DRITTER SCHRITT

 

Fällten eine Entscheidung, unseren Willen und unser Leben der Sorge Gottes, wie wir Ihn verstanden, anzuvertrauen.

 

Der Dritte Schritt demaskiert den Alkoholismus als spirituelle Erkrankung und empfiehlt ein einfaches, wirksames Heilmittel hin. Der Erfolg mit diesem und den anderen Schritten ist keine Frage des Glücks, sondern des richtigen Denkens und der richtigen Motivation, die im Alltag angewandt werden.

 

Kenntnis und Behandlung unserer körperlichen und psychischen Krankheit sind für Alkoholiker lebenswichtig, doch dauerhafte, zufriedene Nüchternheit läßt sich nur erreichen und erhalten, indem wir unser Leben und unseren Willen der Sorge Gottes, wie wir Ihn verstanden, anvertrauen.

 

Die ersten drei Schritte sind ein wohlkomponiertes AA-Paket. Entstanden aus Meditation und Erfahrung sind sie ein grundlegendes Rezept zu Genesung. Wenn sie zur rechten Zeit in der richtigen Dosierung angewandt werden, bringen sie unsere Krankheit Alkoholismus sofort zum Stillstand. Da sich diese Schritte jedoch gegenseitig ergänzen, funktionieren sie nicht, wenn irgendeiner von ihnen ausgelassen wird.

 

Die ersten beiden Schritte bilden die Voraussetzung, auf deren Grundlage wir uns entscheiden, unser alkoholkrankes Leben in Gottes Hände zu legen. Im ersten Schritt sahen wir, daß wir dem Alkohol gegenüber machtlos waren. Im zweiten Schritt erkannten wir, daß sich mit Hilfe einer Höheren Macht aber trotzdem etwas machen läßt. Wir wissen nun, daß es einen Ausweg gibt und haben die Wahl, ob wir leben wollen oder nicht. Der dritte Schritt ruft uns daher auf, diese Entscheidung zu fällen -ohne Hintertürchen. Ehrlichkeit, Glaube und Gebet sind dabei die Zündfunken unseres Erfolges.

 

Für die ehrliche, weitreichende Entscheidung, die wir fällen wollen, sind vollständige Kenntnisse der körperlichen, psychischen und spirituellen Verletzungen, die wir unter dem Joch des Alkohols erlitten haben, unerlässlich. Aus der Not geborene Aufgeschlossenheit und ein verzweifeltes Verlangen nach Hilfe beseelen uns mit dem Wunsch zu verstehen, was es mit diesem Gott auf sich hat und nach Ihm zu suchen.

 

Es ist eine höchst dringende Notwendigkeit für uns, daß wir unsere Egozentrik und unsere Besessenheit loswerden. Die AA -Pioniere entdeckten ihre Antworten auf diese Fragen, sobald sie spirituelles Verständnis entwickelten und in der Genesung auf Gottes Hilfe bauten. Jedem von uns steht die gleiche Möglichkeit offen, wenn wir ehrlich, demütig und bereitwillig genug sind, solches Verständnis zu erarbeiten.

 

Der Dritte Schritt ist radikal. Er duldet keine Kompromisse, Vorbehalte oder Aufschub. Er verlangt eine Entscheidung, hier  und jetzt. Wie wir die uns Alkoholikern eigenen Macken unsrer Persönlichkeit in Gottes Hände legen ist augenblicklich  nicht von Belang. Der wesentliche Punkt ist unsere Bereitschaft, es wenigstens zu versuchen. Unser Vertrauen auf die Anwendung der ZwölfSchritte eröffnet uns den Weg zum Verständnis von Gott und bietet uns Mittel und Wege, Ihm das Steuer in unserem Leben zu überlassen. Wenn wir diese kritische Entscheidung gefällt haben, verwandelt sich unsere negative Haltung schnell in gesundes,  konstruktives Denken. Wir verlieren unsere Unsicherheit und  Angst. Innere Zerrissenheit und offener Widerstand verschwinden. Irgendwie scheinen wir ein vages Verständnis von Gottes Willen für uns zu gewinnen. Dieses Verständnis ist vielleicht noch gering, doch mehr brauchen wir nicht, um anzufangen. Es ist noch kein Meister vom Himmel gefallen.

