Der
neunte Schritt
Wenn
möglich entschuldigte ich mich bei ihnen, es sei denn, ich hätte sie oder
andere dadurch verletzt.
Der
neunte Schritt soll die im achten Schritt gewonnenen Vorsätze in die Tat
umsetzen.
Wie
oft habe ich mir in meinen nassen Tagen schon Sachen vorgenommen, die dann nie
verwirklicht wurden.
Ich
baute mir die schönsten Schlösser - Stein auf Stein - Schluck für Schluck,
aber zum Richtfest ist es nie gekommen.
Nun
muss ich beweisen, dass ich zu meinem neuen Lebensweg stehe.
AA
KANN MAN NICHT
AA
fordert den ganzen Menschen.
Seinen
Mut, seine Verantwortung und immer wieder seine Ehrlichkeit.
Es
ist nicht damit getan, dass man die Schritte beim Meeting in der warmen Stube
diskutiert. Zumindest dieser Schritt fordert, dass ich mich erhebe, dass ich
mich aufraffe, nach draußen gehe, um die Menschen aufzusuchen, denen ich Leid
zugefügt habe.
Und
wenn ich dann vor diesen Menschen stehe, dann kommt es mir verdammt hart an, den
Mund aufzumachen.
Ich
stand oft da und fand keine richtigen Worte.
Obwohl
ich mir vorher jeden Satz meiner Entschuldigung in Gedanken zurecht gelegt
hatte, brachte ich nichts über die Lippen.
Scham,
Verlegenheit, Angst und Hemmungen?
Nein!
Heute
weiß ich, dass ich einfach zu feige war.
Ich
hatte keinen Mut, weil ich mit jeder Entschuldigung meinte, dass ich mich damit
bloßstelle, erniedrige, ins falsche Licht setze.
Ich
meinte, mein "Image" zu zerstören, mein Gesicht zu verlieren.
Dabei
hätte ich doch nur meine Überheblichkeit abgelegt, meine Besserwisserei aufgegeben,
meine Ehrlichkeit ernst genommen.
Dieser Schritt
ist ein Akt der Demut. Wer tritt schon leichten Herzens vor seinen Nächsten und
gibt zu, dass er unrecht hatte?
Ich
hatte doch immer recht.
Ich
hatte recht, wenn ich Alkohol trank, denn das war gut für meine
Herzmuskelstörung, da der Alkohol die Herzkranzgefäße erweiterte.
Ich
hatte recht, wenn ich unmäßig rauchte, denn der Nikotin verengte die Gefäße,
welche sich vorher etwas zuviel erweitert hatten.
Ich
hatte recht, wenn ich Kaffee trank, denn schließlich musste ich in meiner
"verantwortungsvollen" Stellung nüchtern sein.
Ich
hatte recht, wenn ich in den Kaffee Steinhäger kippte, denn schließlich
konnte ich mir an dem heißen Zeug nicht den Mund verbrennen.
Ich
hatte recht, wenn ich keine festen Mahlzeiten einnahm, denn Dummheit frisst
und Intelligenz säuft.
Und
nun soll ich zugeben, dass ich alle meine schönen Begründungen nur dazu
benutzt habe, um wirklich saufen zu können?
Ich
soll zugeben, dass ich all das Geld, was meiner Familie fehlte, weil ich es
für meine "Gesundheit" brauchte, dass ich all das Geld zum
Fenster rausgeschmissen habe?
Ich
soll zugeben, dass ihr doch recht hattet?
Ich
soll das Netz feingesponnener Lügen einreißen und mich als Säufer
bekennen?
Das
fällt verdammt schwer.
Nun
gibt es aber grundsätzlich zwei Arten, um seine Machtlosigkeit gegenüber dem
Alkohol einzugestehen. Entweder man säuft weiter und verkauft die Welt für so
dumm, dass uns kein Mensch
ansieht, wie es um uns steht, obwohl es die Spatzen von den Dächern pfeifen,
oder man gesteht ganz offen, nüchtern und ehrlich, dass man alkoholkrank ist.
Für
mich hat sich der letzte Weg als der bessere erwiesen.
Wenn
ich echte Wiedergutmachung leisten will, dann muss ich meinen Alkoholismus dort
zugeben, wo er Schaden angerichtet hat.
So
raffte ich mich immer wieder auf, um den Gang nach Canossa anzutreten.
Zum
Glück fiel mir auf diesem Weg der zweite Satz des neunten Schrittes ein:
"................................................. es sei denn, ich hätte sie oder andere dadurch verletzt."
Natürlich
sah ich im Geist sofort lauter Verletzte um mich herum. Ein Schlachtfeld umgab
mich, ich sah nur noch Blut.
Das
kann man doch nicht machen, dachte ich -- und zog mich wieder zurück.
Dieser
zweite Satz war der Rettungsanker, an dem ich mein alkoholisches Gewissen aufhängen
konnte. Hier fand ich die Hintertüre, die ich schon lange suchte.
Schließlich
kann man es ja nicht verantworten, wenn ein alter Freund in dem Augenblick vom
Schlag getroffen wird, da ich ihm die alten Schulden zahle.
Und
würde man die Frau nicht verletzen, wenn sie nach der Scheidung sieht, dass der
Kerl plötzlich nicht mehr säuft?
Ich
befriedigte mich schon wieder in einer rosaroten Wolke alkoholischer Ausreden.
Das
nennt man trocken besoffen"!
