Prof. Dr. Lothar Schmidt zum 40. Jahrestag von AA in Karlsruhe

Liebe AA-Freunde, liebe AL-Anon, liebe Alateen, liebe Gäste, sehr verehrte Damen und Herren, ich heiße Lothar und bin ein Freund der AA.

Wir feiern heute einen Geburtstag, ein Jubiläum von ganz besonderer Bedeutung.

Am 21.01.1961 hat Pfarrer Heinz Kappes zum ersten AA-Meeting in das Städtische Übernachtungsheim in der Zähringer Straße eingeladen. Die alten AA-Freunde Ed und Erhard nahmen daran teil, es entstand die erste AA-Gruppe in Karlsruhe.

40 Jahre AA in Karlsruhe, was bedeutet das für diese schöne Stadt?

Es gibt keine Festveranstaltung im Rathaus, auch keine Festbeflaggung, Manche große Dinge vollziehen sich in der Stille; sie sind wertvoller und reichen tiefer, als dass diese Fahnen und großer Öffentlichkeitsschau bedürften.

Seit 40 Jahren haben Bürger und Bürgerinnen dieser Stadt die Chance, mit AA den Weg aus Verzweiflung und bitterer Not den Weg zurück ins Leben gewinnen zu können und zu einem sinn- und zielorientierten Leben unterwegs zu sein.

Hier sitzen viele unter uns, die abgeschrieben und am Ende waren. Und dann kam AA und Ihr fandet neuen Mut und zum Leben zurück. Unter uns sitzen auch viele Angehörige von Alkoholkranken. Sie waren verzweifelt, ihr Leben schien zerbrochen. Und dann kamen AA und AL-Anon, und Ihr fandet neuen Mut zum Neubeginn und konntet wieder eine wertvolle Beziehung aufbauen.

Was kann es Wertvolleres geben, als den Gewinn eines neuen wertvollen Lebens.

Für manchen Gast mag es ungewöhnlich sein, wenn sich hier Menschen um den Hals fallen und dabei Tränen in den Augen haben. 

Nur wer gehungert hat,  
weiß wirklich was Hunger ist.

Nur wer starke Schmerzen hatte,  
weiß wirklich Schmerzlosigkeit zu schätzen.

Nur wer gebunden und mit sich gefangen war,  
weiß was Befreiung und Freisein bedeuten
.

Hier treffen sich Menschen, von denen viele aus tiefem Leid, aus Gebundenheit kommen und wieder frei werden durften, wieder leben können und eine Zukunft haben. Ihr alle, meine Freunde, seid ein lebender Beweis, dass es einen erfolgreichen Weg aus der Alkoholabhängigkeit, einen Weg der Genesung gibt. Ihr seid ein Beweis zum Anfassen.  

40 Jahre AA in Karlsruhe bedeuten: Hier sind Freunde, die jederzeit bereit sind, jedem, der ehrlich aus seiner Alkoholabhängigkeit aussteigen möchte, die Hand zu reichen, ihn zu begleiten und mit der eigenen Erfahrung zur Seite zu stehen, AA und AL-Anon haben sich unter das Wort Bills eines ihrer Gründer gestellt:  

Wenn irgendjemand irgendwo um Hilfe ruft,  
möchte ich, dass die Hand der AA ausgestreckt ist,
denn ich bin verantwortlich.

Diese Hand ist in Karlsruhe seit 40 Jahren ausgestreckt. Jeder Betroffene kann sie erfassen. Er braucht in seiner Not nicht allein zu bleiben. Damit schenkt AA Karlsruhe ein Angebot, das lebensrettend sein kann. Die Saat, die Heinz Kappes und die Freunde der ersten Stunde gesät haben, ist reichlich aufgegangen. Wir denken heute an sie in besonderer Weise.

Heinz Kappes, der geistige Sponsor der AA in Karlsruhe, starb am 1. Mai 1988 im hohen Alter von 95 Jahren. Er wäre - wie auch die AA Freunde der ersten Stunde - sicher heute gern unter uns gewesen. Doch ihre Gedanken und Wünsche sind uns heute noch lebendig, und wir wollen sie weitertragen. In vielen Begegnungen hatte ich mit Heinz Kappes wertvolle Gespräche, AA-Freunde der ersten Stunde waren es auch, die mein Verständnis über Alkoholismus sowie über das Denken und Fühlen Alkoholkranker entscheidend vertieften.  

Das war ein anderes und wertvolleres Verständnis, als das, was mir die Universität vermittelt hatte. Dort hatte man über Alkoholismus nachgedacht, am Schreibtisch gesessen und wissenschaftliche Projekte ausgewertet.  

Diese Freunde aber hatten Alkoholismus am eigenen Leib erfahren und erlitten und das ist ein gewaltiger Unterschied. Sie sprachen von dem, was sie selber erlebt, gefühlt und gedacht haben und gaben ihre Erfahrungen weiter. Diese Erlebnisse haben mich bis heute veranlasst, meine Studenten aufzufordern, nicht nur Lehrbücher über Alkoholismus zu lesen - habe ich doch selbst eines geschrieben - sondern sie dann zur Seite zu legen und sich zu Füßen der lebendigen Lehrbücher zu setzen und sie zu fragen, wie sie ihr Verhalten erlebt und welche Gedanken und Gefühle sich während ihrer Krankheitsentwicklung eingestellt haben. Dann können sie manches erfahren, was in keinem Lehrbuch steht,

Trockene Alkoholiker werden in aller Regel sehr verantwortliche und denkende Menschen.

