Der Siebte Schritt
Demütig baten wir Ihn, unsere Mängel von uns zu nehmen.

Eigene Erfahrungen und Beobachtungen zugrundelegend, eingangs die Bemerkung, daß der Siebte Schritt wahrscheinlich der Rekord-Schritt im Programm der Anonymen Alkoholiker ist: Rekord, weil er am seltensten behandelt wird. Gruppenvorhaben, ein Jahr lang, Monat für Monat Schritt für Schritt zum Meetings-Schwerpunkt zu machen, verrinnen im Juli wie Quellwasser im Sand. Bis Schritt sechs ist man gekommen, dann beginnt die Urlaubszeit, vielleicht kommt ein Gruppensprecher-Wechsel hinzu, und schon hat man Vorwände, den Siebten Schritt mal wieder unter den Tisch fallen zu lassen.

Demut - nicht auf den Knien

Und alles wegen des einen einzigen Wortes "Demut". Offensichtlich ist dieses Wort so sperrig, daß es nicht in unseren Kopf passen will; es ist so unhandlich und unmodern, daß es auch im Meeting niemand gern aufgreift. Dies fällt den Männern unter uns Alkoholikern noch schwerer als den AA-Frauen. In der durch Erziehung und Tradition geprägten Gesellschaft mit ihren klischeehaften Normvortellungen und Rollenzuteilungen ist Demut allenfalls etwas für Frauen. Mach' die Probe aufs Exempel, und gib der Gruppe zehn Begriffe, von denen jeweils zwei einander zuzuordnen sind, verwende dabei unter anderem Tapferkeit, Demut, Nonne und Ritter (und sechs andere Begriffe): Du wirst sehen, daß die Mehrzahl der Mitspieler mit derselben Sicherheit die Demut der Nonne zuordnet wie die Tapferkeit dem Ritter.

Und genau das ist falsch. Unsere Zeit hat die Tugend der Demut (ähnlich wie beispielsweise auch die "Barmherzigkeit") in ein solch falsches Fach gelegt oder gar als unmodern ganz aussortiert. Das ist ein Zeichen, wenn nicht ein Krankheitssymptom der Gesellschaft in der zweiten Hälfte des zwanzigsten Jahrhundert.

Doch hier soll nicht ins Allgemeine abgeglitten werden, hier geht es um den Siebten Schritt im Programm der Anonymen Alkoholiker, der sich vielen von uns als schwerüberspringbare Hürde in den Weg stellt. Wenn man mi einem Wort wie beispielsweise mit dem Wort Demut solche Schwierigkeiten hat, dann kann es von Nutzen sein, den Begriff aus dem Zusammenhang zu reißen und für sich allein zu betrachten. Ein Wort, mit dem man zunächst nichts anzufangen weiß, öffnet sich leichter, wenn man fragt, was damit eigentlich gemeint ist, wo es ursprünglich herkommt. Im Wort Demut steckt als Hauptbestandteil das Wort Mut. Mut aber war ursprünglich nicht so etwas wie Tapferkeit und Stärke, im früheren Sprachgebrauch war Mut ein anderes Wort für Geist, für Gesinnung. "Mir ist nicht danach zumute", sagte man, was doch so viel heißt, mir steht der Sinn nicht danach. Die Silbe "De" in Demut hieß im Mittelhochdeutschen "Dio", was so viel heißt wie der Gefolgsmann, der Ritter. Also ist Demut nichts anderes als die Gesinnung des Gefolgsmannes, die Tugend des Ritters. Da steckt also in diesem Wort etwas drin wie Treue, Gefolgschaft; das Gegenteil jedenfalls von Wortbrüchigkeit und Überheblichkeit.

Wenn wir uns so an den Siebten Schritt herantasten, dann spüren wir, daß er nichts anderes ist als die schnurgerade Fortsetzung des Weges, den wir mit den sechs vorausgegangenen Schritten angetreten haben. Der Siebte Schritt empfiehlt uns nichts, was über unsere Kräfte geht, nichts, was außerhalb unseres bisher schon bekundeten Wollens läge.

"Ihm" den Vortritt lassen

Im Prinzip ist der Siebte Schritt nichts anderes als die Wiederholung und Bekräftigung der uns allen mittlerweile zuteil gewordenen Einsicht, daß wir nicht die "Größten" sind. Demut in dem Sinn des derzeitigen Wortgebrauchs, der deshalb ein wenig anrüchig ist, weil er im Prinzip falsch ist, solche Demut hat von uns schon der Erste Schritt verlangt.

Aber die Demut des Ersten Schrittes war noch gut zur Hälfte passive Demut. Ihr haftete etwas an von dem Gedemütigt werden, das uns in der Unfreiheit und der Isolation der Sucht oft widerfahren ist. Das Eingeständnis der Machtlosigkeit ist uns vielfach aufgezwungen worden durch die unerbittliche Härte des "Ich kann nicht mehr". Wenn aber im Ersten Schritt aktive Demut hinzugekommen ist, dann war er das, was die Amerikaner "Surrender" nennen, dann war er Eingeständnis der Niederlage, dann war der Erste Schritt die bedingungslose Kapitulation mit der Bereitschaft, sich helfen zu lassen.

