Die Erste Tradition
Unser gemeinsames Wohlergehen sollte an erster Stelle stehen; die Genesung des einzelnen beruht auf der Einigkeit in AA.

Nicht zwischen jedem Schritt und der in der Nummerierung parallel laufenden Tradition läßt sich gedanklich eine Brücke bauen. Der Erste Schritt im Programm der Anonymen Alkoholiker und die erste der Traditionen aber sind sehr wohl in Bezug zu setzen.

Im Ersten Schritt haben wir unsere Machtlosigkeit gegenüber dem Alkohol zugegeben. In der bedingungslosen Kapitulation haben wir die bis dahin starrsinnig verfolgte und immer wieder gescheiterte Hoffnung aufgegeben, irgendwie doch allein durchzukommen. Auf dem Tiefpunkt waren wir bereit, nach jedem Strohhalm zu greifen, um uns festzuhalten. Da wurde uns mit dem Hinweis auf die Gemeinschaft der Anonymen Alkoholiker ein Rettungsring zugeworfen. Wir wurden in das Rettungsboot dieser wunderbaren Gemeinschaft gezogen und so geborgen.

Im Rettungsboot aber ist kein Platz für Uneinigkeit und Streit. Wie verschieden die dort zufällig zusammengewürfelte Besatzung nach ihrer Herkunft und in ihren Ansichten auch sein mag, jetzt eint sie alle der Wille zu überleben. Ganz deutlich wird an diesem Beispiel der Zusammenhang zwischen dem Ersten Schritt und der Ersten Tradition. Der persönlichen Aufgabe, der Kapitulation am Anfang unseres Lebens, folgt als logische Konsequenz die Unterordnung in das Leben und in den Geist dieser Gemeinschaft. Sehr bald nämlich haben wir herausgefunden, daß wir diese Gemeinschaft brauchen. Der Satz, daß AA ohne mich weiterbesteht, daß ich aber nicht ohne AA leben kann, gilt nach wie vor uneingeschränkt. Und trotz des unendlichen Ausmaßes an persönlicher Freiheit, das diese Gemeinschaft jedem einzelnen läßt, ist unser Genesungsprogramm nicht auf die Einzelperson zugeschnitten. In allen Schritten dieses Programms heißt es "wir" machten dies, "wir" machten jenes. Die Erste Tradition ist eine Gebrauchsanweisung, ist die Ausführungsbestimmung jenes wiederkehrenden Wortes "Wir" im Programm der Anonymen Alkoholiker. Jemand, der aus Jux Löcher in die Bespannung seines Regenschirmes schneidet, würde man zurecht einen Narren nennen. Aber diesem Tor kann nicht viel passieren, außer daß er naß wird. Wer aber der Gemeinschaft, die ihn am Leben erhält, Schaden zufügt, handelt selbstzerstörerisch. Wer Uneinigkeit in die Gemeinschaft der Anonymen Alkoholiker trägt, setzt den Selbstmord auf Raten seiner Trinkerzeit fort. Er handelt noch verantwortungsloser als in seiner nassen Zeit, weil von der Einigkeit in AA nicht nur sein Leben abhängt, sondern auch das anderer Alkoholiker. Nun zwängt uns aber die Erste Tradition nicht in die Uniform der Gleichmacherei. Von Einigkeit ist in dieser Empfehlung die Rede, nicht von Einförmigkeit. Dem Einzelnen ist ein großes Maß an Freiheit gelassen, selbst in dem Weg, den er für die Erlangung und den Fortbestand seiner Nüchternheit wählt. Lediglich zum Festhalten am Programm mahnt uns diese Tradition und auch daran, daß die AA-Gemeinschaft für ihre Existenz einige in den Traditionen aufgestellte Regeln hat. Über deren Einhaltung freilich - und das ist die Hauptregel - wacht nicht ein Einzelner, nicht irgendein Super-Boss, nicht Du und nicht ich, sondern nur die Gruppe.

Die erste der AA-Traditionen mit ihrer Mahnung, sich selbst nicht so wichtig zu nehmen, ist das hohe Lied der Toleranz. Wenn jeder von uns nämlich mit seinen irgendwann einmal verfolgten Absichten zum Zuge gekommen wäre, "jetzt endlich" in AA mal frischen Wind zu bringen und alles zu reformieren, zu modernisieren und neu zu formulieren, dann gäbe es die Einheits-Gemeinschaft der Anonymen Alkoholiker längst nicht mehr.

Die Erste Tradition schiebt all diesem Veränderungsstreben, all diesen individualistischen Extratouren, einen Riegel vor, indem sie uns mit schlichten Worten mahnt, auf dem Teppich zu bleiben, der bisher groß und gut genug war, Millionen von Alkoholikern Platz in der Gemeinschaft und damit zu einem neuen Leben zu bieten.

zurueck.jpg