Ich bin verantwortlich

Referat von Dr. Lothar Schmidt auf dem Deutschsprachigen Ländertreffen der Anonymen Alkoholiker in Berlin im Mai 1987 zu diesem Thema:

Ich heiße Lothar und bin ein Freund der Anonymen Alkoholiker. Unsere  Freunde aus Basel, die das große Meeting 1988 vorbereiten und unter das Motto "Ich bin verantwortlich" stellen werden, wollen uns heute auf dieses Thema ein wenig einstimmen. AA haben viel zu diesem Thema erlebt und nachgedacht. So wollen wir uns jetzt einige Minuten ansprechen lassen, was Bill dazu sagte, was AA-Freunde dazu erlebten und was ich aus meinem Leben mit dem AA-Programm dazu erfahren durfte.

Zunächst aber möchte ich danken. Als ich vor nunmehr 25 Jahren hier in Berlin erstmalig mit AA-Freunden zusammentreffen durfte - mit Ed, Bruno, Lilo, Horst und Inge - da ahnte ich nicht, was AA für mich und mein Leben bedeuten würde. AA hat nicht nur entscheidend mein Verständnis über Alkoholismus, sondern auch meinen Lebensweg und meine Lebenszielsetzung geprägt. Die  meisten meiner ersten AA-Freunde leben nicht mehr, denn die  Alkoholkrankheit schlägt viele lebensverkürzende Wunden. Aber diese Freunde wussten um ihre Verantwortung und gaben das Vermächtnis weiter, sie sind in Euch weiter lebendig. Wenn ich jetzt hier die große Zahl der AA-, Al-Anon - und Alateen - Freunde überblicke, dann gehen meine Gedanken zurück an jene Handvoll Freunde 1962 und ich spüre eine tiefe Dankbarkeit.

Das ist ein Wunder, nicht nur, daß sich AA so schnell ausbreitete und täglich wächst, sondern daß viele, die das AA-Programm lebten, das Wunder eines neuen Lebens und des geistigen Wachstums erfuhren. Dieses innere Wachstum, dieses persönliche innere Wachstum ist für mich noch ein größeres Wunder als die rasche Ausbreitung. Immer wieder habe ich mich gefragt: Worin ist das Wunder dieses inneren Wachstums begründet und wie kann ich daran Teilnehmen?

AA schöpfen ihre Kraft aus ihren Traditionen und ihrem Erfahrungsangebot, das aus Millionen Einzelschicksalen besteht, die doch alle ein Gemeinsames haben, nämlich die Abhängigkeit vom Alkohol. Jeder von Euch, meine Freunde, kennt Alkoholismus aus dem persönlichen Erleben, das nur zu oft ein Weg durch die Hölle war. Wenn hier in diesen Tagen Tausende Alkoholiker und ihre Angehörigen Erfahrungen austauschten, dann besteht, die doch alle ein Gemeinsames haben, nämlich die Abhängigkeit und speziell die Abhängigkeit vom Alkohol. Jeder von Euch, meine Freunde, kennt Alkoholismus aus dem persönlichen Erleben, das nur zu oft ein Weg durch die waren es nicht Erfahrungen über, sondern mit der Alkoholabhängigkeit und der Genesung. Es ist ein Unterschied, ob wir uns über das Erleben anderer oder unser eigenes austauschen.

AA fassten ihre Erfahrungen zusammen, die nicht selten herkömmlichen Vorstellungen frontal widersprachen. Es ist erstaunlich, wie die Alkoholismusforschung die Erfahrungen Alkoholkranker zunehmend, oft über Umwege und Widerstände, bestätigt. Alkoholiker erfuhren an sich:

·       Die Frage nach den Ursachen ist für uns nicht wichtig, wichtig ist, heute und jetzt das Glas stehen zu lassen, heute und jetzt Verantwortung zu übernehmen.