So wurde die von uns im Ersten Schritt aktiv aufgebrachte Demut der Schlüssel für die nächsten Schritte im Programm der Anonymen Alkoholiker. Dankbarkeit und Demut haben uns zu dem Glauben kommen lassen, "daß eine Macht, größer als wir selbst, uns unsere geistige Gesundheit wiedergeben kann", wie es im Zweiten Schritt heißt.

Wenn auch das Wort Demut im Dritten Schritt nicht genannt ist, so ist doch dieser Punkt unseres geistigen Programms eigentlich mit der Überschrift ,,Demut" zu versehen. "Wir faßten den Entschluß, unseren Willen und unser Leben der Sorge Gottes -wie wir ihn verstehen -anzuvertrauen"; -so der Dritte Schritt. Er besagt doch nichts anderes, als daß wir denjenigen, der uns so hilfreich aus einem Suff im verkorksten Dasein in ein Leben beginnender zufriedener Nüchternheit geführt hat, künftig ans Steuer lassen. Weil wir überzeugt sind, daß er uns nicht in einem einmaligen launigen Aufwallen jovialer Güte aus dem Sumpf gezogen hat, um uns künftig allein und damit wieder zurückrutschen zu lassen, weil wir seine lenkende Hand im Nachhinein auch in der schlimmen Zeit erkannt haben, deshalb überlassen wir ihm fortan die Kommandobrücke. Das ist ein toller Entschluß, sich unter solche Führung ins zweite Glied einzuordnen.

Deshalb stand einleitend in diesem Kapitel der Ausflug ins Mittelhochdeutsche, weil Demut im wahrsten und eigentlichen Wortsinn "die Gesinnung des Gefolgsmannes" ist. Und das ist fürwahr eine männliche Tugend, was nicht heißt, daß es eine ausschließlich männliche Tugend ist. Der Hinweis scheint aber notwendig, weil Demut allgemein für ein weibliches Attribut gehalten wird.

Mut zum Dienen

Das "De" in Demut ist ein Hauptwort; von dessen mittelhochdeutscher Ursprungsform "Dio" gab es auch ein Tätigkeitswort, "dionon", woraus im Laufe der Zeit unser heutiges Wort dienen geworden ist. Ursprünglich drückte dieses Wort mehr die Tätigkeit des Gefolgsmannes aus, hieß also etwa: treu sein, ergeben sein, zuverlässig sein. Auch dieser Begriff des "Dienens" steckt in unserem Wort "Demut". Frei übersetzt könnte man sagen: Demut heißt Mut zum Dienen. Wobei Mut in dem Sinn von Bereitschaft, Aufgeschlossensein, von Grundeinstellung zu verstehen ist. Die Bereitschaft zum Dienen ist eines der Wesensmerkmale, wenn nicht das Wesensmerkmal der Gemeinschaft der Anonymen Alkoholiker. Das Grundprinzip der Anonymität, des Zurücknehmens der eigenen Person um der Sache willen, hat so verstandene Demut zur Voraussetzung. In den Traditionen heißt es ausdrücklich, daß "unsere Vertrauensleute nur betreute Diener sind, die nicht herrschen". Hier schließt sich der Kreis zum Dritten Schritt und der dort geforderten Bereitschaft, dem Gott, so wie wir ihn verstehen, die Führungsrolle zu überlassen. Hier wird offenbar, daß "Demut" nicht nur einmal zufällig als Begriff im Siebten Schritt vorkommt, sondern, daß diese Grundeinstellung der Bereitschaft zum Dienen durchgängig alle Schritte und Traditionen durchzieht.

Wenn man sich mit einem einzelnen Schritt im Programm der Anonymen Alkoholiker länger beschäftigt, merkt man erst, daß jeder dieser Schritte von ungeheurer Aussagekraft ist. Bei jedem Schritt möchte man nach intensiver Beschäftigung mit seiner inhaltlichen Aussage behaupten, dies sei wohl der wichtigste Schritt im Programm. Und in der Tat ist immer der Schritt am wichtigsten, dessen Sinn uns nach einigem Nachdenken plötzlich ganz deutlich vor Augen steht.

Im Siebten Schritt geht es also im wesentlichen um die Demut, ein Wort, in dessen Ursprung wir den Begriff des "Gefolgsmannes" entdeckt haben. Gefolgsmann zu sein, ist nichts Demütigendes. Derjenige der an der Spitze geht, drückt den Nachfolgenden das Qualitätssiegel auf. Das Ziel ist entscheidend, nicht die Tatsache, ob man im zweiten oder dritten Glied gegangen ist, um es zu erreichen.

