Die Zwölfte Tradition
Anonymität ist die spirituelle Grundlage aller unserer Traditionen, die uns immer daran erinnern soll, Prinzipien über Personen zu stellen.

Selbst Freunde, die sich schon lange der Gemeinschaft zugehörig fühlen, tun sich mitunter schwer, wenn ein Außenstehender unvermittelt die Frage stellt, warum wir eigentlich ,,Anonyme Alkoholiker" sind. Auf den ersten Blick  liegt ein Widerspruch in der Tatsache, daß dieser Freund auch außerhalb von AA gelegentlich offen bekennt, Alkoholiker zu sein. Und manchmal fügt er hinzu, daß er die Lösung eines Problems bei den Anonymen Alkoholikern gefunden hat.

Verstößt nun dieser Freund mit einer solchen Aussage im privaten Gespräch gegen die Zwölfte Tradition der Anonymität? Mit Sicherheit nicht, er ist mit seinem offenen Bekenntnis im weitesten Sinne dabei, unseren Hauptzweck zu erfüllen, nämlich die Botschaft weiterzutragen. Wie schwierig allerdings der behutsame Umgang mit der Anonymität ist, wird deutlich daran, daß die gleiche Aussage in breiter Öffentlichkeit, evtl. sogar vor einer Fernsehkamera, mit dem Geist der AA-Tradition kaum noch vereinbar wäre.

Warum also Anonymität? - Zunächst einmal ist die Anonymität Persönlichkeits-Schutz innerhalb unserer Gemeinschaft. Sie hat uns allen den ersten Schritt zu AA und damit zur Nüchternheit erleichtert. Sie hilft mit, in der Gruppe und damit in der Gesamtgemeinschaft das Aufkommen von
Rang-und Klassenunterschieden zu verhindern. Bei AA sind wir alle nichts anderes als um Nüchternheit bemühte Alkoholiker, ob wir ein "von" oder einen "Doktor" vor dem Namen haben, ob wir aus dem Gefängnis oder dem Bungalow kommen. Die Anonymität erst schafft die Grundlage für das Gruppengespräch auf absolut gleichwertiger partnerschaftlicher Ebene. Und weil wir dieses offene Gespräch brauchen, gleich ob der Zuhörer Maurermeister oder Verkäuferin, Hilfsarbeiter oder Rechtsanwalt, Hausfrau oder Pennbruder ist, deshalb ist die Anonymität eine Grundvoraussetzung für Deine und für meine Gesundheit. Das vorbehaltlose Gespräch ist überhaupt nur möglich in der Anonymität, und zwar in der Anonymität des anderen.

Die Anonymität des anderen ist übrigens ein Schlüsselwort für das Verständnis der Zwölften Tradition. Wenn jeder die Anonymität des anderen wie einen Augapfel schützt und alles, was er über den Vornamen des Freundes hinaus im Meeting oder sonst zufällig erfährt, für sich behält, ist die Sorge um die eigene Anonymität gegenstandslos.

Anonymität ist also, zusammenfassend gesagt: erstens Schutz und Eingangshilfe für den einzelnen und zweitens Grundlage für das zur Genesung notwendige befreiende Gespräch. Zu diesen zwei Gründen für die Anonymität kommt später noch ein dritter. Doch zuvor noch einige Hinweise auf Dinge, die immer wieder falsch gemacht werden. Gemeint ist der leichtfertige, schwatzhafte Umgang mit der eigenen und der Anonymität der anderen. Es gibt AA-Zugehörige, die das Meeting wie einen Ermittlungs-Auftrag auffassen, die nicht ruhen, bis sie Mosaiksteinchen nach Mosaiksteinchen aus dem Persönlichkeitsbild des anderen zusammengetragen haben. Und wenn sie dann Familienname, Wohnort, Beruf, familiäre Verhältnisse des anderen kennen, können sie ihr unredlich erworbenes Wissen nicht für sich behalten. Eine solche Haltung ist weit entfernt vom Geist unseres Programms, dessen Grundtenor die Tugenden der Demut und der Liebe sind. Eigene Genesung, die Nüchternheit des Freundes und der Bestand der Gruppe werden damit in Gefahr gebracht.