Wer durch die Hölle gegangen ist,  
an den Rand des Lebens gekommen ist,
seelisch tot war und wieder leben darf
denkt anders, denkt tiefer als Menschen
ohne diese Erfahrung

1971 schrieb mir ein AA-Freund: " Das Nachdenken habe alle Menschen nötig und wir Alkoholiker, die genesen wollen, sind besonders dazu angehalten.“ Trockene Alkoholiker können es sich nicht leisten, einfach weiter durchs Leben zu trotteln und zu vertrotteln.  

So haben sie aufgrund ihrer bitteren Erfahrung nicht nur über Hilfen der Genesung, sondern auch über Wichtiges und Unwichtiges im Leben sowie über die Gesundung spiritueller und seelischer Kräfte nachgedacht. Es ging und geht Ihnen um ein klares Genesungsprogramm, das sie in den 12 Schritten gefunden haben. Dieses Programm hat in der Tat erstaunliches bewirkt und bewirkt es weiterhin,  

Meine erste Begegnung mit AA stellt mich vor ein solches Wunder. Während meines Studiums arbeitete ich nebenbei in der Berliner Charite und hatte einen Oberarzt der alle Voraussetzungen zum Professor hatte, Er wurde alkoholkrank, daraufhin entlassen, geschieden, er verlor seine Zulassung als Arzt, bekam Tuberkulose, galt als hoffnungsloser Fall und verschwand aus meinem Blickfeld. Ich dachte er wäre gestorben. 12 Jahre später, es war 1963, traf ich ihn gesund und gut aussehend "zufällig" auf der Straße. Auf meine Frage, wo er so erfolgreich therapiert worden sei, antwortete er: "Ich bin bei AA und wenn Sie wollen, können Sie mich heute Abend in unsere Gruppe begleiten." Ich bin mitgegangen und werde diese Begegnung nicht vergessen. Ich traf dort auf Menschen, die offener und ehrlicher waren als ich.  

Es gab damals 10 AA-Gruppen in Deutschland und ich ahnte nicht, was AA für mein Leben bedeuten würde. Seither hat mich AA begleitet und nicht nur mein Verständnis über Alkoholismus, sondern auch mein Leben entscheidend beeinflusst. Ich darf mit Euch unterwegs sein, um in zufriedener Nüchternheit Gewinner dieses Lebens zu werden.

 Es ist ein Wunder, nicht nur, dass sich AA so schnell ausbreitete, sondern viele, die das Genesungsprogramm der AA lebten, ein neues wertvolleres Leben gewannen, Ihr inneres Wachstum, ihre positive Persönlichkeitsentwicklung ist für mich ein noch größeres Wunder als die rasche Ausbreitung. Wiederholt habe ich mich gefragt, worin dieses Wunder begründet ist und wie ich daran teilnehmen kann. AA schöpfen ihre Kraft aus ihrem Erfahrungsangebot den zwölf Schritten und aus ihren Traditionen. Wer sich eingehend mit der Entstehungsgeschichte der AA beschäftigt, wird die Freunde verstehen, die sagen:

Es gibt keine Zufälle.

Was aber gibt es dann? Ich frage mich: warum musste Roland in die Behandlung von C.G. Jung kommen warum entließ er ihn nach einjähriger erfolgloser Behandlung warum kam Roland in Kontakt mit der Oxfordgruppe warum brauchte Roland nicht mehr zu trinken, nachdem er seine Ohnmacht in der Gruppe bekannte und sie Gott übergeben hatte - warum holte Roland den hoffnungslosen, therapieresistenten Säufer Ebby in die Gruppe und warum brauchte Ebby nicht mehr zu trinken, nachdem er es wie Roland gemacht hatte warum erinnerte sich Ebby an Bill und besuchte ihn, obwohl er ihn 5 Jahre nicht mehr gesehen hatte

warum musste Bill noch einmal in die Klinik warum hatte Bill als er verzweifelt schrie: " Wenn es einen Gott gibt, dann soll er sich zeigen, ich bin zu allem, zu allem bereit "die Lichterscheinung und warum brauchte er danach nie mehr zu trinken? was veranlasste Henrietta im Frühjahr 1935, ein Sondermeeting für den hoffnungslosen Alkoholiker Dr. Bob zu organisieren warum konnte Dr. Bob nach zweijährigem erfolglosen Gruppenbesuch sich erstmalig bei diesem Meeting als Alkoholiker bekennen warum betete Henrietta um Hilfe für Bob warum wurde Bill in seiner Krisensituation im Hotel Mayflower in Akron wie von unsichtbarer Hand veranlasst, auf das Verzeichnis von Geistlichen zu schauen warum rief er gerade Dr. Tunks an warum leitete dieser das Gespräch an Norman Sheppard weiter warum musste Sheppard gerade nach New York fahren, so dass er das Gespräch an Henrietta weiterleitete warum erkannte Henrietta diese Gesprächsweiterleitung als ihre Gebetserhörung und führte am 11. 05.193 5 Bill mit Bob zusammen warum konnte Bill nach einem Gebet in nur 30 Minuten die zwölf Schritte, dieses wunderbare Genesungsprogramm, schreiben?

