ausschließlich primärpräventive Maßnahmen zu denken, Jugendliche können sich bereits in den Bereich der Sekundärprävention hinein entwickeln und der Bereich der Tertiärprävention schließlich bleibt fast ausschließlich anderen Institutionen vorbehalten. Hinsichtlich suchtkranker Elternteile und des nicht selbst betroffenen Elternteils können  pädagogische Mitarbeiter in Schulen, Kindergärten, etc. erste Vorschläge für sekundärpräventive Aktivitäten machen und entsprechende Hilfen anbieten, etwa in Form von Informationen, der Weitergabe von Adressen, usw. (s.u.).

Erklärtermaßen soll es in diesem Abschnitt um Primärprävention gehen. Da die Ursachen von Sucht stets vielschichtig sind (evtl. genetische Dispositionen, familiäre Einflüsse, etc.) ist es sicherlich statthaft davon auszugehen, dass es keinen zu frühen Zeitpunkt für das Einsetzen primärpräventiver Maßnahmen gibt. Das impliziert, dass ein entsprechender Bedarf für alle in pädagogischen Institutionen sich bewegende Altersgruppen besteht und dass dementsprechend zu handeln ist.

Folgende Grundlinien derartigen Handelns sind unterscheidbar:

-Aufklärung/Information über Drogen (Neben-/wirkungen, Schäden, Folgen)

-Stärkung/Förderung aller gesundheitserhaltenden Faktoren (physisch, geistig, seelisch)

Das aber sollte nach Ansicht des Verfassers folgendes bedeuten:

-In Bezug auf Alkohol -wie auch auf andere Drogen- nicht abschrecken und keine “Horrorgemälde malen”, denn dies macht Kinder erst recht neugierig und erhöht den Reiz, das Verbotene nun gerade zu tun! Die Kinder statt dessen ernst nehmen, sie altersgemäß und sachlich korrekt aufklären über die Wirkung, die Risiken und Gefahren von Suchtmitteln.

-Alles bei ihnen stärken, was in Richtung Aktivität geht, in Richtung “selber Leben”! (Etwas positives, das ich selbst geschaffen habe, macht mich viel glücklicher und zufriedener als jeder Rausch. Und wenn ich etwas Schlechtes erfolgreich und ohne “chemische Krücke” ertragen habe, dann kann ich mit Recht stolz auf mich sein! Das müssen wir den Kindern nahe bringen!)

Vielleicht am wichtigsten: Wir müssen jedem Einzelnen sagen: DU BIST JEMAND! DU BIST ETWAS WERT! Und zwar genauso viel wie jeder andere Mensch. Oft werden Menschen, auch Kinder und Jugendliche nur noch an dem gemessen, was sie LEISTEN können. Die Leistungsschwachen und die, die zu oft versagen: sie werden als nichts wert angesehen und womit sie sich trösten liegt relativ nahe: Suchtmittel sind für derlei Fälle ein “bequemer” Ausweg.

Will man etwas konkreter werden und diese Aussagen auf pädagogische Institutionen, bzw. Einrichtungen übertragen und weiterentwickeln, können sich u.a. folgende konzeptionelle Leitlinien ergeben. (Die berufliche Perspektive des Verfassers ist dabei -wie erwähnt- die aus einer Einrichtung der offenen Kinder- und Jugendarbeit heraus.):

-Offenheit gegenüber allem, was die Kinder mitbringen sowohl im Hinblick auf ihre persönliche Geschichte als auch durch ihre Zugehörigkeit zu unterschiedlichen Kulturkreisen. Entwicklung und Pflege von Umgangsformen, die das Zusammenleben dieser unterschiedlichen Personen und Personengruppen ermöglichen, durch Gleichberechtigung aller Kinder und Jugendlichen in der Einrichtung. Vermeidung, sinnvolle Kanalisierung und wenn nötig aktive Verhinderung von Gewaltanwendung, Förderung gegenseitiger Rücksichtnahme

-Förderung gegenseitigen Verständnisses durch Gespräche und Hintergrundinformationen

-Aufzeigen von Grenzen und Aufstellen von Regeln, die für die Kinder und Jugendlichen einsichtig sind bzw. gemacht werden und deren Einhaltung durchgesetzt wird

-Förderung einzelner Kinder und Gruppen entsprechend ihren Bedürfnissen und den Erfordernissen ihrer Situation durch die Erweiterung ihres Gesichtsfeldes, ihrer Kenntnisse und Fähigkeiten

-Erweiterung ihrer Betätigungsmöglichkeiten durch vielfältige Angebote                                                      

-Stärkung des Selbstvertrauens, indem ihnen in jeder erdenklichen Hinsicht Erfolgserlebnisse ermöglicht werden

-Hilfe bei der Aufarbeitung von Entwicklungsdefiziten, Unterstützung bei der aktuellen Lebensbewältigung und der Überwindung von konkreten Schwierigkeiten

-Aufbau tragfähiger Beziehungen der pädagogischen Mitarbeiter zu den Kindern und Jugendlichen als Grundlage für eine erfolgreiche Arbeit

-Bereitschaft, sich mit der eigenen Person auseinander zu setzen

-Aufrechterhaltung / Entwicklung der Einrichtung in der jeweils bestehenden Form als zuverlässiger Faktor im Leben der Kinder und Jugendlichen des Einzugsgebiets, um eine kontinuierliche und verlässliche Begleitung zu ermöglichen.

Anzumerken ist hier sicherlich, dass mit den genannten Leitlinien nicht nur spezifisch gewalt-/ und suchtpräventive Ziele erreicht werden und werden sollen, sie sind jedoch auch -und besonders- hier unverzichtbare Basis entsprechenden Handelns!

Viele Differenzierungen und Konkretisierungen könnten sich an die bisherigen Ausführungen  anschließen, sollen jedoch unterbleiben. Primärprävention im Suchtbereich hat in den letzten Jahren (ebenso wie mittlerweile die Gewaltprävention, die ja auch in einigen Punkten deckungsgleich ist) einen gewissen “boom” erlebt.  Erfreulicherweise war hierbei ein Paradigmenwechsel feststellbar.

In den siebziger Jahren unseres Jahrhunderts bedeutete Prävention fast immer reine “Drogen-Prävention mit einem starken Überhang gefahrenbetonter Botschaften im Zusammenhang mit rauschauslösenden, illegalen Substanzen (wobei zum Teil erschreckend schlecht recherchiert, bzw. sogar in Wort und Schrift die Unwahrheit verbreitet wurde -was der Verfasser persönlich bezeugen kann). Legale Substanzen wurden hierbei auch benannt, jedoch in der “Hierarchie der Schrecken” klar anders (und somit unter-) bewertet. Unter anderem sicherlich aufgrund mangelnder Erfolge, wechselte seit einigen Jahren die Perspektive und Herangehensweise in Richtung der oben bereits erwähnten Trends (Förderung gesundheitserhaltender Anteile des Kindes, u.ä.).

Literatur, Vorschläge für didaktische Einheiten und Projekte, teils auch Spiele und Spielvorschläge sind demnach verfügbar. Lediglich beispielhaft soll an dieser Stelle hingewiesen werden auf Aktivitäten der “Deutschen Behindertenhilfe Aktion Sorgenkind e.V. / Vorsorge-Initiative, Frankfurt a.M.” die u.a. “7 Regeln gegen Sucht” formulierte, die entsprechende “Kindergarten-Kits” herausgibt, etc., auf verschiedene Aktionen der “Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung -BZgA-” in 51109 Köln (“Kinder stark machen”; “Informationstelefon Suchtvorbeugung 0221-89920”), sowie auf Maßnahmen der bereits zitierten DHS (so./su.).

Es wurde mit dieser veränderten Herangehensweise ein Weg eingeschlagen, der als unbedingt positiv angesehen werden kann. Zu ergänzen ist jedoch zwingend, dass der mögliche und gravierende suchtbegünstigende Faktor “ein Elternteil ist Alkoholiker” dabei auf keinen Fall aus den Augen zu verlieren und stets zu prüfen ist!

Der Bewusstseinswandel ist andererseits aber sicherlich noch nicht überall grundsätzlich vollzogen und daher weiter zu fördern. 

Diesbezüglich soll nun eine recht aktuelle (April 1997), offizielle Verlautbarung des “Presse- und Informationsamtes der Bundesregierung” (PIB) zitiert und entsprechend kommentiert werden:

“Die 1990 unter der Schirmherrschaft des Bundeskanzlers und mit Unterstützung des Deutschen Fußball-Bundes gestartete Aktion “Keine Macht den Drogen” wird aufgrund ihrer großen Akzeptanz fortgeführt. Inzwischen beteiligen sich auch andere Sportverbände sowie zahlreiche Prominente an dieser Initiative, die 1994 hinsichtlich Bekanntheitsgrad, Verständnis, Akzeptanz, Relevanz und Verhaltenskonsequenzen intensiv geprüft wurde. Die repräsentative Mehrthemenbefragung von 5005 Personen aus der deutschen Wohnbevölkerung im Alter von 16 bis 69 Jahren ergab, dass die Aktion “Keine Macht den Drogen” sehr bekannt ist und überwiegend positiv bewertet wird.

Eine wichtige Zielgruppe sind Mitarbeiter aus der Jugendarbeit und Lehrer. Im Rahmen der Aktionstage ,,Bewusster leben” wurden in den letzten Jahren spezielle Seminare für diese Zielgruppen in den neuen Ländern angeboten. Außerdem wurde ein Fortbildungsangebot für Jugend- und Übungsleiter von Sportverbänden in Kooperation mit dem Deutschen Sportbund entwickelt. Auch hier kommt der Arbeit mit Kindern und Jugendlichen große Bedeutung zu. Das Kinder- und Jugendhilfegesetz schreibt den Jugendämtern ein umfassendes Beratungsangebot vor, um Kinder und Jugendliche präventiv-beratend zu unterstützen und jungen Drogenkonsumenten einen Ausweg aus ihrer Suchtkrankheit zu weisen Die Kultus- ministerkonferenz hat zur ,,Sucht- und Drogenprävention in der Schule” (Beschluss vom 03.07.1990) eine eigene Empfehlung verabschiedet, die richtungsweisend für die weiteren Aktivitäten der Länder geworden ist. Danach zielt schulische Suchtprävention auf

 

·       die totale Abstinenz im Hinblick auf illegale Drogen,

·       einen selbstkontrollierten Umgang mit legalen Suchtmitteln (z. B. Alkohol,

     Tabakerzeugnisse) mit dem Ziel weitgehender Abstinenz,

·       den bestimmungsgemäßen Gebrauch von Medikamenten.

 

Die Lehrpläne der Länder geben konkrete Hinweise zur Behandlung des Themas in den Schulen. Die besonderen Ziele der Suchtprävention verlangen eine differenzierte Auseinandersetzung mit der Problematik. Die Auseinandersetzung mit den verschiedenen Drogen wird hauptsächlich in den Fächern Biologie; Chemie und Erdkunde durchgeführt.

Die Umsetzung allgemeiner Ziele der Suchtvorbeugung, wie z. B.

