Der Neunte Schritt
Wir machten bei diesen Menschen alles wieder gut, wo immer es möglich war, es sei denn, wir hätten dadurch sie oder andere verletzt.

Für den Neunten Schritt braucht man die Tugenden, um die wir unsere Höhere Macht im Gelassenheitsspruch bitten: Gelassenheit, Mut und Weisheit. Vor allem "die Weisheit, richtig zu unterscheiden", ist bei diesem Schritt gefragt, weil er mit der Formulierung "es sei denn" von uns eine solche richtige Unterscheidung verlangt.

Aber auch Mut und Gelassenheit sind Voraussetzungen für die Bewältigung dieses Schrittes, den man nach aller Erfahrung nicht in den ersten Tagen und Wochen der AA-Zugehörigkeit vollziehen kann. Der Neunte Schritt zielt darauf, daß wir mit anderen über uns sprechen, vor allem über unsere Vergangenheit. Bei den meisten der in Frage kommenden Gesprächspartner geht es dabei für uns um eine "Entschuldigung", also um Entschulden, schuldenfrei machen, Schulden zurückzahlen. Im übertragenen Sinn also um den Versuch der Wiedergutmachung, soweit dies überhaupt möglich ist; jedenfalls beinhaltet dieser Schritt das Eingeständnis von Schuld und die Hoffnung, bei dem Gesprächspartner auf Verständnis und Verzeihung zu stoßen.

Das ist kein Arbeitsauftrag für die ersten Tage der Trockenheit. Wir selbst und unser Gesprächspartner wären damit überfordert. Dieser muß doch ein solches Gespräch nach dreitägiger Abstinenz dort einordnen, wo er frühere Versprechungen, Schuldbekenntnisse und Ausreden abgelegt hat: in die Riesenkiste ohne Boden. Wir konnten in unserer Suchtkrankheit nicht anders, als die gegebenen Versprechungen immer wieder dem stärkeren Alkohol zu opfern.

Nicht für den Anfang

Der Neunte Schritt ist also nichts für den Anfang, weil wir noch nicht argumentieren können und weil die anderen uns noch mit zu großem und allzu berechtigtem Mißtrauen gegenübertreten. Dennoch sind wir unbewußt mit jedem Tag, den wir fortgesetzt alkoholfrei verbringen, im Neunten Schritt tätig. Wir machen wortlos wieder gut, indem wir das uns und andere in Erstaunen versetzende Wunder vollbringen, einen Tag nach dem anderen trocken zu bleiben. Wir spüren förmlich, wie dies kritisch und ängstlich beobachtet wird und wie mit jedem Tag auch bei den Angehörigen Sicherheit, Zuversicht und Freude wachsen. Mit nicht ganz so großer Anteilnahme, aber doch für uns spürbar, wird diese unsere Anfangs-Entwicklung auch am Arbeitsplatz und im Bekanntenkreis verfolgt.

,,Prima", mag jetzt jemand einwenden, "dieser Neunte Schritt ist ja bequem; er vollzieht sich von selbst, wenn ich nicht trinke". - So einfach ist es allerdings nicht. Durch unsere fortgesetzte Abstinenz bereiten wir das Feld vor, auf dem dann zu gegebenem Zeitpunkt im Sinne des Neunten Schrittes zu arbeiten ist. Unsere bis dahin schon etwas stabilisierte Trockenheit hat das Klima verbessert, in dem die dann notwendigen Gespräche zu führen sind.

Im Achten Schritt haben wir auf einem Stück Papier die Namen derer festgehalten, die durch unser Trinken zu leiden hatten. Auf diesem Zettel sind Personen verzeichnet, die durch das Leben an der Seite eines Alkoholkranken zwangsläufig in Mitleidenschaft gezogen waren. Da stehen weiter Namen von Personen, mit denen wir zwar nicht so eng zusammengelebt haben, denen wir aber im Verlauf unserer Krankheit bewußt oder unbewußt Mehrarbeit, Ärger oder Schaden zugefügt haben. In der ersten Gruppe der Geschädigten stehen also die Lebenspartner und die weiteren Familienangehörigen; in der zweiten ist einzuordnen das weite Feld der Arbeitswelt und des Bekanntenkreises.