Es sind Erfahrungwerte, die z.T. eine direkte Herausforderung an Wissenschaftler, Ärzte, aber auch an unsere Gesellschaft und damit auch an die Angehörigen stellten. Oft sagten mir Angehörige: Wir haben unter dem Alkoholiker gelitten, er hat uns gequält und nicht selten zur Verzweiflung gebracht und jetzt soll er noch als Kranker gesehen und als solcher behandelt werden. Damit hat er die schönste Ausrede und wird von aller Verantwortung freigesprochen.

Anlässlich eines Weltkongresses 1968 in Washington, an dem auch Bill teilnahm, nahmen mich Vertreter der DHS (Deutsche Hauptstelle gegen die Suchtgefahren) zur Seite und baten mich, wenn ich nach Deutschland zurückkehre, nicht den neuen Begriff "Alkoholkrankheit" zu gebrauchen, da er Alkoholikern schade und sie hindere, sich verantwortlich für ihr Trinken zu sehen.

Das war vor 19 Jahren und es war gut gemeint. Wie wenig verstand man doch noch vor 19 Jahren über Alkoholismus und wie wenig achtete  man auf die Erfahrungen Der Alkoholiker. An jenem Tage fragte ich mich, wer ist eigentlich kompetent darüber zu sprechen. Von jenem Tage an verwendete ich grundsätzlich das Wort "Alkoholkrankheit".

Bill Schrieb: "Es gibt Menschen, die den Standpunkt der AA strikt ablehnen, daß Alkoholismus eine Krankheit ist. Sie meinen, daß dieses Konzept die Alkoholiker von ihrer moralischen Verantwortung entbindet. Wie jeder AA weiß, stimmt das überhaupt nicht. Wir gebrauchen nicht den Begriff der Krankheit, um uns der Verantwortung zu entziehen. Im Gegenteil, wir benutzen die fatale Krankheit, um dem leidenden Alkoholiker die größte moralische Verpflichtung aufzuerlegen, die Verpflichtung, nach den 12 Schritten der AA zu leben, um gesund zu werden."

Auch dieses Wort kann falsch verstanden werden. Wenn Bill hier unmissverständlich von moralischen Verpflichtungen spricht, so versteht er diese nicht als Auflage, sondern als Erfahrungsangebot, das anzunehmen nur eine Voraussetzung kennt, nämlich die ehrliche Bereitschaft, mit dem Trinken aufhören zu wollen.

So sind zwar die 12 Schritte für mich ein Lebensprogramm, aber kein Programm, das wie andere Programme, die Regeln einer Gemeinschaft festlegen. Deshalb fangen alle Schritte mit dem Wort "Wir" an und stehen in der Vergangenheitsform, weil sie einen Erfahrungsbericht darstellen: Wir haben zugegeben, wir kamen zu dem Glauben, wir fassten den Entschluss...... Das. "Wir" ist eine  Ermutigung, ein stilles Angebot, an diesen Erfahrungen teilzunehmen. Die 12 Schritte sind auf Vertrauen und Glauben aufgebaut, auf aktives Handeln, auf Übernahme von Verantwortung und zwar im Vertrauen, weil die Erfahrung der anderen vorliegt. Hier steht keine Intellektuelle Planung und Spekulation am Anfang, sonder das Loslassen im Vertrauen, weil Freunde vorher losließen und genesen konnten.

Weil ich diese Genesung viel 1000mal erleben durfte, wurden die 12 Schritte auch mein Genesungsweg - ein Genesungsweg aus vielen Abhängigkeiten. Über jeden Schritt können meine AA-Freunde und ich das Wort Verantwortung setzen, so daß es für unser Leben ein wichtiger Begriff geworden ist. Basel verspricht ein spannendes Erlebnis zu werden, wenn wir unsere Erfahrungen hierzu austauschen. Erfahrungen mit und Gedanken über Verantwortung ließen diesen Begriff zu einem AA-Wort werden.