War das alles Zufall?

Nein - wer sich eingehend mit der Entstehung von AA und den zwölf Schritten auseinander setzt, kann verstehen, dass Millionen Alkoholkranke in der Welt auf diesem Weg genesen und ein neues Leben gewinnen konnten, denn  

AA und die zwölf Schritte sind ein Geschenk der Höheren Macht.

Halten wir fest, mit AA und ihrem Genesungsprogramm sind mehr Alkoholkranke genesen, als mit irgendeiner anderen therapeutischen Methode. Vergessen wir nicht, wir haben AA viel zu verdanken. Sie fassten ihre Erfahrungen zusammen und sagten uns: Alkoholismus ist eine Krankheit. Alkoholkranke können in aller Regel nicht mehr kontrolliert trinken. Die Frage nach den Ursachen ist für die Genesung zunächst nicht wichtig, wichtig ist, heute und jetzt das erste Glas stehen zu lassen. Genesung erfolgt nicht durch Willensstärkung, sondern durch Kapitulation. Alkoholismus ist eine Familienkrankheit. Gespräche mit Gleichkranken sind eine wesentliche Hilfe. AA schenkte uns das wertvolle Genesungsprogramm.

Diese Erfahrungswerte waren zum Teil eine schwere Herausforderung gegen herkömmliche Vorstellungen. Umso bedeutsamer waren die Arbeiten Jellineks.

Nachdem er die Ergebnisse wissenschaftlicher Arbeiten der letzten Jahrzehnte über Alkoholismus zusammengefasst und sich damit fachkundig gemacht hatte, befragte er die lebendigen Lehrbücher. Es waren 2000 AA, die ihm ihre Erfahrungen schenkten, so dass er 1946 Alkoholismus als Krankheit 1952 den Ablauf der häufigsten Form und 1960 verschieden Abläufe der Krankheit erkennen und beschreiben konnte.

Die Erkenntnis, dass Alkoholismus eine primär-chronische Krankheit ist, stößt bis heute immer wieder auf Widerstände, denn jahrhundertelang wurden Alkoholiker als willens- und charakterschwache, labile und undisziplinierte Menschen beurteilt, die ihre Abhängigkeit selbst verschuldet haben. Außerdem haben Alkoholkranke immer wieder durch ihr krankheitsbedingtes Fehlverhalten ihr Umfeld gestört und verwirrt.

Aufgrund zunehmender Erkenntnisse definierte 1968 auch das Bundessozialgericht in einem Grundsatzurteil Alkoholismus als Krankheit.

Dessen ungeachtet schrieb noch 1969 ein Vertrauensarzt einer großen Krankenkasse: " Halten sie Trunksucht für eine Krankheit? Nein, ich weiß aber, dass Juristen und Psychiater anders darüber denken. Wenn ein Mensch vorsätzlich trinkt - ein Grund findet sich hinterher immer -  ist er nicht krank, sondern haltlos, genau so wie ein Sexualverbrecher. " Dieser Kollege hat mit Sicherheit keinen Alkoholkranken erfolgreich behandeln können.

Die Alkoholismusforschung der letzten 30 Jahre hat nicht nur das Krankheitskonzept erhärtet, sondern auch erkannt, dass zur Entstehung der Alkoholabhängigkeit nicht nur Förderungsfaktoren aus dem seelischen und sozialen Bereich, sondern vor allem auch biologische, biochemische und genetische Dispositionen verantwortlich sind, die der Kranke nicht übersehen kann. Folglich definiert 1983 das Bundesarbeitsgericht Alkoholismus als in der Regel keine selbstverschuldete Krankheit.

Wir wissen heute, dass wenn zwei Menschen die gleiche Menge Alkohol trinken, in ihrem Körper nicht das gleiche geschieht. Folglich gibt es Menschen, die trinken wie die Weltmeister und schaffen es nicht, abhängig zu werden. Das heißt aber auch, dass keiner, der Alkohol konsumiert, garantieren kann, nicht abhängig zu werden. Trotz dieser Erkenntnis kann weiterhin für die Droge Alkohol an allen Ecken und in den Medien mit großem Aufwand geworben werden.

Über den Konsum illegaler Drogen wird ein großes Geschrei gemacht. Unser vordergründiges Drogenproblem bereiten uns nicht die illegalen, sondern die legalen Drogen.  

1999 starben in Deutschland 1812 Menschen  
im Zusammenhang mit ihrem illegalen Drogenkonsum,
aber 42 000 im Zusammenhang mit ihrem
Alkoholmissbrauch  

und ihrer Alkoholabhängigkeit.
 

Der volkswirtschaftliche Schaden durch Alkoholkonsum betrug nach Angaben der DHS 1999 mehr als 40 Mrd. DM.

