Professor Dr. Lothar Schmidt     
Berlin, 20. März 2005

Reifen in Demut und Verantwortung

Liebe Freunde, ich grüße Euch alle herzlich. Diese Begegnungen mit Euch, d. h. mit Menschen, die unterwegs sind, sind für mich Höhepunkte, ich gehöre zu Euch, denn ich bin auch unterwegs. Im Grund gilt das für alle, denn ihr kennt die Realität: ,,Der heutige Tag ist der erste Tag vom Rest meines Lebens.‘‘ Das ist eine Entwicklung, der jeder ausgesetzt ist. Doch für Euch, aber auch für mich, hat diese Realität noch ein besonderes Gewicht. Wir sind auf dem Weg der Genesung. Und damit gewinnt die alte Frage Quo vadis? eine besondere Bedeutung. Wohin gehst Du? 

Genesung setzt Krankheit voraus. Wir können heute von einer kranken Gesellschaft sprechen, der wir angehören und die auch Dein und mein Verhalten beeinflusst. Doch viele von Euch haben eine spezifische lebens- und existenzbedrohende Krankheit durchgemacht, die Euch mehr als Durchschnittsmenschen zum Nachdenken über das Leben und über Genesung veranlaßt hat und veranlaßt. So ist die Alkoholkrankheit für viele wertvoll geworden. Und ich verstand jenen AA-Freund, der in die Karl-Bonnhöfer-Klinik ging, um mit alkoholkranken Patienten ein Gruppengespräch zu führen; ehe er begann sie lange ansah und dann sagte: ,,Wenn ich Euch so ansehe, frage ich mich, seid Ihr diese Krankheit überhaupt wert?’’ Das klingt wie eine harte Provokation. Doch der Freund hatte erfahren, wie ihm mit dem Tiefpunkt durch seine Krankheit eine Chance geschenkt worden war, über das Leben nachzudenken und sich auf den Genesungsweg zu begeben. 

Der Weg in die Krankheit kann lang sein und Jahre dauern; der Weg der Genesung ist länger und wird ein lebenslanger sein, denn Genesung ist nicht Abstinenz. Abstinenz ist die Voraussetzung nicht nur körperlich, seelisch und sozial zu genesen, sonder ein neues wertvolles wert-, sinn- und zielorientiertes Leben aufzubauen. Das ist nicht durch professionelle Therapeuten, sondern nur in enger Gemeinschaft und ständigem Erfahrungsaustausch mit Menschen möglich, die auch zu ihrer Genesung unterwegs sind. 

Doch der Aufbau eines neuen Lebens mit Hilfe eines spirituellen Programms wie es Vertreter von AA, des Blauen Kreuzes, des Kreuzbundes und vieler anderer Selbsthilfegruppen erfahren haben und weitergeben, wird zunehmend durch die krank machende Haltung unserer säkularisierten Gesellschaft gestört. Diese beeinflusst ständig unser Denken, Fühlen und Verhalten, so dass heute schon mancher AA-Freund Schwierigkeiten hat, uneingeschränkt nach allen 12 Schritten zu leben. Doch damit nimmt er sich viel Kraft und macht wenig Fortschritte. 

Die krank machende Entwicklung unserer säkularisierten Gesellschaft zeigt sich nicht nur in zunehmenden finanziellen Problemen und zunehmender Arbeitslosigkeit, sondern auch in zunehmender Egozentrik. Reiche werden reicher, Arme ärmer. Abnahme allgemeiner Verantwortlichkeit, zunehmender Vertrauensverlust gegenüber leitenden Persönlichkeiten, Abnahme der Sexualmoral, Zunahme der Ehescheidungen, Zunahme der Jugendkriminalität und der Entwicklung zur einer Suchtgesellschaft. Besonders besorgniserregend ist die dramatische Zunahme des Alkohol-, Zigaretten-, Cannabis- und Partydrogen-Konsums unserer Jugendlichen und Kinder. Bei der Europäischen Schülerstudie gaben 42,4 % aller Befragten an, im Alter von 12 Jahren und früher erstmalig eine Zigarette geraucht zu haben. Bei der Studie des Robert-Koch-Instituts, Berlin, wurden 900 zehn- bis 17-jährige Schüler befragt. Durchschnittlich mit 11,5 Jahren hatten sie erstmals Alkohol getrunken, mit 13 Jahren tranken 12 % regelmäßig, mit 15 Jahren 30 %. Von den 15-Jährigen waren 55 % schon mindestens einmal betrunken. In den letzten Monaten haben etwa 22 % der Mädchen und Jungen mindestens einmal Cannabis geraucht. 