 

Mitglieder, die den Dritten Schritt akzeptiert und angewandt haben, wissen, wie wertvoll es ist, die Gebrechen ihres alkoholkranken Lebens der Sorge Gottes, wie sie Ihn verstanden, anzuvertrauen. Der Glaube an seine Hilfe und die Bereitschaft, es mit dem spirituellen Handwerkzeug von AA zu versuchen, werden unsere Schwächen in geistige Stärke und spirituelles Verständnis umformen. Zufriedene Nüchternheit, das zentrale Ziel unseres Lebens, läßt sich nicht ohne Selbstaufopferung und ohne Gottes Hilfe erreichen.

 

Falls Angst davor, was die Leute von uns denken könnten, oderVorurteile gegen Spiritualität oder scheinheilige Heuchelei uns den Weg versperren, lernen wir sie zu überwinden. Wir haben keine andere Wahl. Das ist kein teurer Preis für ein lebenswertes Leben in geistiger Gesundheit, vor allem, wenn wir zur Kenntnis nehmen, daß unsere Vorbehalte dem eingeschränkten Urteilsvermögen entstammen, das uns durch Krankheit, Unwissenheit und falschen Stolz eingeflößt wurde.

Die öffentliche Meinung ist für und nicht gegen uns. Spirituelle Vorurteile sind nichts weiter als Eigensinn, der keiner vernünftigen Überlegung standhält. Der Versuch, Gottes Willen für uns zu verstehen, ist keineswegs heuchlerisch, sondern ein entscheidendes Genesungsprinzip für uns Alkoholiker. Bei denjenigen, die es aufrichtig nutzen, versagt es nie.

 

AA ist eine anonyme Gemeinschaft, die uns vor der Öffentlichkeit schützt, "ein Ort, an dem wir dem Verhängnis eines alkoholbedingten Todes entgehen; durch ein Leben auf spiritueller Grundlage".  Das Einzige, was die Öffentlichkeit mitbekommt, ist, daß wir nicht mehr trinken. Sie billigte unsere Trinkerei nicht, aber sie begrüßt es und achtet uns, wenn wir damit aufhören. Nüchternheit ist das einfache, unmissverständliche Resultat spirituellen Fortschritts.

 

Nachdem wir unsere Entscheidung getroffen haben, auf einer moralischen, spirituellen Grundlage zu leben, kommt viel Verworrenheit auf. Wie sollen wir Gott verstehen? Wie sollen wir unseren Willen und unser Leben in Seine Hände legen?

 

Das AA-Programm ist einfach, und uns wird geraten, daß wir es so einfach wie möglich anwenden sollten. Doch im Dritten Schritt werden wir mit dem uralten Geheimnis der menschlichen Abhängigkeit von Gott konfrontiert. Natürlich neigen wir dazu, uns ganz und gar vor diesem Thema zu drücken. Es muß doch sicherlich einen leichteren Ausweg geben? Und den gibt es tatsächlich. Unser alkoholsüchtiger Geist wird ihn finden, wenn wir ihm das gestatten: Er führt direkt zurück zur Flasche.

 

Wir wissen genau, was in dieser Angelegenheit zu tun ist, aber wir sind vor uns selbst nicht ehrlich, wenn wir uns weigern, nach einem Verständnis von Gott zu suchen und seine Hilfe und Kraft in Anspruch zu nehmen. Wir urteilen immer noch mit alkoholkrankem Denken. Es ist schwierig aber nicht unmöglich, das Rationalisieren aufzugeben und die unserer Alkoholikerpersönlichkeit eigenen Ausreden wegzulassen. Wir rauchen keine hochkomplizierten Gedankenkonstruktionen. Wir suchen nach etwas Handfestem für den Alltag, nach einem greifbaren Gott. Die Ihn von Herzen suchen, von denen wird Er sich auch finden lassen. Wer bestrebt ist, sich nützlich machen und Ihm zu dienen, der braucht meist nicht lange suchen.

