Rede von Prof. Dr. Lothar Schmidt über die Anfänge der AA 1935 und über die spirituellen Hintergründe.
Gesprochen aus Anlaß des Weihnachts-Meetings der Anonymen Alkoholiker in Frankfurt am 12.12.92

BOB, LAß' DAS ERSTE GLAS STEHEN!

 

Ich heiße Lothar und gehöre zu Euch.

Ich freue mich, daß unser Freund Bill und unser Freund Bob auch heute unter uns sind. Und ich möchte heute besonders an sie denken.

Wir befinden uns in der Weihnachtszeit. Viele Straßen sind beleuchtet, glänzen im Lichterglanz. Vor mir steht ein Weihnachtsbaum, die Kerzen sind angezündet, und selbst auf Eurer Einladung finde ich Kerzen und Tannenzweige abgebildet. Uns kommt so manche Melodie entgegen:,Macht' hoch die Tür . .   Vom Himmel hoch ... Es ist ein Ros' entsprungen...". Weihnachten ist eine besondere Zeit.

Viele wünschen sich ein friedliches und besinnliches Weihnachtsfest und sind voll beschäftigt, Weihnachtseinkäufe zu machen, und möglichst eine gemütliche Weihnachtsstimmung vorzubereiten. Andere werden still.

Die Selbstmordrate ist Weihnachten immer deutlich höher als an anderen Tagen. Als Ärzte in der Klinik waren wir Weihnachten immer beschäftigt auf der Intensivstation, weil da dann immer wieder die Feuerwehr kam und einen brachte, der nicht mehr leben wollte. Weihnachtszeit ist eine besondere Zeit.

Trockene Alkoholiker, die durch die Hölle der Alkoholkrankheit gehen mußten, werden in der Regel denkende Menschen. Ich finde mehr denkende Menschen unter ihnen als in der Durchschnittsbevölkerung. Und immer wieder fragen sie, hinterfragen sie Sinn- und Wertorientierung. Und so wollen wir uns fragen: Warum feiern wir Weihnachten? Warum feierst Du Weihnachten? Warum feiere ich Weihnachten? Ich erhielt viele Antworten:

Ein Fest der Familie, ein Fest der Besinnung, ein Fest der Inventur, des Rückblickes  eine  Gelegenheit auszuruhen, eine Hauptgeschäftssaison, um Polster zu schaffen für die nächsten Wochen des Umtausches, Tage der schönen Stimmung, Fest der Geschenke. Und durch Bäckerei, Süßigkeiten, Weihnachtsbaum, Weihnachtsmänner und Glockengeläute singen wir: ,Macht hoch die Tür, singen wir, ,,Vom Himmel hoch:" "Es ist ein Ros' entsprungen .."

Welchen Sinn, welche Bedeutung hat Weihnachten für Dich? In wenigen Tagen werden wir die Weihnachtsgeschichte hören: überall in den Kirchen, häufig bei Krippen und ähnlichen Festen, und gelegentlich auch hier und da in den Familien.

Wir hören (Lukas 2,1-7): ,Es begab sich aber zu der Zeit, daß ein Gebot von dem Kaiser Augustus ausging, daß alle Welt geschätzt würde. Und diese Schätzung war die allererste, und geschah zu der Zeit, da Cyrenius Landpfleger in Syrien war Und jedermann ging, daß er sich schätzen ließe, ein jeglicher in seine Stadt. Da machte sich auch auf Josef aus Galiläa aus der Stadt Nazareth, in das jüdische Land zur Stadt Davids, die da heißt Bethlehem, darum daß er von dem Hause und Geschlecht Davids war auf daß er sich schätzen ließe mit Maria, seinem vertrauten Weibe, die war schwanger. Und als sie daselbst waren, kam die Zeit, daß sie gebären sollte. Und sie gebar ihren ersten Sohn und wickelte ihn in Windeln und legte ihn in eine Krippe; denn sie hatten sonst keinen Raum in der Herberge."