Das Ergebnis der Umfrage des Allensbacher Meinungsforschungsinstituts 2002, dass für uns Deutsche das Genießen des Lebens zum größten Wert geworden ist und nur 19 % der Westdeutschen für wichtig halten, auch für andere da zu sein, läßt die Entwicklung der Egozentrik erkennen und zeigt, wie sich der Genesungsweg des Alkoholkranken aus seiner Abhängigkeit mit dem krank machenden Weg unserer glaubenslosen Gesellschaft kreuzt. In dieser Gesellschaft hat Demut kaum einen Platz. 

Bill schrieb jedoch in seinem Kommentar zum 7. Schritt: ,,Alle 12 Schritte der AA sind auf das Wachstum in der Demut ausgerichtet, denn ohne Demut kann kein Alkoholiker nüchtern bleiben...nicht sinnvoll leben und bei Schwierigkeiten können sie nicht den Glauben aufbringen, der sich in jeder Gefahr bewährt.‘‘ 

Demut passt nicht in den Trend einer Gesellschaft, in der Lustbefriedigung und die Erfüllung materieller Wünsche im Vordergrund stehen, in der das Ego herrscht und bestimmt, was richtig und falsch ist und der Glaube an einen persönlichen Gott weitgehend verloren gegangen ist. 

Demut wird oft mißverstanden. Wiederholt wurde und wird Demut aufgrund seiner Silben De und mut als Mut zum Dienen interpretiert. Das ist falsch. Das Wort ,,Demut‘‘ kommt aus dem lateinischen ,,humilitas‘‘ und dem griechischen ,,tapeinephrosyne‘‘. Die Römer und Griechen verstanden darunter die unterwürfige und bescheidene Haltung des Niederen gegenüber dem Höheren. Das Christentum versteht Demut als eine Tugend, die aus dem Wissen des eigenen weiten Abstandes von der Vollkommenheit Gottes entsteht und nichts mit sozialer Unterlegenheit gegenüber einem anderen Menschen zu tun hat. Demut heißt somit, sich des Abstandes von dem bewußt sein, was Gott von uns erwartet, nämlich an seine Vollkommenheit heranzuwachsen und das Wissen von unserer Realität, es mit eigener Kraft nicht zu schaffen. Demut ist somit nicht Unterwürfigkeit gegenüber Menschen, sondern mutiges Ja-Sagen zur eigenen Begrenztheit und totalen Abhängigkeit von Gott. 

Nach Thomas von Aquin ist Demut die Tugend, die uns vor Selbstüberheblichkeit bewahrt. Luther sah in der Tugend vor allem die Abwehr aller Vermessenheit und Selbstüberhöhung. Demut ist also uneingeschränktes Bekenntnis zur eigenen Realität, ohne Wenn und Aber, ohne Einschränkung und Rechtfertigungsversuche sein So-sein mit allen Fehlern und Schwächen anzunehmen und Ja zu sagen zur Allmacht Gottes, der unser Leben verändern kann und will. Somit ist Demut etwas ganz anderes als das, was Nietzsche mißverstand, als er meinte, Demut sei Sklavengesinnung. 

Bill schrieb: ,,Demut – ein oft mißverstandenes Wort. Für diejenigen, die durch das AA-Programm schon Fortschritte gemacht haben, bedeutet Demut die klare Erkenntnis dessen, was und wer sie sind, verbunden mit dem ehrlichen Wunsch, das zu werden, was sie sein könnten.‘‘ 

In der Tat – Demut wird oft mißverstanden und mit geringer Selbstachtung in Verbindung gebracht. Doch ein schwaches Selbstwertgefühl verhindert das Wachstum in Demut. Verlust der Selbstachtung durch die Alkoholkrankheit und ihre Folgen veranlaßt die meisten Alkoholkranken, mit allen Mitteln um Selbstachtung zu kämpfen, z. B. um Macht über Mitmenschen, sich durchzusetzen, anzugeben, Omnipotenzgefühle zu entwickeln in der Hoffnung, Minderwertigkeitsgefühle zu widerlegen. Echte Demut macht Schluß mit Minderwertigkeitsgefühlen und der ausschließlichen Beschäftigung mit sich selbst. Sie stellt uns dahin, wohin wir gehören, nämlich auf die gleiche Stufe unserer Mitmenschen und in die Harmonie mit Gott. 

