Die Neunte Tradition
AA selbst sollte niemals organisiert werden. Jedoch dürfen wir Dienst-Ausschüsse und -Komitees bilden, die denjenigen verantwortlich sind, welchen sie dienen.

Missverständnisse um die Aussage der Neunten Tradition entstehen aus deren vordergründiger Widersprüchlichkeit: einerseits keine Organisation, dann aber doch Ausschüsse und Komitees. Wir müssen uns also. erst klar machen, was gemeint ist. Mit Organisation ist die Übertragung von Machtbefugnissen an irgendwelche in Einzahl oder Mehrzahl auftretende Vorstandspersönlichkeiten gemeint. Etwas Derartiges gibt es in AA nicht, weil hier keiner über dem anderen steht, weil hier keiner einem anderen Vorschriften machen oder Verhaltungsmaßregeln aufstellen kann. In dieser Art ist AA nach dem Sinn der Neunten Tradition nicht organisiert.

Die Neunte Tradition verbietet nicht, daß sich die Gemeinschaft eine funktionsfähige Struktur gibt. Sie bestätigt die Praxis, nach der sich die von den Gruppen gewählten "betrauten Diener" überörtlich zusammenfinden und die rein praktischen Dinge im Sinne von Programm und Tradition regeln. Fast immer geht es bei Besprechungen der genannten Dienstausschüsse und Komitees um Fragen, die unseren Hauptzweck betreffen, "unsere AA-Botschaft an Alkoholiker zu bringen, die noch leiden".

Dennoch gibt es wohl keine Vereinigung, Partei, Gemeinschaft oder Institution, die nicht wenigstens ein Mindestmaß an delegierter Machtbefugnis, also "Organisation" hat. Allgemein ist man bei Zusammenschlüssen jedweder Art der Ansicht, daß solches notwendig ist, um unter der Mitgliedschaft Ordnung zu halten und um irgendwelchen Richtlinien Nachdruck zu verleihen. AA bildet hier echt eine Ausnahme.

In AA kann keiner für einen anderen irgendeine Vorschrift erlassen. Keine Gruppe (auch keine Intergruppe) kann einer anderen Verhaltensmaßregeln diktieren. Diese für den Außenstehenden schwerverständliche AA-Besonderheit ergibt sich aus der Eigenart unseres Programms, dem der Einzelne und die Gruppe auf Gedeih und Verderb ausgeliefert sind. Der AA-Freund, der sich um dieses Programm nicht bemüht, läuft Gefahr, daß seine Krankheit wieder zum Ausbruch kommt. Ein solcher Rückfall hat seine Ursache nicht in der Tatsache, daß AA keine Befehle von oben herab diktiert. Die Ursache liegt im Abweichen von den Empfehlungen des Programms.

Ähnliches gilt für die Gruppe. Ein permanentes Abweichen von den Traditionen ist hier gleichzusetzen mit dem Ingangsetzen der Gruppenauflösung. Weil das Festhalten an Programm und Traditionen für den einzelnen wie für die Gruppe eine existentielle Frage ist, braucht die Gemeinschaft der Anonymen Alkoholiker über die im Programm ausgesprochenen Empfehlungen und über die in Traditionen niedergeschriebenen Erfahrungswerte keine Direktiven.

Dennoch gibt es in AA so etwas wie Aufgabenaufteilung und Funktionsstruktur. Es gibt auch Zusammenkünfte gewählter Vertrauensleute, die hier Gemeinsamer Dienstausschuß und dort Chairmen-Versammlung heißen mögen. Schließlich muß irgendwann festgelegt werden, wo und wann wieder ein Deutschsprachiges AA-Treffen sein wird, ob eine im Englischen erschienene AA-Schrift ins Deutsche übersetzt werden soll und wie viel Geld die in der Kontaktstelle tätige Kraft verdient. "Aha, also doch Organisation, doch Statuten, doch Leute in Amt und Würden", sagt jetzt der Skeptiker. nun ist abermals zu entgegnen, daß man in AA nichts werden kann außer nüchtern.

Die in einem Dienstausschuß zusammensitzenden AA-Freunde haben im Regelfall die zur Entscheidung anstehenden Fragen in den Gruppen und Intergruppen vorbesprochen. Auf diesen "unteren" Ebenen sind Abstimmungen gelaufen. In besagtem Dienstausschuß führt jener regionale Vertrauensmann die Weisungen der "Basis" aus, von deren Vertrauen er getragen wird.

Außerdem stehen in solchen Ausschuß-Sitzungen nie BasisEntscheidungen der selbständigen Gruppen zur Diskussion. Solche Beratungen haben nie etwas gemeinsam mit Gerichtssitzungen; nie werden Maßregelungen ausgesprochen. Es geht im Prinzip nie um Wesentliches, denn das Wesentliche steht unveränderbar in den Schritten und den Traditionen fest. Diskussionsgegenstand ist fast immer die Erfüllung des AA-Auftrages im weitesten Sinne.

Wenn die AA-Gruppen einer Stadt oder einer Region zu der Auffassung kommen sollten, daß sie eine Kontaktstelle einrichten können, dann bilden sie zur praktischen Durchführung dieses Planes einen Ausschuß. Und wenn sich dieser Ausschuß einen Koordinator wählt, dann wird nur ein Narr davon sprechen, daß dieser Freundjetzt "in Amt und Würde" sei. In Wirklichkeit hat er sich eine Menge Arbeit aufgeladen. Zu bestimmen hat dieser Freund ohnehin nichts. Er steht wie jeder Gruppensprecher einer Sache nicht vor, sondern ist ihr Diener. Weil in AA die Sache immer über den Personen steht, gibt es Autorität nicht vom Amt her. Das gilt für alle dienenden Funktionen in AA, ob sie in der Gruppe oder in der Gesamtgemeinschaft wahrgenommenen werden, egal auch, ob der betreffende Freund ehrenamtlich AA dient oder hauptamtlich für AA arbeitet. Die einzige Autorität in AA ist die geistig-seelische Grundeinstellung des Genesungsprogramms, die höchste Autorität ist demnach ein liebender Gott, wie er sich dem Gewissen unserer Gruppe zu erkennen gibt.

Um unseren Hauptzweck zu erfüllen, müssen wir nach dem Programm leben und Dienstleistungen bereithalten, damit die Botschaft noch leidende Alkoholiker erreichen kann. Daraus ergibt sich Verantwortung für jeden von uns. Anstelle von Autoritäten, Organisationen und Vorschriften steht bei .A.A Verantwortung.

Die uns in Nüchternheit auferlegte Verantwortung für uns selbst und noch leidende Alkoholiker nimmt uns in die Pflicht auch gegenüber denen, die wir vorübergehend zu Vertrauensleuten und Sachwaltern in AA bestimmen. Sie daran zu erinnern, daß sie denen verantwortlich sind, denen sie dienen, gehört mit zu den Funktionen der Gruppe und ihres intakten Gewissens.

Funktionieren oder Verfall von AA - auch von AA als Ganzem - hängt einzig und allein von der Gruppe ab. Jeder mit einer Aufgabe betraute AA-Freund, jeder Ausschuß, jedes Team, jeder Gemeinsame Dienstausschuß hat nur eine dienende Funktion und ist denen verantwortlich, die ihn mit dieser Funktion betraut haben.

Die Neunte Tradition regelt auf den ersten Blick eine reine Sachfrage. Bei näherem Hinsehen beinhaltet sie den Aufruf zu brüderlichem Zusammenstehen aus dem Geist, der aus den Zwölf Schritten des AA-Programms spricht.

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