DER SPIEGEL 42/2003 - 13. Oktober 2003
Drogen
 
Süße Bomben

Immer mehr Kinder und Jugendliche trinken bis zum Umfallen. Jetzt will das Bundesgesundheitsministerium mit einer Pilotstudie klären, warum das Koma-Saufen so zunimmt.

Trinkende Jugendliche: ''Je früher einer anfängt, desto schlechter seine Prognose''

Es sind die Wochenenden in der Kinderambulanz, die Schwester Julias Rangfolge bestätigen: Eierlikör vor Apfelkorn.

Wenn die Sanitäter mal wieder einen Notfall einliefern, wenn so ein Kind den Inhalt seines Apfelkorn-Magens auf den PVC-Boden im Aufnahmezimmer erbricht, das stinkt, dass man denken könnte: nichts schlimmer als Apfelkorn. Außer eben Eierlikör, sagt Schwester Julia. Eierlikör ist das Schlimmste.

Julia Heitz, 45, gehört nicht zu den Zimperlichen, seit 24 Jahren steht sie in der Ambulanz, robust, routiniert, resolut. Inzwischen aber gibt es zu viele Tage, an denen selbst ihr der Job als Kinderkrankenschwester im Kreiskrankenhaus Lörrach ziemlich stinkt.

56 Vollrausch-Kinder hatten sie im vergangenen Jahr auf der braunen Plastikliege; in diesem Jahr waren es bis Ende September 30, auch das liegt im Monatsschnitt noch um das Zweieinhalbfache über den Zahlen für 1999. Schon 12-Jährige saufen sich ins Koma, eine 13-Jährige hält den Jahresrekord in Lörrach, 3,7 Promille, das war im Mai.

Jugend trinkt - immer früher, immer öfter, immer schneller bis zur Besinnungslosigkeit, und das nicht nur in Südbaden, an der Schweizer Grenze: Eine neue Studie der Weltgesundheitsorganisation WHO bestätigt in ihrem deutschen Teil den Trend, dass die heutige Generation härter schluckt als frühere. "Der Konsum steigt", klagt Marion Caspers-Merk (SPD), die Bundesdrogenbeauftragte. Und: "Besonders dramatisch nimmt das Rausch-Trinken zu, das Wett-Trinken bis zur Alkoholvergiftung."

 

Voll im Rausch

Das Gesundheitsministerium finanziert deshalb seit Juni mit 95 000 Euro das Pilotprojekt "Hart am Limit" ("Halt"): Im Lörracher Suchtpräventionszentrum "Villa Schöpflin" sollen Pädagogen mit Kinder- und Jugendpsychiatern bis Ende 2004 herausfinden, warum der Nachwuchs säuft bis zum Umfallen - und was man dagegen tun kann.

Lörrach, 47 000 Einwohner, erste Erwähnung 1102, ansonsten keine besonderen Vorkommnisse, liegt in der Provinz; wenn Jugendliche hier am Wochenende sonst schon nichts losmachen können, dann wenigstens ein paar Flaschen Alk. Trotzdem spricht nichts dafür, dass in Lörrach mehr getrunken wird als in anderen deutschen Landstrichen, und deshalb ist es auch Zufall, dass nun Thomas, 17, als Forschungsobjekt in der Villa Schöpflin sitzt und erzählt: von einem Mittwoch im vergangenen Dezember; von drei Stunden, die ausreichten, um ihn auf 2,6 Promille zu bringen und anschließend in die Kinderambulanz, auf Schwester Julias braune Plastikliege.

Er war abends um zehn zu einem Mädchen im Nachbarhaus gegangen, das Geburtstag feierte, und wollte um halb eins wieder zurück sein. Aber dann hatten sie sturmfrei, hatten den Schlüssel für die Wohnzimmervitrine, hatten sich ausgemalt, wie der Hausherr gucken würde, wenn sein Vorrat geplündert wäre.

Es ging los mit Kirschlikör, eine Flasche, zu fünft in der Küche. Ging dann weiter mit Kirschschnaps, 48 Prozent, zu zweit. Bis Thomas irgendwann nach draußen torkelte und nicht zurückkam. Als die anderen merkten, dass er fehlte, hatte er nur noch 33 Grad Körpertemperatur; eine halbe Stunde später, und er wäre tot gewesen.

Der Fall Thomas ist durchaus typisch, so viel wissen die "Halt"-Experten um die Projektleiterin Heidi Kuttler schon. Und das Typische ist, dass jeder denkt, er sei gar nicht typisch. "Unser Thomas doch nicht", dachten die Eltern - Vater Beamter, Mutter Hausfrau -, die sich viele Gedanken über die Erziehung gemacht hatten. Über Freizügigkeit und Strenge und das richtige Maß zwischen beidem. "Ich doch nicht", dachte auch Thomas, ein Junge mit Realschulabschluss und Fernziel Abitur.

Doch für den Leiter der Lörracher Kinderklinik, Michael Stahl, gehört Thomas nicht zu den Ausnahmen: "Die Zahlen steigen, das geht durch alle Schichten, durch alle Bildungsniveaus." Das sagt auch der Deutschland-Teil der neuen WHO-Jugendgesundheitsstudie. Jungen aus gutem Hause dröhnen sich sogar häufiger zu als Gleichaltrige, deren Eltern schlecht verdienen.