 

·       Förderung der Ich-Stabilität,

·       Umgang mit Konfliktsituationen,

·       Erkennen eigener Stärken und Schwächen,

·       Freude am Leben,

ist Aufgabe aller Lehrerinnen und Lehrer. Sie erfolgt alters- und problementsprechend, besonders in Fächern in denen Sinnfragen und Fragen der Lebensgestaltung eine Rolle spielen. Als wenig wirksam wird die punktuelle Behandlung dieses Themas gesehen. Fächerübergreifende Unterrichtsgestaltungen, handlungs- und erfahrungsorientierte Arbeitsformen werden besonders empfohlen. In einigen Ländern benennen die einzelnen Schulen eine Beraterin / einen Berater für Suchtvorbeugung, um die schulischen Maßnahmen zur Suchtprävention zu unterstützen.”    (PIB,1997,S.18/19)

Hierzu sind aus Sicht des Verfassers einige kritische Anmerkungen zu machen:

-Ohne jemandem politisch oder menschlich zu Nahe treten zu wollen, scheint es keine glückliche Wahl, eine Person als Schirmherr einzusetzen, die ganz offensichtlich seit vielen Jahren an Übergewicht leidet (Bundeskanzler Helmut Kohl). Ein sich in Richtung Ess-Sucht bewegender Umgang mit Nahrung scheint hier nämlich keineswegs ausschließbar.

-Zur “Unterstützung des Deutschen Fußball-Bundes” ist zu sagen, dass die -zumindest im Leistungssport vorliegende- Fixierung auf “Sieg oder Niederlage”, auf Höchstleistungen, etc. sicherlich genauso Bedenken weckt wie Reminiszenzen an Bandenwerbung für Alkoholika, an “Horden” betrunkener “hooligans” und an diverse Doping-Skandale.

-Die “intensive Prüfung” der Akzeptanz der Aktion “Keine Macht den Drogen” ergab, dass diese “sehr bekannt ist und überwiegend positiv bewertet wird.” Nun ist eine Stichprobe von 5005 Personen zwar einigermaßen  repräsentativ (eine Zahl höher 10 000 wäre es allerdings noch mehr gewesen), es ist jedoch nicht einsehbar, dass -anscheinend ausschließlich- aus diesem Grund eine solch` teure Maßnahme fortgeführt wird. Wesentlich wichtiger wäre doch wohl eine Prüfung von Effektivität und Effizienz einer derartigen “Veranstaltung” gewesen, d.h. eine Kontrolle der präventiven Wirksamkeit! (Zwar existiert eine Fundstelle, in der von “Verhaltenskonsequenzen” die Rede ist, nähere Angaben finden sich jedoch hierzu nicht.)

-Als Ziel schulischer Suchtprävention wird u.a. angegeben:

     --die totale Abstinenz im Hinblick auf illegale Drogen,

     --ein selbstkontrollierter Umgang mit legalen Suchtmitteln (z. B. Alkohol,...) mit dem Ziel

        weitgehender Abstinenz,...

Stellt man pointiert die Schäden und Spätfolgen sowie das Suchtpotential der legalen Droge Alkohol (Bier, Wein, aber auch “Schnaps” und Rum) und der illegalen Droge Marihuana einander gegenüber, kann die angegebene Ausdifferenzierung der Ziele nicht nachvollzogen und nur als grob willkürlich bezeichnet werden.

-Weiterhin findet sich folgender Satz: “Die Auseinandersetzung mit den verschiedenen Drogen wird hauptsächlich in den Fächern Biologie; Chemie und Erdkunde durchgeführt.” (Unterstreichung vom Verfasser). Zwar mag für einige Menschen die Strukturformel der Droge die sie missbrauchen nicht uninteressant sein und ähnliches gilt wohl auch für das Wissen über die Herkunftsländer des “Stöffchens”... Dies jedoch als den “hauptsächlichen” Ort der Auseinandersetzung mit Drogen zu benennen, scheint in präventiver Hinsicht recht unangemessen.

Anderen Aussagen (etwa der Benennung der allgemeinen Ziele der Suchtvorbeugung und der Feststellung, dass punktuelle Aktionen wenig wirksam sind) ist dagegen ohne weiteres zuzustimmen.

Diese exemplarische Auseinandersetzung kann sicherlich zeigen, dass die Weiterentwicklung präventiver Ansätze noch an keinem (auch nur vorläufigem) Endpunkt angekommen ist und des stetigen Bemühens um Verbesserungen bedarf.

An dieser Stelle jedoch soll das Thema abgeschlossen werden, wobei sich gewisse Überschneidungen im folgenden Abschnitt “Interventionen” naturgemäß nicht vermeiden lassen.

 

3.5 Interventionschancen/-Strategien

 

Wie bereits angekündigt soll es in diesem Abschnitt darum gehen, wie “Schäden abzuwenden sind, die Kinder durch das Leben in einer Alkoholikerfamilie erleiden können”, oder -anders ausgedrückt- angesprochen werden sollen Interventionen mit präventiver Intention, welche die Entwicklung des Kindes zu einem (sonderpädagogischem) “Fall” zu  verhindern versuchen (sofern es noch kein solcher ist).

Wie schon ausführlich dargelegt, sind die Risiken für Kinder in einer solchen Familie hoch und die möglichen Schäden vielfältiger Natur. "Alkoholembryopathie" und "erhöhtes Suchtrisiko" sind hier zwei der möglichen Stichworte. In Bezug auf diese Teilmenge der entsprechenden Gefahren lassen sich gezielte Strategien finden, wobei die Zielgruppe hier andererseits aber oft unspezifisch ist. Konkretisiert heißt das:

 1. Über die Gefahren körperlicher Schädigungen und Missbildungen durch Alkoholgenuss in der Schwangerschaft kann und muss u.a. durch Kinder-/Ärzte und Mitarbeiter (sonder-) pädagogischer Einrichtungen informiert werden. Dies kann durch Info-Blätter, Broschüren, Informationsveranstaltungen und insbesondere durch persönliche Einzelgespräche geschehen.

Schwangerschaftsuntersuchungen, bzw. Untersuchungstermine hinsichtlich der Kinder können bei Ärzten den aktuellen Anlass zur Informationsvermittlung geben; in den Einrichtungen (etwa solchen im offenen Bereich) ist an "Krabbelgruppen" und eben an die Elternarbeit allgemein zu denken.

Zwar ist es so, dass in einem Teil dieser Fälle ja bereits mindestens ein Kind geboren, bzw. die Schwangerschaft schon fortgeschritten ist, dennoch sollte hier auf nichts verzichtet werden! Schäden können evtl. minimiert werden, bzw. schon eingetretene besser klassifiziert und (bei ehrlicher Mitarbeit der Mutter) besser behandelt werden. Besonders ist auch daran zu denken, dass ja oftmals später noch weitere Kinder (sei es gewollt oder ungewollt) geboren werden könnten.

2. Suchtgefahren für die Kinder werden mittlerweile doch von relativ vielen Eltern erkannt. Oftmals liegt der aktuelle Bezug hier zwar auf Drogen, d.h. bei illegalen Substanzen wie Haschisch, Kokain, Heroin und Ecstasy, trotzdem bietet sich hier ein wertvoller Ansatzpunkt  für sinnvolle Interventionen. Sowohl in Einzelgesprächen, als auch bei größeren Veranstaltungen, wie Elternabenden usw. kann die Gefährdung der Kinder durch illegale Drogen sozusagen als "Aufhänger" genutzt werden. Der nächste Schritt in diesem Zusammenhang ist es dann, die statistische bzw. quantitative Relation zu nennen: Alkoholismus ist der bei weitem größere Faktor und von daher quasi als der "Normalfall" einer möglichen Suchtentwicklung anzunehmen!

Von hier aus bleibt dann weiterzuleiten auf die Rolle der Eltern. Ihre Vorbild-Funktion muss  umfassend, gezielt und deutlich thematisiert werden. In relativ allgemeiner Form lässt sich nun ein "Informationspaket" über Alkoholgefahren, den Verlauf der Krankheit Alkoholismus, entsprechendes fehlgehendes Partnerverhalten etc. "anhängen". Die Erläuterung wirklich hilfreichen Verhaltens, konkreter möglicher Schritte und besonders (!) die Nennung von regionalen Adressen, Ansprechpartnern, Telefonnummern, usw. muss sich zwingend anschließen.

Werden die beschriebenen Maßnahmen in qualitativ und quantitativ ausreichender Weise durchgeführt, so kann im günstigen Falle ein bewussterer und verantwortungsvollerer Umgang der Eltern mit Alkohol erreicht werden.

Auf der Basis des weiter oben geschilderten Grundwissens muss allerdings eines vollkommen klar sein: derartige Aktionen erreichen nur eine bestimmte Teilgruppe der Eltern, nämlich diejenigen, die ohnehin nicht oder in relativ geringer Gefahr sind Alkoholmißbrauch zu üben, bzw. abhängig zu werden (maximal zu denken wäre an die beginnende Prodromal-Phase / leichte Formen des Alpha- und Beta-Typus). Es handelt sich bei den geschilderten Vorgehensweisen letzten Endes um (in Bezug auf die Eltern) primärpräventive Maßnahmen, die hinsichtlich möglicher (zukünftiger) Schädigungen des Kindes intervenieren (also “sich einmischen”) sollen.

Liegen jedoch Hinweise auf eine bereits manifeste Suchtkrankheit vor, ist sicherlich (zusätzlich) anders zu verfahren. Hierzu wird später näher Stellung genommen.

Zunächst soll nämlich noch verwiesen werden auf eine weitere mögliche Strategie von Prävention und Intervention, nämlich die Öffentlichkeitsarbeit. Hier ist zum Teil ein durchaus direkterer und offensiverer Ansatz möglich. Gefahren und mögliche Folgen für die Kinder können hier ohne zu große Rücksichtnahme dargestellt werden, da die Zielgruppe eine unspezifische ist. Konkret bedeutet dies, dass in eventuell existierenden, internen Zeitungen (Schülerzeitungen, “Haus-Info”, etc.), in der örtlichen Tagespresse, bei (themenbezogenen) Elternabenden, usw. über die Krankheit Alkoholismus, ihre Folgen für den Betroffenen und seine Angehörigen und insbesondere über die Gefahren für die Kinder, berichtet werden kann.

Anlaufstellen für Rat und Hilfe sollten dabei natürlich ebenfalls genannt werden. Außer an Zeitungen, u.ä. wäre auch an eine diesbezügliche Zusammenarbeit mit regionalen Fernseh- und Radiosendern zu denken (dies wurde z.B. vom Verfasser in Bezug auf Prävention bereits erfolgreich praktiziert Ä).

Die Möglichkeit in dieser Art tätig zu werden, besteht sicher nicht für alle (Arten von) Einrichtungen (institutionelle Vorgaben, gesetzliche Einschränkungen, u.ä.). Soweit machbar sollte sie aber genutzt werden, ggf. kann auch bei Vorgesetzten, dem übergeordneten Träger, u.ä. darauf hingewirkt werden, dass von dieser Seite her an die Öffentlichkeit getreten wird.

