Ich habe
zugegeben, dass ich
dem Alkohol gegenüber
machtlos bin
und mein Leben
nicht mehr allein
meistern konnte.

---angstvoll trieb ich in einem Meer von Flaschen...
Ich
war am Tiefpunkt. Zerbrochen. Entblättert. Da vernahm ich einen Satz, der
sich unauslöschlich in mein krankes Gehirn einprägte:
"Ein
Alkoholiker hat nur dann eine Chance nüchtern zu werden, wenn er wieder ehrlich
wird."
In
diesen Worten fand ich eine tiefe Wahrheit.
Mein
Trinken war ein ständiger Selbstbetrug, den ich krankheitsbedingt jahrelang
nicht erkannte.
Ich
machte mir immer wieder vor, dass es zum Leben eines Mannes gehört, hin und
wieder einen auf die Pauke zu hauen. Bald wurde klar, wie
meisterlich ich das Instrument beherrschte.
Selbstverständlich
waren nicht nur freudige Ereignisse Anlässe meiner Sauferei. Ich fand sehr bald
für jeden Griff zum Glas eine glaubhafte Begründung. Meistens war ich zwar der
Einzige, der mir diese Begründung abnahm . Und ich begann die anderen Menschen
ob ihres Unverstandes innerlich zu verachten.
Ich
wendete mich von dieser Gesellschaft ab und suchte mir Freunde, die mich
verstanden. Diese "Freundschaften" haben mir eine Menge Geld gekostet,
aber zu jener Zeit wollte ich noch nicht allein trinken. Außerdem bestätigten
mir meine Zechkumpane, dass ich kein Außenseiter der Gesellschaft war, sondern
ein Mensch unter Menschen.
Damals
war ich blind. Ich hatte die gefährlichste Augenkrankheit, die es gibt.
Ich
sah nicht, dass diese Freundschaften bezahlt waren.
Ich
sah nicht, dass ich stets der Letzte war, der immer noch eine Flasche wollte.
Ich
sah nicht, wie ich allein gelassen wurde, wenn ich kein Geld mehr hatte.
Ich
fühlte mich stets als Mittelpunkt der Gesellschaft und war stolz, wenn einfältige
Menschen meinen Geist bewunderten.
Irgendwie
tat mir diese Anerkennung gut und irgendwie wollte ich meine
"geistige" Überlegenheit auch dadurch demonstrieren, dass ich mehr
Alkohol vertragen konnte, als die anderen. "Übung macht den Meister."
Ich habe geübt ‑ viele, viele Jahre und ich habe sehr viel Lehrgeld
gezahlt.
Wenn
man in der Woche nur einen Fünfzigmarkschein auf den Kopf haut, so sind das im
Monat 200 DM, im Jahr 2.400 DM und in meiner über 20jährigen Trinkerlaufbahn
habe ich mir für rund 50.000 Mark den schönsten Alkoholismus angesoffen, den
ich bekommen konnte.
Mit
einer Gelbsucht fing es an und mit einer Ehescheidung hörte es noch lange nicht
auf.
Immer
waren die Anderen schuld; gleichgültig, ob ich den Beruf wechseln musste oder
daheim Schwierigkeiten hatte.
Ich
blies mein eigenes ICH auf und spielte die beleidigte Leberwurst. Selbstverständlich
wollte ich das nicht wahrhaben.
Ich
war blind und sah nicht ein, wie ich immer mehr und mehr versagte. Ich tauschte
meine Mahlzeiten gegen Alkohol ein und zog mich an Sprüchen hoch, die mein
Trinken vor mir rechtfertigten.
"Dummheit
frisst -
Intelligenz säuft!"
"Bier ist mehr wert, denn es hat Nährwert!"
Oft
verglich ich mich mit Churchill oder Hemingway und hörte nicht auf Menschen,
die es noch gut mit mir meinten.
Erst
langsam, dann immer schneller ging es bergab.
Selbst
als ich morgens nach dem Aufstehen trinken musste, um überhaupt meiner Arbeit
nachgehen zu können, meinte ich, dass ich mein Leben so meisterte. Ich war doch
noch wer.
Die
Schulden wuchsen mir über den Kopf zusammen, doch es war nie meine Schuld.
Es
ist mir immer noch ein Rätsel, wie ich täglich immer wieder Geld aufbrachte,
um an Alkohol zu kommen. Dabei konnte ich kein Geld einteilen.
So
meisterte ich mein Leben - für König Alkohol.