Bereits mit dem 1. Schritt legt der Alkoholiker ein gutes Stück des weiten Weges zur Demut zurück. Wer im 1. Schritt vor dem Alkohol und der Illusion, das Leben nicht meistern zu können, kapituliert, leitet das Wachstum ein. Das Zugeben, Hilfe zu benötigen, um geistig gesunden zu können, den Eigenwillen loszulassen, die Bereitschaft, sein wahres Selbst kennenzulernen und die Veränderung seines Wesens zuzulassen, sind wichtige Stationen dieses Wachstums. Ich kenne kein professionelles Therapieprogramm, das in dieser Form auf das Wachstum von Demut ausgerichtet ist. Doch die Erfahrung von Alkoholkranken ist oft wichtiger als Überlegungen professioneller Helfer. Alkoholkranke erfuhren: Ohne Demut keine anhaltende Nüchternheit, kein sinnvolles Leben, keine Entwicklung des Glaubens, der sich in Gefahren bewährt. 

Alkoholkranke haben den Wert der Demut oft besser verstanden als andere. Wer bisher nicht durch eine existentielle Not gegangen ist, wird vielleicht zunächst fragen: Wie kann eine demütige Haltung für die Genesung wichtig sein? Was Alkoholiker brauchen sind Willensstärkung, Willenstraining, Zusammenreißen, Durchhaltevermögen und Selbstbehauptung. Welchen Platz hat da Demut? Alkoholkranke haben die Chance, durch ihr Scheitern zu erkennen, dass die Realität ganz anders ist. Wer kann den Psalmtext besser verstehen als ein Alkoholiker. David schrieb in Psalm 119, 71: ,,Ehe ich gedemütigt wurde, irrte ich.‘‘ 

,,Ich hab’s im Griff‘‘, ist ein Wort, das Ihr wohl alle kennt und ich immer wieder hörte, wenn Alkoholiker in meine Beratung kamen. Ich hab’s im Griff, ich kann auch kontrolliert trinken, wenn nicht meine Frau ständig so meckern und mehr Verständnis für mich aufbringen würde, wenn meine Nachbarn ruhiger, mein Arbeitgeber freundlicher, meine Arbeitsbedingungen besser und die Politiker gescheiter wären, wenn, wenn, wenn. Immer wurden für eigenes Fehlverhalten Schuldige gesucht, die sich gefälligst zu verändern haben. Erst durch ihr Scheitern erkannten viele, dass sie, um zu genesen, sich selber verändern müssen. Sie erkannten aber auch, dass sie selbst bei ernstem Bemühen nicht alles aus eigener Kraft verändern können. Diese Erkenntnis unserer menschlichen Begrenztheit läßt Demut wachsen, aber auch Mut, sich Gott anzuvertrauen, durch den wir Veränderung erfahren können.

Viele Menschen unserer Gesellschaft leben in der Illusion, durch Intelligenz und eigener Kraft alles in den Griff zu bekommen, steuern und gestalten zu können. Alkoholiker erkannten durch ihr Scheitern den Irrtum dieser Lebensorientierung. Bill schrieb: ,,Solange wir überzeugt waren, wir könnten ausschließlich aus eigener Kraft und Intelligenz leben, so lange war uns ein wirksamer Glaube an eine Höhere Macht versperrt. Das traf auch dann noch zu, wenn wir an die Existenz Gottes glaubten. Selbst wenn wir tatsächlich eine religiöse Überzeugung hatten, blieb sie unfruchtbar, weil wir immer noch selbst Gott spielen wollten. Solange wir die eigene Kraft an die erste Stelle setzten, war an ein echtes Vertrauen in eine Höhere Macht überhaupt nicht zu denken. Es fehlte der wichtige Bestandteil der Demut: Gottes Willen zu erkennen und ihn auszuführen.’’ 