 

Nachdem wir lange genug im dunklen Morast des kranken Denkens, der Auflehnung und Verzweiflung herumgetappt  sind werden wir an die Antworten herankommen. Meist sind sie äußerst verwirrend, wenn wir sie ehrlich und aufrichtig zu geben versuchen. Wenn wir vergessen, daß wir sowohl spirituell, als auch körperlich und im Denken krank sind, geraten manche von uns auf Irrwege. Wir könnten versucht sein, in unserem Krankheitsbild lediglich eine ethisch-moralische Verfehlung zu sehen, die wir uns vom Gott irgendeiner Religion vergeben lassen und damit ist das Alkoholproblem dann gelöst. Doch diejenigen von uns, die versucht haben, die übrigen Bestandteile des AA-Weges auszuklammern, endeten grundsätzlich wieder im Suff.

 

Wir sollten religiöse Organisationen nicht mit AA in einen Topf werfen. Weder ist das eine durch das andere ersetzbar; noch schließen sie einander aus. Wir können als AA Mitglieder einer Religionsgemeinschaft unserer Wahl angehören, was sogar im blauen Buch der AA empfohlen wird, oder auch nicht. Echte Geistlichkeit fördert unsere spirituellen Erfolge, doch mangelt es deren Vertretern meist an Verständnis für die körperliche und psychische Seite des Alkoholismus. Wenn sich dein Geistlicher für AA interessiert, kann er dir zweifellos helfen. Schließe dich dennoch einer AA-Gruppe an, auch wenn du solche Unterstützung bekommst.

 

Es ist ganz klar, daß Fragen des religiösen Bekenntnisses außerhalb von AA behandelt werden müssen. Wir beschränken uns auf den Ausdruck: "GOTT, wie wir IHN verstehen". Unser Programm verlangt allein, daß wir tatsächlich an eine Höhere Macht glauben, die unsere spirituelle Gesundheit wiederherstellen kann. Das halten wir für angemessen.

 

Ein großes Hindernis bei der Suche nach Gott ist die Ungeduld. Wir lernen bald, daß spirituelle Erfolge errungen sein wollen. Echtes Verständnis von Gott erweitert sich ständig. Wir nähern uns der Vollkommenheit ohne absolute Perfektion zu erreichen.

 

Da dies kein Vorgang ist, der sich über Nacht ereignet, empfehlen wir in dieser Angelegenheit Gebet und Meditation. Zunächst machen wir vereinzelte Versuche, unser eigensinniges Leben aufzugeben und eine eigenständige Auffassung von Gott zu erlangen. Indem wir zunächst bestimmen, was uns von Ihm trennt, und diese isolierenden Faktoren oder Charakterfehler ausmerzen, erreichen wir schließlich ein spirituelles Erwachen.

 

Wir gehen mit Gott im begrifflichen Bereich um; deshalb muß unser Kontakt auf der Bewußtseinsebene stattfinden. Wir glauben, daß uns Taten verletzen, die wir im Rausch, in Unehrlichkeit, Boshaftigkeit, im Neid, Haß, Groll, Selbstmitleid, Unrecht oder aus Böswilligkeit begehen; in den Augen der Gesellschaft sind das Handlungen von verdorbenen Menschen. Sie stehen im Gegensatz zu allen spirituellen Werten, die spirituell erwachten AA-Mitgliedern bekannt sind.

 

Wenn diese Tatsache wahr ist und wir das hinnehmen können, was die Mehrheit unserer Mitgliedschaft schon akzeptiert hat, dann ist es überhaupt keine Frage mehr was wir eigentlich der Sorge Gottes anvertrauen. Wir entdecken all diese Charakterzüge in unserem alkoholsüchtigen Leben. Wenn dies spirituelle Schulden sind, haben sich die meisten von uns  in einen spirituellen Bankrott gesoffen.

 

Der Dritte Schritt sollte uns nicht verwirren. Er ruft uns zu  einer Entscheidung auf, unseren Charakter unter spiritueller Oberaufsicht zu korrigieren. Die Ursache für Mißerfolge ist  meist, daß wir viel Zeit und Mühe aufwenden, um uns ein  Bild von Gott zu machen oder unklare Versuche unternehmen,  ihn zu finden, bevor wir überhaupt kapituliert und uns entschieden haben, unser wahnsinniges, unkontrollierbares Leben zu ändern. Man kann den dritten Schritt nicht vor dem

ersten und zweiten machen, ohne auf die Nase zu fallen.