Was fangen wir mit dieser Geschichte an? Ein Märchen, eine Legende, ein Tatsachenbericht - aufgeschrieben von dem Arzt Lukas? Um diese Geschichte herum feiern wir Weihnachten, singen wir: ,,Macht hoch die ...... Vom Himmel hoch ... Es ist ein Ros' entsprungen   . Dabei beginnt diese Geschichte so sachlich mit einer klaren Zeitangabe: ,,...zur Zeit des Kaisers Augustus". Den gab es. ... als Cyrenius Landpfleger in Syrien war". Den gab es. ,Erste Volkszählung" - zumindestens in Palästina; die gab's! Das ist übrigens ein interessantes Verfahren. Jeder läßt sich an seinem Stammplatz registrieren. Josef und seine schwangere Frau wandern von Nazareth nach Bethlehem. Das sind Städte, die gab es, die gibt es heute noch. Du kannst auch heute noch von Nazareth nach Bethlehem wandern. Überfüllte Herbergen, Niederkunft, Notunterkunft - soweit ist das ein sachlicher Bericht. Aber dann wird es uns schwer, diese Geschichte anzunehmen, denn da heißt es weiter [Lukas 2,8-9]: , Und es waren Hirten in derselben Gegend auf dem Felde bei den Herden, die hüteten des nachts ihre Herden. Und siehe, des Herrn Engel trat zu ihnen, und die Klarheit des Herrn leuchtete um sie; und sie fürchteten sich sehr" Nach dem sachlichen Bericht zerreißt plötzlich ein heller Schein die Nacht und ein unbekanntes Wesen tritt den Hirten gegenüber und sie fürchteten sich sehr. Doch dieses Wesen gibt eine Botschaft [V. 10+11]: ,,Und der Engel sprach zu ihnen: Fürchtet euch nicht! Siehe, ich verkündige euch große Freude, die allem Volke widerfahren wird, denn euch ist heute der Heiland geboren ...,, Und er sagt den Hirten noch, wo und unter welchen Umständen. Sie verlassen ihre Herde und finden alles so vor, wie es gesagt worden war. Sie kehren zurück, loben und preisen Gott für alles was sie gesehen und gehört haben.

So die Geschichte, so der zweite Teil dieser Geschichte. Dieser zweite Teil, deswegen feiern wir Weihnachten! - Märchen, Legende, Tatsachenbericht? Wir sogenannten modernen Menschen haben Schwierigkeiten Berichten zu glauben, die außerhalb unseres Erfahrungsbereiches liegen. Und doch singen wir: ,Macht hoch die Tür.... Vom Himmel hoch ... Es ist ein Ros' entsprungen ..." Ich kann manchen jungen Menschen verstehen, der sagt: ,,Das ist doch alles Quatsch! Da sind wir doch total unehrlich."

Moment! Die Aufgaben von Hirten vor 2000 Jahren in Palästina waren ganz andere als die Aufgaben von Hirten heute in der Lüneburger Heide. Es gab damals noch reißende Tiere, Großkatzen usw. Wir hören davon. Hirte sein hieß oft, das Leben einzusetzen. Hirten waren meistens junge, starke Menschen, die wenig Furcht kannten. Doch was sie hier erlebten, stand außerhalb ihres Erfahrungsbereichs. Und sie fürchteten sich sehr." Ich kann mir vorstellen, daß sie schlotternd auf diese Erscheinung schauten. Und sie fürchteten sich sehr." - Etwas Unglaubliches war ihnen da gegenüber.

Wir kennen alle Angst und Furcht. Bei der Furcht liegt die Sorge. Und Furcht und Sorge, das wißt Ihr Freunde, kann übermächtig werden. Aber das hier ist eine ganz andere Furcht. Es ist eine Furcht, die die Menschen erlebten, wenn die Höhere Macht mitten in ihr Leben trat.

Und einer schrie auf [Jesaja 24,16]: "Weh' mir, ich vergehe!" Eine Furcht! Und da wird plötzlich alles andere so unwichtig, so klein. Was nützt da Widerstand, was nützen da Waffen? Und Furcht wird zur Freude. Durch die Furcht klingt das: "Fürchtet euch nicht!"