Welche Erfahrungen haben zu dieser Erkenntnis über Demut geführt und ich frage mich und frage Dich: Können wir in diese Erfahrung mit einstimmen? Damit werden uns aber auch die Gefahren eines Lebens ohne Demut, ja sogar eines Glaubenslebens ohne echte Demut gezeigt. Damit wird aber auch die oft vertretene Meinung, dass die Befriedigung unserer Bedürfnisse der eigentliche Zwecks des Lebens ist, als Irrtum entlarvt. Bill schrieb über seine Erfahrung und die Erfahrung  vieler AA-Pioniere: ,,Wir wussten nicht, dass charakterliche und geistige Werte (im Originaltext: Spiritual values) Vorrang haben müssen und dass Befriedigung materieller Wünsche nicht der Sinn des Lebens ist. Statt die Befriedigung unserer materiellen Wünsche als Mittel zum Leben zu betrachten, haben wir darin den Hauptsinn unseres Lebens gesehen.‘‘ 

Was sind spirituelle Werte? Paulus nennt in seinem Briefe einige, zum Beispiel Liebe, Friede, Freude, Güte, Treue, Nachsicht und Selbstbeherrschung. Es ist interessant, dass diese Charaktereigenschaften mit einer Frucht verglichen werden. Christus sagte: ,,Ich bin der Weinstock, ihr seid die Reben. Wer in mir bleibt und ich in ihm, der bringt viel Frucht, denn ohne mich könnt ihr nichts tun.‘‘ Das ist eine Zusammenfassung des 6. Und 7. Schrittes. Frucht entsteht durch Wachstum, ohne etwas zu tun, und doch ist etwas zu tun. Wir können eine Frucht nicht größer machen, indem wir an ihr ziehen. Sie kann jedoch nur wachsen, wenn sie am Weinstock bleibt, d. h. bereit werden und bereit bleiben, sich von Gott verändern zu lassen. 

Bill sagte uns: ,,Der wichtigste Bestandteil der Demut ist, Gottes Willen zu erkennen und ihn auszuführen. Das Wort gilt für uns alle, doch Alkoholiker können es oft besser verstehen als andere. Du kannst nicht vom Alkohol befreit werden, wenn Du nicht von ihm befreit werden willst. Gott wird nicht in unserem Leben wirksam werden, wenn wir nicht bereit sind, Ihn in unserem Leben wirken zu lassen. Er bietet sich uns an, aber er vergewaltigt uns nicht.‘‘ 

Scheitern und Niederlagen können uns helfen zu begreifen, dass Demut etwas ganz anderes ist als eine kriecherische Haltung. Kapitulation ist eine hohe Stufe der Aktivität, Demut noch eine höhere, vielleicht die höchste. Der Widerstand gegen Demut kann uns lange begleiten, denn eine intensive Ich-Achsendrehung kann einen langen Bremsweg haben. Es gab Menschen, die den vollen Wert der Demut erkannten. Zu ihnen gehört der große König David, der erst durch eine tiefe Demütigung seine fehlerhafte Realität erkannte. Er schrieb: ,,Ich will niedrig sein in meinen Augen, d. h. so niedrig wie wich wirklich bin.‘‘ Mit dieser Einstellung gewinnt man eine echte Gelassenheit und kann sogar für Demütigungen danken. David schrieb im Psalm 118, 21: ,,Ich danke Dir, dass Du mich gedemütigt hast und hilfst mir.‘‘ Und im Psalm 119,71: ,,Es ist mir lieb, dass Du mich gedemütigt hast, dass ich Deine Rechte lerne.‘‘ 

Echte Demut führt zur Annahme eigener Fehler und Mängel, so schmerzhaft das auch sein mag. Da sie ein Teil unserer Persönlichkeit sind, nehmen wir sie an und sagen uns: So bin ich und mit Gottes Hilfe kann ich mich ändern. Demut ist notwendig, um sich für Trockenheit und Genesung zu entscheiden. Doch braucht es oft lange Zeit, um zu erkennen, dass Demut der wahre Weg zu Entlastung und Freiheit ist. 

Bill schrieb: ,,Viele brauche lange Zeit...bis sie in der Demut den wahren Weg zur Freiheit menschlichen Geistes sehen und bis sie merken, dass Demut erstrebenswert ist.‘‘ 

Du musst nicht mehr Angst haben, dass Dich die Leute für einen Alkoholiker halten, Du bist ein Alkoholiker, Du musst nicht mehr der Größte sein, Du bist nicht der Größte;  Du musst nicht mehr Masken tragen und kannst die Energie, die Du zur Maskerade und Abwehr brauchtest, für etwas Besseres einsetzen; Du musst nicht mehr imponierende Bilder von Dir entwerfen. Du kannst so sein wie Du bist; Du musst Dich nicht mehr um Annahme und Geborgenheit sorgen, denn Du bist angenommen und geborgen. Du musst nicht mehr. 