Doch der Politiker, der sich tatsächlich für wirksame Präventionsmaßnahmen einsetzen würde, kommt sofort in einen massiven Interessenkonflikt mit der alkoholproduzierenden Industrie, der Werbewirtschaft und dem Verkaufsgewerbe; außerdem gerät er in Gefahr, bei der nächsten Wahl nicht mehr gewählt zu werden. So ist es verständlich, dass wir zwar ständig vom Sparen reden hören, wir aber keine Weinsteuer und eine der geringsten Biersteuern in Europa haben. Somit ist es wohl leichter die Benzinpreise zu erhöhen, als die für alkoholische Getränke. 

Millionen Alkoholkranke erfuhren erst durch leidvolle Rückfälle, dass sie nicht mehr kontrolliert trinken können. Auch diese Erfahrung passte einigen Therapeuten nicht, die die Theorie vertraten, dass Alkoholabhängigkeit erlerntes Fehlverhalten und somit letztlich keine primärchronische Krankheit sei. Damit ergab sich der Schluss, Alkoholikern durch Umlernen wieder kontrolliertes Trinken zu ermöglichen. Das hat man immer wieder durch verschiedene Bestrafungs- und Belohnungsstrategien versucht.  

Von den angeblich erfolgreich behandelten Alkoholikern tranken nach ausreichender Beobachtungszeit fast alle wieder krankhaft oder waren Alkoholmissbraucher und keine  Alkoholabhängigen.  

Neuerdings wird wieder einmal vom kontrollierten Trinken als Therapieergebnis geredet und hat einige Alkoholkranke verwirrt. Ein bekannter Professor, der Psychologe und Verhaltenstherapeut ist, hat sich mal wieder damit ins Gespräch gebracht. Das ist nach meiner Erfahrung ein gefährliches und höchst unverantwortliches Gerede, das die Rückfallgefahr fördert. Die meisten Alkoholkranken haben jahrelang den Gedanken gepflegt, Alkohol kontrolliert trinken zu können und ihren Alkoholkonsum im Griff zu haben. Jener Professor spricht Problemtrinker an, zu denen Alkoholmissbraucher und Alkoholabhängige gehören. Missbraucher können zweifellos wieder kontrolliert trinken und sollten ihren Alkoholmissbrauch einstellen. Alkoholkranke können dies nicht, wie es Millionen Alkoholkranke leidvoll erfahren mussten.  

Ich kenne Alkoholkranke, die rückfällig wurden, weil sie von ihrem Arzt alkoholhaltige Medizin erhalten hatten und nicht wussten, dass sie damit Alkohol zu sich nahmen.  

Im September traf ich meine Freundin Fritzi. Sie ist die erste AA in Österreich und hat vor 41 Jahren die erste AA‑Gruppe in Wien gegründet. Sie kam vor 2 Jahren in ein vornehmes Altenheim, in dem die Damen zum Essen ein Gläschen Wein tranken. Fritzi erinnerte sich, dass ich in einem Vortrag den amerikanischen Rand-Report erwähnte hatte, eine Studie mit 115 00 Personen, ob sie wieder kontrolliertes Trinken. erreichen konnten. Nach 18 Monaten waren nur noch 1339 auffindbar, von diesen behaupteten etwa 3 % wieder kontrolliert trinken zu können, obwohl die Frage offen blieb, ob sie lediglich Alkoholmissbraucher waren. Fritzi erinnerte sich auch meines Kommentars dazu.  

Ich fragte: " Würden Sie sich einer Fluggesellschaft anvertrauen, die garantiert, dass mindestens 9 7 % der Flugzeuge abstürzen? Wenn ja, dann müssen Sie umgehend einen Psychiater aufsuchen uni ihre Macke behandeln zu lassen.  

Fritzi gingen die 3 % und die 41 Jahre Trockenheit durch den Kopf Sie wurde unsicher, ob es nicht 12 % waren und begann mitzutrinken. Das ging nahezu 4 Monate gut dann aber folgten schwere Kontrollverluste wie vor 41 Jahren. Fritzi hat für uns alle eine wertvolle Erfahrung gemacht. Sie ist wieder trocken und hat mir erlaubt, ihre Erfahrung weiterzugeben.

Eine Studie der Universität North Carolina ergab, dass nach 27 bis 55 Monaten keiner der Alkoholiker wieder kontrolliert trinken konnte.  

Alkoholismus ist eine gemeine Krankheit.

Sie fängt meistens harmlos an und entwickelt sich über viele Jahre. Wenn sich der Kranke seiner Krankheit bewusst wird, sind meistens schon schwere Schäden eingetreten. Zunächst zeigt der Alkohol seine positiven Seilen: Er beruhigt, enthemmt, fördert gesellschaftliche Kontakte und lässt Belastungen leichter ertragen. Mit zunehmender Krankheitsentwicklung finden sich zunehmend belastende Symptome, die ihr besser kennt als mancher Arzt, weil ihr sie erlebt habt: 

Ihr wisst  von Gedächtnislücken, den Filmrissen, die sehr verwirren können.  
Ihr wisst vom häufigen Denken an Alkohol, besonders in Belastungssituationen.
Ihr wisst von der Sorge um den nötigen Nachschub und Vorrat sowie um geeignete Verstecke für die Flaschen
Ihr wisst von Kontrollverlusten und ihren belastenden Folgen,
Ihr wisst von den quälenden Entzugszeichen nach Trinkpausen oder nach der Nachtruhe  

(Hast du viel getrunken, nein das meiste hab' ich verschüttet.  
Stoßgebet: Lieber Gott gib mir die Kraft,
dass das erste Glas drinbleibt.)
 