Die Hirten konnten damals damit etwas anfangen, vielleicht mehr anfangen als wir. Sie hatten schon auf das Heil gewartet. Wieso? In den Schriften ihrer Propheten hatten sie Unglaubliches, Erstaunliches gelesen. Und sie lasen es immer wieder. Der Prophet Jesaja hatte etwa 700 Jahre vor ihnen geschrieben, [Jesaja 7,14]: ,Eine Jungfrau ist schwanger und wird einen Sohn gebären. Der Sohn des Heils. Und der Prophet Micha hatte etwa 700 Jahre vor ihnen geschrieben Micha 5,1]: Und du, Bethlehem  Ephrata , die du klein bist unter den Städten in Juda, aus dir soll mir der kommen, der in Israel HERR sei, dessen Ausgang [Herkunft] von Anfang und von Ewigkeit her gewesen ist.

Unglaublich! So unglaublich, daß moderne Menschen sagten: ..Das ist Betrug, das ist nachher geschrieben worden! Da wirft ein Hirte einen Stein in eine Höhle bei Qumran am Toten Meer.   Ich durfte in diese Höhlen schauen. - Es klirrt und man findet Tonkrüge. Und in ihnen findet man eine ganze Bibliothek. Zufall? AA sagt': ,,Es gibt keine Zufälle. Man findet von den alten Büchern und von Jesaja Abschriften, die wesentlich älter als 2000 Jahre sind. Mit dem gleichen Text! Und viele Kritiker wurden stumm - sehr stumm! Die Hirten konnten damit etwas anfangen. Furcht wird zur Freude, und auch zur tiefen Dankbarkeit.

Sie loben und preisen Gott für das unglaubliche Geschenk. So endet die Weihnachtsgeschichte.

Weihnachten ist ein Fest des Geschenkes, deshalb beschenken wir uns. Was hat AA mit Weihnachten zu tun? Weihnachten ist auch ein Fest der Dankbarkeit, eine Dankbarkeit, die die unter Euch am deutlichsten empfinden werden, die keine Lebensperspektive, keine Chance mehr sahen und dann Heil, Genesung und neues Leben erlebten. Viele Freunde, die abgeschrieben waren, seelisch tot, total kaputt, sie durften wieder leben, sie dürfen wieder Weihnachten feiern mit ihren Lieben, mit Freunden zusammensitzen   so wie wir hier zusammen sitzen, Freunde! Und manche die mir das erzählten, hatten Tränen in den Augen, Tränen der Dankbarkeit.

Unser lieber Bill hat mir ein wertvolles Wort geschrieben: ,,Eine meiner Übungen besteht darin, daß ich versuche, eine vollständige Inventur des mir widerfahrenen Guten zu machen." - für mich ein ganz wichtiges Wort. Wir kennen den Vierten Schritt. Wir machten eine gründliche und furchtlose moralische Inventur. So heißt es im Urtext ,,moral inventory"- eine moralische Inventur". Hier spricht Bill von einer ganz anderen Inventur: ,,Eine meiner Übungen besteht darin, daß ich versuche eine vollständige Inventur des mir widerfahrenen Guten zu machen. Dann übe ich mich darin, die vielen Geschenke, weltliche und spirituelle - das heißt geistliche - die ich erhalten habe, richtig anzunehmen. Ich versuche ernsthaft, mich an die Wahrheit zu halten, daß ein volles und dankbares Herz sich nichts vormacht. Wer voller Dankbarkeit ist, dessen Herzschlag strömt nur Liebe aus.

Die schönste Empfindung die wir kennen, Freunde, diese Liebe habe ich bei AA erlebt. Und ich danke, daß ich in dieses Geschenk einbezogen bin. Für mich hat AA eine direkte Beziehung zur Weihnachtsgeschichte:

Ein Angebot zum Heil, zur Genesung.