Was aber die WHO-Forscher viel mehr beunruhigt, ist ein Teilergebnis für Nordrhein-Westfalen, denn dort erheben die Wissenschaftler schon seit 1994 die Daten - und können so den gefährlichen Trend sehen: 44 Prozent der 15-jährigen Jungen hatten nach der neuen Erhebung schon mehrmals einen Vollrausch, 36 waren es bei der letzten WHO-Befragung 1997/98. Auch bei den Mädchen ging es nach oben: von 31 auf 34 Prozent, die meisten dieser Teenies waren zum ersten Mal blau, als sie noch keine 14 Jahre alt waren.

Der Anfang vom koma ist Süß: Alkohol-Party

Die Zahlen signalisieren eine Wende: Bei fast allen Studien von 1973 an waren die Alkoholwerte der deutschen Jugend gesunken. Damit ist es offenbar vorbei. Und noch etwas lässt die Untersuchung ahnen, auch dafür ist das Dezember-Delirium von Thomas ganz typisch: Der Anfang vom Koma ist süß.

"Der Kirschlikör war wie Sirup", erinnert er sich, und der Süße war das Schlimmste: Ohne den Likör vorweg hätte er sich hinterher mit dem 48-Prozenter schon beim ersten Schluck den Rachen so verbrannt, dass er keinen zweiten mehr herunterbekommen hätte.

Der Kirschlikör war ein Selbstangesetzter. Wenn die süßen Starter dagegen aus der Fabrik kommen, heißen sie heute "Rigo", "Breezer" oder "Smirnoff Ice", sie enthalten ein Gemisch aus Limonade mit Wodka, Rum oder Tequila, deshalb sind sie auch erst frei ab 18. Die meisten Jugendlichen besorgen sie sich trotzdem. Und so legten die Fläschchen mit Süß-Stoff, Alcopops genannt, beim Umsatz von 2001 auf 2002 um 474 Prozent zu. In einer Branche, die sich sonst im einstelligen Prozentbereich bewegt, eine Bombe.

Für eine Bombe halten allerdings auch Suchtforscher die Zuckerschnäpse. Mehr als zehn Prozent der Jungen, mehr als sechs Prozent der Mädchen, so die WHO-Studie, leeren mindestens einmal in der Woche die Püllchen, die es auf einen Alkoholgehalt um 5,5 Prozent bringen. Der übliche Samstagabend mit fünf bis sechs Flaschen - an irgendwas will man sich ja die ganze Zeit festhalten - endet also umgerechnet mit zehn bis zwölf Gläsern Schnaps.

Für den Vize-Geschäftsführer der Deutschen Hauptstelle für Suchtfragen in Hamm, Raphael Gaßmann, sind die Alcopops damit der Treibstoff für die Trendwende in der Statistik, die Einstiegsdroge. Aus Sicht der "Halt"-Chefin Kuttler stellen sie zumindest die erste Brennstoffstufe dar, mit der sich Jugendliche auf Partys abschießen. "Den Elf- oder Zwölfjährigen schmecken die Schnäpse doch gar nicht, die trinken erst mal die Alcopops."

Und weil die Bundesregierung das genauso sieht, denkt die Parlamentarische Staatssekretärin Caspers-Merk jetzt auch an eine Abschrecksteuer auf jede Flasche - so wie in der Schweiz. Das wäre die harte Tour, vielleicht muss sie aber schon deshalb hart sein, weil die süßen Verführer die Menschen dann zum Alkohol bringen, wenn sie besonders anfällig sind.

Fängt nämlich ein 20-Jähriger mit dem Trinken an, dauert es, so der Direktor der Salus-Suchtklinik im hessischen Friedrichsdorf, Ralf Schneider, im Schnitt noch fünf Jahre, bis er an der Flasche hängt. "Bei 15-Jährigen genügen manchmal fünf bis sechs Monate, um aus ihnen regelrechte Alkoholiker zu machen."

Die Endstation heißt dann zum Beispiel Ahlhorn, Niedersachsen. "Der Trend zum Kampftrinken kommt hier schon an", sagt Jürgen Schlieckau, pädagogischer Leiter der Dietrich-Bonhoeffer-Klinik, die sich als eine von wenigen Einrichtungen in Deutschland auf junge Alkoholiker spezialisiert hat.

Schlieckaus Süchtige sind Jungen wie Andreas G., 20, der mit neun Jahren wettete, dass er eine Flasche Weinbrand trinken könne, 20 Mark gewann - und seine Zukunft verlor: "Der Alkohol hat mich kaputtgemacht, wenn ich so weitermache, werde ich keine 35", sagt er.

Oder Jungen wie Thomas S., 23, der so schüchtern war, wenn er nüchtern war, und deshalb jedes Wochenende mit der Clique durchsoff. Bis dann aus Wochenenden Wochen wurden und die Finger nur noch ruhig blieben, wenn sie sich jeden Tag an einer Flasche Korn und einem Sixpack Bier festhalten konnten. "Trotzdem hätte ich mich lieber umgebracht, als in eine Therapie zu gehen." Der Versuch, sich Luft in die Vene zu spritzen, scheiterte.

"Je früher einer mit dem Missbrauch anfängt, desto schlechter seine Prognose", lautet Schlieckaus Grundregel. Was er sieht, ist das Elend am Ende, was er riecht, die Fahne, wenn es mal wieder einer nicht geschafft hat und rückfällig geworden ist. Es ist der Geruch verlorener Hoffnungen, und der ist der schlimmste. Noch schlimmer als Apfelkorn, noch schlimmer sogar als Eierlikör.

JÜRGEN DAHLKAMP