Traurige Helden
aus dem Kölner Stadt-Anzeiger
vom 20.10.2001

In Annas Gesicht arbeitet es. Sie will nicht weinen. Und dann kommen ihr doch die Tränen. Sie sagt leise: "Es fällt mir schwer zu glauben, dass mich jemand mag." Anna ist 16 Jahre. In dem Alter geben sich andere Jugendliche cool, und viele haben die schlimmsten Seelen-Erschütterungen der Pubertät schon hinter sich. Außerdem ist Anna ein hübsches, gescheites Mädchen - warum hat sie ein so schwaches Selbstbewusstsein? An frühen Erlebnissen, meint sie, liege es, "dass ich noch nicht einmal mich selbst mag und selten Freunde finde". Grund: Annas Vater Jürgen (Namen der Familien-Mitglieder geändert) ist Alkoholiker.

Er entspricht keineswegs dem Klischee des Säufers, der in Lumpen, unter sich eine Urin-Lache, besinnungslos auf der Bank in der U-Bahn liegt. Der Mann, der in dem alternativ-gemütlichen Wohnzimmer mit den Degenhardt-Platten bedrückt Frau und Tochter zuhört, ist gepflegt, hat ein sensibles Gesicht und eine tadellos glatte akademische Biografie.

"Alkoholismus", betont er, "ist die Volkskrankheit Nummer eins." Nach Schätzungen der Deutschen Hauptstelle gegen die Suchtgefahren in Hamm sind rund 2,5 Millionen Menschen in Deutschland so alkoholkrank, dass sie einer Behandlung bedürfen. Etwa 1,2 Millionen Deutsche, heißt es weiter, seien abhängig von Medikamenten, rund 120 000 von illegalen Drogen. Hinter diesen Zahlen verbergen sich Tragödien. Jürgen nennt die Sucht eine "Familien- eine Beziehungskrankheit, die Partner und Kinder ebenfalls beeinflusst."

Tiefgreifend, nachhaltig, womöglich dauerhaft - also über die Zeit hinaus, in der einer an der Flasche oder an der Nadel hängt. "Auch wenn ich tot bin, wird meine Tochter das Kind eines Alkoholikers sein", sagt Jürgen. Einen Moment lang kann er nicht sprechen. Was er gesagt hat, klingt vor allem deshalb so bestürzend, weil Jürgen seit vielen Jahren "trocken" ist. "Aber ich bleibe krank."

Häufig ahnen Nachbarn, Kollegen oder Verwandte nichts von der Sucht - auch weil die Familie alles tut, um dieses peinliche Geheimnis zu verschweigen; das setzt gerade Kinder unter massiven Druck. "Ihre grenzenlose Vereinsamung wird von der Außenwelt nicht wahrgenommen - sie werden zu vergessenen Kindern", schreibt die Sozialpädagogin Ingrid Arenz-Greiving in der Broschüre "Suchtkranke Eltern - Suchtkranke Kinder", die von der Stadt Köln herausgegeben worden ist.

Jürgen gelang es, seine Alkohol-Abhängigkeit sogar vor Ehefrau Monika zu verbergen. Fast zehn Jahre lang. Es war halt üblich in ihrem Bekanntenkreis, bei politischen Diskussionen bis tief in die Nacht viel zu trinken. Alkohol genehmigte sich Jürgen nur abends. Aber immer bis zur Bettschwere. Ärgerlich fand die engagierte Lehrerin Monika es allerdings von den ersten Ehejahren an, dass ihr Mann oft teilnahmslos und "müde", war, wenn sie sich beklagte, er übernehme zu wenig Verantwortung für Haushalt und Familie. Und sie wurde zunehmend deprimierter, als sich daran nichts änderte. Jürgen ist sichtlich traurig darüber, dass er seiner Familie das Leben so erschwert hat. Er will alles tun, um das wieder gut zu machen; dieser Vorsatz zählt zu den zwölf Schritten der Anonymen Alkoholiker (AA), denen er angehört. Anna hat bei Alateen, der AA-Gruppe für jüngere Angehörige, Trost gefunden. "Die Mütter oder Väter der Anderen trinken meistens noch. Die erzählen da zum Teil total krasse Sachen, und keiner guckt komisch, keiner lacht", sagt Anna.