Was ist AA? Warum ist AA so wirksam, daß Millionen Menschen aus der Alkoholkrankheit herausgekommen sind, nein, vielmehr ein neues Leben gewonnen haben, neue Lebensorientierungen und neue Lebensperspektiven? Was ist AA? Ist AA eine therapeutische Methode? Ist AA ein therapeutisches Instrument, das entstand indem sich kluge Leute zusammensetzten und sagten: ,,Wir wollen ein neues therapeutisches Instrument schaffen, und wir wollen, weil wir ja Praktiker sind, unsere Erfahrungen einfließen lassen." Ist es das? Ist AA eine Weltanschauung? Ist AA eine Religion? Was ist AA? Wer sich mit der Entwicklung und der Geschichte von AA beschäftigt, wird auch zu dem Ergebnis kommen, zu dem ich gekommen bin: AA ist ein Geschenk! Bill sagte: ,,Ich mache mir immer wieder mal klar, welche Geschenke ich bekommen habe." Und ich glaube, die Weihnachtszeit, ein Weihnachts-Meeting wie dieses hier, ist die Gelegenheit uns noch einmal diese Geschenke anzusehen:

Da war Roland, ein junger Amerikaner aus Vermont, Sohn wohlhabender Eltern und - ein schrecklicher Säufer. Die Eltern veranlaßten, daß er wiederholt stationäre Behandlungen durchmachte. Alles blieb vergeblich. So schickten sie ihn schließlich 1931 nach Europa, nach Zürich, zu C.G. Jung, diesem berühmten, weltberühmten Arzt. Und C.G. Jung hat Roland fast ein Jahr lang behandelt Am Schluß dieses Jahres faßte C.G. Jung die Resultate zusammen: "Ihre Krankheit ist außerhalb der Reichweite meiner Wissenschaft. Ich kann Ihnen nicht helfen und deshalb entlasse ich Sie." Ein ehrliches Wort! Und ich wünschte uns Ärzten, daß wir oft diese Ehrlichkeit hätten. Roland fragte: ,,Gibt es keine Hoffnung?" Jung: "Keine, die ich wüßte, außer daß ich glaube, daß manche Leute durch ein spirituelles Erlebnis aus ihrer Gestörtheit heraus gekommen sind."  Roland: ,,Wo kann ich das finden ?,, Jung: ,Ich weiß es nicht."

Nach den USA zurückgekehrt, schloß sich Roland der Oxford-Gruppe an, einer Gruppe von Menschen aus verschiedenen Konfessionen, die ehrlich ihre Begrenztheiten und Schwierigkeiten eingestanden, sie annahmen, offen darüber sprachen und sie GOTT, der Höheren Macht, übergaben. Roland tat das auch  und er trank nicht mehr. Unglaublich! Ein Wunder?

Roland gab sein Erlebnis seinem alten Schulfreund Ebby weiter, einem hoffnungslosen Säufer. Ebby war gerade zwangseingewiesen worden. Da kamen die Freunde und überredeten den Richter, diese Einweisung doch vorübergehend auszusetzen. Ebby tat es Roland gleich und er trank nicht mehr. Unglaublich! Ein Wunder?

Ebby brachte dieses, sein Erlebnis, zu seinem Schulfreund Bill. Bill hat sich nie als Atheist bezeichnet, aber er war weit weg von diesen Dingen. Er entwickelte Widerstände. Und Ebby gab ihm eine entscheidende Hilfe:

"Du brauchst kein bestimmtes Gottesbild, denn sicher gibt es keinen katholischen, keinen evangelischen Gott, sondern nur einen liebenden Gott. Wichtig ist, daß du Beziehung zu ihm aufnimmst und wichtig ist, daß du ehrlich bist. Wenn Gott da ist, dann wirst du IHN erfahren." Und Bill entwickelte weiter Widerstände. Er trank. Und es gab viele Gespräche zwischen Bill und Ebby. Bill mußte ins Krankenhaus.

Und er erlebte ein Wunder. Bill schrieb es nieder. - Wie schön wäre es, wenn Bill lebend unter uns wäre. Oh, was würde er mir sagen!- Er schrieb: Ich wehrte mich noch verzweifelt gegen die Erkenntnis einer Macht, die größer war als ich. Schließlich aber für die Dauer eines Augenblickes, brach mein hochmütiger Eigensinn zusammen und plötzlich hörte ich mich schreien: Wenn es einen Gott gibt, dann soll er sich zeigen! Ich bin zu allem, zu allem bereit!"