Gemeinsamer Brückenbau

 Nun sage niemand, die Einbeziehung Mitbetroffener in das Genesungsprogramm sei "wieder so eine AA-Marotte". Die Praktiker, die selbstbetroffenen Alkoholiker, die dieses Programm vor Jahrzehnten aufgeschrieben haben, hatten zwar keine Vorlesungen über die Alkoholkrankheit gehört, sie wußten aber aus Erfahrung, was dem jungen Medizin-und Psychologie-Studenten heute auch an der Universität gesagt wird: Alkoholismus ist eine Familienkrankheit. Die Fachleute haben dafür ihre speziellen Formulierungen; sie sagen: Das soziale Umfeld ist mitbetroffen. Wie tief bei AA das Wissen um diese Tatsache ist, wird bewiesen durch das Bestehen eigener Gruppen für die Angehörigen.

Aber auch die Existenz von solchen Gruppen entbindet uns Alkoholiker nicht von der Verpflichtung, unsere gestörten mitmenschlichen Beziehungen in Ordnung zu bringen.

Auch wenn der Partner oder die Partnerin zu AI-Anon gehen und dadurch Verständnis für den Alkoholkranken entwickeln, muß dieser seinen Neunten Schritt machen. Nach dem Verursacherprinzip sollte er mit dem Bau der Versöhnungsbrücke beginnen und die Bereitschaft zur Wiedergutmachung selbst dann aufbringen, wenn er damit zunächst auf taube Ohren stößt. In einer guten, verständnisvollen Partnerschaft wird man vielleicht den Brückenbau der Wiedergutmachung des Neunten Schrittes von beiden Seiten beginnen und so aufeinander zu arbeiten.

Kehren wir zurück zu dem vor uns liegendem Zettel mit den Namen. Was sollen wir jetzt damit anfangen? -Zunächst haben wir Namen ungeordnet aufgeschrieben, so wie sie uns in den Sinn gekommen sind. Daraus machen wir jetzt eine Liste. Die Namen könnten sortiert werden nach der Reihenfolge, in der die Wiedergutmachungs-Gespräche geführt werden sollen. Beim Aufstellen dieser Liste kann sich ergeben, daß mit dem einen oder der anderen dieses bereinigende Gespräch schon stattgefunden hat.

Ein gutes Wort

Aber vielleicht sollten wir mit dem "Als-Erledigt-Abhaken" nicht so schnell sein. Möglicherweise täte auch in diesen Fällen ein nochmaliges Wort gut. Ein solches Wort an den, der in all der Zeit des Trinkens an Deiner Seite ausgehalten hat, kann ein "Danke!" sein. Auch aufrichtiger Dank ist eine Art der Wiedergutmachung und der Entschuldigung. Beim Auflisten der Geschädigten werden wir uns auch Gedanken machen über die Form, in der wie alte Dinge bereinigen wollen. Dafür gibt es keine Rezepte und Patentlösungen. Der eine AA-Freund hat den Dank und die Entschuldigung seinen Angehörigen gegenüber, weil er zuvor mit ihnen einfach nicht ins Gespräch gekommen ist, eingeleitet, als er beim öffentlichen Meeting am Rednerpult stand und die Familie im Saal saß. Ein anderer mag für die notwendige Aussprache mit der geschiedenen Frau die Form des Briefes wählen. Auch mit den Kindern aus dieser Ehe wird in irgendeiner Form zu sprechen sein.

Noch mehr Behutsamkeit als im familiären Bereich ist bei der Vergangenheitsbewältigung am Arbeitsplatz notwendig. Auch hier wird man am zweckmäßigsten nicht mit der Tür ins Haus fallen und große Sprüche loslassen, wenn man nach halbjähriger Entziehungskur dort erstmals wieder auftaucht. Allzu forsches Auftreten würde den Kollegen nur zu der Bemerkung veranlassen, daß wir uns nicht geändert haben. Unserer Nüchternheit dient es mehr, wenn wir sie auch am Arbeitsplatz beweisen, anstatt sie zu beschwatzen. Dennoch stehen hier Gespräche auf dem Arbeitsplan. Der Hinweis, daß solche Aussprachen nicht in den ersten Tagen angestrebt zu werden brauchen, sollte uns nicht als Ausrede dafür dienen, die Empfehlung des Neunten Schrittes endlos auf die lange Bank zu schieben.