Auf den Kindern von Suchtkranken lastet häufig die Verantwortung für Geschwister und sogar Eltern. Sie müssen den kleinen Bruder, der vor Hunger schreit, füttern, wenn die Mutter unterwegs ist, um sich Drogen zu besorgen. Sie holen den Notarzt, wenn sie wieder mal nicht ansprechbar ist. Decken den Vater zu, wenn er volltrunken gestürzt und auf dem Boden eingeschlafen ist. Zerren ihn aus der Kneipe, wenn er wieder einmal nicht nach Hause kommt. Und sie werfen sich dazwischen, wenn die Eltern aufeinander los gehen.

Arenz-Greiving sagt, das zentrale Problem für Kinder suchtkranker Eltern sei deren "permanente Überforderung. Diese Kinder werden von Außenstehenden, die nichts von den familiären Hintergründen wissen, sehr oft als unauffällig, still, liebenswürdig und hilfebereit geschildert und bekommen für dieses Verhalten oft noch viel Bestätigung."

So "krasse" Situationen wie andere hat Anna nicht erleben müssen. Aber die Empfindungen, über die junge Leute in dem Alateen-Kreis sprechen, sind ihr vertraut. "Ich bin nicht die einzige, die sich ungeliebt fühlt." Bei Alateen hat sie sich zum erstenmal richtig ausheulen können. Und sie fordert eindringlich: "Es müsste viel mehr Unterstützung für Kinder von Abhängigen geben."

Bevor sie zu Alateen kam, glaubte sie, mit ihrer inneren Not allein zu sein. Mehrfach hat sie die Schule gewechselt, weil sie überall Außenseiterin war, sich nie traute zu sagen, was sie dachte, aus Furcht, die anderen könnten sich abwenden. Die Furcht, verlassen zu werden, habe begonnen, als sie etwa zweieinhalb Jahre alt war. Da flüchtete ihre Mutter Monika, mit ihren Kräften völlig am Ende, in eine psychiatrische Klinik. Monika, bis dahin die wichtigste Person im Leben der kleinen Anna, war plötzlich verschwunden, für Monate.

Der Vater, damals eben trocken, hatte genug mit sich selbst zu tun. Denn alle Probleme, die er 20 Jahre Abend für Abend zugeschüttet hatte, "weil ich die inneren Spannungen nicht aushielt", lagen nun blank. Die Spannungen blockierten ihn, machten ihn eng, dumpf, freudlos - und unleidlich. Das gab seiner Frau, die gehofft hatte, die Abstinenz würde alles zum Guten wenden "und ich bekäme einen liebevollen, aufmerksamen Mann", den Rest. Sie brach zusammen.

"Das Schlimmste an der Alkoholkrankheit war, dass meine Mutter nicht mehr konnte", meint Anna heute. Wahrscheinlich hat sie aber schon eher indirekt unter Konflikten zwischen den Eltern gelitten. Denn als Monika mit ihr, dem dritten Kind, schwanger war, wollte die Mutter das Baby unbedingt. Der Vater nicht. Das Leben mit den beiden Söhnen - gestörte Nächte, Streit zwischen den Eheleuten - war ihm schon anstrengend genug. Doch Monika bekam "ihr" Kind, und "ihr Kind" blieb Anna lange. Jürgen entzog sich, und so hatte er bei Anna nicht eine einzige Windel gewechselt, als Monika sich in die Klinik begab. "Anna", ist er sicher, "hat meine Sucht am meisten geschadet". Und seine Tochter findet es bis heute schrecklich, "nicht gewollt" gewesen zu sein.

An dieser Klage, die den Vater tief trifft, wird deutlich, wie heikel Beziehungen zwischen Alkoholkranken und Angehörigen selbst dann noch bleiben können, wenn der Suchtkranke "trocken" oder "clean" ist. Spielen doch Schuld und Scham weiterhin eine Rolle, dreht sich in der Familie letztlich immer noch alles um die Droge.

In den Alateen-Gruppen üben die Jugendlichen, genau dieses Denken "loszulassen" und Verantwortung für das eigene Leben zu übernehmen. Das fällt verdammt schwer, wenn man erst 16 ist.

 

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