Dem Leben Richtung geben

Vorher hatten wir gar keine Richtung. Unser Leben kreiste um das eigene Ich, und das allbeherrschende Suchtmittel Alkohol. Nachdem dieser magische Anziehungspunkt, dieser Magnet aus unserer Lebensachse entfernt ist, würden wir ziellos irgendwo im Vakuum trudeln, gäben wir unserer Existenz nicht endlich eine Zielrichtung. Weil wir aber wissen, daß diese Bewegung, wenn wir sie sich selbst überlassen, wie die einer Grammophonnadel wieder auf die eigene Mitte zusteuert, lassen wir "Ihn" -wie es lapidar im Siebten Schritt heißt -die Richtung bestimmen.

Nüchtern werden heißt doch auch, klar denken lernen. Im klaren Denken kann die Erkenntnis nicht ausbleiben, daß das Ich nicht die Sonne ist, um die sich andere und alles wie Trabanten drehen. Wenn schon dieses Bild, dann ist das Ich doch wohl nur einer der Millionen kleinen Trabanten mit relativ bescheidener Funktion (nicht mit Bedeutungslosigkeit) in einem großen, geordneten oder zu ordnenden Kosmos. Wissend, daß dieses millionste Partikel in der Unendlichkeit der Vielfalt außerstande ist, über seinen Bereich hinaus zu wirken und zu ordnen, sind wir daran gegangen, unseren kleinen Mikrokosmos erst einmal in Ordnung zu bringen.

Wir haben Inventur im Vierten Schritt gemacht, sind dabei auf positive Ansätze, aber auch auf eine Menge von Fehlhaltungen gestoßen. Der gravierendste Fehler, sozusagen der gemeinsame Nenner all unserer Untugenden, war die völlige Ichbezogenheit unserer Existenz während der Trinkerzeit.

Die Maßstäbe haben einfach nicht mehr gestimmt. Wir haben darüber gesprochen. Im Erfahrungsaustausch des Gruppengesprächs ist uns vieles klar geworden. Das im Fünften Schritt empfohlene vertrauliche Gespräch mit "einem anderen" war ein Freisprechen und endete mit einem Freispruch.

Damit waren wir schon ein gutes Stück vorangekommen. Soweit Gedächtnis und Bewußtsein reichten, waren die Schleier der Verharmlosung weggerissen. Vor uns selbst gab es keine Geheimnisse verdrängter Begebenheiten mehr. Vor einem anderen und vor Gott, so wie wir ihn verstehen, lagen sie wie ein offenes Buch, in dem es keine verklebten Seiten gibt. Das war die Situation des Fünften Schrittes.

Der nächste Punkt im Programm der Anonymen Alkoholiker hat uns ein Stück weitergebracht. Haben wir bis dahin bildlich gesprochen -unsere Schulden zusammengezählt, so sind wir dann ans Bezahlen gegangen. Mit den im Vierten Schritt bei der Inventur erkannten und im Fünften Schritt bekannten Fehlhaltungen wollten wir nicht weiterleben. Auch nicht mit denen, die uns in unserer Unzulänglichkeit und Vergeßlichkeit vielleicht noch gar nicht ins Bewußtsein gekommen waren. Deshalb fand uns der Sechste Schritt "völlig bereit, all diese Charakterfehler von Gott beseitigen zu lassen".

Fundament des Gesamtprogramms

Diese Bereitschaft findet im Siebten Schritt ihre Fortsetzung und Vertiefung, weil uns dieser Schritt auch die geistige Grundeinstellung empfiehlt, mit der dieses Gemeinschaftswerk mit dem als Partner ins Leben genommenen Gott angepackt werden sollte. Eben mit der "Gesinnung des Gefolgsmannes", mit Demut. Um diese Grundeinstellung muß man sich schon bemühen. Aber sie stellt sich eigentlich automatisch immer wieder ein. Man braucht sie als Basis, wenn man die später im Zehnten Schritt empfohlene fortgesetzte Inventur dazu benutzt, sich immer wieder bei eigener Unzulänglichkeit zu ertappen. Wer wachsam die Rückfälle in die Ichbezogenheit registriert, wer darüber nachdenkt, wie sinnlos es auch heute wieder war, mit dem Kopf durch die Wand zu wollen, der ist ganz nah an der Klammer, die sich vom Dritten zum Siebten Schritt spannt, und eigentlich Basis des gesamten Programms in den zwölf empfohlenen Schritten ist. Und diese Basis heißt Demut.

Wenn unser Programm ein Genesungsprogramm ist, wenn Genesung für uns nüchternes, klares Denken bedeutet, auch Rückgewinnung von Selbstwertgefühl, dann schließt das automatisch die uns zuvor so weitgehend abhanden gekommene Ehrlichkeit mit ein. Und wer ehrlich ist, kann sich gar nicht auf Dauer für außergewöhnlich halten, für den Mittelpunkt, um den sich alles dreht.

Wenn man es so sieht, ist es eigentlich gar nicht schwer, demütig zu sein, "Ihm" Gefolgsmann sein zu wollen, "Ihm" demütig zu bitten, all diese Fehler von uns zu nehmen.

Ganz sicher aber rechnet Er damit, daß wir selbst dabei mit anpacken.

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