Die Fünfte Tradition
Die Hauptaufgabe jeder Gruppe ist, unsere AA-Botschaft zu Alkoholikern zu bringen, die noch leiden.

Die Fünfte Tradition wiederholt und präzisiert einen Teilauftrag aus dem Zwölften Schritt des Programms der Anonymen Alkoholiker. Die Botschaft an Alkoholiker weiterzugeben und unser Leben nach diesen Grundsätzen auszurichten, war uns im Zwölften Schritt empfohlen worden. Wie bei anderen Punkten des Programms greift nun eine Tradition einen Gedanken daraus auf und gibt uns dafür eine Ausführungsanleitung an die Hand. Im Zwölften Schritt heißt es „wir“, in der Fünften Tradition ist die Aufgabe, die Botschaft noch leidenden Alkoholikern zu bringen, eindeutig der Gruppe zugewiesen. Das sollte uns alle, die wir im Sinne des Zwölften Schrittes wirken wollen, nachdenklich machen. Dabei tun wir gut daran, wenn wir die Fünfte Tradition deutlich als Warnung vor Alleingängen auf dem Feld des Zwölften Schrittes interpretieren. Warum aber soll überwiegend die Gruppe und weniger der einzelne sich um noch leidende Alkoholiker kümmern? Nun, die Erfahrung lehrt, daß schon mancher Alleingang im Zwölften Schritt im Rückfall geendet hat. Die Gruppe (und schon zwei Freunde sind im Sinne der Fünften Tradition eher befugt, anderen zu helfen, als ein einzelner), die Gruppe stützt den im Zwölften Schritt tätigen Freund. Die Gruppe und der aus ihrem Gewissen sprechende liebende Gott wachen über die Botschaft, wie sie dem leidenden Freund überbracht wird. Der einzelne könnte wieder mal schief liegen in Teilen seiner Ansichten oder auch in dem Eifer, anderen helfen zu wollen. Wenn die Gemeinschaft der Anonymen Alkoholiker in ihrer über fünfzigjährigen Entwicklung hin und wieder ins Wanken oder ins Stocken geraten war, so hatten solche Fehl-und Rückschläge immer ihre Ursache in Fehlinterpretationen des AA-Geistes durch einzelne Zugehörige. Immer hat die Gruppe oder die Gesamtgemeinschaft die Kurskorrekturen vollzogen.

Die Botschaft der Anonymen Alkoholiker ist bei der Gruppe in vielen und damit in besseren Händen als bei dem einzelnen. "AA ist nie Sache des Einzelnen", ist in der Meeting-Diskussion gesagt worden, und ein anderer hat ergänzt: "Wir sind keine guten Solosänger, wir wirken besser als Chor."

Zwei Tatsachen aber sind unbestritten: AA kann anderen Alkoholikern helfen; und AA muß anderen Alkoholikern helfen.

Daß AA anderen Alkoholikern helfen kann, hat jeder von uns in bitterer Not selbst erfahren. Die Fähigkeit, sich mit dem noch leidenden Alkoholiker zu identifizieren, ihn aus der Schwere des Selbstdurchlittenen zu verstehen wie kein anderer, ist jedem von uns gegeben. Dazu braucht es keiner besonderen Beredsamkeit noch sonst irgendwelcher Schulung. Andererseits steht die Erfahrungstatsache vor uns, daß wir uns das Geschenk unserer Nüchternheit nur erhalten, wenn wir es bereitwillig und bedingungslos an andere Alkoholiker weitergeben.

Wir werden also im Sinne des Zwölften Schrittes und der Fünften Tradition tätig aus einer Mischung von Selbsterhaltungstrieb und Nächstenliebe. Von der "Kombination aus Selbsterhaltung, Pflicht und Liebe" ist im offiziellen Kommentar der Fünften Tradition die Rede. Aus welchen Gründen auch geholfen wird, eins steht unumstößlich fest:

