Entzugsbehandlung

Faßt ein Alkoholabhängiger den Entschluß, sich zumindest versuchsweise einer solchen Behandlung zu unterziehen, dann sollte sie gekonnt und perfekt durchgeführt werden. Die Richtlinien sind heute weltweit bekannt. Die erste Maßnahme ist ein sofortiger und totaler Alkoholentzug. Die dabei auftretenden Entzugserscheinungen sind in den frühen und mittleren Stadien der Alkoholabängigkeit gering, in den Spätstadien durch moderne medikamentöse Therapien leicht zu beherrschen. Der Patient hat also den akuten Entzug nicht zu fürchten, zumindest nicht so zu fürchten, wie eventuell der Opiatabhängige. Der Entzug schafft die Voraussetzungen zur Durchführung einer Therapie und ist allein noch keine ausreichende therapeutische Maßnahme

Es ist zu berücksichtigen, daß auch ein alkoholfreier ehemals Alkoholabhängiger sowohl an seinen im Laufe der Jahre psychischen und physischen Ausfallerscheinungen leidet, als auch unter seiner ablehnenden und mißtrauischen Umgebung sowie unter dem Verlust der sozialen Position und der Integrität seiner Persönlichkeit

Verlaufsphasen:

Zu beachten ist dabei, daß keine Beruhigungsmedikamente genommen werden sollten. Es gibt spezielle "Entzugsmedikamente", die jedoch nur unter stationären Bedingungen verabreicht werden sollten

Im Vordergrund stehen jedoch jetzt die unbewältigten Eindrücke vergangener Jahre, zugleich beginnt in diesem Zeitabschnitt die eigentliche Bewältigung der Alkoholproblematik: Die Patienten gewinnen eine positivere Lebenseinstellung und damit die Grundlage für eine dauerhafte Bereitschaft zur Alkoholabstinenz, trotz der damit verbundenen Einschränkungen und Schwierigkeiten. Im Vordergrund der Behandlung steht zu diesem Zeitpunkt die Aufwertung des seit Jahren in einer schlechten sozialen Position befindlichen Patienten, die Bestärkung seiner Abstinenzhaltung sowie die Vermittlung einer aktiven Lebenseinstellung

Nach anfänglich, scheinbarer stabilen Verlaufsabschnitten kann während dieser Phase die Stimmungslage vielfach auch ohne sichtbare äußere Einwirkung erheblichen Schwankungen unterworfen sein

Neben Episoden mit Bedrücktheit, trauriger Verstimmung und massiven Schuldgefühlen, kommt es auch vielfach zu einer unvermutet einsetzenden Stimmungsverbesserung und Aktivitätssteigerung

Phase der 1. Krise (Phase der Getriebenheit):

Nach ca. 4 - 6 Wochen Dauer wird die Phase der Entwöhnung häufig von einer meist nur einige Tage andauernden Episode neuerlich auftretender körperlicher und psychischen Störungen abgelöst. Insgesamt zwischen der 5. - 8. Woche nach Abstinenzbeginn kommt es häufig zu Unruhezuständen, Überaktivität, Rastlosigkeit, ängstlichen Erregungszuständen und zu körperlichen Symptomen wie Zittern, Schwitzen, Kopfschmerzen, Verdauungsbeschwerden, Schwellungen der Fußgelenke, brennende Schmerzen, Juckreiz

Die Gefährlichkeit der beschriebenen Krise liegt vor allem in ihrem unvermuteten Auftreten nach einer Episode scheinbarer Stabilisierung und Erholung Nach Abklingen dieser Phase, die meist nur einige Tage dauert, schließt sich eine

4. längere ruhige Verlaufsphase an:

Diese meist völlig symptomfreie Phase der vorläufigen Stabilisierung dauert meist mehrere Monate unverändert an

5. Phase der Spätkrisen:

Meist wellenförmig auftretende Symptome zwischen 8 und 12 Monaten nach Abstinenzbeginn.

Wiederum können in dieser Phase Entzugssymptome auftreten. Vielfach tritt auch unvermutet nach langer Zeit wieder ein massiver Wunsch nach Alkholwirkung auf. Werden diese gut überstanden, so kommt es im Verlauf des 2. Jahres der Abstinenz zu einer weiteren Beruhigungsphase, die bei der Mehrzahl der Patienten bereits als endgültige Stabilisierungsphase aufzufassen ist. Ernsthafte Störungen treten nicht mehr so häufig auf. Jede Abhängigkeit birgt auch nach einer Entwöhnungsbehandlung die Gefahr der Rückfälligkeit in sich

Der Rückfallsprozess

Nach dem Rückfall treten auch nach langer vorheriger Abstinenz rasch wieder alle Symptome und Schwierigkeiten der vorhergehenden Alkoholkrankheit auf:

In kurzer Zeit kommt es neuerlich zu unbeherrschbarem Alkoholverlangen, Kontrollverlusten, verlängerten Räuschen mit schweren Folgeerscheinungen, Entzugssymptomen sowie häufig auch zu begleitenden Schlafstörungen und Depressionen

Darüber hinaus werden auch die früheren körperlichen Organschäden, z. B. im Bereiche Leber, Bauchspeicheldrüse und Kreislaufsystem und Störungen der Hirnleistung neuerlich aktiviert und verschärft

Zusätzlich entwickeln sich aus dem Bewußtsein, wieder eine Niederlage gegen die Abhängigkeit erlitten zu haben, vielfach schwere Schuldgefühle und Resignation, die ihrerseits wieder zum Wunsch nach Erleichterungstrinken führen können

Weitere Belastungen ergeben sich aus der enttäuschten, vorwurfsvollen oder resignierten Reaktion der Bezugspersonen, die ihre Hoffnungen auf eine Lösung des vielfach auch Familie, Freundeskreis und Arbeitswelt stark belastenden Alkoholproblems enttäuscht sehen

Aus dem bisher Gesagten geht hervor, daß die zielführendeste Maßnahme gegen Rückfälle deren vorausschauende Verhinderung durch eine entsprechende, langfristig angelegte Betreuung und Information der Patienten und Angehörigen durch Hausärzte und regionalen Nachbetreuungsdienste bzw. Selbsthilfegruppen über mindestens zwei Jahre nach Behandlungsbeginn darstellt. Bei bereits eingetretenem Alkoholrückfall werden, vor allem wenn dieser schon längere Zeit anhält, wieder ähnliche Maßnahmen wie bei der "Erstbehandlung" notwendig, die dann durch ein gezieltes Bearbeiten der Rückfallshintergründe ergänzt werden müssen. Mehrere Untersuchungen über die Hintergründe der Rückfälligkeit bei behandelten Alkoholabhängigen haben uns bestätigt, daß die meisten Alkholrückfälle nach ganz bestimmten Gesetzen eintreten und ablaufen: Besonders erschwerend für eine rasch einsetzende neuerliche Behandlung, die ärgere Schäden vermeiden hilft, ist die häufige Tendenz vieler Alkoholkranker nach einem Rückfall wieder in die gleiche Uneinsichtigkeit und eigensinnige Unbelehrbarkeit gegenüber ihrem Alkoholproblem zu verfallen, wie vor Behandlungsbeginn

Quellenangabe:
Universitätsklinik für Psychiatrie
Allgemeines Krankenhaus der Stadt Wien