Bevor nun auf personenspezifische Interventionschancen eingegangen wird, soll noch einmal Meyer zitiert werden, der ein praktisches Beispiel dafür anführt, wie verschiedene Präventionsformen konstruktiv “mischbar” sind (hier sind es primärpräventive Ansätze, die sich an Kinder und Eltern richten):

“Meyer hat gute Erfahrungen gemacht mit Veranstaltungen in Kindergärten und an Schulen, bei denen Kinder den Eltern alkoholisierte Familienfeiern vorgespielt oder Bilder davon gezeichnet haben. Ein Kasperletheater von Kindern gestaltet, das typische Verhaltensweisen und Aggressionen zeigt, kann ein heilsamer Schock sein. Wenn Eltern die Unsitte einstellen, Limo oder Apfelsaft , ‘Kindersekt’, ‘Kinderlikör’ oder ‘Bowle’ zu nennen, oder sich entschließen, ein Straßenfest (tagsüber solange die Kinder dabei sind) oder einen Schulausflug einmal ohne Alkohol zu feiern, ist schon viel gewonnen. ‘Entscheidend ist doch immer: Was leben wir den Kindern vor?’ "  (KABI 13.5; “Kein ,,Kindersekt"/ Sept. 1993)

3.5.1 Der alkoholkranke Elternteil

 

Ein Ansatzpunkt von dem aus zugunsten von Kindern aus Alkoholikerfamilien interveniert werden kann, ist der Alkoholiker selbst. Ist man über die Ursachen, den Ablauf und die Folgeerscheinungen der Krankheit hinreichend informiert, besteht eine -wenn auch nicht allzu große- Chance, dem Abhängigen erfolgreich Hilfe anzubieten. Wichtig werden können hier aber Detailkenntnisse über das Problemfeld, d.h. die Phasen des Alkoholismus, die verschiedenen Alkoholiker-Typen, usw. Diese sollten dem Mitarbeiter sonder-/ pädagogischer Einrichtungen demnach präsent sein.

Tritt nun der entsprechende Elternteil tatsächlich häufig genug in der Einrichtung in Erscheinung, lässt sich folgende Strategie empfehlen:

1. Vorsichtig, aber zügig versuchen ein Vertrauensverhältnis aufzubauen.

2. Führen eines gezielten und gut vorbereiteten Gespräches (ggf. auch mehrerer Gespräche).

Im Verlauf dieses Gespräches können dem Betroffenen offen verschiedene Beobachtungen und Erlebnisse geschildert werden, die deutlich auf sein Alkoholproblem hinweisen. Konkrete Fakten und Details sind jeweils "ohne Zorn und Eifer", bzw. ohne unnützes Moralisieren zu benennen. Hierdurch werden Möglichkeiten des Ausweichens und Verharmlosens, sowie von Trotzreaktionen deutlich reduziert.

Um derartiges möglichst gut leisten zu können (und auch aus weiteren Gründen) sollte das Gespräch von zwei Mitarbeitern / Fachleuten geführt werden. Die Beteiligung von mehr als zwei Personen ist jedoch wiederum nicht empfehlenswert, da sonst eine zu große "Übermacht" entsteht, bzw. sich der Eindruck eines Tribunals aufdrängen kann. Auf einen geschützten Raum -in jeglicher Hinsicht- (räumlich, zeitlich, störungsfrei, etc.) ist unbedingt zu achten. Mögliche Verläufe des Gesprächs sollten zuvor überlegt werden. Selbst ein regelrechtes vorheriges Durchspielen der Begegnung (Rollenspiel) mit dem zweiten Mitarbeiter wäre denkbar.

Ähnliches gilt auch für die vorstellbaren Ergebnisse dieses Gespräches, das bedeutet es sind sich im vorhinein Antworten auf die Frage zu geben: “Was werden unsere Konsequenzen sein, wenn.....?” Für den Fall, dass das Gespräch positiv verläuft, sollten konkrete Vorschläge, Adressen und geeignetes Informationsmaterial bereit gehalten werden.

Theoretische Hilfestellungen für die Vorbereitung und Gestaltung der Situation lassen sich im Bereich der Ratgeber für Mitarbeitergespräche (“Führungskraft konfrontiert mit Alkoholproblem”) finden (cf. z.B.: Lenfers, H.; 1993). Für einige Teile des Gespräches können auch Elemente der Klientenzentrierten Gesprächsführung nach Rogers hilfreich sein (cf. z.B. Rechtien,W.; 1988, S.122 folgende).

Da der Betroffene im Zeitverlauf zunehmend zum Ausweichen und zur Isolation neigt, sieht der Verfasser wohl gewisse Chancen dafür, dass an dieser Stelle zum Wohle des Kindes eingegriffen werden kann, hält diese allerdings leider für nicht sehr groß. Dennoch sollte diese Art des Vorgehens stets mit in Betracht gezogen werden. Oft genug bietet sie (bedauerlicherweise) den einzigen zunächst ersichtlichen und evtl. weiterführenden Anknüpfungspunkt. Dies kann sich ergeben, wenn der andere (nicht betroffene) Elternteil dauerhaft nicht in Erscheinung tritt, häufiger noch, wenn der Alkoholkranke allein erziehend ist.

Ein weiterer Grund spricht dafür, diesen Schritt als erstes zu versuchen: bei allen Problemen und Risiken, die der Süchtige ursächlich hervorruft, darf doch nicht vergessen werden, dass er ein zwar kranker, aber dennoch vollwertiger Mensch ist. Als solcher besitzt er eine ihm eigene Würde, die ihm auch zu belassen ist! Anders ausgedrückt: es geht hauptsächlich um ihn, den Kranken, daher sollte man ihm auch die Ehre antun, ihn als erstes auf sein Problem anzusprechen und ihm damit die Chance zu einer positiven Reaktion zu geben.

Wenn die Intervention gelingt, und der Kranke (sofort oder auch erst nach mehreren Gesprächen!) bereit ist, Hilfe anzunehmen, ist für das Kind ein wichtiger positiver Schritt getan: mit einer Wahrscheinlichkeit von etwa 50% wird in seiner Familie mittelfristig kein aktiver Alkoholiker mehr leben -sondern ein “Trockener”. (50% = etwa der durchschnittliche Therapieerfolg)

Bestehen seitens der jeweiligen Einrichtung keine Kontakte zum Süchtigen, jedoch solche zum nicht abhängigen Elternteil, bieten sich i.d.R. durchaus noch größere Interventionschancen als in Bezug auf den Alkoholiker selbst. Hiervon wird nun die Rede sein.

3.5.2 Der andere Partner

 

Der Partner des Alkoholkranken ist in einer wenig beneidenswerten Lage. Neben der Verantwortung für (mindestens) ein Kind muss er täglich den Alltag des Süchtigen mittragen. Über die damit verbundenen Belastungen braucht hier nichts weiter berichtet zu werden, dies ist weiter oben bereits geschehen.

Wichtig ist aber zu realisieren, dass in praktisch allen Fällen, in denen keine schnelle Trennung erfolgt, ein zunehmend co-alkoholisches Verhalten auftritt und sich verfestigt. Dieses Verhaltensmuster zeigt eigene, ausgeprägte Symptome (s.o.), die im Umgang mit diesen Personen beachtet werden müssen. Auch hier läuft oft eine phasenhafte Entwicklung ab, die konkrete Person ist demnach vorsichtig in dieses Ablaufschema einzuordnen.

Für den Mitarbeiter (sonder-) pädagogischer Einrichtungen / Institutionen bietet der nicht-abhängige Elternteil einen Ansatzpunkt, von dem aus er für das Wohl des Kindes tätig werden kann.

Als mögliche Ziele derart ausgerichteter Intervention scheinen grundsätzlich drei Perspektiven sinnvoll:

1. Herantragen von konkreten Hilfsangeboten an den Suchtkranken über den (oft sehr sinnvollen) Umweg über die dritte Person.

2. Bessere Information dieses nicht abhängigen Partners über die Krankheit “Alkoholismus” (Typen, Phasen, Folgen, Schäden, etc.) und Nennung von regionalen Hilfsangeboten für Angehörige (Al-Anon, andere Selbsthilfegruppen, spezielle Beratungsstellen, evtl. Ärzte).

3. Hilfe bei der Vorbereitung (und in Maßen) der Durchführung einer räumlichen Trennung vom Alkoholiker (Auszug, temporärer “Hinauswurf” des Kranken, Vermittlung des Kindes in ein Heim oder eine Pflegefamilie).

Diesen Ziele kann z.T. parallel, sich zeitlich überschneidend, oder auch chronologisch aufeinander folgend nachgegangen werden, je nach individuellem Fall, bzw. spezifischer Fallentwicklung.

Hat sich bezüglich eines bestimmten Kindes ein begründeter Verdacht auf eine Alkoholikerfamilie ergeben und ist der Betroffene selbst entweder nicht greifbar / erreichbar, bzw. ist eine auf ihn bezogene Intervention bereits einmal fehlgeschlagen, ist demnach der Ansatzpunkt für die Mitarbeiter der andere Elternteil. Um ihn, ausgerichtet auf die erwähnten Ziele, in sinnvoller Weise erreichen zu können, sind gewisse Strategien erforderlich. Diese sind teilweise den Strategien ähnlich, die auch hinsichtlich des Betroffenen selbst sinnvoll scheinen:

1. Entsprechendes Wissen (über Alkoholismus, insbesondere aber über Co-abhängigkeit) muss vorhanden sein, bzw. sich verschafft werden.

2.  Sofern noch nicht geschehen (und wenn hinsichtlich des vermuteten Gefährdungspotentials für das Kind noch zeitlich statthaft) muss ein Vertrauensverhältnis geschaffen oder intensiviert werden.

3. Wie schon weiter oben unter dem Stichwort “Erkennen gefährdeter Kinder” geschildert, sollte nun ein gut vorbereitetes Gespräch im geschützten Raum stattfinden. Diese Begegnung kann zum einen dazu dienen, die Vermutung, dass in der Familie des Kindes ein Alkoholiker lebt, zu bestätigen, zum anderen können in diesem Gespräch bereits Informationen gegeben und Hilfen angeboten werden. Die möglichen Zielrichtungen dieser Intervention wurden bereits angesprochen.

Sollte der Co-abhängige (noch) nicht fähig sein zu dem Problem zu stehen, ist er auf einfühlsame Weise mit den Tatsachen zu konfrontieren, ohne moralische Verurteilung, ohne Schuldzuweisungen, etc. Auch hier empfiehlt es sich sehr, ganz konkrete Fakten, Beobachtungen und schließlich Befürchtungen vorzubringen! Nur zu leicht lassen sich nämlich allgemeine “Vermutungen”, “Eindrücke”, u.ä. bagatellisieren und verharmlosen.

Sobald die Krankheit des Partners eingestanden werden kann, bzw. wird, ist wieder der Rückgriff auf die Klientenzentrierte Gesprächsführung hilfreich, hier kann sich der Co-abhängige erst einmal einiges “von der Seele reden”. Kein auch nur grober Überblick über diese Art der Führung von Gesprächen kann hier gegeben werden, dies würde den vorgegebenen Rahmen in mehrfacher Hinsicht sprengen, auf entsprechende Fachliteratur und Weiterbildungs- angebote ist deshalb zu verweisen. Dennoch sollen, quasi als Illustration, die drei empfohlenen Grundhaltungen (bzw. Methoden) des “Gesprächsführers” genannt sein:

1) Positive Wertschätzung und emotionale Wärme

2) Verbalisierung emotionaler Erlebnisinhalte/Verstehen (“Spiegelung”)

3) Echtheit und Ehrlichkeit (Selbstkongruenz)

   (cf. u.a. Rechtien,W.;1988,S.122 folgende/S.174 folgende).