Wie tief AA mit Verantwortung und verantwortlichem Handeln verbunden sind, zeigt uns Bill. Er schrieb: "Jeder Fortschritt bei den AA kann einfach in zwei Worte zusammengefasst werden: Demut und Verantwortung. unsere geistige Entwicklung kann genau nach dem Grad unserer Verbundenheit mit diesen großartigen Normen gemessen werden. Immer größer werdende Demut, zusammen mit einer ständig wachsenden Bereitschaft, klar umrissene Aufgaben anzunehmen - und entsprechend zu handeln - : Das sind die echten Prüfsteine im geistigen Leben."

Aus notvoller Erfahrung, aus vielen Niederlagen und Verzweiflung entwickelten AA ein Reifungs- und Genesungsprogramm. AA erkannten die Chance, die in der Krise liegt. Wenn nichts mehr geht, kein Ausweg mehr da ist, keine Ausrede und kein Trick mehr greift, dann erst gewinnen wir oft erst den Mut, den wichtigsten therapeutischen Schritt zu vollziehen, den ein Mensch vollziehen kann, nämlich die eigene Realität zu erkennen und anzunehmen. Unsere  Realität ist das, was Menschsein heißt: Nichts absolut kontrollieren, auf nichts einen absoluten Anspruch erhaben und sich auf nichts absolut verlassen zu können, sondern nur auf die Höhere Macht und ihren Willen. Das ist Deine und auch meine Realität. Demut und Verantwortung gehören zusammen und ziehen sich durch das ganze AA-Programm.

Demut wird oft verkannt. AA lehrte mich, was Demut heißt: Verzicht auf angemaßte Größe und Bekenntnis zu meiner Wirklichkeit, Aufrichtigkeit, konsequentes Bekenntnis zu meiner eigenen Begrenztheit und meinem So-Sein, demütigen heißt, ohne Wenn und Aber, ohne Selbstrechtfertigungsversuch eigene Realität anzunehmen und die Totale Abhängigkeit von der Höheren Macht anzuerkennen. Damit aber setzt meine Verantwortung mir selbst, anderen und Gott gegenüber ein. Bill dachte diesen Gedanken konsequent durch und schrieb: "Demut ist ein Zustand völliger Freiheit von mir, Freiheit von allen Ansprüchen, die meine Charakterfehler an mich stellen. Vollkommenen Demut könnte die absolute Bereitschaft sein, jederzeit und überall den Willen Gottes zu finden und ihn auszuführen."

Bill wusste, daß er in Verantwortung steht. Verantwortung ist ein interessantes Wort. Heißt es nicht in seinem ursprünglichen Sinn Antwort geben, auf das Gefragtwerden zu antworten? Wir sind Angesprochene und wir dürfen antworten. Wer kann dieses Geschenk besser verstehen, als der, der tot war und wieder leben kann. Viele von Euch, Freunde, waren tot, abgeschrieben  und ihr habt wieder Leben. Leben heißt, ständig angesprochen zu werden, Verantwortlichsein heißt, fähig zu sein oder wieder fähig zu sein, einen Dialog mit dem Leben aufzunehmen und auf das Leben zu antworten. Ich darf Antwort suchen und finden und das Leben stellt viele Fragen an mich: Woher komme ich, warum bin ich, wohin gehe ich, welchen Sinn hat mein Leben?

Im Loslassen und Lauschen, durch Gebet und Meditation fanden viele von Euch, die für sich richtige Antwort, andere sind unterwegs dahin. AA können es sich nicht leisten, durch das Leben zu trotteln und es zu vertrotteln. Wer wach ist, erlebt sich ständig  angesprochen und hat erfahren, daß Antworten Spaß macht.

Ich erinnere mich eines alten AA-Freundes, der mir sagte: "Ich war ein Atheist. Aber als ich trocken wurde und zu AA kam, ließ ich mich los und öffnete mich für neue Erfahrungen. ich habe neue Erfahrungen gemacht. Ich erlebe mich geführt, erlebe zusammenhänge und bemerke Veränderungen in meinem Denken und meinen Bedürfnissen. Ich beginne zu ahnen, daß auch mein Leben von einer Höheren Macht geleitet wird. Ich bin gespannt, wie und wohin sie mich führen wird. Eines weiß ich, ich erlebe heute eine andere Freudigkeit und Dankbarkeit wie früher. Ich bin bereit für neue Erfahrungen."