Ich weiß nicht, ob einer unter Euch ist, der schon einmal so verzweifelt geschrien hat? Und Bill schreibt weiter: "Da erhellte sich auf einmal mein Zimmer mit einem großen weißen Licht. ich geriet in eine Ekstase, die sich nicht mit Worten beschreiben läßt." Ihm fehlen die Worte, das was er erlebt, jetzt wiederzugeben, und er stammelt gewissermaßen: ,,Es war mir als stünde ich auf dem Gipfel eines hohen Berges und als sei der Wind in diesen Höhen nicht eine Luft, sondern ein Geisteshauch. In mir brach das Gefühl der Erlösung auf. Die Ekstase ließ allmählich nach. Um mich her waltete noch immer das Wunder einer göttlichen Gegenwart und ich sagte mir: Das also ist der Gott der Propheten!"

Aber als das nachließ, da überkam diesen Bill ein Schreck. War sowas glaubhaft? Das war doch unmöglich. War das eine Halluzination, war das ein Wahn? Und in seiner Angst rief er den Arzt in sein Zimmer - Doktor Silkworth, der AA vieles gegeben hat - und fragte: ,, Doktor bin ich wahnsinnig geworden?" Doktor Silkworth mußte ihm sagen: "Du bist nicht verrückt. Du hast jetzt eine wunderbare Antwort bekommen. , Und Bill trank nicht mehr bis zu seinem Lebensende.

AA- ein Geschenk, keine Konstruktion. Das wäre zu flach, zu niedrig! Bill schrieb: .,Während ich so im  Krankenhaus lag, kam mir der Gedanke, es müsse doch ,Tausende von hoffnungslosen Alkoholikern geben, die froh waren, wenn sie das empfangen könnten, was mir so frei geschenkt worden war"  Geschenkt! ,Vielleicht könnte ich manchen von ihnen helfen mit diesem Geschenk." Das war der Anfang von AA.

Und da war Bob, mein Freund Bob. Ich freue mich, daß er heute (im Geiste) unter uns ist. Doktor Bob - ein Chirurg und Säufer. Seit 1933 ging er mit seiner Frau Anne mehr oder weniger regelmäßig zur Oxford-Gruppe. Und immer wieder sagte er: "Das sind tolle Leute!", und: "Ich finde das gut." Aber er hat das nie auf sich bezogen.

Kennt Ihr das auch? Er hat wohl Respekt davor gehabt, aber er hat sich nicht eingebaut. Bob, - übrigens mein Namensvetter (Bob Smith / Lothar Schmidt) - er ging zur Gruppe, las die Bibel und soff. Und es wurde immer schlimmer mit ihm. Im März, April 1935 fühlten Henrietta und andere Mitglieder dieser Oxford-Gruppe, daß sie ein Meeting für Dr. Bob haben sollten. Und sie bereiteten sich vor.

Wie haben sie sich vorbereitet? Sie hatten Gebetsgemeinschaft und sie verständigten Anne und sagten: ,,Am Mittwoch wollen wir ein Meeting haben für Dr. Bob. Bereite dich vor, da passiert was Besonderes." Und bei dem Meeting, so wird uns berichtet, sprachen sie alle von ihren Mängeln und von denen, die sie überwunden hatten. Und dann trat eine Stille ein. Dr. Bob, wie immer, hatte nichts gesagt.

Vielleicht kennt ihr auch so eine Stille im Meeting? Diese Stille ist oft etwas sehr Wertvolles. Und dann öffnete Bob seinen Mund und sagte (es ist uns wörtlich erhalten geblieben): "Nun, ihr guten Leute, ihr alle habt hier Dinge beigetragen, die euch - das weiß ich genau - sehr wertvoll waren. Nun, ich will euch etwas erzählen, was mich um meinen Beruf bringen kann: Ich bin ein heimlicher Trinker und kann dem nicht ein Ende machen."

Der Anfang der Genesung! Auf Wunsch von Dr. Bob beteten sie alle. Am nächsten Morgen wurde es der Henrietta klar, daß sie überhaupt keine Ahnung von Alkoholismus hat. Was sollte sie denn Dr. Bob überhaupt noch weiter sagen? Sie bat um Hilfe. Und sie schreibt, daß sie Antwort erhielt. Und es war ihr klar: Es ist eine Stimme in ihr, die ihr sagt: ,,Bob darf keinen Tropfen Alkohol mehr trinken."