Gelingt es auf diesem Wege dem Angehörigen reale Hilfen zu vermitteln, können sich -nach einer Reihe von Gesprächen und in Zusammenwirken mit Anderen- echte Verbesserungen für das betroffene Kind ergeben. Denn wenn der Alkoholiker auf diesem “Umweg” in eine (wie auch immer geartete) Therapie vermittelt werden kann, oder wenn sich der mitbetroffene Elternteil zusammen mit dem Kind zu einer (vorübergehenden) räumlichen Trennung entschließt, ist bereits viel gewonnen: akute Krisensituationen werden vermieden und mittelfristige Perspektiven für eine “trockene Familie” tun sich auf.

Den dritten möglichen Ansatzpunkt für positives Wirken schließlich bietet das Kind selbst und zwar in mehrfacher Hinsicht. Dies soll im nächsten Abschnitt näher erläutert werden.

3.5.3 Das Kind

 

Einen Einstieg in das Thema gibt ein Zitat von Bertling, in dem anhand des Feldes “Schule” geschildert wird, dass und warum es für den Lehrer wichtig ist, sich mit dem Thema “Alkoholikerfamilien” auseinanderzusetzen:

“Auswirkungen des Lehrerverhaltens auf die mitbetroffenen Kinder alkoholkranker Eltern ... Der Lehrer kann mit seiner Persönlichkeit und seinem Verhalten großen Einfluss auf die Sozialisation und Schulleistungen aller Kinder und damit auch der Kinder aus Alkoholikerfamilien nehmen. Schüler ..., die aufgrund fehlender oder unzureichender Identifikationsmöglichkeiten in der Familie stärker den Lehrer als Identifikationsobjekt wahrnehmen und benötigen, werden zwangsläufig der Person des Lehrers und seinem Verhalten ihnen gegenüber eine ganz besondere Bedeutung zumessen. ... Beim Lehrer selbst erfordern diese Erwartungen ein hohes Maß an Sensibilität und gleichzeitig eine entsprechende Haltung dem jeweiligen Schüler gegenüber. ... Von daher ist es für den Lehrer besonders wichtig, aus dem Verhalten seiner Schüler die richtige soziale Indikation zu schlussfolgern, um sich dann beispielsweise über einen Schüler aus einer Alkoholikerfamilie sachkundig zu machen und ihm eine seiner Situation angemessene Aufmerksamkeit zukommen zu lassen. ... Sich über die physischen und psychischen Belastungen der mitbetroffenen Kinder alkoholkranker Eltern zu informieren, die sich je nach dem Krankheitsbild und dem daraus resultierenden Verhalten des alkoholkranken Elternteils unterschiedlich ausprägen, ist für den Kontakt zwischen dem Lehrer und dem mitbetroffenen Kind von Vorteil, .... Ist der Lehrer über die häusliche Situation des speziellen Schülers und deren Auswirkungen nicht informiert, führt dieses Unwissen möglicherweise zu unangemessenen Sanktionsmaßnahmen gegenüber den Verhaltensauffälligkeiten, wobei die eigentliche Ursache dafür (Kind eines Alkoholikers zu sein) jedoch nicht wahrgenommen wird. Die Folge hieraus kann ein Abfall in den Schulleistungen sein, der Frustrationen verursacht, die ihrerseits wiederum ein Absinken der Motivation bewirken können, welche unter Umständen in völliger Resignation endet. Der ‘Teufelskreis’ wäre damit perfekt.” (Bertling, A.A., 1993, S.137/138)

Zwar ist hier speziell der Bereich “Schule” angesprochen, die meisten Erkenntnisse und Feststellungen lassen sich nach Ansicht des Verfassers aber durchaus auf viele andere Einrichtungen und Institutionen übertragen, sei es im Bereich der Offenen Arbeit, auf Kindergärten / Horte, usw. Einzig der Faktor der “Schulleistungen” / Noten, u.ä. taucht in diesen anderen Feldern im engeren Sinne natürlich nicht direkt auf. Gut hervorgehoben wird in diesem Zitat, wie wichtig das Vorliegen entsprechenden Wissens ist, d.h. es muss bekannt sein, in welcher Situation sich das Kind wirklich befindet. Vorschläge für direkte Interventionen finden sich bei Bertling an dieser Stelle jedoch noch nicht.

Der Verfasser scheinen in Bezug auf das Kind verschiedene Maßnahmen / Interventionen sinnvoll, bzw. möglich. Diese sollen zunächst in der Übersicht als Stichworte dargestellt werden und anschließend näher erläutert werden. Folgenden -auch kombinierbare- Möglichkeiten bestehen:

-Wissen (schaffen)

-Erhöhte Aufmerksamkeit und fokussierte Wahrnehmung

-Gezieltes reagieren und eingehen auf das Rollenverhalten des Kindes

-Gesprächsangebote, Information, Beratung und Begleitung

-Notfalls (Einleiten der) Inobhutnahme/Herausnahme des Kindes.

 

Wissen (schaffen)

Dies ist natürlich keine Intervention im eigentlichen Sinne, sondern eine Voraussetzung für sinnvolles Eingreifen und Vermitteln. Der Vollständigkeit halber soll aber auch an dieser Stelle auf diese wichtige Basis des Handelns hingewiesen werden. Neben der Information über Sucht und Co-abhängigkeit muss hier zwingend auf die neueren Forschungsergebnisse und Praxiserfahrungen über “Kinder aus Alkoholikerfamilien” zugegriffen werden. Eben weil diese z.T. noch jüngeren Datums sind, ist es besonders wichtig, dieses Wissen fortlaufend zu aktualisieren.

  

Erhöhte Aufmerksamkeit und fokussierte Wahrnehmung

Auch diese Maßnahme ist wohl noch keine aktive Intervention im engeren Sinne und eher als interventionsvorbereitend einzustufen. Sie kann jedoch durchaus schon übergehen in eine Intensivierung des Vertrauensverhältnisses zu dem betroffenen Kind, bzw. mit dem Aufbau / Ausbau desselben parallel laufen. Eine erhöhte Aufmerksamkeit und eine gezieltere Wahrnehmung bezüglich des Kindes empfiehlt sich besonders dann, wenn Kontakte zum Alkoholiker selbst oder dem anderen Elternteil noch nicht aufgenommen wurden, bzw. wenn diese (vorerst) noch keine grundlegende Besserung der Situation in Aussicht stellen. Hier kann im Auge behalten werden, wie das Kind mit der bestehenden Konstellation (innerlich) umgeht und welche Art von Schäden sich bei ihm andeuteten oder verschlechtern. Ein gezielteres “darauf eingehen” wird so möglich. Weiterhin lässt sich so “im Auge behalten”, ob sich dramatische Zuspitzungen der häuslichen Probleme abzeichnen, was wiederum Kriseninterventionen nötig machen kann.

Verschiedene theoretische und praktische Hilfsmittel stehen für dieses Unternehmen zur Verfügung. Sie lehnen sich an die schon oben beschriebenen Mittel zur Identifikation von Kindern aus Alkoholikerfamilien an (z.B. Stichworttagebuch führen, Äußerungen anderer Kinder beachten, u.ä.). In beiden Fällen kann auch -bei Bedarf- auf verschiedene psychologische Beobachtungstechniken zurückgegriffen werden (strukturierte direkte Beobachtung, nicht-/ teilnehmende Beobachtung, etc.).

(Siehe hierzu: Innerhofer,P.; “4001 Verhaltensbeobachtung und Verhaltensanalyse”; FU/GH Hagen, 1984, insbesondere S. 45 - 51; sowie Fliegel, S.; Heyden, T.; “03289 Verhaltens-therapeutische Diagnostik” FU/GH Hagen,1992, z.B. S.41-54).
 

Gezieltes reagieren und eingehen auf das Rollenverhalten des Kindes

Am Anfang dieses Prozesses steht die schon erwähnte Schaffung oder Intensivierung des Vertrauensverhältnisses zu dem speziellen Kind. Ist dieses gegeben, bzw. ausreichend geschaffen worden, sollte gezielt auf das individuelle Rollenverhalten eingegangen werden. Rollen an sich sind nichts negatives, wir alle spielen sie tagtäglich in mehrfacher Hinsicht (vergl. DAHRENDORF, et.al.). Eine Rolle kann jedoch, wird sie überwiegend aus einer permanenten Notsituation heraus und dazu noch völlig unfreiwillig übernommen, auch sehr negative Auswirkungen haben und später zu Folgeschäden führen (siehe obiges Schema von Wegschneider-Cruse, 1985).

Rollen lassen sich (in Übereinstimmung mit MEAD) definieren als “stetige, einzelnen Personen zugeschriebene und von diesen übernommene soziale Verhaltensweisen und Deutungsmuster”, bzw. als Zuschreibungen, die durch Interaktion mit signifikanten, definitionsmächtigen Personen erfolgen. Das bedeutet auch, dass diese Rollen nicht unveränderlich sind, dass Fixierungen abgebaut und allzu starre Ausrichtungen “aufgeweicht” werden können. Der Held muss nicht immer heldenhaft sein, er darf auch Schwäche(n) zeigen, darf weinen und darf Spaß empfinden. Dem Sündenbock lässt sich trotz seiner Feindseligkeit freundlich gegenübertreten, zwar muss er für seine Verfehlungen auch weiterhin die Verantwortung übernehmen, aber ihm lässt sich auch Aufmerksamkeit widmen, wenn er einmal nichts “anstellt”. Das Verlorene Kind muss bemerkt werden, es kann in die Gruppe integriert werden, Ermutigungen können es zu Aktivitäten motivieren. Das Maskottchen schließlich sollte nicht zu sehr in seinen Scherzen bestärkt werden, ernsthafte Beschäftigungen und Gespräche müssen an diesen “Clown” herangetragen werden, etc. Allen diesen Kindern sollte das Erleben von kontrollierbaren Situationen möglich gemacht werden, sie müssen wieder ein eigenes “Fähig-sein” erfahren und echte Handlungskompetenzen erwerben können. Ziel ist sinnvollerweise immer, ein positve(re)s Selbstbild bei Ihnen zu fördern und zu schaffen.

Wird gezielt, intensiv und versehen mit ausreichendem Hintergrundwissen auf die Rollen der Kinder aus Alkoholikerfamilien reagiert, kann viel Gutes erreicht werden. Eine kontinuierliche diesbezügliche Arbeit kann ihnen helfen konstruktiver und flexibler zu leben und zu überleben.

Mancherlei ist hierbei zu beachten. Einige Kinder spielen mehrere dieser unguten Rollen gleichzeitig, bzw. alternierend oder wechseln im Zeitverlauf von der einen zu einer anderen (im Endeffekt ebenso wenig tauglichen) Überlebensstrategie. Wahl und Intensität einer Rolle können unbewusst durch die Stellung des Kindes in der Geschwisterreihe beeinflusst sein, so kann also die Geburt eines neuen Geschwisterkindes oder der Weggang z.B. des älteren Bruders aus der Familie Verhaltensverschiebungen generieren.