Verantwortung heißt auch Antwort finden für meine Partnerschaft, für meine Kinder, für meine Welt, die mich umgibt, Antwort finden für mein handeln und Wollen. Indem ich Antwort suche und finde, wird mein Blick klarer, denn ich schaue meine Welt um mich an und erkenne meinen Platz.

Als sich in einer "AA-verseuchten Klinik" in Nordamerika ein neuer Patient äußerte, daß er zur Behandlung käme, um die Ursachen seiner Alkoholabhängigkeit zu erfahren, sagten ihm die Therapeuten, daß das für sie zunächst völlig uninteressant wäre; interessant sei, ob er gewillt sei, heute  nichts zu trinken und heute Verantwortung für sich zu übernehmen. Der Patient war sehr enttäuscht, denn es war für ihn viel bequemer, über Ursachen seines Trinkens zu diskutieren, als für diesen Tag Verantwortung für sich zu übernehmen und das Glas stehen zu lassen. Man sagte ihm aber auch, daß man durchaus wisse, daß das für ihn u.U. nicht leicht ist, er aber die Begleitung aller Therapeuten in Anspruch nehmen könne, wenn er das wolle. Er hätte das ganz alleine zu entscheiden, denn auch er könne verantwortlich für sich handeln. Der Patient war zunächst völlig verwirrt, denn in diesem Augenblick wäre es ihm wohl lieber gewesen, andere hätten für ihn gedacht, gehandelt und entschieden. Mit  dem Eintritt in die Klinik lernte er jedoch, daß Verantwortung zu übernehmen unbequem und schmerzlich, aber auch zugleich befreiend und geeignet ist, sich selbst wieder zu finden und sich selbst zu achten.

Jeder Schritt des Programms lehrt mich, Verantwortung für mich zu übernehmen. Es ist ein Wachstumsprogramm zur Mündigkeit. Mündigkeit ist die Fähigkeit, eigenständig und verantwortlich zu handeln und meint Unabhängigkeit von äußerer Bevormundung und ebenso von inneren Zwängen.

Dieser Reifungsprozess lehrt mich, daß ich für mich selbst verantwortlich bin. Dazu gehört, daß ich mich selbst annehme, so wie ich bin, meine Leiblichkeit, mein Alter, meine Gefährdung, meine Begrenztheit, auch meine Vergänglichkeit. Der 1. Schritt sagt: Wir gaben unsere Realität zu, unsere Abhängigkeit und unseren Mangel das Leben zu bewältigen. Ihr wisst es besser als ich, daß diese Entscheidung, sich selbst anzunehmen und zu lieben, sehr schmerzhaft sein kann. Bedeutet das doch, daß ich zu meiner Unvollkommenheit, zu meinen Schwächen und zu meiner Begrenztheit ganz ja sage. Mancher hat sich vor den Spiegel gestellt und den Spiegel zerschlagen. Besser ist schon, wenn ich mir sage: "Das. bist du Lothar, so schön bist du nicht, aber ich rasier dich doch." Wir haben erfahren, daß unsere Selbstannahme und unsere Liebe zu uns selbst uns veranlasst, nach unserer Bestimmung zu suchen und uns bereit macht, uns anderen zuzumuten, ohne uns dafür entschuldigen zu müssen.

Wenn wir die Verantwortung übernehmen für das, was wir sind, gewinnen wir Freude und Mut, uns zu entdecken und auch zu verändern. Indem wir uns annehmen und die Verantwortung für uns übernehmen, werden wir wach und lernen uns besser einzuschätzen. Wir entdeckten, daß es jeden von uns nur einmal auf der ganzen Welt gibt. Jeder von uns hier im Saal ist einmalig und deshalb von unschätzbarem Wert. Dieses Wissen schützt uns vor Selbstunterschätzung. Das Wissen und unsere täglichen Erfahrungen um unsere Begrenztheit schützen uns vor Selbstüberschätzung. Verantwortung mir selbst gegenüber lehrte mich auch, mich selbst zu behaupten. Das heißt nicht, mich um jeden Preis durchzusetzen, sondern das heißt für mich, mich ernst zu nehmen, nicht weniger ernst zu nehmen als andere.