Demut, die durch die Annahme der eigenen Realität und Begrenztheit, aus dem Glauben an die Allmacht Gottes und aus der Bereitschaft, Gottes Willen zu erkennen und ihn auszuführen erwächst, schenkt Entlastung, Gelassenheit, Freiheit von Abhängigkeiten und positive Veränderungen. 

Es gibt auch eine falsche Demut, indem man sich vor anderen sichtbar erniedrigt; um zu zeigen, wie demütig man ist. Das ist versteckter Hochmut, denn andere sollen getäuscht werden. Diese falsche Demut wurde von Paulus beschrieben (Kol 2,23): ,,Die zwar einen Schein von Weisheit haben durch selbstgewählte Frömmigkeit und Demut...sie sind aber nichts wert und befriedigen nur das Fleisch.‘‘ Es gab somit schon immer Menschen, die durch Demütiges und sogar selbst gewählte Frömmigkeit andere zu täuschen versuchten, nur um ihre Ich-Haftigkeit zu befriedigen. Das hat nichts mit echter Demut zu tun. 

Der Alkohol hat gequält, belastet und manchen an den Rand des Lebens geführt. Wie aber ist es mit unseren Charakterfehlern, belasten sie uns ähnlich? Ihre Last werden wir erst dann erkennen, wenn wir den wichtigsten Bestandteil der Demut praktizieren, nämlich danach streben, Gottes Willen zu erkennen und ihn zu tun. Das lässt uns erkennen, in welchen erbärmlichen Abhängigkeiten wir stecken, zum Beispiel: Wir wollen nicht lügen, aber wir lügen; wir willen nicht neidisch sein, aber wir sind neidisch; wir wollen nicht egoistisch denken und handeln, aber wir denken und handeln egoistisch. Erst mit wachsender Demut werden auch Wunsch und Bereitschaft wachsen, Charakterfehler loszuwerden, die uns vom Willen Gottes trennen. 

Das Zugeben der Machtlosigkeit dem Alkohol gegenüber wurde von Bill als erster Meilenstein auf dem neuen Weg bezeichnet. Damit wird die erste Erfahrung mit der befreienden Wirkung von Demut gemacht. Das Zugeben eigener Charakterfehler sowie der Machtlosigkeit, sie durch eigene Kraft beseitigen zu können, sind weitere Meilensteine. Die daraus folgende Übergabe der eigenen Machtlosigkeit in die Allmacht Gottes schenkt weitere Erfahrungen der Befreiung. Zunehmendes Verständnis der Demut verändert unsere Lebensauffassung, erweitert den Blick für unsere Realität sowie für die Allmacht Gottes und seines Angebotes. Demut wird nicht nur als notwendig zum Überleben erkannt, sondern auch wichtig, um Gewinner des Lebens zu werden. Wenn man vielleicht anfänglich glaubte, Demut sei eine Bettelsuppe, die man herunterwürgen muss, um trocken zu werden und zu bleiben, wird sie zu einer kräftigen Nahrung der Genesung.

Durch Wachstum in Demut erhalten wir viele Geschenke, zum Beispiel wird Demut zur Kraftquelle für unsere Gelassenheit. Es entwickeln sich zunehmend Gefühle von innerem Frieden und Geborgenheit, Ängste und Depressionen werden geringer, Aufregungen seltener. Wir brauchen unser Ich nicht mehr künstlich aufzublasen. Demut lässt uns durch angenommene Schwäche Kraft gewinnen. Das alles sind wertvolle Geschenke, doch über den wertvollsten Gewinn schrieb Bill: ,,Das wertvollste Gewinn aus diesem Lernprozeß über Demut war unsere veränderte Einstellung zu Gott.‘‘ 

Bei allen, die konsequent das ganze Genesungsprogramm leben, tritt eine Haltungsänderung Gott gegenüber ein. Ob ursprünglich gläubig oder ungläubig, das Programm holt jeden von da ab, wo er steht. Durch das Lernen von Demut bleibt Gott nicht mehr ein abstrakter Begriff, keine anonyme Höhere Macht, die unverbindlich bleiben und als eine Art Vereinsetikett benutzt werden kann. Er bleibt nicht mehr Lückenbüßer, Dienstbote und Ersatzspieler, sondern wird eine Realität, mit der wir in eine persönliche Beziehung treten. Gott will uns Freiheit und Leben schenken, wenn wir es wollen. Um Ihn und Seinen Willen zu erkennen, werden wir uns nicht auf menschliche Meinungen verlassen, sondern auf sein Wort und seine Leitung. 