Als
ich merkte, dass er mich beherrschte, war es schon zu spät. Ich konnte nicht
mehr allein aufhören. Ich musste trinken.
Und
wiederum versuchte ich ständig dieses Trinken zu entschuldigen. Ich fühlte
mich todkrank und hundeelend, wenn ich nüchtern war.
Ich
nahm den Alkohol als Medizin. Ich brauchte keine Freunde mehr zum trinken. Ich
brauchte nur den Alkohol. Er war mein Freund und Retter in der Not. Ich steuerte
meinem Tiefpunkt zu. Doch selbst vor dem Kaiser von China hätte ich noch
behauptet: Ich habe mein Leben gemeistert.
Vor
mir lag ein großer Trümmerhaufen und in mir eine schwammige Leber.
Ich versprach
mir Besserung und vergaß mein Versprechen. Mein Geist wurde schwach, Ich vergaß
mich selbst.
Ich
stand mit wässrigen gelben Augen vor dem Spiegel und wollte mein Leben
auskotzen. Ich spuckte Magensaft und Galle. Ich zitterte am ganzen Körper.
Meine Füße versagten. Der Schweiß brach aus.
Ich
bin
Ich
fühlte mich zerschlagen, ausgemergelt, verkommen und dreckig. Ein wandelnder
Leichnam, der sein Leben nicht mehr meistern wollte. Mir war alles egal.
Und
in dieser Stunde trat ein Mensch vor mich hin und sagte:
„ich
heiße Otto und bin
ein Alkoholiker!"
Dieser
Mann war nüchtern, sauber gekleidet, klare Augen, sympathisches Gesicht.
‑ Und er sagte mit einer Selbstverständlichkeit:
"Ich
bin ein Alkoholiker. Hast
Du auch ein Problem mit Alkohol?"
Etwas
in mir bäumte sich auf. Alkoholiker? Ich? ... Nein!
Für
mich waren Alkoholiker verkommene, willensschwache Kreaturen, die zum Gespött
der Straßenjungen den Rinnstein entlang torkelten. Bettler, die einen knöchellangen
zerfetzten Mantel tragen, aus dessen zerbeulten Taschen die Wermutflasche
schaut. Bärtige stupide Gesichter. Aufgedunsen und stinkend.
Nein
- ICH bin kein Alkoholiker l
Ich
fühlte, dass man mich noch tiefer in den Schmutz ziehen wollte. Entmachten, demütigen,
beleidigen.
Alles
in mir sträubte sich gegen den Gedanken Alkoholiker zu sein. Wie gelähmt hörte
ich die weiteren Worte:
"Kein
Außenstehender kann feststellen, ob Du Alkoholiker bist. Diese Feststellung
bleibt Dir ganz allein über. lassen.
Alkoholismus
ist eine Krankheit, die jeden Menschen ohne Rücksicht auf Stand und Geschlecht
überfallen kann. Man weiß nicht, weshalb diese Krankheit den einen befällt
und den anderen verschont.
Es
ist auch nicht wichtig, dass Du weißt, warum Du z. B. Krebs hast. Es ist
wichtig, dass Du es überhaupt weißt, wenn der Krebs schleichend Deinen Körper
zerfrisst.
Es
ist keine Schande krank zu sein, aber es ist eine Schande nichts dagegen zu
tun!"
Diese Worte hatten eine unbeschreibliche Wirkung auf mich.
Fast
fühlte ich mich erlöst, dass ich vielleicht gar kein willensschwaches
verkommenes Subjekt bin, sondern ein kranker Mensch. KRANK Das war die Lösung.
Fast
befreiend überkam mich diese Erkenntnis.
Ich
wollte gesund werden!
Doch
schon bald merke ich, dass ich es nicht allein schaffe. Immer stärker wurde
mein Verlangen nach Alkohol. Ich glaubte wahnsinnig zu werden.
Es
war ein anonymer Alkoholiker, der mir weiterhalf. Er machte mir deutlich, dass
ich jedes Glas ausschließlich gegen mich trinke,
Meine
Sprüche: "Bier ist mehr wert, denn es hat Nährwert." Und
"Dummheit frisst, Intelligenz säuft" hatten ihre Überzeugungskraft
verloren.
Er
machte mir klar, dass ich nur genesen kann, wenn ich vorher restlos kapituliere.
Kapitulieren
vor dem König Alkohol und
Kapitulieren vor meiner eigenen Besserwisserei!