Zu meiner Verantwortung mir selbst gegenüber gehört auch Selbstkritik und Selbstkontrolle sowie das Einüben neuer Verhaltensmuster. Es ist spannend und macht Spaß, neues Verhalten einzuüben und zu entdecken, daß ich mir von mir nicht mehr alles gefallen lassen muss. Ich brauche auch nicht mehr die Verantwortung für andere suchen, um mich vor der Verantwortung mir gegenüber zu drücken. Wir erfuhren: Indem wir bereit wurden, Verantwortung für uns selbst zu übernehmen, wuchs unsere Selbstachtung.

AA erfuhren und gaben es weiter, daß Verantwortungsbereitschaft durch eine enge Beziehung zu verantwortlichen Menschen wächst, die uns die Freiheit geben, neu erworbene Verantwortlichkeit auszuprobieren. AA entdeckten die Gruppe als besonderes Übungsfeld für die Bereitschaft, Verantwortung zu übernehmen. Die AA-Gruppe ist Hochschule für die Entwicklung von Verantwortlichkeit und damit für wachsende Mündigkeit sich selbst und anderen gegenüber.

Die Erfahrung, angenommen und geliebt zu werden, schenkt uns zunehmend die Fähigkeit, andere zu tolerieren, sie anzunehmen, zu lieben und Verantwortung für unsere Beziehungen zu anderen zu übernehmen. Wer diese Tage hier mit offenen Augen und vor allem mit offenem Herzen erlebt hat, wird überwältigt sein von der Liebe und Verbundenheit, die uns begegnete. Ich glaube, die Liebe, die wir empfangen und gegeben haben, ist in der Lage, Granit zu schmelzen. Das ist die Liebe, die Menschen geben können, die tot waren und wieder leben dürfen. In dieser Wärme muss Verantwortung und damit Genesung wachsen. Die Liebe von und zu dem anderen ist der beste Boden, auf dem sich die Ich - aber auch die Du - Findung entwickeln kann.

Dr. Glatt, Wissenschaftler und einer der bedeutendsten Alkoholikerärzte in Europa - er wohnt in England - sagte mir mal als es um die Frage der Alkoholismusbehandlung ging: "Lothar kannst Du Alkoholiker lieb haben? Wenn ja, dann kannst du, sonst lass die Finger davon." Ich habe sie lieb!

Wir sehnen uns nach Annahme und gleichzeitig fürchten wir uns oft davor, weil wir dann nicht mehr so weiterleben können wie bisher und die Verantwortung für uns und andere übernehmen müssen. Von dieser Verantwortung spricht bereits die Präambel der AA: "AA sind eine Gemeinschaft von Männern und Frauen, die miteinander ihre Erfahrungen, Kraft und Hoffnung teilen, um ihr gemeinsames Problem zu lösen und anderen zur Genesung vom Alkoholismus zu verhelfen." Bill schrieb: " Wenn irgend jemand irgendwo um Hilfe ruft, möchte ich, daß die Hand der AA ausgestreckt ist, denn ich bin verantwortlich."

Die Übernahme der Verantwortung zum Du schließt nicht nur die Verantwortung für den Hilfe suchenden Alkoholiker, sondern auch für meine Beziehung zum Partner, zu meinen Kindern, zu meiner Gruppe, zu meiner Arbeitswelt und zu meiner gesamten Umwelt ein. Bill empfahl Dir und mir für einen noch weiteren Bereich Verantwortung zu übernehmen, der uns oft sehr, sehr schmerzlich anlastet, jedoch mit der Verantwortung für andere eng verbunden ist Er schrieb: Die Bereitschaft, die Konsequenzen aus unserer Vergangenheit zu tragen und gleichzeitig auch die Verantwortung für andere zu übernehmen, ist der Inhalt des 9. Schrittes."