Ausgearbeitete Vorschläge für die je nach eingenommener Rolle unterschiedlich zu gestaltenden Verhaltensstrategien des Pädagogen zu machen, ist an dieser Stelle u.a. aus Platzgründen nicht möglich, aber wohl auch nicht unbedingt erforderlich. Der (Sonder-) Pädagoge ist eine hochqualifizierte Fachkraft, dem die eigenständige Erarbeitung und Umsetzung entsprechender Handlungspläne durchaus möglich ist.  

Schon an dieser Stelle sei darauf hingewiesen, dass die hier vorgeschlagenen Maßnahmen stets nur eingebettet in weitere Versuche, die Situation der Familie grundsätzlich zu verbessern, durchgeführt werden sollten. Bliebe es nämlich rein und ausschließlich bei diesem Ansatzpunkt, wäre die vorgeschlagene konstruktive Arbeit mit den “Not-Rollen” der Kinder ein reines “Herumkurieren” an Symptomen, zu viele Risiken würden unverändert bestehen bleiben.

 

Gesprächsangebote, Information, Beratung und Begleitung

Das Alter des Kindes determiniert in mancher Hinsicht die Art der Hilfe die ihm gegeben, bzw. angeboten werden kann und stellt damit eine diesbezüglich intervenierende Variable dar.

Dies wird u.a. dann deutlich, wenn es um Information, Beratung und Hilfen außerhalb der eigenen Einrichtung geht. Ist das Kind noch jünger, werden in Bezug auf Hilfen wohl eher Faktoren wie das eben geschilderte “konstruktive Arbeiten mit den Rollen” und indirekte Interventionen (über den Alkoholiker / den anderen Elternteil) im Vordergrund stehen müssen. Der Verfasser hält aus seiner Erfahrung heraus ab einem Lebensalter von ca. 10 Jahren (je nach Reife, etc.) auch direktere Interventionen für möglich. So kann dem Kind klar gesagt werden, dass man -soweit irgend möglich- jederzeit für hilfreiche Gespräche in geschütztem Raum zur Verfügung steht. Es kann auch in altersgerechter Form über die Krankheit Alkoholismus sachlich informiert werden, was für das Kind mehr Verständnis und auch Trost bedeuten kann. Die intellektuellen Fähigkeiten des Kindes sollten an diesem Punkt nicht unterschätzt werden!

Wie weit das Gesprächsangebot an das Kind geht, muss sicherlich jeder Pädagoge zunächst einmal “mit sich selbst ausmachen”, bzw. im Team und mit Fachleuten eine Entscheidung hierüber finden. Alkoholikerfamilien stellen eine “kritische Masse” dar, krisenhafte Zuspitzungen (gewalttätiger Streit, Misshandlungen, ...) sind nie ganz auszuschließen und halten sich nicht an die Öffnungszeiten pädagogischer Institutionen. So bleibt -wie gesagt- zu entscheiden, ob und welcher Mitarbeiter dem Kind seine private Telefonnummer / Adresse ausnahmsweise zur Verfügung stellt. Diese Frage ist eine durchaus heikle, sie soll hier nicht abschließend beantwortet werden.

Im Bereich “Information / Beratung” ist es auch möglich dem Kind andere, externe Stellen zu nennen. Ein Beispiel hierfür sind so genannte “Sorgentelefone”, die “Nummer gegen Kummer”, u.ä. Unter -teils bundesweit- eingerichteten Rufnummern können sich (ältere) Kinder und Jugendliche (wenn gewünscht anonym) über verschiedenste Nöte aussprechen. Inwiefern diese Angebote genutzt werden, entzieht sich der Kenntnis des Verfassers, jedoch sollte sicher jedes greifbare Angebot (besonders wenn es wie dieses methodisch etwas anders ansetzt) auch tatsächlich an die Kinder herangetragen werden. Je mehr Möglichkeiten Hilfe anzunehmen geschaffen und bekannt gemacht werden (Methodenvielfalt) desto höher ist mutmaßlich auch der Prozentsatz des Klientels, der dann tatsächlich wirkliche Hilfe findet.   

Im Bereich “Beratung / Begleitung” ist u.a. an fachspezifische Beratungsstellen, an spezielle Dienste des Jugendamtes (s.u.) und ähnliches zu denken. Älteren Kindern und Jugendlichen können diese Stellen genannt werden (Namen, Sprechzeiten, Adresse und Telefonnummer aufschreiben) und sie können (Stichwort “Schwellenangst”!) anfangs dorthin begleitet werden.

Eine äußerst begrüßenswerte Institution in diesem Hilfebereich bilden die sog. “Alateen”. Die prinzipiell bundesweit vertretenen Gruppen arbeitet nach den Grundsätzen der Anonymen Alkoholiker und der Al-Anon.

Diese Einrichtung scheint dem Verfasser so wichtig, dass er -ungeachtet der “Unwissenschaftlichkeit” dieser Quelle- anhand eines Faltblattes der Organisation diese näher vorstellen möchte:

Alateen ist: eine Gemeinschaft von jugendlichen Al-Anons, etwa zwischen Zehn und Zwanzig, deren Leben durch das Trinken eines anderen beeinträchtigt worden ist.

Aufgaben von Alateen: Junge Leute kommen zusammen: um Erfahrung, Kraft und Hoffnung miteinander zu teilen; um über ihre Schwierigkeiten zu reden; - um einen wirksamen Weg zu finden, mit ihren Problemen fertigzuwerden; - um sich gegenseitig zu ermutigen; - um miteinander die Prinzipien des Al-Anon Programms verstehen zu lernen.  ..... Sponsorschaft: Jede Alateen-Gruppe braucht einen erfahrenen erwachsenen Al-Anon als Sponsor. Der Sponsor nimmt aktiv an der Gruppe teil. Er gibt sein Wissen über unsere Zwölf Schritte und Traditionen an die Gruppe weiter. Außerdem kann sich jeder Alateen für einen persönlichen Sponsor entscheiden; dieser Sponsor ist ein anderer Alateen oder ein Al-Anon. Wo Alateens sich treffen: Alateens treffen sich in Gemeinde- oder Schulräumen oder an anderen geeigneten Orten (oft im selben Gebäude wie eine Al- Anon Gruppe, jedoch in einem eigenen Raum).” (Al-Anon, Faltblatt Best.-Nr. 708 (P41), © 1984.)

Der Verfasser ist im Laufe seiner “Suchtkarriere” relativ selten in engeren Kontakt mit den AA und Al-Anon gekommen und bevorzugt deren Ausrichtung auch eher nicht (die Orientierung lag bei ihm mehr in Richtung “Blaues Kreuz” / “freie” Gruppen). Erfahrungsgemäß leisten diese Gemeinschaften aber für sehr viele Menschen außerordentlich positives. Darüber hinaus bietet wohl auch kaum eine andere der großen Selbsthilfeorganisationen ähnliche Dienste an (einige Ansätze, etwa des “Kreuzbund” sind zwar bekannt, diese sind aber bei weitem nicht “flächendeckend”). Dennoch kann, je nach Region, eine Nachfrage natürlich lohnend sein!

Für den pädagogischen Mitarbeiter bedeutet das, dass er über entsprechende Stellen im Einzugsgebiet der Einrichtung Bescheid wissen muss, sehr zu empfehlen ist auch das Herstellen persönlicher Kontakte.

Abschließend kann bemerkt werden, dass diese Art der Intervention sich besonders dann empfiehlt, wenn bisher (noch) kein Elternteil ernsthaft zur Kooperation gewonnen werden konnte. Ist dies aber der Fall, sollte natürlich trotzdem nicht auf entsprechende Aktivitäten verzichtet werden. Sie können dann -im günstigen Fall- in Absprache und zusätzlich zu anderen Maßnahmen verfolgt werden.

 

Notfalls (Einleiten der) Inobhutnahme/Herausnahme des Kindes

Die oben erläuterten Informations- und Begleitungsmaßnahmen eignen sich insbesondere für ältere Kinder und Jugendliche. Bei jüngeren Kindern hingegen ist derlei oft schwer oder gar nicht zu realisieren. Aufgrund der größeren Verletzbarkeit und Hilflosigkeit jüngerer Kinder kann hier weiterhin das Potential physischer Gefährdung relativ groß sein (Auswirkungen von Verwahrlosung, Minder-/Fehlernährung, von Gewalt, usw.)

So können gesetzliche Zwangsmaßnahmen (oder zumindest ihre Ankündigung) in den Bereich des sinnvollen, ja evtl. sogar Not-wendigen rücken.

Vor diesen  Zwangsmaßnahmen kann allerdings noch eine ganze Reihe von (eher) freiwilligen Angeboten liegen, die der Gesetzgeber vorsieht. Die gesetzliche Grundlage hierzu bietet wieder das KJHG. Diesen Kanon von Möglichkeiten gilt es (ggf. in Kooperation mit spezifischer informierten Fachleuten) auszuloten und an den Alkoholiker, bzw. insbesondere den anderen Elternteil heranzutragen. Je nach den Besonderheiten des Einzelfalles wird sich hier der eine oder andere sinnvolle Ansatzpunkt ergeben. Beispiel: Die Mutter eines jüngeren Kindes ist Alkoholikerin, der Vater ist ganztags berufstätig. Die Mutter “schwankt”, ob sie eine mehrmonatige Therapie antreten soll (“Wer soll denn das Kind versorgen...?”). Hier ließen sich aufgrund des § 20, KJHG “Betreuung und Versorgung des Kindes in Notsituationen” Hilfen schaffen. Es heißt hier nämlich:

“(1) Fällt der Elternteil, der die überwiegende Betreuung des Kindes übernommen hat, für die Wahrnehmung dieser Aufgabe aus gesundheitlichen oder anderen zwingenden Gründen aus, so soll der andere Elternteil bei der Betreuung und Versorgung des im Haushalt lebenden Kindes unterstützt werden,...”

 

Ähnliche z.T. auch ganz andere Ansatzpunkte finden sich in mehreren Paragraphen des KJHG, die aber hier nur noch stichwortartig genannt werden sollen:

 

§ 17. Beratung in Fragen der Partnerschaft, Trennung und Scheidung.

§ 18. Beratung und Unterstützung bei der Ausübung der Personensorge.

§ 19. Gemeinsame Wohnformen für Mütter/Väter und Kinder.

§ 20. Betreuung und Versorgung des Kindes in Notsituationen.

§ 27. Hilfe zur Erziehung.

§ 28. Erziehungsberatung.

§ 29. Soziale Gruppenarbeit.

§ 30. Erziehungsbeistand, Betreuungshelfer.

§ 31. Sozialpädagogische Familienhilfe.

§ 32. Erziehung in einer Tagesgruppe.

§ 33. Vollzeitpflege.

§ 34. Heimerziehung, sonstige betreute Wohnform.

§ 35. Intensive sozialpädagogische Einzelbetreuung.

§ 35a. Eingliederungshilfe für seelisch behinderte Kinder und Jugendliche.

§ 41. Hilfe für junge Volljährige, Nachbetreuung.

 

Die konkrete Prüfung der speziellen Relevanz bleibt hier wieder der pädagogischen Fachkraft “vor Ort” überlassen, wobei durch diese doch recht eindrucksvolle Auflistung von Möglichkeiten klar wird, dass auch im Bereich der gesetzlichen Bestimmungen viel Information und Wissen zu erarbeiten ist.