Da jeder Alkoholkranke einen schweren emotionalen Preis zu zahlen hat, wisst ihr alle, von Scham- und Schuldgefühlen sowie von Ängsten vor Diskriminierungen und der Entdeckung der Abhängigkeit.  

Außerdem führt die Alkoholkrankheit stets zu Verletzungen des Selbstwertgefühls.

Wie habt ihr euch gefühlt, wenn euch Nachbarn am Abend vorher hilflos besoffen, vielleicht mit beschissener Hose, gesehen hatten, ihr die Möbel gerückt oder gar den Partner geschlagen haltet?

Wie seid ihr mit den Gefühlsschwankungen fertig geworden unter Alkohol Omnipotenzgefühle mit renomistischem Imponiergehabe (ich bin der Größte) und am anderen Morgen möglichst mit Hut unter dem Teppich?  

Ihr wisst, was ich meine. Ihr wisst wie Scham-, Schuldgefühle und Ängste Abwehr auslösen:  

" Ich bin nicht abhängig, ich hab's im Griff,  
bei mir ist alles in Ordnung", die zwei Gläser, die ich trinke,

das tut doch jeder
(er meinte das erste und das letzte Glas)",

die anderen trinken viel mehr als ich".

  Ich hab auch Gründe, warum ich mal mehr trinke,  
Sie müssten mal meine Frau kennenlernen,
dann wüssten sie auch, warum ich mal etwas mehr trinke".
 

Die Abwehr schien für Euch lange wichtig, um Euch  

vor Kränkung bewahren zu wollen,
beim alten Verhalten bleiben zu können,
um Anstrengungen zur Veränderung zu vermeiden
und die eigene Realität nicht sehen zu müssen.
 

Die Alkoholkrankheit füttert den Kopfcomputer ständig mit Fehlinformationen, die zur Blindheit für die eigene Realität führen und für die auch somit nicht mehr die Verantwortung übernommen werden kann.  

Der Schritt zur Trockenheit ist nicht leicht.

Nur zu oft war dazu ein persönlicher Tiefpunkt notwendig. Die Krise wurde vielen zur Chance, sich alkoholabhängig zu sehen, sich für Trockenheit und Behandlung zu entscheiden,

Leider geht vielen Alkoholkranken erst dann ein Licht auf, wenn es beginnt auszugehen.

Wenn nichts mehr geht, kein Ausweg mehr da ist, keine Ausrede, kein Trick mehr greift, dann erst gewinnen viele den Mut, den wichtigsten therapeutischen Schritt zu vollziehen, den ein Mensch vollziehen kann., nämlich die eigene Realität zu bekennen und anzunehmen:

das heißt: die Illusion aufzugeben, aus eigener Machtvollkommenheit leben und selber Gott spielen zu können,

das heißt: Annahme eigener Schwächen und Begrenztheiten

das heißt: auch Aufgabe aller Masken und Abwehr die viel Kraft und Energie kosten, die für etwas besseres, nämlich für die Genesung eingesetzt werden können. Aufgrund bitterer Erfahrungen erkannten Alkoholiker:

Nicht Willensstärkung,  
sondern Kapitulation vor der Krankheit führt zur Genesung.
Nur was wir annehmen, können wir verändern.

Ein ganz einfacher AA-Freund mit mangelnder Schulbildung hatte das schneller begriffen als viele andere. Er sagte:

Ich habe jahrelang gegen Cassius Clay geboxt, der viel stärker ist als ich. Das mache ich nicht mehr.  

Ich kenne keinen Alkoholkranken, unter den etwa 130 000, denen ich bisher begegnen durfte, der auf Dauer Trockenbleiben und genesen konnte, ohne zu seiner Krankheit JA zu sagen und sie anzunehmen. Darum heißt der erste Schritt des Genesungsprogramms:

Wir gaben zu,
dass wir dem Alkohol gegenüber machtlos sind
und unser Leben nicht mehr meistem konnten,

Von Euch lernte ich den paradoxen Weg der Genesung:

durch Kapitulation zu siegen
durch Loslassen zu erhalten
durch ehrliches Zugeben von Schwäche Stärke
und durch Bindung Freiheit zu gewinnen.

Die jahrelange Krankheitsentwicklung beeinflusst das Denken, Fühlen und Verhalten und führt zu Folgeschäden in allen Lebensbereichen. Darum kann Abstinenz allein nicht das Behandlungsziel sein. Abstinenz ist die unbedingte Voraussetzung, um zunächst körperlich, sozial und seelisch zu genesen sowie tragende Sinn- und Zielorientierung für das Leben aufzubauen. Die Genesung der Weg von der Trockenheit zur zufriedenen Nüchternheit benötigt lange Zeit, Bill hat in seiner Sprache  

sowohl die Trockenheit als auch die wiedergewonnene Fähigkeit
die Realität des Lebens
zu sehen und entsprechend zu handeln,

als Nüchternheit bezeichnet

Doch in seinen Aussagen erkennen wir mühelos, ob er unter Nüchternheit=Trockenheit oder die auf dem Genesungsweg erreichte Reife, meint. So meinte er Trockenheit als er schrieb:

Unser Streben zielt auf Nüchternheit, auf die Befreiung vom Alkohol ....