Bill schrieb: ,,Viele, die sich für religiös hielten, erkannten wie unvollkommen diese Einstellung war. Da wir Gott nicht an die erste Stelle setzen wollten, blieb uns seine Hilfe versagt. Jetzt konnten wir das Bibelwort: ,,Aus mir selbst bin ich nichts. Der Vater ist es, der die Werke tut‘‘ als Versprechen und Zusage verstehen.‘‘ 

Gott lässt und die Freiheit, unseren Weg selbst zu entscheiden. Wo Gott weicht, tritt das Ich. Doch das ist begrenzt. 

Sich von seinem Ego unabhängig und von Gott abhängig zu machen, kann zunächst Ängste und Widerstände auslösen. Wir sind von vielem abhängig und begeben uns immer wieder in neue Abhängigkeiten, zum Beispiel vom Telefon, vom Auto, von der Elektrizität, von öffentlichen Verkehrsmitteln. Darum ist es wichtig, uns von dem abhängig zu machen, was uns unabhängiger macht. Bill schrieb: ,,Je mehr wir bereit werden, uns von einer Höheren Macht abhängig zu machen, um so unabhängiger werden wir in Wirklichkeit.‘‘ 

Wachstum in Demut wurde vielen zum Wendepunkt in ihrem Leben und schenkte ihnen unerwartete Freiheit und Unabhängigkeit. Bill hat darüber nachgedacht, als er Demut definierte: ,,Demut ist ein Zustand völliger Freiheit von allen Ansprüchen, die meine Charakterfehler an mich stellen. Völlige Demut könnte die absolute Bereitschaft sein, jederzeit und überall den Willen Gottes zu suchen und ihn auszuführen.‘‘ 

Wie sollen wir das verstehen? Wir haben alle viele Wünsche, doch Wünsche sind unverbindlich und enthalten keine Verpflichtungen. Wir können uns eine Gehaltsverbesserung wünschen, aber nicht fordern. Wir fordern aber unser Gehalt. Charakterfehler stellen an uns Forderungen. Sind wir zum Beispiel aggressiv, dann werden immer Aggressionen aufkommen, wenn uns einer nicht passt und das weitgehend unabhängig von unseren Wünschen. Solange wir mit diesen Charakterfehlern leben, gibt es Enttäuschungen, wir kommen nicht zum Frieden mit uns und anderen Menschen. Demut kann uns davon befreien und uns aus der Enge unseres Ich’s heraustreten lassen zu anderen und zu Gott. 

Mit unserer Entscheidung, nach den Schritten zu leben, begeben wir uns in einen Genesungsprozeß, in dem wir unsere Entwicklung überprüfen können. Bill schrieb: ,,Jeder Fortschritt...kann einfach in zwei Worte zusammengefasst werden: Demut und Verantwortung. Unsere geistige Entwicklung kann genau nach dem Grad unserer Verbundenheit mit diesen großartigen Normen gemessen werden.‘‘

Demut beweist sich im Leben in drei Formen: Demut mir selbst, anderen und Gott gegenüber. Damit sich selbst gegenüber erwächst aus der Erkenntnis, dass kein Mensch fehlerfrei und wahrhaftig ist. Im Vergleich zu anderen kann man schnell überzeugt sein, nicht so doof, nicht so rücksichtslos, nicht so falsch und nicht so oberflächlich wie der andere zu sein. Demut lehrt uns, nicht solche Vergleiche zu stellen. Wir haben alle unterschiedliche positive und negative Seiten. Im Vergleich mit Gott kann man auf alle angemaßte Größe verzichten. Vor ihm sitzen wir alle auf einer Bank, ob Alkoholiker, Angehöriger oder Nichtalkoholiker. Im Vergleich mit Gott gilt das Wort: Hier ist kein Unterschied, sie sind alle fehlerhaft und mangeln des Ruhms, der vor Gott gilt. Nur wer echt demütig ist, wird gegenüber sich selbst ehrlich sein und sogar das Beiseitegesetztwerden ertragen und annehmen.