Wie
oft bin ich mit einem verworrenen Kopf gegen den Alkohol angetreten. Wie oft
habe ich gesagt: "Diesmal beweise ich, dass ich mich beim Trinken
beherrschen kann." - Und dann war ich doch wieder der Letzte, der vom Tisch
aufstand.
Dann
musste ich mir doch wieder vorhalten lassen, dass ich mich unmöglich benommen
habe.
Immer
war der Alkohol
Tausendmal
und mehr habe 'ich den kürzeren gezogen. Sollte ich es nicht endlich einsehen?
Mir blieb nichts weiter übrig.
Ich
gab auf !
! ! !
Ich
war zerschlagen, gedemütigt und innerlich ausgehöhlt. Mir gingen die Augen
auf, dass mein jahrelanger Freund Alkohol, mein Tröster, mein Lebenselexier ...
in Wirklichkeit mein größter Feind, mein Verführer, ein hundsgemeines Gift
war.
Dieser
trügerische Gaukler hatte mein Hirn vernebelt, meinen Körper vergiftet,
‑ meine Seele vor die Hölle geschickt.
Ich
war krank. GEISTIG,
KÖRPERLICH
und SEELISCH.
Das
Spiel war aus. Man hatte mich kalt und trocken erwischt. Genau unter der
Kinnspitze meiner eingebildeten Besserwisserei.
Die Kapitulation war vollständig und die Erfahrung hat gezeigt, dass
dies die Voraussetzung für eine dauerhafte Nüchternheit ist. jeder Zweifel, ob
man vielleicht doch nicht so ist, wie jener Säufer, oder ob man vielleicht
nicht doch bald mal wieder ein Gläschen trinken kann, beweist, dass man noch
nicht bereit ist, wirklich aufzugeben,
Deshalb
musste ich erst den Tiefpunkt meines Lebens erreichen, denn ohne Tiefpunkt ist
jede Kapitulation unvollständig.
Es
genügt auch nicht, wenn man nur gegenüber dem Alkohol kapituliert. Ich muss
auch vor mir selbst kapitulieren. Ich muss einsehen, dass ich ganz allein diesen
Trümmerhaufen zusammengeschlagen habe. Nicht die anderen waren schuld, sondern
der Alkohol hat mich so weit gebracht, dass ich mein Leben nicht mehr allein
meistern konnte.
Ich
muss im Gegenteil den anderen Menschen dankbar sein, dass sie mich nicht schon
vorher aus ihrer Gemeinschaft ausgestoßen haben. Ich muss endlich die Luft aus
meinem aufgeblasenen ICH ablassen. Weg mit der Überheblichkeit; fort mit der
Arroganz.
Ich
will nun wieder ganz von vorn anfangen.
Ich
will lernen, mich selbst zu begreifen.
Doch
wie sollte ich es diesmal schaffen, wenn ich vorher, als ich noch besser bei Kräften
war, immer wieder rückfällig wurde?
Ich
kam mir wie ein Ertrinkender vor und war bereit, mich an jeden Strohhalm zu
klammern. Ich wusste, dass ich es nicht mehr allein schaffe. Angstvoll
trieb ich in einem Meer von Flaschen und schrie um Hilfe. Nie war meine
Verzweiflung größer als an jenen Tagen.
Da
kam die Rettung. Ich fand AA.
Die
anonymen Alkoholiker sind eine Gemeinschaft von Männern und Frauen, die ihre
Erfahrungen, ihre Kraft und Hoffnung miteinander teilen, um ihr gemeinsames
Problem zu lösen und anderen zur Genesung vom Alkoholismus zu verhelfen..
Ich
fand Menschen, die meine Geschichte am eigenen Leibe erfahren hatten und heute nüchtern
leben,
Ich
fand Kraft und Hoffnung.
Und
ich war begierig zu erfahren, welchen Weg sie gegangen sind. Ich lernte, dass
mein Krankheitsbild ewig bleibt, dass ich mein Trinken aber zum Stillstand
bringen kann und danach körperlich, geistig und seelisch gesunden kann.
Alkoholiker
bleibe ich mein Leben lang!
Ich
konnte mich also vom krankhaften Trinken befreien. Dazu war es erforderlich, dass
ich Alkohol in jeder Form und auch der kleinsten Menge meide. Das konnte ich mir
nicht vorstellen.
War
ein Leben ohne ein Gläschen Wein oder ein kühles Helles denn noch lebenswert?
Ich
erinnerte mich an meine Kapitulation.