Am liebsten würden wir menschliche Reife und göttliche Weisheit ohne die Schmerzen der Erfahrung und des Wachstums erlangen. Das ist sowohl unvernünftig als auch unmöglich. Bei solch einer Methode bräuchten wir bloß ein Programm mit drei Schritten und nicht mit zwölf. Erst die Anwendung der Schritte Vier bis Zwölf lehrt uns unser Verständnis von Gott. Dieses Verstehen beginnt mit blindem Vertrauen; durch Überzeugung wächst es langsam, aber sicher zu einer bewußten  persönlichen Verbindung mit Gott heran. Unser Ziel heißt spirituelles Wachstum. Es ist klüger, alle Gottesvorstellungen zu meiden, die diesem Ziel entgegenstehen.

 

Mangelndes Vertrauen stoppt unseren Fortschritt. Skeptizismus und Zögerlichkeit sind Feinde des spirituellen Erfolges. Skeptizismus verlangt Beweise für Gottes Hilfe. Bockbeinige Zögerlichkeit verhindert sie. Gottvertrauen, Bereitwilligkeit und Gebet überwinden alle Hindernisse und sorgen für klare Zeugnisse Seiner Hilfe in unserem glücklichen, nüchternen Leben.

 

Das beste Verständnis von Gott erfahren wir meist, wenn wir demütig unsere Alkoholsucht zugeben und uns aufrichtig in der AA-Lebensweise verlieren. Freundschaftliche Taten des Dienstes, der Vergebung und Wiedergutmachung helfen unserem Verständnis auf die Sprünge.

 

Gott spricht zu uns auf vielen Wegen, wenn wir zu lhm Kontakt finden. Seine Antworten, so abstrakt sie auch sein mögen, sind in unserem Denken und Fühlen, in dem neuen Bewußtsein, daß wir entwickelt haben, zu entdecken. Wir werden stets durch unser Denken und Verhalten beseelt, entweder mit Gefühlen von Vertrauen, Erfüllung und Gelassenheit, oder mit Verwirrung, Selbstmitleid und Angst.

 

Wenige Alkoholiker benötigen eine Einführung in die Vorstellung eines göttlichen Wesens. Den meisten von uns wurde sie in unserer Jugend beigebracht. Wir alle haben bereits Beweise einer Kraft gesehen, die größer ist als wir selbst: in unserer wohlgeordneten Welt mit Tag und Nacht, den Jahreszeiten, Hitze und Feuchtigkeit, menschlicher Fortpflanzung, Liebe und Toleranz.

 

Die meisten von uns sind dankbar für die Vollkommenheit des Universums, die Vitalität der lebendigen Dinge, die Vorgänge des menschlichen Bewußtseins und die Kraft der Liebe. Hinter all diesen Dingen scheint eine dynamische, lebendige Macht zu stecken, die alles um uns herum in Bewegung versetzt. Diese Macht scheint alle Dinge harmonisch zu lenken und sie unaufhaltsam auf einen natürlichen, bestimmten, nützlichen Ausgang hinzuführen.

 

Ist es wirklich so schwer, in dieser lebendigen Macht eine Kraft zu erkennen, die größer ist als wir selbst? Spüren wir denn nicht Ihre schöpferische Energie, Intelligenz und Kraft? Sind die Menschen im Angesicht der Kraft Gottes nicht schwach und unwichtig?

 

Unsere Gründerentdeckten auf empirischem Wege, daß für Alkoholiker die einzige Gewißheit eines gesunden, nüchternen Lebens im spirituellen Kontakt mit Gott, wie sie Ihn verstanden, zu finden war.

 

Unser Selbsterhaltungstrieb treibt uns, diese Partnerschaft zu finden und zwingt uns zu dem Versuch, Gottes Hilfe zu verstehen.

 

Durch die Anwendung der Zwölf Schritte kommt langsam Verständnis auf. Die Maßnahmen sind einfach:

 

1.      Demütiges Eingeständnis unseres Alkoholismus. Ein Wunsch, mit dem Trinken aufzuhören und unsere Krankheit zu behandeln.