Freunde! Die Erkenntnis, daß ein Alkoholiker das erste Glas stehenlassen muß, ist nicht Ergebnis einer wissenschaftlichen Arbeit, sondern Ergebnis einer Gebets-Erhörung!

Das ist AA. Und da werde ich still. Da geht's mir durch und durch. Henrietta war überzeugt, das war eine Antwort und sie ruft Bob an. ,,Ich habe ein ganz wichtige Botschaft für dich!" Und der kommt im Laufe des Vormittags und denkt wunder, was ihm jetzt gesagt wird. Und Henrietta sagt: ,,Du ich habe eine Antwort: Du kannst keinen Tropfen Alkohol mehr trinken!' Da war der Bob sehr enttäuscht. Er hatte ganz was anderes erwartet. Er trank weiter, aber nicht lange.

Ein paar Tage, ein paar Wochen weiter, am 11. Mai 1935 bekommt Henrietta einen Anruf von einem völlig Unbekannten. Was war geschehen? Freund Bill war geschäftlich nach Akron gekommen. Er saß im Mayflower Hotel, dort im Foyer. Und da war die Bar aus der vertraute Geräusche und Stimmen herüberklangen und ihn anzogen wie Magnete. Bill merkte, das zieht ihn irgendwie dahin. Da kam ihm aber dieser wunderbare Gedanke:

,, Ich brauche jetzt einen Alkoholiker. Um etwas dagegen zu setzen, brauche ich ein Gespräch mit einem Alkoholiker." Aber wie sollte er in Akron mit einem Alkoholiker reden?

Ich bin schon in vielen Städten in den USA gewesen, auch in Australien. Dort fiel mir eins auf: Schon am Flughafen, aber oft auch in der Eingangshalle der Hotels sind dort Schilder oder Tafeln mit wichtigen Telefonnummern angebracht, zum Beispiel von Geistlichen. In Australien steht dann immer ganz oben ,,AA".

Ja also, sowas gab's auch damals in Akron. Bill sieht sich die Liste an, tippt irgendwo darauf, und es meldet sich ein Geistlicher, der sagt: ,,ich bin gerade im Aufbruch wegen einer Fahrt nach New York. Aber sie können diese Henrietta' anrufen." Und der Bill denkt noch: ,,Mensch, den Namen kenne ich doch. Ist das nicht die Frau von so einem Manager? Da kann ich nicht anrufen, unmöglich, unmöglich!" Doch die innere Stimme kommt immer wieder: ,,Ruf' an!" Und dann nimmt Henrietta (diese ganz andere Henrietta) den Hörer ab. Ein Zufall?

AA sagt: Bei uns gibt's keine Zufälle. Und Henrietta schreibt: ,,Ich verstand es als ein Geschenk des Himmels und sagte zu Bill: Kommen Sie sofort her!" (In der Absicht ein Gespräch mit Dr. Bob zusammenzubringen, und zwar am nächsten Tag, am Sonntag in der Kirche.) Aber der nächste Tag, der Sonntag, das war ein Muttertag. Und am Sonnabend kam Dr. Bob mit einer großen Pflanze zum Muttertag nach Hause, total besoffen, stellte die Pflanze auf den Tisch und brach dann neben dem Tisch zusammen. Der war gar nicht fähig, am Sonntag zum Gottesdienst zu gehen. Dann hat er so langsam, langsam seinen Rausch ausgeschlafen. Am Nachmittag sind sie dann zu Henrietta hingegangen. Und unterwegs hat er noch der Anne versprochen: ,,Mit diesem Ganoven, da rede ich nur 15 Minuten." Es wurde das wichtigste Gespräch für Euch alle, das geführt wurde, das wichtigste Gespräch, auch für Dr. Bob. Bill und Bob sprachen von etwa 17.00 Uhr bis 23.15 Uhr miteinander - und Bob hörte auf zu trinken.

Anläßlich seiner Teilnahme an der Tagung der Amerikanischen Medizinischen Gesellschaft in der ersten Juni-Woche 1935 hatte Bob noch einen schweren Rückfall. So einen Rückfall, daß er eine Gedächtnislücke von 24 Stunden hatte. Er hatte drei Tage Zeit zum Ausnüchtern. Am vierten Tag hatte er eine ganz wichtige Operation, die sich nicht verschieben ließ. Er zitterte schrecklich, alles war höchst erschreckt - eine verzweifelte Situation?