Ohne diese Befreiung haben wir nichts.

Trockenheit meinte er auch, als er schrieb:

Ist Nüchternheit alles, was wir vom geistigen Erwachen erwarten?
Nein. Nüchternheit ist nur ein dürftiger Anfang, sie ist nur das erste Geschenk
des ersten Wachwerdens.

Wollen wir mehr Geschenke erhalten,
müssen wir wach bleiben.

Je länger das anhält können wir Stück für Stück des alten Lebens,
das nichts taugt, beiseitelegen.

Wir können ein neues Leben voll unendlicher Möglichkeiten führen,
wenn wir bereit sind, im Leben die zwölf Schritte zu praktizieren ".

Mit der Entscheidung zur Trockenheit habt Ihr Euch auf den Weg gemacht - zu einem neuen Leben in zufriedener Nüchternheit.

Abgesehen von Organschäden lassen sich die üblichen alkoholbedingten körperlichen schweren Folgeschäden in relativ kurzer Zeit beseitigen oder ihr Fortschreiten verhindern. Die Beseitigung sozialer Schaden benötigt in der Regel längere Zeit.  

Die Beseitigung von Persönlichkeitsdefiziten und seelischen Schaden sowie der Aufbau eines neuen Lebens mit klarer Sinn‑ und Zielorientierung ist ein Lebenswerk und lässt uns unterwegs bleiben.

Unser Leben ist auf Unterwegssein programmiert.

Jeder Tag, jede Stunde, jede Minute, die wir leben kommt nicht wieder. Der heutige Tag ist für uns alle der erste Tag vom Rest unseres Lebens.

Wie groß dieser Rest ist, kennt keiner von uns.

Trockene Alkoholiker haben viel darüber nachgedacht. Sie erkannten:

 das vergangene unwiederbringliche Gestern
als wichtiges Erfahrungsfeld

  die Unabwägbarkeit des noch nicht verfügbaren Morgen.

Das Heute und das Jetzt als das lebbare Leben, als Chance, wertvolles Leben zu leben.

Deshalb versuchen viele, das Heute jeweils so wertvoll wie möglich zu machen.

Wenn jahrelang der Weg der Illusion und Realitätsverleugnung gegangen wurde und wir ihn nicht mehr gehen wollen, kann der Bremsweg unter Umständen lang sein. Es können sich Ängste und Widerstände einstellen, denn der alte Weg war vertraut.

Aber da sind ja die Freunde in der Gruppe, die vorher den Weg gegangen sind, ihre Erfahrungen weitergeben und auch unterwegs sind.

Was bedeutet unterwegs zu sein. Unterwegssein heißt:

Sich auf einem Weg zu befinden,  
nicht zu Hause und nicht am Ziel zu sein,
heißt fortschreiten,

sich dem Ziel nähern.

Wege gibt es viele, haben wir auch ein Ziel?

Das oft zitierte Wort " Der Weg ist das Ziel " kann falsch verstanden werden, denn es gibt viele Kreiswege die immer wieder zum alten Ausgangspunkt und nicht weiter führen.

AA programmieren ihren Weg vorn Ziel her. Weg und Ziel schenkt uns das Zwölf-Schnitte-Programm, von dem Bill schrieb,  

dass es ein Leben unendlicher Möglichkeiten schenkt, wenn es praktiziert wird.

Was ist das für ein Genesungsprogramm?

Die 12 Schritte sind keine Gebote oder Verbote, sie sind Erfahrungsangebote, darum stehen sie alle in der Vergangenheitsform. Sie sind ein Lebensprogramm für jeden, auch für Nichtalkoholiker, die sich ihrer Abhängigkeiten und Fehlverhaltensweisen bewusst werden und darum auch ein Programm für mich.

Ihren Wert wird aber nur der erfahren,  
der sie praktiziert.

Sie sind somit nicht für Theoretiker und Diskutierer,
sondern für Praktiker.

Ob ein Stuhl hält was er verspricht, eine Sitzfläche zu sein, erfahre ich nicht durch diskutieren, sondern in dem ich mich draufsetze.  

Auch ein Schritt kommt nur zustande, in dem ich aktiv werde, mein Bein hebe und es vorsetze.

Wenn ich einen Schritt mache, kann ich nicht stehen bleiben. Wenn ich nicht stehen bleibe, ändere ich meinen Standpunkt. Ändere ich meinen Standpunkt, dann ändert sich meine Sicht.

Mit den Schritten sind wir unterwegs zu einem neuen Leben mit klarer Sinn­ und Zielorientierung, unterwegs zur zufriedenen Nüchternheit.

Die ersten drei Schritte werden auch als Kapitulationsschritte bezeichnet.

lm 1. Schritt
geht es um die Annahme der Alkoholabhängigkeit
und Machtlosigkeit, das Leben zu meistern.

Die Schritte 2 und 3 machen das Angebot,  
durch Bereitschaft, sich für neue Erfahrungen zu öffnen,
Glauben und wachsendes Vertrauen in die Führung Gottes
in unserem Leben zu gewinnen.