 

2.      Ehrliche Bemühung, sich von alkoholkrankem Mißtrauen zu lösen. Vertrauen auf Gott und das AA-Programm.

 

3.      Das Fällen einer Entscheidung, möglichst frei von geistigen Räuschen zu leben.

 

4.      Erkennen von Charakterfehlern, die uns den Weg in eine zufriedene Nüchternheit versperren.

 

5.      Unterbreiten dieser Charakterfehler im Gebet gegenüber Gott, damit Er sie beseitigt.

 

6.      Ehrliches Durchleben jedes einzelnen Schrittes, um einen bewußten Kontakt mit Ihm einzurichten.

 

7.      Vorbehaltlose Gebete aus tiefstem Herzen.

 

8.      Studium des Big Book (Blaues Buch), um zu verstehen, wie wir unser Gewissen erleichtern können. Anderen Menschen vergeben.

 

9.      Beschäftigung mit den richtigen Motiven und faires Handeln.

 

10.  Freundliches und geistig gesundes Verhalten im Beruf und zu Hause.

 

11.  Ehrlich und dankbar sein, anderen Menschen helfen, Toleranz an den Tag legen.

 

12.  Glaube an unsere spirituel1en Fähigkeiten. Bereitwil1igkeit, dieses Potential zu entwickeln und dabei Gott zu finden.

 

Die wichtigste Voraussetzung ist unsere Bereitwilligkeit, es zu versuchen. Jeder Alkoholiker hat spirituelle Fähigkeiten. Wir müssen lernen, sie auszudrücken, Überzeugungen zu gewinnen und sie wachsen zu lassen.

 

Nach Möglichkeit sol1ten wir unsere Ehepartner und nahen Verwandten mit ins Vertrauen ziehen, wenn wir diesen Schritt auszuführen versuchen. Wir haben entdeckt, daß unseren Mitgliedern besonders viel Stärke und Hilfe zuteil wird, wenn sie Vertrauen und Kooperationsbereitschaft zu den ihn nahestehenden Menschen besitzen. Falls die Familienangehörigen nicht kooperativ sind, müssen wir den Schritt allein angehen.

 

Wir sollten den häufigen Fehler zu vermeiden suchen, uns ängstlich darüber den Kopf zu zerbrechen, wann und wie uns Gott Seinen Willen offenbaren wird. Unser Verständnis wird stufenweise wachsen, wenn wir es (abwechselnd) aktiv weiter entwickeln und passiv ausreifen lassen.

 

Ein so drastischer spiritueller Umbruch, wie unser Mitbegründer Bill ihn hatte, scheint bei unseren Mitgliedern heutzutage rar geworden zu sein, zumindest hört man in den Meetings selten davon, daß jemand "das Licht gesehen" oder eine andere intensive Erfahrung der Gottesnähe gemacht hat. Manchen beschreiben, wie eine nicht-akustische Stimme in ihrem Herzen liebevoll zu ihnen spricht. Es können höchst seltsame. tief beindruckende Gefühle und geradezu übersinnliche Wahrnehmungen sein, aber auch ganz unspektakuläre, fast banale. So werden wir zunehmend mit einer tiefen inneren Gewißheit erfüllt: "Das soll ich jetzt tun" oder "Diese Entscheidung ist richtig" oder "Es war kein Zufall, daß das so gelaufen ist". Zu  spirituellen Erlebnissen kommt es bei den meisten langsam und oft schubweise. Wie dem auch sei -sie bleiben nicht aus. Da wir mit solchen Erfahrungen in unserer heutigen Gesellschaft kaum noch vertraut sind, wird das spirituelle Erwachen eines Menschen mitunter für etwas anderes gehalten oder ganz übersehen. Oft merkt es aber seine Umgebung an den Folgen. Man hört: Bei dem ist der Knoten geplatzt. -Der ist in letzter Zeit immer so fröhlich. -Du bist ja wie ausgewechselt. Man kann sich jetzt wieder auf dich verlassen. - Erstaunlich, wie gelassen Du bleiben kannst. - Bewundernswert, mit welcher Ehrlichkeit und Konsequenz sie für ihre Sache einsteht! usw.

 

Unsere Aufgabe ist es, für diese Erfahrungen bereit zu sein, anspornende Beispiele in anderen Mitgliedern, die nach dem AA-Programm leben, zu erkennen, uns aufgeschlossen zu bemühen, Gott zu verstehen und uns dabei klarzumachen, daß wir das nicht durch eine Hau-Ruck-Aktion erreichen, sondern uns Schritt für Schritt annähern. Wir sollten uns daran erinnern, daß unsere Fähigkeit, Inspiration zu empfangen und zu auszuleben, durch unsere Einstellungen und Handlungsweisen bestimmt wird.