Bill war bei ihm. Und am Morgen vor der Operation sagte Bob zu Bill: .Jch habe sowohl die Operation, als auch mich in Gottes Hand gelegt." Bill fuhr mit Bob ins Krankenhaus. Bevor sie anhielten, gab Bill ihm eine Flasche Bier - Alkoholiker kennen die wichtigste Medizin gegen das Zittern - und alle machten sich Sorgen. Sie machten sich bald noch mehr Sorgen, denn Bob kam nicht zurück. Stunde um Stunde verging und die Sorge wurde immer größer. Und dann kam Bob. Was hatte er gemacht? Er hatte die Stunden benutzt, um Wiedergutmachung zu machen. Die Operation war ein voller Erfolg. Die Flasche Bier, die er von Bill bekommen hatte, war die letzte seines Lebens. Zufall?

AA feiert von diesem Tag an, und zwar vom 10. Juni 1935 an, die Gründung.

Ich denke Weihnachtszeit ist Zeit, über Geschenke nachzudenken. Wer sich die Entstehungsgeschichte von AA vor Augen führt, wird von Wunder zu Wunder geführt. Darum ist AA für mich ein Geschenk, ein Geschenk der Höheren Macht, und hat eine ganz enge Beziehung zur Weihnachtsgeschichte.

Durch ein Wunder entstand auch das Programm, die Zwölf Schritte, das Erfahrungs-Programm, das auch mein Programm ist. AA wuchs sehr langsam, auch das war Fügung. Um anderen Alkoholikern zu helfen entschlossen sich die Freunde, ein Buch über ihre Erfahrungen zu schreiben. In diesem Buch sollten die wichtigsten Erlebnisse, auch in Form von Schritten zusammengefaßt werden. Und es entstand ein Streit über die ersten vier Kapitel. Alkoholkranke Freunde streiten oft. Wenn man sich diesen Streit mal vor Augen führt, in dem es darum ging Geld nehmen oder nicht Geld nehmen" und anschaut, wie damals auch die großen Finanzleute (Rockefeller) mit denen sie zusammenkamen, reagierten, dann muß ich immer nur stille werden und sagen: "AA ist von Jahr zu Jahr geführt worden."

Der Streit war so heftig, daß Bill mitteilt: "Am liebsten hätte ich das ganze bisher Geschriebene aus dem Fenster geworfen." Auch der Streit über die Schritte war sehr groß. Und Bill schrieb': ,,Ich war in der Nacht, als die Zwölf Schritte der AA geschrieben wurden, alles andere als spirituell gestimmt. Ich war traurig und durch und durch müde ... Ich konnte mich nicht auf die Arbeit konzentrieren und noch weniger mit dem Herzen dabei sein. Aber hier war etwas was getan werden mußte... Schließlich begann ich zu schreiben. Ich plante mehr als sechs Schritte zu entwerfen; wieviel mehr wußte ich nicht. Ich entspannte mich und bat um Führung.

Freunde! Die zwölf Schritte sind unter Gebet geschrieben worden! ,,Mit einer in Anbetracht meiner widersprüchlichen Gefühle erstaunlichen Geschwindigkeit fertigte ich den ersten Entwurf an. Es dauerte etwa eine halbe Stunde. Die Worte strömten nur so heraus. Am Schluß zählte ich die neuen Schritte. Es waren zwölf. Irgendwie erschien diese Zahl bedeutungsvoll. Ohne besonderen Sinn oder Grund brachte ich sie mit den zwölf Aposteln in Zusammenhang.  Ich fühlte mich nun sehr erleichtert und las den Entwurf noch einmal durch."

In dem Augenblick, nicht früher, traten Besucher - alkoholkranke Freunde - ein und Bill las ihnen den Entwurf vor. Sofort begann eine Kritik: ,,Zuviel GOTT, zuwenig GOTT, zuwenig Psychologie, zuviel Psychologie! ,,Von Gott alle Fehler beseitigen zu lassen", wer will denn das schon?" In Akron gab's Zustimmung, in New York gab's heftige Debatten.