Viele schreckten zunächst vor diesen Schritten zurück, weil sie ihnen in unserer säkularisierten Zeit (materialistisch/weltlich) als unzumutbare Herausforderungen erscheinen. Wer sie jedoch ging, machte neue und wertvolle Erfahrungen.

Ist Gott nicht eine menschliche Konstruktion, sondern eine Realität, dann ist Er erfahrbar.

Millionen konnten Ihn als Realität erfahren.

Glauben fällt jedoch nicht in den Schoß. Mit dem Glauben ist's wie mit dem Gehenlernen. Am Anfang steht das Loslassen, und das ist ein Wagnis, das neue Erfahrungen schenkt, Am Anfang steht die Bereitschaft, sich für das Gehenlernen zu entscheiden.

Nach der Befreiung vom Alkohol war es auch verständlich, dass mancher AA‑Freund Sorgen hatte, sich mit diesen Schritten in eine neue Abhängigkeit zu begeben.

Wir sind jedoch täglich abhängig und begeben uns immer wieder in neue Abhängigkeiten.

Wenn wir ein Haus bauen, schließen wir es an die öffentliche Stromversorgung an, um von Kerzen und Öllampen, hell und dunkel, unabhängig zu sein, machen uns aber vom Elektrizitätswerk abhängig.

Darum mach' Dich von Dingen abhängig,
die Dich unabhängiger machen,

Alkoholiker, die oft lange glaubten, sich von ihrer Intelligenz und Willenskraft abhängig zu machen, um ihren Alkoholkonsum steuern und ihr Leben meistern zu können, haben die Ergebnisse dieser illusionären Verkennung bitter erfahren müssen; darum haben sie die Chance, realer sehen zu können.

Bill schrieb: " Darum können wir Alkoholiker uns wirklich glücklich schätzen. Jeder von uns hat einen fast tödlichen Zusammenstoß mit dem Götzen des Eigensinns gehabt und hat genug unter seinem Druck gelitten, so dass er bereit ist, was Besseres zu suchen. "

Da wir stets abhängig sind und immer wieder neue Abhängigkeiten eingehen, sollten wir solche berücksichtigen, die uns unabhängiger machen.

Bill schrieb: "Je mehr wir bereit wurden, uns von einer Höheren Macht abhängig zu machen, um so unabhängiger werden wir in Wirklichkeit. "

Die Schritte geben nicht von einem Kirchendogma aus, sondern regen lediglich die Öffnung für neue Erfahrungen an und machen die Tür weit auf, durch die auch ein überzeugter Atheist eintreten kann, wenn er ehrlich bereit ist, sich für neue Erfahrungen zu öffnen.

Viele Atheisten sind bei Ihrem Unterwegssein durch diese Tür gegangen und kamen zu einem tiefen Glauben an Gott, weil sie Ihn erfahren konnten.

Auf unserem Weg zur zufriedenen Nüchternheit helfen uns

die Schritte 4 und 5
uns besser zu erfahren

die Schritte 6 und 7  
zur Verhaltensänderung und

die Schritte 8 und 9  
durch Wiedergutmachung zur Befreiung von A Altlasten

Die ersten 9 Schritte sind gewissermaßen die Fahrschule, mit den letzten 3 wird gefahren. Demut und Verantwortung

Für den Fortschritt auf dem Genesungsweg nennt Bill zwei wichtige Kennzeichen. Er schrieb: "Jeder Fortschritt bei den ÄA kann einfach in zwei Worte zusammengefasst werden: Demut und Verantwortung. Unsere geistige Entwicklung kann genau nach dem Grad unserer Verbundenheit mit diesen großartigen Normen gemessen werden. "

Demut wird oft falsch verstanden und hat nichts mit einer unterwürfigen und kriecherischen Haltung zu tun. Von AA lernte ich was

Demut heißt:
Verzicht auf angemaßte Größe und
Bekenntnis zur eigenen Wirklichkeit und zur eigenen Begrenztheit.

demütig sein heißt:
ohne Wenn und Aber, ohne Rechtfertigungsversuche
die eigene Realität anzunehmen und
die Abhängigkeit von der Höheren Macht anzuerkennen,

Bill schrieb:

Demut ist ein Zustand völliger Freiheit von mir,
Freiheit von allen Ansprüchen,
die meine Charakterfehler an mich stellen.

Vollkommene Demut könnte die absolute Bereitschaft sein, jederzeit
und überall den Willen Gottes zufinden
und ihn auszuführen.

Wir sind unterwegs. Darum schrieb Bill: " Vielen alten Freunden mangelt es noch an zufriedener Nüchternheit, obwohl sie unsere, AA ‑ Entwöhnungskur ernsthaft und erfolgreich ausprobiert haben. 1 Im zu zufriedener Nüchternheit zu gelangen, müssen wir echte Reife und A Ausgeglichenheit ‑ man kann auch Demut sagen ‑ in unseren Beziehungen zu uns selbst, zu unseren Mitmenschen und zu Gott entwickeln. "

Damit aber setzt unsere Verantwortung ein. Verantwortung ist ein interessantes Wort, Heißt es nicht in seinem ursprünglichen Sinn: Antwort geben, auf das Gefragtwerden zu antworten?

Wir sind Angesprochene und dürfen antworten.

