Auszug aus "Die Botschaft vom Gebet" von Teresa von Àvila

Das Vaterunser hat mich schon immer sehr bewegt, ich möchte so etwas wie eine kleine Betrachtung über die Worte des Vaterunsers anstellen.

In welcher Blindheit vertun doch die Menschen der Welt ihr Leben! Denkt nicht an andere Dinge, während ihr mit GOTT redet!
Das wäre ein Zeichen dafür, dass ihr noch nicht verstanden habt, worin das Beten besteht.

Daher möchte ich euch nur ein paar Ratschläge geben, wie ihr das Gebet verrichten sollt. Denn es ist ja nur recht und billig, dass ihr auch versteht, was ihr sprecht.

Wenn ich bete: "Vater unser...", so erfordert es schon die Liebe, dass Ich mich darauf besinne, wer dieser unser Vater ist, und ebenso, dass ich daran denke, wer der Meister ist, der uns dieses Gebet lehrte. Wenn ihr meint, das wüsstet ihr doch und ihr müsstet euch nicht eigens daran erinnern, so denkt ihr nicht richtig.

Von einem Lehrer zum anderen gibt es große Unterschiede, und doch ist es sehr undankbar, wenn wir die vergessen, die uns unterwiesen haben. Sind wir gute Schüler, dann ist es unmöglich, sie zu vergessen!

GOTT möge verhüten, dass wir einen solchen Meister vergessen, der uns das Vaterunser gelehrt hat, und zwar mit soviel Liebe und so großem Bemühen, uns voranzubringen. Wir sollen oft an ihn denken, wenn wir das Vaterunser sprechen. Bleiben wir also bei der Frage nach dem echten Vollzug des mündlichen Gebets.

Es geht nicht, dass man gleichzeitig mit GOTT und mit der Welt redet. Nichts anderes tun wir aber, wenn wir Gebete sprechen und dabei nur darauf horchen, was um uns herum vor sich geht, oder unsere Gedanken an Sachen hängen, die uns gerade in den Sinn  kommen. Das beste Mittel, das ich gefunden habe, ist, den Geist dem zuzuwenden, an den ich meine Worte richte. (also "Vater unser im Himmel!"

O mein GOTT, als welch eines Sohnes Vater offenbarst du dich hier, und als welch eines Vaters Sohn offenbart sich dein Sohn! Die Gnade, gemeinsam mit dir, (Jesus), GOTT "Vater" nennen zu dürfen, ist umso größer, Herr, da  du sie uns nicht erst am Ende dieses Gebetes schenkst; schon wenn wir es zu sprechen beginnen, füllst du uns die Hände und machst uns ein so großes Geschenk. Im Namen deines Vaters schenkst du uns alles, was man nur geben kann! Du willst, dass er uns als seine Kinder betrachtet - Und dein Wort zählt ja bei IHM!

Du verpflichtest ihn, es zu erfüllen! Damit legst du ihm keine geringe Bürde auf. Denn wenn er Vater ist, muss er uns ertragen mit allem, womit wir Ihn beleidigen. Wenn wir wieder zu ihm zurückkehren wie der verlorene Sohn, muss er uns vergeben. Er muss uns trösten in unseren Nöten. Er muss uns ernähren, wie es die Pflicht eines Vaters ist, noch dazu eines solchen Vaters, der besser sein muss als alle Väter der Welt, weil in ihm nichts anderes sein kann außer der ganzen Fülle des Guten.

Und zu all dem muss er uns noch zu deinen Teilhabern und Miterben machen. Nun betrachtet die nächsten Worte, die euer Meister sagt: "im Himmel!". Ihr denkt vielleicht, es sei doch nicht so wichtig zu wissen, was "Himmel  ist und wo man Gott, den heiligsten Vater zu suchen habe? Nun, meiner Meinung nach ist es für leicht zerstreute Gemüter nicht nur äußerst wichtig, an den Himmel zu glauben, man sollte sich sogar darum bemühen, ihn durch eigene Erfahrung zu kennen. Denn das ist eines der Mittel, den Verstand zu ordnen und der Seele zur Sammlung zu verhelfen.

Wie ihr wisst, ist Gott überall gegenwärtig. Begreiflicherweise ist dort, wo sich der König aufhält, auch - wie man so sagt - sein Gefolge. Das heißt also, wo Gott ist, da ist der Himmel. Das könnt ihr ohne jeden Zweifel glauben.