Paßt” jedoch keiner dieser Ansatzpunkte, ist notfalls an die Inobhutnahme/Herausnahme des Kindes zu denken. Grundsätzlich lassen sich hier zwei verschiedene Konstellationsarten annehmen, von denen ausgehend sich entsprechende Notwendigkeiten ergeben können:

--Das (jüngere) Kind scheint eher stärker gefährdet, der Alkoholiker ist allein erziehend und nicht kooperativ, bzw. beide Eltern sind betroffen und unkooperativ, -oder: der andere Elternteil ist zwar nicht selbst betroffen, aber ebenso wenig kooperativ wie der Alkoholiker selbst.

--Der nicht betroffene Elternteil will (für sich und das gefährdete Kind) eine räumliche Trennung, die aber schwierig und problematisch ist (unterschiedliche Gründe sind hierfür möglich), der Alkoholiker selbst ist unkooperativ.

Im ersten Fall lastet eine recht hohe Verantwortung auf dem jeweils mit dem Kind und der Problematik befassten Mitarbeiter. Es besteht keine Bereitschaft zur Zusammenarbeit, das Kind ist gefährdet -und insofern besteht eine Pflicht für sein Wohl aktiv zu werden, andererseits haben Zwangsmaßnahmen eine Reihe von Nachteilen (Unfreiwilligkeit, Trennungsschock, etc.).

Auch hier kann wieder einmal nur geraten werden Teamgespräche, Supervision und das Gespräch mit anderen Fachleuten und Menschen allgemein zu suchen, um zu einer fundierten Entscheidung zu kommen. Der Mitarbeiter in der pädagogischen Einrichtung in der das Kind auffällig wurde, entscheidet andererseits in der Regel nicht selbst über die Inobhutnahme / Herausnahme eines Kindes aus seiner Familie. Er kann aber bei den entsprechenden Stellen den Vorschlag hierzu machen. Drohungen sind sicher fast immer ein schlechtes Mittel, um Zusammenarbeit herzustellen. In diesem Fall jedoch muss bei Gefährdung des Kindeswohles ohnehin gehandelt werden. Daher sollte dem (oder den) Alkoholiker/n vor der Durchführung der Maßnahme rechtzeitig bekannt gegeben werden, dass man einen entsprechenden Vorschlag erwägt und ihn -blei unverändert bleibender Situation- auch vorbringen wird.

Etwas anders kann sich das Vorgehen im zweiten Fall gestalten. Hier kooperiert der nicht betroffene Elternteil, der Alkoholiker selbst jedoch “macht Schwierigkeiten”. Die Anwendung der entsprechenden gesetzlichen Möglichkeiten kann hier demnach eine echte Hilfestellung für den anderen Elternteil und das Kind sein. Eine entsprechende Beratung und ggf. Begleitung ist also sinnvoll und angebracht.

Es sollen zur näheren Bestimmung hier keine Beispiele gebildet werden. Einerseits lassen sich diese, basierend auf dem bisher gesagten, wohl ohnehin vorstellen, andererseits ergeben sich hierzu auch einige Hinweise aus dem zugrunde liegenden Gesetzestext selbst, der im folgenden auszugsweise zitiert werden soll:

 

Ҥ42 Inobhutnahme

(1) Inobhutnahme eines Kindes oder eines Jugendlichen ist die  vorläufige Unterbringung des Kindes oder des Jugendlichen bei

1. einer geeigneten Person oder 2. in einer Einrichtung oder 3. in einer sonstigen betreuten Wohnform. ... Während der Inobhutnahme übt das Jugendamt das Recht der Beaufsichtigung, Erziehung und Aufenthaltsbestimmung aus; der mutmaßliche Wille des Personensorgeberechtigten oder des Erziehungsberechtigten ist dabei angemessen zu berücksichtigen. Es hat für das Wohl des Kindes oder des Jugendlichen zu sorgen, das Kind oder den Jugendlichen in seiner gegenwärtigen Lage zu beraten und Möglichkeiten der Hilfe und Unterstützung aufzuzeigen.

(2) Das Jugendamt ist verpflichtet, ein Kind oder einen Jugendlichen in seine Obhut zu nehmen, wenn das Kind oder der Jugendliche um Obhut bittet. Das Jugendamt hat den Personensorge- oder Erziehungsberechtigten unverzüglich von der Inobhutnahme zu unterrichten. Widerspricht der Personen- oder Erziehungsberechtigte der Inobhutnahme, so hat das Jugendamt unverzüglich 1. das Kind oder den Jugendlichen dem Personensorge- oder Erziehungsberechtigten zu übergeben oder 2. eine Entscheidung des Vormundschaftsgerichts über die erforderlichen Maßnahmen zum Wohl des Kindes oder des Jugendlichen herbeizuführen. ...

(3) Das Jugendamt ist verpflichtet, ein Kind oder einen Jugendlichen in seine Obhut zu nehmen, wenn eine dringende Gefahr für das Wohl des Kindes oder des Jugendlichen die Inobhutnahme erfordert. ...

 

§43 Herausnahme des Kindes oder des Jugendlichen ohne Zustimmung des Personensorgeberechtigten

(1) Hält sich ein Kind oder ein Jugendlicher mit Zustimmung des Personensorgeberechtigten bei einer anderen Person oder in einer Einrichtung auf und werden Tatsachen bekannt, die die Annahme rechtfertigen, dass die Voraussetzungen des § 1666 des bürgerlichen Gesetzbuchs vorliegen, so ist das Jugendamt bei Gefahr im Verzug befugt, das Kind oder den Jugendlichen von dort zu entfernen und bei einer geeigneten Person, in einer Einrichtung oder in einer sonstigen betreuten Wohnform vorläufig unterzubringen. Das Jugendamt hat den Personensorgeberechtigten unverzüglich von den getroffenen Maßnahmen zu unterrichten. Stimmt der Personensorgeberechtigte nicht zu, so hat das Jugendamt unverzüglich eine Entscheidung des Vormundschaftsgerichts herbeizuführen. ...”

(Topware (Hrg.); CD-ROM “Abschnitt KJHG”, 1996)  (Unterstreichungen: Verfasser)

Verwiesen wird hier u.a. auf das Bürgerliche Gesetzbuch (BGB). Der entsprechende Paragraph lautet:

“BGB  1666.  (1) Wird das körperliche, geistige oder seelische Wohl des Kindes durch  missbräuchliche Ausübung der elterlichen Sorge, durch Vernachlässigung des Kindes, durch unverschuldetes Versagen der Eltern oder durch das Verhalten eines Dritten gefährdet, so hat das Vormundschaftsgericht, wenn die Eltern nicht gewillt oder nicht in der Lage sind, die Gefahr abzuwenden, die zur Abwendung der Gefahr erforderlichen Maßnahmen zu treffen. Das Gericht kann auch Maßnahmen mit Wirkung gegen einen Dritten treffen.

(2) Das Gericht kann Erklärungen der Eltern oder eines Elternteils ersetzen. ...”

 

Damit soll die Schilderung der am Kind selbst ansetzenden Interventionsmöglichkeiten abgeschlossen werden, dies aber nicht ohne den Hinweis, dass auch hier die Maßnahmen teils parallel, teils nacheinander oder auch sinnvoll kombiniert stattzufinden haben -je nach den realen Erfordernissen des individuellen Einzelfalles!

 

3.6 Notwendigkeit interdisziplinären/konkret vernetzten Arbeitens

 

Gegen Ende dieser Arbeit soll noch einmal hervorgehoben werden, dass es dem Verfasser wichtig erscheint, dass zum Wohle des Kindes alle nötigen Personen und Institutionen miteinander kooperieren. In psychologischer Hinsicht ist es hierzu wichtig, dass bei Mitarbeitern und Funktionsträgern ein “Geist, der Trennendes überwindet” entwickelt wird. Wissenschaftliche und praktische Interdisziplinarität sollte, wo möglich und nötig, geübt werden.

Allgemein formuliert und diesbezüglich u.a. angelehnt an Speck (1994,S.34-54) lässt sich diese Forderung so näher bestimmen:

1) Die speziellen Erziehungserfordernisse von Kindern aus Alkoholikerfamilien können im Endeffekt durch isoliert arbeitende pädagogische Einrichtungen / Institutionen nicht professionell abgedeckt werden. Spezifisch ausgebildete Pädagogen können immer nur für Teilgruppen von Kindern hohe Kompetenz besitzen; auf der anderen Seiten können “Allrounder” (z.B. in der Offenen Arbeit) stets nur für die “um den jeweiligen Durchschnitt herum” gruppierten Kindern eine adäquate Qualifikation aufweisen.

 2) Gefragt ist demnach gegenseitige Ergänzung! Neben Detailwissen wird immer wichtiger das Zusammenhangswissen! Mit Erkenntnissen benachbarter (sonder-)pädagogischer und wissenschaftlicher Disziplinen muss sich intensiv und kontinuierlich auseinandergesetzt werden, wobei ein Umdenken  mit Blick auf das Ganze gefordert ist.

3) Der je eigene Fachansatz bleibt hierbei selbstverständlich bestehen! Interdisziplinarität soll keine Vermengung von Teilansichten darstellen, sondern eine Bereicherung aller Beteiligten hervorbringen. Aktive Kooperation und gegenseitige Respektierung von Autonomie sind hierbei unabdingbar, denn Arbeitsklima und Arbeitseffektivität sind von diesem Respekt gleichermaßen abhängig!

4) Die Erfahrung zeigt, dass dies in der Praxis auf Schwierigkeiten stößt. Die Gründe hierfür liegen in einer größeren fachlichen Beanspruchung und -nicht zuletzt- in der Organisierbarkeit. Die nötige Zusammenarbeit muss in mancherlei Hinsicht erst (mühsam) erlernt werden.

Insbesondere die praktischen Probleme sollten hierbei nicht unterschätzt werden! Jede Schule, jedes Jugendhaus, jede Einrichtung verfügt nur über einen (meist knappen) Personalschlüssel, die Zahl der einsetzbaren Wochenstunden ist eng begrenzt. Aufbau und Pflege von Kontakten, Kooperation, “Vernetzungstreffen”, u.ä. kosten aber Zeit und erfordern zusätzlich oft noch die Überwindung von -teils “historisch gewachsenen”- Ressentiments gegen anders spezialisierte Kollegen und Fachleute.

Alle Vorbehalte und jeglicher Fachegoismus müssen aber zum Wohle des Kindes überwunden werden. Nur durch die Schaffung realer (synergistischer) Positiv-Effekte kann es zur Hervorbringung wahrhaft hilfreicher Mesosysteme kommen (cf.: Bronfenbrenner, 1981).