Demut anderen gegenüber beweist sich in Ehrlichkeit und Glaubwürdigkeit, keine Schau abzuziehen und nichts zu verbergen, was bei uns nicht in Ordnung ist. Sie beweist sich im Bemühen, den anderen auch in seinem Anderssein zu verstehen und anzunehmen, ihn zu achten, auch wenn er andere Ansichten hat, anders denkt und sich verhält.

Demut vor Gott beweist sich, indem wir die Stellung einnehmen, die wir vor Ihm haben. Sich vor Gott demütigen heißt, seine Begrenztheit mit allen Schwächen, Fehlern und aller Schuld uneingeschränkt anzunehmen und ihm anzuvertrauen. Gott läßt den, der sich vor ihm demütigt, nicht beschämt liegen. Wer sich vor ihm demütigt, wird sich in schwierigen Situationen des Lebens leicht zurechtfinden, Frieden finden und frei werden, Gottes Willen zu erkennen und ihn zu tun. Der Hochmütige dagegen reibt sich wund an Verhältnissen und Menschen. 

Da alle Schritte auch auf Wachstum von Verantwortlichkeit ausgerichtet sind, ist diese ebenfalls ein Maßstab zur Überprüfung der eigenen Genesung und Reifung. Verantwortung ist ein interessantes Wort. Heißt es doch in seinem ursprünglichen Sinn: Antwort geben, auf das Gefragtwerden zu antworten. Wer kann dieses Geschenk besser verstehen als der, der tot war und wieder leben darf. Viele von Euch, Freunde, waren am Rand des Lebens, abgeschrieben und ihr habt wieder Leben. Leben heißt fähig sein oder wieder fähig zu sein, einen Dialog mit dem Leben aufzunehmen und auf das Leben zu antworten. Und das Leben stellt viele Fragen an mich und an Dich: Woher kommst Du, warum bist Du, wohin gehst Du, welches ist der Sinn Deines Lebens? Ich darf die Antwort suchen und finden. 

Auch Verantwortung beweist sich in drei Formen: Verantwortung mir selbst, anderen und Gott gegenüber. 

Jeder Schritt des Genesungsprogramms lehrt mich, Verantwortung für mich selbst zu übernehmen. Es ist ein Wachstumsprozeß zur Mündigkeit, Mündigkeit ist die Fähigkeit, selbstständig und verantwortlich zu handeln und zwar unabhängig von äußerer Bevormundung, aber auch von inneren Zwängen. Ich bin verantwortlich für mein Denken und Handeln, für meine Lebensgestaltung und meine Gesundheit. Dazu gehört, dass ich mich annehme, wie ich bin, mein Alter, kein Gefährdung, meine Fehler, meine Begrenztheit und meine Vergänglichkeit. Wenn wir Verantwortung übernehmen für das, was wir sind, werden wir wach und lernen uns besser kennen. Wir entdecken, dass es jeden von uns nur einmal in der Welt gibt und wir allein deshalb einen hohen Wert haben. Dieses Wissen schützt uns vor Selbstunterschätzung, das Wissen um unsere Schwächen und Begrenztheit vor Selbstüberschätzung. Verantwortung uns selbst gegenüber lehrt uns auch, uns ernst zu nehmen, nicht weniger ernst als andere und uns von uns selber nicht alles gefallen zu lassen. Zu der Verantwortung uns selbst gegenüber gehören auch Selbstkritik und Selbstkontrolle. Mit zunehmender Verantwortung für uns selbst wächst auch unsere Selbstachtung. 

Die Erfahrung angenommen und geliebt zu werden, macht uns fähig, auch andere anzunehmen und zu lieben, Verantwortung für unsere Beziehungen zu übernehmen. Verantwortung für andere heißt auch Antwort finden für unseren Partner, für unsere Kinder, unsere Mitmenschen und unsere Umwelt. Dazu gehört auch die Hilfe für den Alkoholkranken, wenn er diese will. Bill schrieb: ,,Wenn irgendjemand irgendwo um Hilfe ruft, möchte ich, dass die Hand von AA ausgestreckt ist, denn ich bin verantwortlich.‘‘ 

Mit zunehmendem spirituellen Erwachsen wächst auch die Verantwortung Gott gegenüber. Ihm zu danken, seinen Willen zu suchen und ihn auszuführen. Reifung in Demut und Verantwortung führt zur Genesung, zu einem Leben mit klarer Sinn- und Zielorientierung. Viele gingen diesen Weg und schenkten uns ihre Erfahrung. 

Sie wurden Gewinner und machen uns Mut, ihn auch zu gehen.