Bill ging gegenüber seinem Entwurf folgende Kompromisse ein: Im zweiten Schritt statt GOTT eine Macht größer als wir selbst. Im Dritten und Elften Schritt statt Gott. Gott so wie wir IHN verstehen. Im Siebten Schritt statt ,,Demütig baten wir IHN auf den Knien" Demütig baten wir IHN. Auch diese Umformulierung war ein Geschenk, denn damit konnten alle abgeholt werden: Der Atheist, der Hindu, der Moslem. Was sagte Ebby? "Es ist wichtig, daß Du eine Beziehung zu IHM aufnimmst und ehrlich bleibst."

Weihnachten ist ein Geschenk, ein Angebot zum Heilen und zur Genesung an alle. AA ist ein Geschenk an alle, die sich gebunden erkennen und frei werden wollen, die sich zur Begrenztheit bekennen und bereit sind, ihre Begrenztheit in die Unbegrenztheit der Höheren Macht zu legen.

Alkoholiker machten die Erfahrung: ,Du kannst es nicht alleine schaffen. Doch du hast das Glas stehen zu lassen und du hast zu entscheiden, ob du das Angebot annimmst oder nicht."

Das Angebot ist da.

Und AA führt direkt in die Weihnachtsgeschichte. Damit wird auch die Weihnachtsfrage zur Schicksalsfrage. Wir kennen die Geschichte vielleicht noch von dem reichen Jüngling. Er rieb sich an der Gebundenheit des Menschen, an diesem Gefangensein von Werden und Vergehen, Altem und Sterben. Und er kommt mit der Frage: Was muß ich tun, um das ewige Leben zu erhalten?

Und er erhält Antwort: ,,Führe ein Leben nach dem Willen Gottes." Es war ein frommer junger Mann. Und er antwortet: ,,Das habe ich alles getan." Doch er hatte noch lange nicht kapituliert und glaubte, sich selber die Befreiung verdienen zu können.

Wir können uns Freiheit nicht selber verdienen, das wißt ihr hier im Saal viel mehr, als der Mensch draußen auf der Straße es wissen kann. Freiheit können wir uns nur schenken lassen. Und so erhält er Hilfe und es wird ihm gesagt: ,,Mache den Dritten Schritt!"   Den gab's ja noch gar nicht. Und doch: ,,Laß alles los, triff die Entscheidung, deinen Willen und dein Leben in die Führung Gottes zu legen. Gib Deine Ichhaftigkeit auf, und übergib Dich der Höheren Macht. Da ging der junge Mann traurig davon und an Weihnachten vorbei. Weihnachten kann auch Schicksalsfrage sein.

AA ist keine Lehre, die Zwölf Schritte sind kein therapeutisches Instrument und die AA-Bewegung ist keine organisierte Institution. Wer das macht, so meine ich, der hat AA noch nicht begriffen. AA ist vielmehr ein kostbares Geschenk, das nicht nur zur Trockenheit, sondern zu einem neuen viel wertvolleren Leben führt. Der Preis den viele von Euch gezahlt haben, ist viel zu hoch, um nur Trockenheit zu bekommen.

Darum will ich mir, mir persönlich, mir zu Weihnachten  - Ihr könnt anfangen damit, was ihr wollt -  von meinem Freund Bill ein Wort sagen lassen. Ihr könnt dieses Wort lesen in dem Büchlein ,,Wie Bill es sieht", Seite 339*, Er sagt mir: ,,Wir wissen, daß wir nur wenig wissen. GOTT wird Dir und uns ständig mehr offenbaren. Frage IHN jeden Morgen, bei Deiner Meditation, was Du heute für den Menschen tun kannst, der noch krank ist. Du erhältst eine Antwort, wenn bei Dir selbst alles in Ordnung ist. Du kannst sicher nichts weitergeben, was Du nicht hast. Sieh zu, daß Deine Beziehung zu IHM in Ordnung ist, und große Ereignisse werden auf Dich und unzählige andere kommen. Das ist für uns die große Wirklichkeit."

Lieber Bill, ich danke Dir für dieses Wort für mich.

Ich danke Euch fürs zuhören.

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