Eine florierende Börse der Indiskretionen, ein Basar der Anonymitätsbrüche, sind vielerorts die sogenannten Nachmeetings, in denen oft zerschlagen wird, was vorher im Gruppengespräch aufgebaut worden ist. Wenn man sich wenigstens darauf verständigen könnte, auch im Nachmeeting abwesende Freunde nicht zum Gesprächsgegenstand zu machen. Mit Nachdruck muß auch einmal gesagt werden, daß die Verantwortung gegenüber dem Freund nicht mit dem am Meeting-Schluß gesprochenen Gelassenheitsspruch endet. Das Nachmeeting kann eine schöne und nützliche Sache als freundschaftliche Begegnung sein, es darf aber nicht das AA-Programm und die Traditionen mit ihrer Anonymitäts-Empfehlung außer Kraft setzen. Der Schutz des einzelnen, der selbst bestimmt, wem er wann was anvertraut, hat einen hohen Stellenwert in der Gemeinschaft der Anonymen Alkoholiker. Die Gemeinschaft selbst schützt sich andererseits mit ihrem Anonymitäts-Anspruch vor dem Einzelnen.

Und damit sind wir beim dritten Aspekt der Anonymität und der Zwölften Tradition. Indem die Gemeinschaft den Einzelnen nichts werden läßt (außer nüchtern), schützt sie sich und ihr Gedankengut vor Veränderungsbestrebungen und Ehrgeiz der Einzelnen.

Die Zwölfte Tradition - und eigentlich auch die elf vorausgestellten - macht Bescheidenheit und Demut zur Grundregeln für das Zusammenleben innerhalb der AA-Gemeinschaft. Das Zurückstellen persönlicher Wünsche und Belange zugunsten des Gesamtwohls der Gemeinschaft ist eine harte Schule und fordert Opferbereitschaft. Es ist ein Lernprozeß notwendig, bis die Einsicht reift, 'warum in AA die Sache mehr gilt als die Person. Das klingt hart und widersprüchlich, wo es doch nach dem Wortlaut der Präambel um den Menschen, um den anderen Alkoholiker geht. Die Erfahrung aber hat gelehrt, daß diesem anderen am zuverlässigsten durch unser Programm und nicht durch irgendwelche exponierten Super-AA geholfen werden kann. Auch in AA war bis zu diesem Punkt des Verständnisses von Anonymität ein Lernprozeß notwendig. Die Pioniere nannten ihren ersten als Buch erschienenen Erfahrungsbericht ,,Alcoholics Anonymus" (aus dem Titel des Buches wurde der Name der Gemeinschaft), weil sie aus Angst vor gesellschaftlicher Ächtung ihre Namen nicht nennen wollten. Die Anfangsgründe für die Anonymität waren bei den Gründern dieselben, die uns den Zugang zu AA erleichtert und ermöglicht haben.

In einer zweiten Phase hat die AA-Gemeinschaft als Ganzes denselben Fehler gemacht, den jeder von uns in seiner Entwicklung mehr oder weniger nachvollzogen hat: Man nahm die Anonymität nicht sehr genau. Aus übergroßem Glück über die erlangte Nüchternheit wollte man das Rezept dafür an allen Straßenecken ausposaunen. Später fand die AA-Gemeinschaft wie jeder von uns auf ein vernünftiges Mittelmaß im Umgang mit der Anonymität zurück. Wobei wiederum gesagt werden muß, daß jedem in Bezug auf seine eigene Anonymität ein Freiheitsspielraum gesetzt ist, der nur dort eingegrenzt ist, wo es um das Gesamtwohl der Gemeinschaft geht. Keinen Millimeter Freiheitsraum haben wir andererseits, was die Anonymität des anderen angeht.

Anonymität als spirituelle Grundeinstellung, das ist etwas schwer Darstellbares, es ist etwas so AA-Spezielles, daß es dem Außenstehenden nicht leicht verständlich zu machen ist. Im Prinzip ist die spirituelle Grundhaltung der Anonymität eine demütige Haltung. Es ist die Bereitschaft, sich in
einer Sache dienend zu engagieren, ohne dafür mit etwas anderem belohnt zu werden als mit Nüchternheit und Zufriedenheit.

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