Wer kann dieses Geschenk besser verstehen als der, der tot war und wieder leben darf? Viele von Euch, Freunde, waren tot, abgeschrieben und Ihr habt wieder Leben.

Leben heißt, ständig angesprochen zu werden. Verantwortlichsein heißt:

fähig oder wieder fähig zu sein,
einen Dialog mit dem Leben aufzunehmen
und auf das Leben zu antworten.

Das Leben stellt viele Fragen:

- warum bin ich, wohin gehe ich, was ist der Sinn meines Lebens.

Im Loslassen und Lauschen, durch Gebet und Besinnung (der 11. Schritt) fanden viele von Euch für sich die richtige Antwort, andere sind unterwegs dahin.

Ich erinnere mich eines alten AA-Freundes, der mir sagte:

"Ich war Atheist. Als ich trocken wurde und zu AA kam, ließ ich mich los und öffnete mich für neue Erfahrungen. Ich habe neue Erfahrungen gemacht. Ich erlebe mich geführt, erlebe Zusammenhänge und bemerke Veränderungen in meinem Denken und meinen Bedürfnissen. Ich beginne zu ahnen, dass auch mein Leben von einer Höheren Macht geleitet wird. Ich bin gespannt, wie und wohin Sie mich führen wird. Eines weiß ich, ich erlebe heute eine andere Freudigkeit und Dankbarkeit wie früher. Ich bin bereit für neue Erfahrungen.

Dieser Freund war und ist unterwegs.

Jeder Schritt des Programms bietet die Übernahme von Verantwortung und damit den Wachstumsprozess zur Mündigkeit an.

Mündigkeit ist die Fähigkeit
eigenständig und verantwortlich zu handeln,
unabhängig von äußerer Bevormundung
und auch von inneren Zwängen.

AA erkannte, dass die Übernahme von Verantwortung drei Bereiche umfasst.

Zunächst die Verantwortung nur selbst gegenüber. Dazu gehört die Selbstannahme, so wie wir sind,

unsere Leiblichkeit,
unser Alter,
unsere Stärken und Schwächen,
unsere Begrenztheit,
auch unsere Vergänglichkeit.

Ihr wisst es besser als ich, dass die Entscheidung, sich selbst anzunehmen, sehr schmerzhaft sein kann. Mancher hat sich vor den Spiegel gestellt und den Spiegel zerschlagen. Besser ist wenn ich mir sage: "Das bist du, Lothar, so schön bis du nicht, aber ich rasier dich doch. "

In dem wir uns selbst annehmen und die Verantwortung für uns über, nehmen, werden wir wach, lernen uns besser einzuschätzen, entdecken unsere Einmaligkeit und damit unseren Wert.

Zur Verantwortlichkeit uns selbst gegenüber gehört auch Selbstkritik und Selbstkontrolle sowie das Einüben neuer Verhaltensmuster. Dabei entdecken wir, dass wir uns  von uns nicht mehr alles gefallen lassen müssen.

Verantwortlichkeit heißt aber auch, Antwort zu finden

für unsere Partnerschaft, für unsere Kinder, unsere Mitmenschen und unsere Weit, die uns umgibt das schenkt uns neue und wertvolle Beziehungen.

Alkoholiker entdeckten, dass eine reife Ich- und Du-Findung über die Gott-Findung wächst. Mit zunehmendem spirituellen Erwachen wuchs ihre Verantwortung Gott gegenüber.

Bill schrieb: "je größer unsere Bereitschaft ist, von einer Höheren Macht abhängig zu werden, desto mehr wachsen wir." "Doch wenn wir bereit sind, spirituelles Wachstum an die erste Stelle zu setzen, dann und nur dann haben wir die echte Chance, in gesunder Erkenntnis und reifer Liebe zu wachsen."

Solche Worte mögen bei dem einen oder anderen zunächst Widerstände auslösen, geht es doch hierbei um die totale Kapitulation nicht nur vor dem Alkohol oder einer Charakterschwäche, sondern vor unseren? begrenzten Menschsein.

Aber das ist die Erfahrung von Millionen von Alkoholikern, die im Vertrauen auf Gott wachsen, genesen und ein wertvolles neues Leben gewinnen konnten.

Wir sehen oft schärfer, wenn wir einen Satz umkehren. Wie sieht ein Leben ohne Vertrauen auf Gott aus? Eure Erfahrungen ermutigen mich, mit Euch unterwegs zu sein, nicht nur zu meiner Ich- und Du-Findung, sondern auch zu einer persönlichen Gott-Findung.

Wir alle sind unterwegs, nicht Zuhause und nicht am Ziel. Lasst uns nicht stehen bleiben.  

Macht die Schritte nicht zu einer Theorie  
und die AA
-Bewegung nicht zu einer Institution.
AA ist ein kostbares Geschenk.

Der Preis war zu hoch, um nur Trockenheit zu gewinnen. Die Zahl der AA-Freunde und ihrer Gruppen hat in der ganzen Welt erstaunlich zugenommen.

Breitenwachstum ist wertvoll
Tiefenwachstum Ist wertvoller

Das wünsche ich Euch von Herzen,

Ich danke, dass ich mit Euch auf dem Weg sein darf.

Karlsruhe, 17. März 2001