Die Sechste Tradition
Eine AA-Gruppe sollte niemals irgendein außenstehendes Unternehmen unterstützen, finanzieren oder mit dem AA-Namen decken, damit uns nicht Geld-, Besitz-und Prestigeprobleme von unserem eigentlichen Zweck ablenken.

Seit es Anonyme Alkoholiker gibt, sind AA-Freunde auf die Idee gekommen, das Gedankengut dieses wunderbaren Programms weiterzutragen und daraus eine Art Heilslehre für eine von Spannungen und Unzulänglichkeiten geschüttelte Welt zu machen. Wenn man schon mit dem Programm, das dem eigenen Leben neue Richtung gegeben hat, die Welt nicht ordnen konnte, so sollte doch wenigstens das Unheil gemildert werden, das der Alkohol weltweit über so viele Menschen bringt.

Aus solchem Übereifer entstanden AA-Krankenhäuser und -Herbergen. Sie gingen ein, nicht weil das AA-Programm untauglich gewesen wäre, sondern weil man zur Führung solcher Unternehmen mehr braucht als gute Ideen. Alle solche Unternehmungen lösten Geschäftsdebatten aus: entweder sie brachten Geld ein (das war meist nicht der Fall) oder sie wirtschafteten im Minus. All dies gehört zu den AA-Erfahrungen der Anfangsjahre. Aus der Erkenntnis, daß alle diese sicherlich gut gemeinten Nebenaktivitäten die AA-Gemeinschaft durch unnötige Streitereien gefährden, wurde die Sechste Tradition formuliert.

Heute steht unumstößlich fest, daß AA keine Koalition eingeht, auch nicht Organisationen, die sich ähnlich wie AA um die Genesung von Alkoholikern kümmern. Um es gleich am Anfang dieser Betrachtungen zur Sechsten Tradition an einem Beispiel deutlich zu machen, wie die AA-Haltung zu "außenstehenden Unternehmungen" ist und warum sie so ist, wird hier ein Fall geschildert, der in der Praxis häufig vorkommt. Das Beispiel ist bewußt gewählt, weil AA-Gruppen manchmal auf Anhieb nicht die richtige Antwort wissen.

Nehmen wir an, daß in der Stadt X ein tüchtiger Politiker als Sozialdezernent dem Problem der Suchtkranken seine besondere Aufmerksamkeit widmet. Besonders für die Eindämmung des Alkoholismus und für die Hilfe betroffener Alkoholiker will er sich starkmachen. Er lädt alle auf diesem Feld wirkenden Organisationen zu einem Arbeitsgespräch ein. Frage eins: Kann die eingeladene AA-Gruppe die Einladung zu diesem Gespräch annehmen? Antwort: Warum nicht. - Es kommt also zu dem Gespräch bei dem Sozialdezernenten. Er schlägt vor (und die Mehrheit der Anwesenden ist einverstanden), daß sich die auf dem Feld des Alkoholismus tätigen Organisationen in der Stadt zu einer Arbeitsgemeinschaft zusammenschließen. Frage zwei: Soll die AA-Gruppe da mitmachen? Antwort: Nein.

Zusammenarbeit kann man anbieten, aber formelle Mitgliedschaft in einer solchen Arbeitsgemeinschaft verstößt gegen die Traditionen der Anonymen Alkoholiker. Aus mehreren Gründen, beispielsweise aus dem, daß dieser Sozialdezernent einen Etat hat und die mit ihm in der Arbeitsgemeinschaft wirkenden Gruppen finanziell stützen will. Auch Aspekte der von uns nicht sorgsam genug zu beachtenden Anonymität sprechen gegen einen solchen Zusammenschluß.

Die übrigen Teilnehmer an einem solchen Gespräch mögen die Haltung der ,,Anonymen" zu dieser Frage arrogant finden. Aber es hat sich auf die Dauer als nützlich für die Gemeinschaft und damit für die noch leidenden Alkoholiker erwiesen, wenn AA seinen guten Namen nicht für irgendwelche außenstehenden Zwecke hergibt. Das schließt nicht aus, daß AA als selbständige Organisation in Publikationen als eine der Stellen genannt wird, an die sich ein Alkoholiker wenden kann.

So wie AA nach der Siebenten Tradition kein Geld von außen annimmt, so verquickt sich die Gemeinschaft auch nicht finanziell in außenstehende Unternehmungen. In den Vereinigten Staaten, wo das in gewissen Phasen der AA-Entwicklung und somit des Lernprozesses teilweise anders war, hat man längst die AA-Schilder selbst von den für Alkoholiker offenen Klubhäusern entfernt. Diese Häuser gehören privaten Gesellschaften, wobei es möglich und üblich ist, daß die Gesellschafter AA-zugehörig sind.

Die Gemeinschaft der Anonymen Alkoholiker will mit Geld so wenig wie möglich und nötig zu tun haben. Sie verlangt nicht einmal von denen, die sich ihr angeschlossen haben, einen Mitgliedsbeitrag. Sie braucht Geld - keine Reichtümer -, um den selbstgestellten Auftrag zu erfüllen, nämlich die Botschaft an noch leidende Alkoholiker weiterzutragen. Jedwedes finanzielle Engagement, was über die Anmietung von Räumen für Kontaktstellen und über die Herstellung von Druckschriften hinausgeht, würde die Gemeinschaft in Dinge verwickeln, die mit ihrem Hauptzweck nichts zu tun haben.

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