Die
schwärzeste Stunde meines Lebens stand urplötzlich wieder vor mir. NEIN! Ich
wollte das alles nicht noch einmal durchmachen. Ich war gerade wieder im
Begriff, mir ein neues Problem aufzubauen, als meine Freunde sagten:
Nimm
Dir nicht vor, Dein ganzes Leben lang keinen Alkohol mehr zu trinken. Damit überforderst
Du Dich. Versuche nur HEUTE nichts mehr zu trinken. HEUTE ist der wichtigste Tag
für Dich und wenn Du es 24 Stunden geschafft hast, dann steigt Dein
Selbstvertrauen. Mein Selbstvertrauen stieg ....
Tag
für Tag nahm ich mir vor HEUTE nicht zu trinken. Jedes Mal, wenn mich die
Versuchung überkam, sagte ich: „HEUTE nicht – Vielleicht morgen.“
Meine
Freunde lernten mir wieder nüchternes Denken und ich habe bald eingesehen, dass
es nicht das 20. Glas ist, von dem ich betrunken werde, sondern stets das ERSTE
GLAS.
Ich
erfuhr, dass ich heute vielleicht nach einem Glas aufhören könne, doch morgen
würden es zwei sein - und bald wäre ich wieder unfähig, mein Trinken unter
Kontrolle zu halten.
"Meide
das erste Glas und vergiss unsere wöchentlichen Meetings nicht;" so wurde
ich immer wieder belehrt, "dann geht alles wie von selbst!“ Meine Freunde
haben recht behalten.
Was
würde der Krebskranke dafür geben, wenn er dadurch genesen könnte, dass er
eben dieses eine Glas heute nicht trinkt?
Dieses
Beispiel überzeugte mich und bald stand ich wieder etwas fester auf den Beinen.
Meine Kaninchenaugen wurden wieder klarer und der Brechreiz beim Aufstehen
verschwand. Ich konnte wieder schlafen, ohne schweißgebadet aufzuwachen und gewöhnte
mich an starken Kaffee und noch mehr Zigaretten, Zwar war dies auch nicht das
gesündeste, aber es griff den Geist nicht an.
Irgendwie musste ich meine innere Unruhe dämpfen - und das half.
Eindringlich
warnte man mich vor Medikamenten. Pille statt Pulle.
Das
bedeutet nur ein Dacapo nachdem der Vorhang über diese Tragödie schon einmal
gefallen war.
Zufällig
konnte ich bei einem Freund eine Suchtverlagerung auf Tabletten aus nächster Nähe
beobachten. Sein schneller geistiger und körperlicher Verfall war mir eine
eindringliche Warnung.
Ich
erweiterte meine Kapitulation.
Ich
habe mich ohne Bedingungen ergeben.
Ich
war Sklave einer Droge ohne es zu wissen.
Ich
zerstörte mein Leben durch ein langsam wirkendes schleichendes Gift.
"Selbstmord
auf Zeit"
Wenn
ich heute befreit auf meinen noch nicht abgeschlossenen Weg zur körperlichen,
geistigen und seelischen Genesung zurückblicke, so war alles nur möglich,
nachdem ich selbst den ersten Schritt auf diesem Weg vollbrachte. Es war not.
wendig, dass ich selbst 24 Stunden Nüchternheit erkämpfte.
Heute
muss ich aufhören zu trinken – nicht morgen
Man
muss es selbst tun!
Man
muss zugeben, dass man dem Alkohol gegenüber machtlos ist, und sein Leben nicht
mehr allein meistern kann.
Dieser
Genesungsweg ist nicht mit Rosen bestreut. Ich merkte bald, dass das Leben auch
ohne Alkohol mit Schwierigkeiten gespickt war. Oft war ich der Verzweiflung
nahe, mir durch Alkohol Erleichterung zu schaffen. Hier wurde die Vergangenheit
wach doch von der anderen Seite flüsterte es in meinem Ohr:
Ein
Glas kannst Du doch trinken"
Und
in solchen Augenblicken sage keiner, Nüchternheit hat mit Willensstärke nichts
zu tun. Nüchternheit ist Willensstärke und es ist ein Geschwätz, wenn man
Alkoholiker als willensschwache Menschen bezeichnet.
J
Willensstärke
ist meine einzige Waffe eben diesen einen Schluck nicht zu trinken.
Die
traurige Erfahrung meiner Vergangenheit ist ein bewährtes Mittel, um mir den
Appetit auf den nächsten Schluck gründlich zu verderben.