Die Zweite Tradition
Für den Sinn und Zweck unserer Gruppe gibt es nur eine höchste Autorität einen liebenden Gott, wie Er sich in dem Gewissen unserer Gruppe zu erkennen gibt. Unsere Vertrauensleute sind nur betraute Diener; sie herrschen nicht.

Im Zweiten Schritt des AA-Programms sind wir zu der Überzeugung gekommen, daß es einer Macht, größer als wir selbst, bedarf, uns unsere geistige Gesundheit wiederzugeben. Und im Dritten Schritt faßten wir den Entschluß, "unseren Willen und unser Leben der Sorge Gottes - wie wir ihn verstehen - anzuvertrauen". Die Zweite Tradition knüpft an diese Punkte des Programms an und vertraut parallel zum Dritten Schritt nun auch das Funktionieren unserer Gemeinschaft dieser Höheren Macht an, diesem Gott, so wie wir ihn verstehen.

Wenn unsere Traditionen eine Art "Vereinssatzung" sind, wenn hier als Empfehlung Regeln aufgestellt sind, wie unsere Gemeinschaft bestehen soll, dann zeugt die Formulierung der Zweiten Tradition von einem unendlichen Maß an Sicherheit und Vertrauen in die Existenz dieses liebenden Gottes. Nicht einmal religiöse Gemeinschaften liefern sich so bedingungslos vertrauend Seiner Führerschaft aus, daß sie nicht für die praktischen Regelungen der Diesseitigkeiten Ämter und Funktionen aufstellten. Die Anonymen Alkoholiker, von denen jeder einzelne das Eingreifen eines gütigen Gottes in sein Leben spürbar erfahren hat, haben auch als Gruppe die Sicherheit, daß ihre Dinge bei ihm in guten Händen sind.

Der liebende Gott, wie Er aus dem Gewissen der Gruppe spricht, ist das einzige Ordnungsprinzip, das unumstößlich in der AA-Gemeinschaft gilt. Damit ist die Zweite Tradition eine klare Absage an jedwede Form hierarchischer Verwaltungsstruktur. Mit der Zweiten Tradition sind alle Begriffe wie Vorsitzender, Präsident, Senior, Sachverständiger und Führungsgremium ein für allemal gestrichen.

Das stellt die Gemeinschaft der Anonymen Alkoholiker außerhalb jeder Vergleichsmöglichkeit mit irgendeiner anderen Organisation. Und weil dies nicht so leicht zu verstehen ist, entstehen daraus innerhalb der Gemeinschaft, in der wir alle in einem dauernden Prozeß des Erwachsenwerdens sind, gelegentlich Schwierigkeiten.

Manchmal werden zunächst komplizierte Sachverhalte durch eine einfache Aussage im Meeting deutlich. "In AA kann man nichts werden außer nüchtern", hat ein AA-Freund gesagt und damit ausdrücken wollen, daß man in AA keine Karriere machen kann. Er hat damit genau das getroffen, was die Zweite Tradition ausdrückt.

In der AA-Gemeinschaft kann dem einzelnen vorübergehend die Wahrnehmung einer dienenden Funktion anvertraut werden, - mehr nicht. Alles andere regelt sich scheinbar wie von selbst, regelt sich durch das wachsame Festhalten der Mehrheit an den geistigen Prinzipien des Programms. Und weil dieses Programm einfach und klar definiert ist, braucht es keiner von uns eingesetzten Führungs-Clique, um es zu erläutern oder gar jeweiligen Situationen anzupassen.

Die einzige Autorität ist nach der Zweiten Tradition der liebende Gott, wie Er sich im Gewissen der Gruppe zu erkennen gibt. Das sieht in der Praxis so aus, daß bei einer aufkommenden Unklarheit über die Richtigkeit eines vielleicht von einem einzelnen kommenden Vorschlags im Gruppengespräch sich mehrheitlich herausschält, was richtig und was schädlich für die Gemeinschaft ist. Die Zweite Tradition baut auf die Erkenntnis, daß einer durchaus auch einmal guten Glaubens schief liegen kann mit seiner Ansicht, mit seinem drängenden Eifer. Die Erfahrung aber lehrt, daß sich eine intakte, gottvertrauende Gruppe nicht auf den falschen Weg führen läßt. Es kann vorkommen, daß ein Freund mit Zahnweh ins Meeting kommt; nie aber wird man erleben, daß plötzlich jeder der zehn oder zwölf GruppenZugehörigen an Zahnweh leidet. Auch Rückfälle bei Alkoholikern treten nie epidemisch auf. Das gilt auch für Rückfälle ins alkoholische Denken, ins Abweichen vom Programm.

Wo so etwas dennoch vorkommen mag, ist mit Sicherheit die Empfehlung der Zweiten Tradition nicht befolgt worden. Vielleicht hat man aus Bequemlichkeit verabsäumt, den betrauten Diener auf die zeitliche Begrenztheit seiner Funktion hinzuweisen. Plötzlich beginnt jemand zu herrschen, und spätestens in diesem Augenblick wird sich das Gewissen der Gruppe melden und für einen Wechsel sorgen.

Es hat sich in der Praxis als nützlich erwiesen, wenn die AA-Gruppe ihre wahrzunehmenden Dienste auf mehrere Schultern verteilt. Ein solch dienender Dreierausschuß beispielweise kann die Funktionen untereinander wechseln lassen. Die Gruppe wird dafür sorgen, daß nicht über allzu lange Zeit immer dieselben diese Funktionen wahrnehmen. Dem AA-Freund, dem ein solcher Wechsel schwer fällt, sollte die Gruppe hilfreich zur Seite stehen. Den Lernprozeß echt verstandener Demut vollziehen nicht alle gleichmäßig. Es hat allerdings auch wenig Nutzen, im Nachmeeting oder auf dem Nachhauseweg ständig über den zu lange amtierenden Gruppensprecher zu stänkern, wenn kein anderer aus der Gruppe die aktive Demut, den Mut zum Dienen, und damit die Bereitschaft zur Übernahme einer dienenden Funktion aufbringt.

In einer Gruppe, in der viele Freunde im Programm leben und im Programm wachsen, vollziehen sich solche Wechsel schmerzlos. Dabei wird das befruchtende Zusammenwirken von neuen und älteren AA-Freunden, das Geben und Nehmen harmonischer und beglückender für den einzelnen sein, wenn er sich selbst nicht allzu wichtig nimmt. Wer in der Gemeinschaft der Anonymen Alkoholiker, wer in seiner Gruppe mit einer Ansicht allein steht, kann sicher sein, daß die mehrheitlich anders denkenden Freunde recht haben. Wer schon sehr lange Gruppensprecher ist, sollte wenigstens einmal probeweise aussetzen. Er wird sehen, daß andere dies ebenso gut können und daß es ihm gut bekommt, wieder nur in der Runde zu sitzen und überwiegend zuzuhören.

Wenn im vorausgegangen Kapitel gesagt war, daß die Erste Tradition das Hohelied der Toleranz ist, so kann man von der Zweiten Tradition sagen, daß sie das Hohelied vorbehaltlosen Gottvertrauens und praktizierter Demut ist.

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