 

Konkret angesprochen sind in diesem Sinne vor allem folgende Einrichtungen:

 

·       Kindergärten /-Horte / -Tagesstätten

·       allgemeine Schulen (aller Ausrichtungen)

·       Sonderschulen (verschiedener Ausrichtungen)

·       Einrichtungen der offenen Kinder-/Jugendarbeit

·       (Kinder-)Ärzte

·       sozialpädagogische (Spezial-)Dienste

·       mobile sonderpädagogische Dienste / Frühförderstellen

·       Suchthilfestellen (Beratungsstellen, Selbsthilfegruppen)

·       Fachdienste des Jugendamtes (Allgemeine/r-/Soziale/r Dienst/e)

·       Kinderschutzbund

·       Frauenhäuser

·       und ähnliche

 

In dieser Auflistung finden sich die (pädagogischen) Institutionen und Einrichtungen wieder, in denen gefährdete Kinder und Jugendliche aus Alkoholikerfamilien sich bewegen (können), in denen somit die Begegnung des Mitarbeiters mit ihnen stattfindet. Darüber hinaus aber finden sich z.B. auch Ärzte, Einrichtungen der Suchtkrankenhilfe und besondere Institutionen, die in speziell diesem Problemfeld hilfreich sein können -je nach Lage des individuellen Falles.

Systemtheoretische Ansätze gehen davon aus, dass eine “Vernetzung der verschiedenen Dienste” eine unabdingbare Notwendigkeit für die Heil-/Sonderpädagogik ist. Ähnliches nimmt der Verfasser auch für die in dieser Arbeit behandelte Problemgruppe an, wobei die diesbezüglichen Schwierigkeiten weiter oben schon benannt wurden. Intensive, aktive Kooperation und der Aufbau von Vernetzungsstrukturen bleibt demnach eine wichtige und nicht leichte Aufgabe in Gegenwart und Zukunft. Die praktische “Knüpfung” eines Netzes kann unterschiedlich aussehen. Denkbar wären z.B. regelmäßige “große” Treffen, bei denen möglichst viele verschiedene Fachleute und Helfer zum Informationsaustausch, etc. zusammenkommen, wobei diese Zusammenkünfte in jeweils einer anderen der Teilnehmereinrichtungen stattfinden. Ein weiterer Ansatz wären “schneeballähnliche” Systeme, d.h. Einrichtung “A” kooperiert besonders intensiv mit Einrichtung “B” und “C”; Einrichtung “B” arbeitet insbesondere mit “C” und “D” zusammen, und so fort. Derartige Strukturen bestehen in der Praxis natürlich schon, dies aus praktischen Erwägungen, institutionellen Vorgaben und historischer Entwicklung heraus. Es gälte also “nur”, dies “auszubauen” und sich der hierdurch auftuenden Möglichkeiten bewusster zu bedienen. Das bedeutet beispielsweise: Einrichtung “C” muss in regelmäßiger, strukturierter Form der Einrichtung “A” über die Tätigkeiten und Optionen der Institutionen berichten, mit denen “C”, aber nicht “A” eng kooperiert (wobei “A” natürlich umgekehrt dasselbe leisten muss), usw.

Am günstigsten wäre vermutlich eine Kombination beider Ansätze, wobei die reale Durchführung und das Finden noch ganz anderer Strategien letztlich der Kreativität und dem Engagement der Mitarbeiter “vor Ort” überlassen bleibt.

Gelingt dies, so wird ökologisch gesehen ein pädagogisch geprägtes Mesosystem (also ein Systemverbund von Mikrosystemen) hervorgebracht, dass zwar eine andere, größere Komplexität aufweist und zugleich neu strukturiert ist, welches aber den speziellen (Erziehungs-)

bedürfnissen der Kinder aus Alkoholikerfamilien besser angepasst ist.

Nicht vergessen werden soll hierbei, dass eine der neuen Aufgaben dabei auch die Auseinandersetzung mit größeren Systemen (Supra-Systemen) ist. Die Stichworte lauten hier (angelehnt an HUSCHKE-RHEIN): “Medien”, “Wissenschaft”, “Wirtschaft”,  “Sozialpolitik”,  “Wertesysteme”, usw.  Übergreifende Zwecke und Sinngehalte werden hier formuliert und transferiert, dies zwingt nicht nur “Theoretiker” und Wissenschaftler, sondern auch den praktischen “Mitarbeiter am Kind” dazu, Stellung zu beziehen und ggf. Konsequenzen zu ziehen.

Letzten Endes ist von einer Interaktion und (partiellen) Interdependenz aller gesellschaftlichen Faktoren und (Sub-)systeme auszugehen, die -wo praktikabel und sinnvoll- berücksichtigt werden muss. Zumindest eine entsprechende Bewusstheit sollte vorhanden sein.

Abschließend will der Verfasser der Vermutung Ausdruck geben, dass die Chancen zum Aufbau von kooperativen und vernetzten Strukturen z.Zt. recht gut stehen. Denn auch “höheren Ortes”, sprich in Bezug auf die Träger und Finanzgeber (sonder-)pädagogischer Einrichtungen und Maßnahmen findet sich (teils versehen mit variiertem Vokabular) Unterstützung hierfür. Der Grund für diese Zustimmung ist dabei sicher nicht nur in der Einsicht in die bessere Fachlichkeit des neueren Ansatzes zu sehen. Versprochen wird sich nämlich von einer entsprechenden Förderung (angesichts “knapper Kassen”) u.a., dass “Doppelbetreuungen vermieden werden” und allgemein “wirtschaftlicher gearbeitet” wird.

 

4. Resümee

 

Ausgehend von der Darstellung seiner persönlichen Betroffenheit und seines beruflichen Hintergrundes  hat der Verfasser zunächst versucht einen Überblick über verschiedene Teilgebiete zu geben. Angesprochen wurden die Krankheit Alkoholismus, die Erscheinungsformen und Auswirkungen der Co-Abhängigkeit, sowie die Risiken und Gefahren für Kinder aus Alkoholikerfamilien. Hierbei wurde möglichst auf gesichertes Wissen zurückgegriffen, im Falle der Risiken und Schäden für die Kinder ist dieses allerdings eher jüngeren Datums. Methodisch erfolgte die Darstellung relativ häufig in Form von Tabellen, Listen, u.ä. Rechtfertigen lässt sich ein solches Vorgehen durch die Tatsache, dass prägnant die wichtigsten Fakten vermittelt werden mussten, zur ausführlichen Diskussion von einzelnen Erkenntnissen fehlte schlicht der Platz.

Danach wurde sich den Grundlagen von Prävention und Intervention in pädagogischen Einrichtungen zugewandt. Eine dieser Voraussetzungen besteht in dem Wissen um Sucht und Co-Abhängigkeit, daher wurden nun einige Vorschläge für den Transfer dieses (und auch des später noch dargelegten) Wissens in die Praxis gemacht.

Eine weitere sehr wichtige Grundlage bildet die Fähigkeit, derart gefährdete Kinder möglichst sicher und frühzeitig zu identifizieren, so wurden im folgenden einige entsprechende Hinweise und Vorschläge formuliert.

Erst anschließend wurde versucht, die Begriffe “Prävention” und “Intervention” näher zu bestimmen und voneinander abzugrenzen. Dies gelang nur teilweise. Sowohl im Begriffsumfang, als auch in der Praxis dieser Felder zeigten sich zahlreiche Überschneidungen und parallele Gültigkeiten. So ordnete der Verfasser, möglicherweise willkürlich, den Terminus “Prävention” hauptsächlich der primären Suchtprävention in Bezug auf Kinder und Jugendliche zu. “Intervention” wurde dann operationalisiert in Richtung einer “Vermittlung”, oder auch “Einmischung” zugunsten von Kindern aus Alkoholikerfamilien hinsichtlich der ihnen in diesen Familien drohenden Gefahren und Risiken.

Die nähere Beschäftigung mit dem Thema Prävention bildete den nächsten Abschnitt. An die Aufschlüsselung des Begriffs schloss sich eine kurze Darlegung des aktuellen Paradigmas in der Primärprävention an. Persönliche Auffassungen des Verfassers flossen dabei mit ein. Eine kritische Würdigung offizieller Verlautbarungen bildete den Abschluss des Teilthemas.

Im folgenden Gliederungspunkt wurde sich mit möglichen Interventionen zugunsten der Kinder aus Alkoholikerfamilien beschäftigt, wobei die grobe Aufschlüsselung der potentiellen Strategien so aussah, dass Ansatzpunkte beim Alkoholiker, beim anderen Elternteil und beim Kind selbst gesehen wurden.

Den Abschluss bildete die Erläuterung und Betonung der Notwendigkeit interdisziplinären und vernetzten Arbeitens in diesem Problemfeld.

Einige Teilthemen, wie z.B. der Bereich “erwachsene Kinder aus Alkoholikerfamilien”, “Therapieformen und -verlauf”, usw. konnten nur am Rande, bzw. nur indirekt erwähnt werden.

Gesellschaftskritische Perspektiven wurden ebenfalls nur angedeutet. So wäre es sicherlich interessant, die Einflüsse die ein auf Leistung und Konsum ausgerichtetes System wie das unsere auf Suchtentstehung, Prävention und Therapie hat, näher zu untersuchen.

Der Kernpunkt der Arbeit ist die Hilfe für Kinder, in deren Familie (mindestens) ein Alkoholiker lebt. So soll ein ganz praktisches Resümee auch speziell unter dieser Perspektive gezogen werden. Die zusammenfassende Darstellung lehnt sich in einigen Punkten und im weitesten Sinne an eine Aufstellung von Ursula Enders (1990, S.134/135) zum Thema “Sexueller Kindesmissbrauch” an (ein Problemfeld, das ja durchaus Überschneidung zum vorliegenden aufweist):

 

Was kann ich tun, wenn ich einen Alkoholkranken in der Familie eines Kindes vermute?

---Vorweg: Sich -falls nötig- (theoretisches und konkretes) Wissen verschaffen.---

1. Ruhe bewahren, überhastetes Eingreifen kann schädlich sein (Abwiegeln mit anschließendem “aus dem Felde gehen” / endgültiges Ausweichen, Trotzreaktionen, ...).

2. Kollegen, oder andere Vertrauenspersonen suchen, mit denen man über die eigenen Beobachtungen, Unsicherheiten und Gefühle sprechen kann, bzw. dies im Team thematisieren.

3. Den Kontakt zu dem speziellen Kind vorsichtig intensivieren, um eine (noch) positive/re Beziehung herzustellen.

4. Das Kind immer wieder ermutigen, über Probleme und Gefühle zu sprechen.

5. In der Gruppe das Thema ,,gute und schlechte Geheimnisse” erarbeiten. (Gute Geheimnisse machen Spaß; alle Geheimnisse, die schlechte, komische oder schreckliche Gefühle machen sind schlechte Geheimnisse. Über sie darf (muss) man sprechen.)

6. In der Gruppe (im Spiel, in geeigneten Unterrichtsfächern) das Thema Alkohol / Betrunkenheit vorsichtig ansprechen und damit signalisieren: ,,Ich weiß, dass es Eltern gibt, die viel trinken .. Mit mir könnt Ihr darüber reden... Ich weiß, dass Kinder sich in so einer Situation oft schlecht und verzweifelt fühlen.”

7. Mitarbeiter einer Selbsthilfeinitiative, einer Beratungsstelle o.ä. hinzuziehen, um mehr Sicherheit zu gewinnen.

8. Hinweise auf das Vorliegen einer “Alkoholikerfamilie” aufschreiben (Stichwortartiges Tagebuch über Verhaltensweisen des Kindes führen).