Wie schwer auch Deine und meine Vergangenheitslast sein mag, wir haben erfahren, daß mit zunehmender Bereitschaft, die Verantwortung dafür zu übernehmen, unsere Genesung fortschreitet und unsere Selbstachtung wächst. Wir haben aber auch erfahren, wie wir dazu die Gemeinschaft brauchen. Ich hörte von einem Bild: Eine glühende Kohle, aus dem Bereich der Glut herausgenommen und allein gelassen, erlischt. Legt man sie aber wieder zu den anderen in den Ofen, so vermag sie wieder glühend zu werden. In diesen Tagen haben wir diese Glut erfahren, die uns glühend macht und bereit, auch für unsere Vergangenheit Verantwortung zu übernehmen.

AA haben aber noch eine höhere Dimension der Verantwortung erfahren und auch mir weitergegeben. Lassen wir Bill zu uns sprechen, der die Erfahrungen der AA-Pioniere zusammenfasste: "Je größer unsere Bereitschaft ist, von einer höheren Macht abhängig zu werden, desto mehr wachsen wir. Dich doch wenn wir bereit sind, spirituelles Wachstum an die erste Stelle zu setzen, dann und nur dann haben wir die echte Chance, in gesunder Erkenntnis und reifer Liebe zu wachsen."

Es ist der 3. Schritt, ein Erfahrungsbericht, der uns eine weitere Dimension der Verantwortung öffnet: Wir fassten den Entschluss, unseren Willen und unser Leben der Sorge Gottes - wie wir ihn verstanden - anzuvertrauen. Dieser Erfahrungsbericht hat mich ermutigt, mich verantwortlich zu entscheiden, die Liebe von Gott und zu Gott zu entdecken und zuzulassen, um nicht nur in meiner Ich- und Du- Findung, sondern auch in meiner Gott-Findung zu wachsen.

AA haben keine neue Religion mit einem neuen Dogma geschaffen. Nein, AA sind Menschen, die aus tiefer Not kommen, aus existentieller Not, so, daß das Leben verwirkt schien und diese Not schenkte Erfahrungen und Reife. In diesem Saal setzen Tausende, die es erfahren haben, daß eine Macht, größer als wir selbst, eine Höhere Macht, Gott, in ihr Leben eingegriffen hat, so daß eine Verantwortung daraus erwuchs, nach seinem Willen zu fragen und ihn um Kraft zu bitten, diesen Willen zu tun. Es ist der 11. Schritt von dem Bill schreibt: "Durch die anderen Schritte können die meisten von uns nüchtern bleiben und kommen irgendwie durch. Dich doch der 11.Schritt verhilft uns zum Wachstum, wenn wir hart und dauerhaft daran arbeiten."

Mit vielen AA-Freunden beginne ich zu begreifen, daß eine reife Ich- und Du-Findung über die Gott-Findung wächst. Aber ich weiß auch um unsere Widerstände, denn hier geht es um die totale Kapitulation, nicht nur vor dem Alkohol, nicht nur vor einer Charakterschwäche, sondern um die totale Kapitulation vor meinem begrenzten Menschsein. Ihr, meine Freunde, habt die Chance, dies besser zu verstehen als ich. Ihr könnt Euch noch an Eure Erregung erinnern, wenn Euch einer damals Alkoholiker nannte. Es sind die alten Widerstände, die wir erleben, wenn wir im 2., 3., 6., 7., und 11. Schritt auf unsere Begrenztheit angesprochen werden.

Aber da ist der Erfahrungsbericht der AA, die durch ein Leben im Vertrauen auf Gott wachsen, genesen und ein neues Leben gewinnen konnten. Wir sehen oft schärfer, wenn wir einen Satz umkehren. Wie sieht ein Leben ohne Vertrauen auf Gott aus?