 

Denken wir an einen begabten Künstler den die Muse küßt. Um ein großes Kunstwerk zu schaffen, muß er richtig einstimmt sein. Das bloße körperliche Vorhandensein von Leinewand, Pinsel und Farbe bringt noch kein Meisterwerk hervor.  Nicht-Trinken, Schlafen und Essen ist noch nicht gleich Genesung vom Alkoholismus. Es ist wichtig, daß wir uns einstimmen auf eine Geisteshaltung von Demut, Ehrlichkeit, Gottvertrauen, Dankbarkeit und dem selbstlosen Dienst an anderen Alkoholikern.  Die aktiven Mitglieder, die das Programm ernst nehmen, legen langsam, aber sicher das Fundament für engen persönlichen Kontakt mit

Gott, indem sie es in ihrem häuslichen Leben, im Beruf und im Umgang mit neuen Mitgliedern anwenden, indem sie ihre Schwächen zugeben und indem sie Wiedergutmachung leisten.

 

Ruhephasen der Entspannung und des Gebetes sind notwendig, um den Dritten Schritt zu vollziehen. Das Blaue Buch der AA erklärt [S.73] ganz praktisch, wie der Dritte Schritt effektiv praktiziert wird:

 

Viele von uns sagten zu unserem Schöpfer  wie wir Ihn verstanden: "Gott, ich bin Dein, verfüge über mich, Dein Wille geschehe. Erlöse mich von den Fesseln meines Ichs, damit ich Deinen Willen besser ausführen kann. Nimm meine Schwierigkeiten hinweg, damit der Sieg über sie Zeugnis ablegen möge von Deiner Macht, Deiner Liebe, Deiner Führung gegenüber den Menschen, denen ich helfen möchte. Möge ich immer Deinen Willen ausführen!" Bevor wir diesen Schritt taten, haben wir gut nachgedacht und uns geprüft, ob wir dazu bereit waren, so daß wir uns schließlich ohne Einschränkung in Gottes Hand geben konnten.

 

Wir fanden es wünschenswert, diesen spirituellen Schritt mit einem verständnisvollen Menschen zu tun, vielleicht unserer Frau, dem besten Freund oder einem geistlichen Berater. Allerdings ist es besser, G.ott allein gegenüberzutreten als mit jemandem, der nicht das richtige Verständnis dafür aufbringt. Natürlich war die Wahl der Worte jedem selbst überlassen, solange zum Ausdruck kam, daß wir uns Ihm rückhaltlos anvertrauten.

 

Abgesehen vom Gebet sollten sich Alkoholiker auch den Wert der Entspannung im Allgemeinen durch den Kopf gehen lassen. Wir sollten die Tatsache nicht übersehen, daß alle Alkoholiker einen Hang zur Rastlosigkeit besitzen, daß Hektik und Stress einen Teil unserer Schwierigkeiten darstellen, daß wir diese Verfassung einst mit Alkohol kompensierten, und daß wir jetzt bestrebt sind, sie unter Gottes Oberaufsicht zu korrigieren. Alkoholiker müssen lernen, sich zu entspannen, wenn sie aufgebracht, ärgerlich, ungeduldig, nachtragend, gelangweilt oder erschöpft sind.

 

Entspannung hilft uns, unser körperliches, psychisches und spirituelles Gleichgewicht aufrechtzuerhalten. Sie fördert klare Gedanken, die uns davon abhalten, "das Steuer wieder selbst in die Hand zu nehmen". Sie ermöglicht uns bewußten Kontakt mit Gott, unsere einzige Hoffnung auf Genesung vom Alkoholismus.

 

Wir berücksichtigen das Resultat dieses Schrittes in vollem Vertrauen, denn wir wissen durch das Beispiel anderer Mitglieder, daß Gottes Wille verstanden werden kann, und daß unser Verständnis von Seiner Fürsorge uns eine neue Persönlichkeits-Struktur bescheren wird, die Alkoholkonsum ausschließt ; eine Persönlichkeit, die glücklich ist mit Gott, und die mit der herkömmlichen Welt und den anderen Menschen angemessen umgeht.