9. Wenn möglich, Kontakt zur Mutter / zum anderen Elternteil intensivieren, (z.B. Zusammenarbeit bei der Vorbereitung von Kindergartenfesten, Gespräche am Elternsprechtag, usw.), um die Vermutung zu prüfen und um ein besseres Vertrauensverhältnis aufzubauen.

10. Kontakt zum Jugendamt, bzw. zum jeweils zuständigen Fachdienst aufnehmen (ggf. ohne Namensnennung), z.B. wenn eine räumliche Trennung oder Herausnahme zur Diskussion steht.

11. Falls möglich, dem Betroffenen die Befürchtungen und Eindrücke klar und deutlich (Daten und Fakten!) zurückmelden / mitteilen (Moralisierungen und Drohungen vermeiden!). Dies sollte i.d.R. zu zweit geschehen. Hilfen in Form  der Nennung von regionalen Adressen, Telefonnummern und Ansprechpartnern können bei entsprechender positiver Reaktion angeboten werden.

12. Falls möglich dem nichtbetroffenen / mitbetroffenen Elternteil eine solche Rückmeldung geben und ihm konkrete Hilfen anbieten.

13. Mit dem Kind positiv arbeiten, seine Rolle(n) “aufweichen”; wachsam sein (Informationen über Verschlimmerung der Situation erfragen); ggf. konkrete Hilfen anbieten; schlimmstenfalls über eine Inobhutnahme/Herausnahme nachdenken, diese diskutieren und evtl. einleiten.

 

Diese Zusammenfassung richtet sich schwerpunktmäßig an Mitarbeiter pädagogischer und sonderpädagogischer Institutionen. Diese sind u.a. aufgefordert, stärker mit Einrichtungen der Suchtkrankenhilfe zusammenzuarbeiten und sich dort in fachlicher Hinsicht unterstützen zu lassen. Doch Konsequenzen ergeben sich nicht nur unter dieser Perspektive. Insbesondere  die “Systeme der Adressaten” von Suchthilfe (also die Selbsthilfe - Organisationen) -ebenso aber auch die entsprechenden Beratungsstellen- können von dieser Kooperation profitieren. “Mein Kind hat Gott sei Dank nichts gemerkt!” ist ein Satz, den man des Öfteren von “trocken gewordenen” Alkoholikern hört. Leider trifft er meist nicht zu und beruht eher auf Wunschdenken. Hier lassen sich also durch den Austausch von Wissen und Erfahrung verschiedene Arbeitsfelder noch in positiver Richtung weiterentwickeln.

Ein weiterer Einzelpunkt, der noch einmal besonders hervorgehoben werden soll, betrifft die Primärprävention. Hier ist zwar positiv zu vermerken, dass von der Abschreckungsstrategie vergangener Jahrzehnte abgerückt wurde und nun wesentlich differenzierter und realistischer an die Thematik herangegangen wird, jedoch ist andererseits in bestimmten Bereichen auch Vorsicht angebracht. Wie zu erkennen war, ist nicht jede groß angelegte Kampagne in diesem Bereich von ausreichender Fachlichkeit geprägt. Dies ist nicht unbedingt verwunderlich, zieht man in Betracht, dass mit der Vorbereitung und auch Teilen der Durchführung derartiger Veranstaltungsreihen Werbeagenturen beauftragt sind, für die eine Beschäftigung mit inhaltlichen Fragen -natürlich- entbehrlich erscheint. Mitarbeiter pädagogischer Einrichtungen sollten sich demnach kritisch damit auseinandersetzen, wenn das Ansinnen an Sie gestellt wird, sich an diesen Kampagnen zu beteiligen. (Dies kommt nach den Erfahrungen des Verfassers tatsächlich gelegentlich vor.) Eine entsprechende Teilnahme soll an dieser Stelle nicht rundweg abgelehnt werden, eine kritische und hinterfragende Attitüde scheint aber auf jeden Fall sehr angebracht.

Eine adäquatere Konzeptionierung und fachlich überarbeitete Präsentation solcher “Werbe-Aktionen” wäre in jedem Falle angebracht.. Noch sinnvoller wäre es aber zweifellos, die entsprechenden Gelder für die Finanzierung von Koordinatoren- / Multiplikatorenstellen im Präventionsbereich einzusetzen. An die Qualifikation und -insbesondere- die Fort- und Weiterbildung der Stelleninhaber sind hier jedoch besondere Ansprüche zu stellen. Zu den Aufgaben sollte neben der Vermittlung von Wissen an die Einrichtungen und Mitarbeiter u.a. gehören, die -neuerdings oft und zu Unrecht “geschmähte”- Beziehungsarbeit “vor Ort” bewusster zu machen und zu fördern.

 

Im Bereich der wissenschaftlichen Forschung lassen sich einige weitgehend offene Fragen formulieren, mit deren Beantwortung sich näher beschäftigt werden sollte (die Stichworten lauten hier “Katamnese”, bzw. “Evaluation”):

Die Alkoholikertypologie nach Feuerlein schlüsselt auf insbesondere in:

     -Gamma- Alkoholiker (Prozess-Trinker),

     -Delta- Alkoholiker (Spiegel-Trinker) und

     -Epsilon- Alkoholiker (Periodischer Trinker).

Wenn auch das “Endergebnis” (bei nicht gestopptem Krankheitsverlauf) bei allen Typen recht ähnlich ist (umfassende, progressive Schädigungen / vorzeitiger Tod), so ist doch der (meist langjährige) Krankheitsverlauf recht unterschiedlich. Die sich ergebende Frage kann also lauten:

 

·       “Gibt es  in Korrelation zum Typus des involvierten Alkoholikers signifikante Unterschiede hinsichtlich der Schäden die die Kinder erleiden? Wenn ja, welche?”

Intention der Frage ist natürlich, hier später -ggf.- spezielle, verbesserte Hilfen für die jeweiligen Kinder entwickeln zu können.

 

Eine andere Frage, die noch wesentlich umfassender als bisher beantwortet werden müsste, lautet:

 

·       “Inwieweit sind die den Kindern zugefügten Schäden reversibel, wenn der ‘Familienalkoholiker’ zu einer dauerhaft abstinenten Lebensweise findet? Wie lassen sich derartige Heilungsprozesse optimal fördern?”

(Diese Frage ist wohl insbesondere dann interessant, wenn das “Trocken-werden” des Süchtigen deutlich vor dem “Erwachsenwerden” des Kindes liegt.)

 

Abschließend soll noch einmal die bereits zitierte Mechthild Passerschröer zu Wort kommen, die über das Bundesmodell “Familienorientierte Arbeit mit Kindern und Jugendlichen alkoholabhängiger Eltern” berichtet und die teilweise zu ähnlichen Forderungen wie der Verfasser kommt:

 

“Gezielte Multiplikatorenarbeit und Fortbildung ist notwendig. Für unser Modellprojekt können wir sagen, dass durch vielfache Öffentlichkeitsarbeit nunmehr eine zunehmende Anzahl von Selbstmeldern zu verzeichnen ist. Die Arbeit mit Kindern aus Suchtfamilien darf nicht auf einem ehrenamtlichen Engagement beruhen oder das Hobby von einzelnen Mitarbeiterinnen darstellen. Hier ist Langfristigkeit unabdingbar. Gerade Kinder aus Suchtfamilien brauchen im Gegensatz zu ihrem Erleben in der Vergangenheit Konstanz in Beziehungen. Das heißt, wir brauchen in diesem Bereich langfristig gesicherte Arbeitsplätze. Dieses impliziert natürlich auch die Forderung nach finanziellen Mitteln für Personal- und Sachkosten.”

(Passerschröer, M., 1996, S.25)

 

Diesen Forderungen schließt sich der Verfasser -wie gesagt- uneingeschränkt an.

* *

__________________________________________________________________________

P.S.: Der Verfasser bittet um Verständnis für die durchgehend “männliche Schreibweise”, erfahrungsgemäß wird sein Schreibfluss durch anderes Vorgehen sehr gehemmt...   B.T.-B.
 

Quellen/Literatur

 

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Bundessozialgericht Grundsatzurteil vom 18. Juni 1968 (BSG 28,114; bzw. 3 RK 63/66).

 

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  Lambertus Freiburg i.B.,1993.

 

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Ministerium für Kultur, Jugend, Familie und Frauen Mainz (Hrg.); “Drogenkonferenz

  1996”; Müller/Stieber Waldböckelheim,1997.

 

Müller W., et al.; “Das Fremdwörterbuch”; DUDEN Mannheim/Wien/Zürich, 1982.

 

*Passerschröer,M.: s.o. (Ministerium für Kultur, Jugend, Familie und Frauen Mainz

  (Hrg.); “Kinder Suchtkranker”)!

 

Presse- und Informationsamt der Bundesregierung PIB (=Hrg./Red.: Schrötter, H.J.);

  “Politik gegen Drogen”; Verlag Kettler Bönen,1997.

 

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Rechtien,W.; “03273 Das nichtprofessionelle beratende Gespräch”; FU//GH Hagen,1988.

 

Reiners-Kröncke,W. (S.31-gezählt!). Angaben soweit anhand der Quelle möglich, hier ist nur

 vermerkt: “Anmerkungen zu legalen Drogen, Eßstörungen und Spielsucht von Prof. Werner  Reiners-Kröncke im Auftrag der Landeszentrale für Gesundheitserziehung in Rheinland-Pfalz e.V.” Weitere Angaben sind nicht vorhanden, auf die Quelle wurde wegen der Kompaktheit der Darstellung dennoch nicht verzichtet.

 

Schneider, R.; “Die Suchtfibel”, G.Röttger-Verlag München,1988.

 

Schmieder, A.; “Alkohol & Co”, TRIAS/G.Thieme Verlag Stuttgart,1992.

 

Speck,O.; “04080 Der ökosystemische Ansatz in der Heilpädagogik”, FU/GH Hagen,1994.

 

Topware, CD-Service AG. (Hrg.); CD-ROM “D-Jure”, Topware Mannheim,1996.

 

Ziegler,H.; “Alkohol und Medikamente am Arbeitsplatz”, Deutsche Angestellten-Krankenkasse

  Hamburg,1996.

 

Titel:

Quelle:

Seite:

“Tödliche Triangel”

Verfasser, 1997 (Angelehnt an gängige Darstellungen).

12

“Interagierende Faktoren”

Verfasser, 1997.

13

 “Vielfältige Schädigungen”

flexform gmbh; CD-ROM “Erlebnis Mensch V.1.5”, 1996.

20

“Kind und Alkohol”

Gerber,C.; “Kind und Alkohol”, Blaukreuz Bern, S.21, 1979.

29

“Rollengefahren”

Verfasser, 1998.

51

 

Erklärung

                                                      Erklärung

Hiermit erkläre ich, Burkhard Tomm-Bub, dass alle Rechte an der vorliegenden Arbeit mit dem Thema

 

“Kinder aus Alkoholikerfamilien aus (sonder-) pädagogischer Sicht

- Grundlagen von Prävention und Intervention-”

 

bei mir liegen. Alle verwendeten Quellen wurden angegeben. Ich versichere, dass diese Arbeit von mir persönlich verfasst wurde.

Frankeneck, den  ................................

Burkhard Tomm-Bub, M.A.

 

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