Die Kollegen, bei denen wir uns zu entschuldigen haben, werden uns oft auf halbem Weg entgegenkommen. So wie sie kameradschaftlich für uns eingestanden sind, nehmen sie auch mit Interesse Anteil an unserer Entwicklung und stellen Fragen.

Die bis hierher angedeuteten Fälle der wiedergutmachenden Aussprache waren relativ leicht zu bewältigen. Es mag andere Fälle geben, in denen der Neunte Schritt nicht nur im Gespräch zu bewältigen ist. Möglicherweise ist auch materieller Schaden auszugleichen. Nehmen wir als Beispiel eine in Trunkenheit begangene Unfallflucht. Wenn dem inzwischen zu AA gehörenden Freund der Halter des Autos, das er damals beschädigt hat, bekannt ist, so kann er den materiellen Schaden nachträglich - vielleicht unter Einschaltung einer Vertrauensperson - begleichen.

Andere nicht belasten

Mit diesem Beispiel aber nähern wir uns den Fällen auf unserer Liste, bei denen wir mit Recht ein Fragezeichen hinter den Namen machen. ,,Es sei denn, wir würden durch unsere Wiedergutmachung neuen Schaden anrichten", heißt es im zweiten Teil des Neunten Schrittes sinngemäß.

Weil sich der eine oder andere auf Anhieb solche Fälle nicht vorstellen kann, seien hier zwei Beispiele angeführt, in denen sehr wohl abzuwägen ist, ob durch Eingeständnis Schaden wiedergutgemacht wird oder ob neuer Schaden angerichtet wird. Beispiel eins: der lange zurückliegende Seitensprung. Das mag den, der ihn begangen hat, belasten. Er muß sich aber überlegen, ob es fair ist, sich zu entlasten, indem er Anderen Last aufbürdet und jetzt das Familienleben zerschlägt. Beispiel zwei: der durch kleine Unterschlagungen, durch zu viel aufgeschriebene Kilometer oder frisierte Spesenrechnungen geschädigte Arbeitgeber. Der AA-Freund, der noch bei diesem Arbeitgeber beschäftigt ist, wird abwägen müssen, ob er seiner eben sich materiell ein wenig erholenden Familie den neuen Schaden zufügen kann, wenn ein Eingeständnis dieser Unregelmäßigkeiten seine fristlose Entlassung zur Folge haben könnte. Diese Beispiele sind willkürlich gewählt und die Situationen sind auch nur angedeutet. Jeder Einzelfall sieht hier anders aus. Jeder Einzelfall bedarf der sorgsamen Abwägung, bedarf "der Weisheit, richtig zu unterscheiden".

Wer in solchen Punkten Zweifel und Schwierigkeiten hat, sollte sie nicht mit sich herumschleppen. Wem die Gruppe ein zu großes Forum zur Darlegung dieser Schwierigkeiten ist, kann darüber mit seinem Sponsor reden. Auch mit der Vertrauensperson, der wir im Fünften Schritt unsere Fehler unverhüllt anvertraut haben, könnte man sprechen. In jedem Fall steht uns ein liebender Gott zu Seite: in dessen Sorge wir im Dritten Schritt unser Leben und unseren Willen gegeben haben.

Der Neunte Schritt stellt uns in Verantwortung und fordert Bereitwilligkeit, Konsequenzen aus unserer Vergangenheit zu tragen. Dieser Schritt will von uns keinen selbstzerstörerischen Heldenmut, er mahnt uns im Gegenteil zur Verantwortlichkeit für das Wohl der anderen und für die eigene Entwicklung.

Wenn die Schritte im Programm der Anonymen Alkoholiker Überschriften hätten (sie brauchen keine), dann könnte man über den Auftrag und das Erfordernis des Neunten Schrittes die zwei Wörter schreiben: Tapferkeit und Güte.

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