Viele Menschen - und es sind nicht die oberflächlichsten - sagen: Ich vertraue keinem, auch mir nicht. Sie sprechen aus Erfahrung. Wenn wir einen Augenblick überlegen, erkennen wir, daß das ein Zustand der Gebundenheit ist, den Alkoholiker und ihre Angehörigen nur zu gut kennen.

Mancher mag sagen: Ich vertraue keinem, nur mir - so nach dem Motto: Die Menschen sind alle schlecht, die denken nur an sich. Nur ich bin eine Ausnahme, ich denke an mich.

Viele von Euch vertrauten viele Jahre, oft waren es Jahrzehnte, sich selbst, der eigenen Kraft und Willensstärke, mit dem Alkohol und mit dem Leben fertig zu werden. Ihr habt aber auch die Gnade erfahren, immer wieder Durch Niederlagen die eigene Machtlosigkeit erkennen zu können. Ihr habt erkennen können, wie der Widerstand gegen diese Machtlosigkeit illusionär und blind für die eigene Realität macht. Ich weiß für mich heute sicher - und das AA-Programm hat es mich immer wieder gelehrt -, daß sich das nicht nur auf den Alkohol bezieht, sondern für die Realität unseres Menschseins. Darum gilt das auch für mich.

Bill schrieb zum 3. Schritt: "Tatsächlich steht und fällt die Wirkungskraft des ganzen AA-Programms damit, wie gut und wie ernsthaft wir versucht haben, den Entschluss zu fassen, unseren Willen und unser Leben der Sorge Gottes, wie wir ihn verstanden, anzuvertrauen."

Das ist eine gewaltige Wegweisung: Steht und fällt die Wirkungskraft des ganzen AA-Programms. Sie zeigt uns unsere Begrenztheit und den Weg aus der Begrenztheit.

AA sind unterwegs - wir kamen zu dem Glauben - , unterwegs zu einem Leben im Vertrauen auf Gott. AA haben erfahren, daß die Höhere Macht uns besser kennt, als wir selbst. AA erfuhren das alte Psalmwort: Lege dein Schicksal in Gottes Hand, verlass dich auf ihn, er macht's richtig.

Glauben fällt nicht in den Schoß. Mit Glauben ist's wie mit dem Gehen lernen. Am Anfang steht das Loslassen und das ist ein Wagnis, das mir Erfahrungen schenkt. Am Anfang steht meine Verantwortung, mich für das Gehen lernen zu entscheiden, meine Bereitschaft.

Dich doch wir werden zu Beschenkten. Aus dem Vertrauen zu Gott lernen wir echtes Selbstvertrauen und das Wissen, daß wir geliebt sind. Dieses Vertrauen weiß um meine und auch um Deine Begrenztheit, weiß um mein und um Dein Stolpern. So wird alles Vertrauen zum Dennoch-Vertrauen, denn wir wissen uns angenommen von der Unbegrenztheit unserer Höheren Macht.

Das Ergriffenwerden durch die Höhere Macht schenkt uns die Verantwortung, in einen Dialog mit ihr zu treten und Antwort zu geben. Diese Antwort erkannten AA in einem Leben im Vertrauen zu Gott.

Nach diesen schönen Tagen müssen wir uns wieder trennen. Mit Euch darf und will ich unterwegs bleiben, unterwegs in der Arbeit im Programm. So bitte ich für mein Unterwegssein:

Ich danke Dir, meine Höhere Macht, daß ich entscheiden darf, daß Du mir das große Geschenk gegeben hast, verantwortlich sein zu dürfen für mich, für die, die mich brauchen und daß ich mich für Dich entscheiden darf. Ich danke Dir, daß ich Antwort suchen finden darf für mein Leben, für meine Lieben und für meine Welt. Hilf mir, wenn ich in Not komme, mich, meine Mitmenschen und Dich vermeiden zu wollen. Gib mir Mut, Verantwortung zu suchen und anzunehmen. Du hast mich gewollt, ich danke Dir.