 

ZUSAMMENFASSUNG: Alkoholiker, die gesund werden wollen, müssen sich nicht länger durch die verwirrenden Übel des Alkoholismus frustrieren lassen. Die ersten beiden Schritte entlarven den Alkoholismus eindeutig als eine Krankheit -als ein tödliches, unheilbares Leiden.

 

Unsere Geisteskrankheit, die mentale Besessenheit, gaukelt uns trotz vielfacher gegenteiliger Erfahrung vor, wir könnten trinken, ohne uns zu vergiften. Und sobald wir das tun, löst Alkohol in unserem Körper die allergisch-krankhafte Gier nach mehr aus, die uns in Abhängigkeit und Ruin treibt. Kaum ausgenüchtert trieb uns die Besessenheit zum Weitertrinken. Diesem Teufelskreis konnten uns andere Menschen nicht entreißen -und wir selbst auch nicht. Diese Fakten sind die Voraussetzung, auf die wir unsere Entscheidung gründen, Gottes Hilfe für unsere Genesung zu suchen.

 

Der Begriff "Spirituelle Krankheit" verliert sein Geheimnis, wenn wir erkennen, daß Alkohol ein Lösungsmittel ist: Er löst Fette, Gehirnzellen, Ehen, Freundschaften, Bankkonten  und Arbeitsverhältnisse. Wir leben losgelöst von der Realität in einer Scheinwelt, betäubt, verwirrt, innerlich zerrissen, geplagt von Selbstmitleid, Ängsten aller Art, Intoleranz, Groll, Streitsucht, Rachsucht und Unehrlichkeit. Da ist kein Platz  für Gott. Wir selbst wollen der Nabel der Welt sein, um den  sich alles dreht. Diese unendlichen Blockaden aus Undank und  Selbstsucht haben uns abgeschottet von Gott und der Welt. Sie haben unser Bewußtsein versteinert. Sie haben unsere  spirituelle Krankheit ausgebrütet.

 

Der Dritte Schritt verwirrt uns nur dann, wenn wir uns nicht an die empfohlene Anwendung halten. Der Schritt hat drei Teile: Erstens entscheiden wir, daß die Karre so verfahren ist daß wir nicht mehr aus dem Schlamassel herauskommen und deshalb Gott ans Steuer unseres Lebens lassen müssen. Zweitens versuchen wir herauszufinden, was unser Eigenwille uns für ein Leben beschert hat; und drittens sind wir von nun an bestrebt unseren Willen durch Gebet so zu orientieren und zu stärken, daß er in Harmonie mit dem Willen Gottes kommt. Wir wagen den Sprung ins Ungewisse im Vertrauen darauf, daß unser Leben nun nicht mehr tiefer fallen kann, als in Gottes fürsorgliche, liebevolle Hände.

 

BEHANDLUNG: Wir hören auf, Gott zu spielen. Wir kapitulieren mit unserer Egozentrik vor Ihm. Wir entspannen uns. Wir vermeiden eine Verwechslung von AA und Religion. Wir versuchen nicht, Gott zu definieren. Wenn du dir ein Bild davon machen kannst, ist es nicht Gott. Wir entwickeln und organisieren unsere spirituellen Fähigkeiten neu. Wir streben einen persönlichen Kontakt mit Gott an. Wir richten unser Denken und Handeln nach moralischen Werten aus, die uns ein gutes Gewissen bescheren. Wir beabsichtigen und versuchen im Alltag ein Leben zu führen, das Nüchternheit, Vertrauen, Ehrlichkeit, Gebet, Toleranz, Vergebung, Dienst an anderen und da, wo es angebracht ist, auch Wiedergutmachung umfaßt.

 

Die meisten von uns erleben spirituelle Umwälzungen und Persönlichkeitsveränderungen; aber das geschieht in der Regel nicht über Nacht. Wir erfahren Gott durch die ZwölfSchritte. Wenn wir Gottes Hilfe in Stunden der Not wirklich in Anspruch nehmen wollen, dann laßt uns jetzt Schreibstift und Papier zur Hand nehmen und die Dinge auflisten, die wir im Vierten Schritt als Blockaden gegenüber Seiner Hilfe für unsere Genesung vom Alkoholismus entlarven wollen.

 

zurueck