AA kann und muß leidenden Alkoholikern helfen -und sonst kann und muß AA nichts. Auch das steht in der Fünften Tradition, die die Aufgabe der Gruppe ausdrücklich auf das Weitertragen der Botschaft eingrenzt. Diese Mahnung zur Beschränkung sollte ernst genommen werden. Gemeint ist nämlich damit, daß beispielsweise der AA-Freund, der von Beruf Versicherungsvertreter ist, trennen muß zwischen beruflicher Tätigkeit und seinen Aktivitäten im Zwölften Schritt. Auch die Verquickung von Liebesabenteuern mit dem Weitertragen der AA-Botschaft richtet gelegentlich Schaden an. Dies ist übrigens mit ein Grund dafür, warum die Tätigkeit im Zwölften Schritt nicht als Solopart aufgefaßt werden sollte. Ganz ausgeschlossen muß es sein, daß ein im Zwölften Schritt Wirkender nebenbei noch versucht, den Hilfesuchenden für eine religiöse, politische oder sonst eine Idee zu gewinnen. Hauptzweck einer jeden AA-Gruppe ist es nach dem Wortlaut der Fünften Tradition, die Botschaft weiterzutragen. Mehr steht nicht in dieser Empfehlung; es heißt nicht, andere zur Nüchternheit zu überreden. Die Fünfte Tradition läßt völlig offen, was der noch leidende Alkoholiker aus der ihm überbrachten Botschaft macht. Mit anderen Worten: Wir sollten als Gruppe ohne Erwartungshaltung an diese Aufgabe herangehen. Wir haben im Ersten Schritt unsere Machtlosigkeit gegenüber dem Alkohol zugegeben; die Fünfte Tradition setzt uns nicht unter irgendeine Art des Erfolgszwangs. .

Wir sollten selbst keine Erwartungshaltungen in uns haben, wenn wir die Botschaft weitertragen. Wir sollten aber auch keine Erwartungshaltungen in dem noch leidenden Alkoholiker wecken, dem wir die Botschaft bringen. Wir sollten das tun, was wir können, und von allem anderen die Finger weglassen. Alkoholismus ist unter anderem eine schwere körperliche Erkrankung. Für die Überwindung des in vielen Fällen lebensgefährlichen Entzugs bedarf es der geschickten Hand des Arztes und nicht der AA-Botschaft.

Auch darüber hinaus wird durch Überschreiten von Kompetenzen bei der Hilfe an noch leidenden Alkoholikern von Anonymen Alkoholikern oft manches falsch gemacht. Grundsätzlich sollte man sich beispielsweise merken, daß AA keine Abkürzung für Arbeitsamt ist, daß als AA nicht die Aufgabe hat, Stellen zu vermitteln. Davon steht ebenso wenig in der Fünften Tradition wie von der Übernahme sozialer Aufgaben. AA macht keine fürsorglichen oder juristischen Beratungen, AA vermittelt keine Kuren oder Krankenhausaufenthalte. Im Zwölften Schritt tätige Freunde sollten sich

198 auch vor dem Versuch hüten, Ehen kitten zu wollen. Alle solche Nebenhilfen schmälern die Erfolgsaussichten auf dem Feld, das nach der Fünften Tradition die Hauptaufgabe der Gruppe ist: "unsere AA-Botschaft zu Alkoholikern zu bringen, die noch leiden".

Die Gruppe kann viel in diesem Sinne tun. Vor allem, wenn sie der in jeder Gemeinschaft steckenden Gefahr widersteht, sich abzukapseln. Eine Gruppe, die sich im Sinne von AA am Funktionieren hält und die offen bleibt für jeden, der Hilfe sucht, ist schon im Sinne der Fünften Tradition tätig. Die Gruppe kann darüber hinaus am Ort den Kontakt pflegen zu Ärzten, die für Alkoholkranke zuständig sind. Sie kann die Botschaft in Krankenhäuser, psychiatrische Kliniken und Gefängnisse bringen. Sie kann dafür sorgen, daß in Ausbildung befindliches Krankenpersonal über die Alkoholkrankheit und über die Anonymen Alkoholiker aufgeklärt wird.

Dem einzelnen noch leidenden Alkoholiker aber kann die Gruppe nichts bringen als die AA-Botschaft. Sie kann dem hilfesuchenden Freund im Höchstfall sagen, wo ihm in einer konkreten Schwierigkeit geholfen werden kann. Sie sollte aber gezielte Hilfe in den obengenannten Fällen den jeweils dafür zuständigen Institutionen überlassen.

Dem leidenden Freund einen Weg in die Nüchternheit zu zeigen, ist für den Hilfesuchenden und für den Hilfsbereiten im Augenblick am wichtigsten. Denn: Wahre Hilfe besteht darin, den anderen in die Lage zu versetzen, in der er sich selbst helfen kann.

zurueck.jpg