Erfurt  2.5.2003

Grußbotschaft von Bundespräsident Johannes Rau an die Teilnehmerinnen und Teilnehmer des Ländertreffens der Gemeinschaft der Anonymen Alkoholiker im deutschsprachigen Raum vom 2. Mai bis 4. Mai 2003

Sehr geehrte Damen und Herren,

die Gemeinschaft der Anonymen Alkoholiker in Deutschland besteht nun seit fünfzig Jahren. Das ist Anlass zur Freude und Dankbarkeit für die, die durch diese wundersame und weltweit größte Selbsthilfegruppe den Genesungsweg gefunden haben. Es waren fünfzig Jahre des Zusammenhalts gegen einen heimtückischen und mächtigen Feind.

Das Jubiläum stimmt aber auch nachdenklich, ja besorgt, denn die Alkoholsucht wird immer mehr Menschen zum Verhängnis und belastet das Zusammenleben aller. Laut Statistik sind mehr als anderthalb Millionen Menschen in Deutschland chronisch alkoholabhängig und behandlungsbedürftig. Noch viel höher ist die Zahl derer, die beim Alkoholkonsum nicht ständig, aber doch gelegentlich das Maß verlieren und dadurch sich und ihre Mitmenschen schlimmsten Risiken aussetzen. Alkoholismus und Alkoholmissbrauch sind darum auch in unserem Land eines der schwerstwiegenden gesundheitlichen und sozialen Probleme.

"Erfahrung, Kraft und Hoffnung teilen" - diese Worte aus Ihrer Präambel als Motto Ihres Ländertreffens fassen zusammen, worin der einzigartige Beitrag der Anonymen Alkoholiker zur Genesung vom Alkoholismus besteht. Sie bieten Hilfe ohne altklug erhobenen oder strafenden Zeigefinger, Hilfe unter Gleichen, Hilfe durch Gemeinsamkeit und Solidarität. Nichts wirkt besser und nachhaltiger gegen die Vereinsamung und Verzweiflung, die Alkoholiker - noch fern der Genesung - immer tiefer in ihr Leiden hineintreiben.

Dabei leisten die Anonymen Alkoholiker all dies ohne Unterstützung durch Dritte, denn es gehört zu ihren Traditionen, von außen kommende Hilfen abzulehnen. Das ist für sich genommen schon etwas Besonderes in einer Zeit, in der häufig zuerst nach der Höhe der Fördermittel gefragt wird und in der für fast jedes Problem zuallererst danach gefragt wird, was denn der Staat tun werde. Die Anonymen Alkoholiker zeigen dagegen auf wirklich beispielhafte Weise, welch großen Erfolg uneigennütziges Engagement haben kann und wie viele Wunder durch das Zwölf Schritte Programm der Anonymen Alkoholiker auf der ganzen Welt getan worden sind.

Möglich sind die Erfolge der Anonymen Alkoholiker auf der Basis ihrer Bereitschaft, anderen zu helfen - damit die sich selber helfen können. Die heilende Kraft des Helfens beweist sich freilich immer auch am Helfenden - sie stärkt seine Kraft und Zuversicht. Das ist zugleich ein besonders eindrucksvolles Beispiel für die vielen positiven Wirkungen ehrenamtlichen Einsatzes.

Mittlerweile gibt es im deutschsprachigen Raum rund dreitausend Gruppen der Anonymen Alkoholiker mit rund fünfzigtausend "AA-Freunden". Die Zahlen lassen die besorgniserregenden Dimensionen des Gesamtproblems erahnen; aber sie geben auch Hoffnung, denn sie künden von Menschen, die ihr Leben zum Besseren verändert haben und entschlossen sind, den Weg mit Hilfe einer höheren Macht gemeinsam weiterzugehen.

Ich danke der Gemeinschaft der Anonymen Alkoholiker und allen, die ihr angehören, für das in den zurückliegenden Jahren Geleistete, und ich wünsche Ihnen allen die Kraft und die Zuversicht dafür, Ihren beispielhaften Weg auch künftig erfolgreich zu gehen.

Ihr

Johannes Rau