Ich
muss zugeben, dass ich mich zwei Jahre lang nicht überwinden konnte,
meine Fehler den Betroffenen gegenüber einzugestehen und um Entschuldigung
zu bitten. Heute meine ich, dass dieses Zögern gar nicht so nachteilig war. Ich
blieb nämlich trotzdem ohne Rückfall.
Als
ich noch trank, habe ich mich hin und wieder einmal zu einer Entschuldigung
herabgelassen, um nach dem "NIE WIEDER" das Versäumte bald
nachzuholen. Mit jeder Entschuldigung habe ich mir einen Ablass
erkauft, der mein Sündenregister aufhob. Nie war die Gelegenheit so günstig
als bald neu ankreiden zu lassen.
Im
Endeffekt verlor ich meine Glaubwürdigkeit und alle Entschuldigungen und
Beteuerungen waren in den Wind gesprochen.
Deshalb
sollte ein Alkoholiker das AA-Programm nach 24 Stunden Trockenheit nicht mit
dem neunten Schritt anfangen.
Wir
haben doch alle in unserer nassen Zeit unsere Glaubwürdigkeit verloren. Wir dürfen
es unseren Angehörigen nicht verübeln, wenn sie unsere Entschuldigungen
nicht gleich abnehmen und mehr oder minder offen ihre Meinung durchblicken
lassen:
"DER
SÄUFT JA DOCH BALD WIEDER!"
Wir
haben doch jahrelang Versprechungen abgegeben und nicht eingehalten.
Deshalb müssen wir uns erst bewähren, bis man uns wieder glaubt.
Und
bewährt habe ich mich nicht, wenn ich 14 1/2 Tage ohne Alkohol ausgekommen
bin, um dann vermehrt zu saufen.
Bewährt
hat sich aber auch jener Mitmensch nicht, der mir nach 14 Tagen Abstinenz zur
Belohnung e i n e Flasche Bier auf den Abendbrottisch stellt.
Welcher
Unverstand! Bei solchen Angehörigen brauche ich mich nicht mehr zu
entschuldigen!
Es
gibt leider Menschen, die nicht einsehen wollen, dass ein Alkoholiker auch
nach jahrelanger Nüchternheit immer Alkoholiker bleibt und das "erste
Glas" nicht trinken darf.
Es
gibt leider aber auch Menschen, die uns um unsere Nüchternheit beneiden und
alles versuchen, dass es zum Rückfall kommt. Meist haben diese armen Dummköpfe
selbst ein Alkoholproblem.
Eines
Tages war es dann soweit.
Wem
es schwer fällt, eine Entschuldigung auszusprechen, der kann z. B. damit
anfangen, dass er den Angehörigen, die auch in den schlimmen Jahren seiner
Trinkerzeit bei ihm geblieben sind und zu ihm gehalten haben, seinen Dank
ausspricht.
"DANKE"
sagen ist auch eine Entschuldigung.
Oft
kann man das nicht so direkt, vor allem nicht unter vier Augen.
Wer
will sich denn schon etwas vergeben?
Aber
plötzlich findet man eine Gelegenheit und ich erkannte sie, als ich auf einem
offenen Meeting in Anwesenheit eines sehr nahestehenden Menschen, den ich gekränkt
hatte, sprechen durfte. Ich beendete meine Rede mit folgenden Worten:
An dieser
Stelle möchte ich einen
Der
Alkoholiker soll
nie das Gefühl haben, dass er aus Liebe zu
seinem Partner das Trinken
aufgibt. So schön die Worte auch sind,
so gefährlich ist
die "Trockenheit aus Liebe zu
Dir". Beim nächsten Ehekrach (und wo
kommt der nicht vor) säuft er wieder und sie ist dran schuld.
So
hart es für manche Angehörigen auch erscheint, dass sie nicht der Grund für
das solide neue Leben ihres Sorgenkindes sind, so verständlich wird ihnen mein Argument einleuchten:
Ich
saufe nicht mehr, weil es m eine Leber ist, die kaputt geht; weit es m e i n e
Seele ist die Qualen der Hölle erleidet
und weil es m ein Geist ist, der krank ist!
Ich
trinke nicht mehr, weit ich Egoist bin und
ich bin überzeugt, dass es sich in diesem Falle um einen gesunden
Egoismus handelt.
Doch
was ist dieser Egoismus des Partners schon, wenn
man all das Leid betrachtet, das er in seiner Trinkerzeit über Sie
gebracht hat. Was bedeutet dagegen für Sie der Augenblick, wenn sich der Genesende nach
Monaten oder Jahren der Nüchternheit zu einer Entschuldigung
durchringt, wie ich sie hier für mich und für meine Freunde, die noch keine
Worte gefunden haben,
aussprechen möchte:
Wir
gestanden GOTT, uns selbst und
einem anderen Menschen ehrlich unsere Verfehlungen ein. Wenn immer möglich,
entschuldigen wir uns bei den Menschen,
die wir gekränkt haben, es sei denn, sie würden dadurch
verletzt.
Verzeih
mir! Verzeiht! - DANKE
........
Schließlich
hatte ich auch das Bedürfnis, mich meiner geschiedenen Ehefrau und den
Kindern mitzuteilen. 2 1/2 Jahre nach meinem letzten Schluck Alkohol war ich
endlich soweit, nüchtern über meine Vergangenheit zu sprechen. In der
Abgeschiedenheit eines Kurortes rief ich mir alle meine Fehlhaltungen ins Gedächtnis
zurück und schrieb einen langen Brief.
Dies
war zu einem Zeitpunkt, an dem ich auch den Weg zu GOTT, so wie ich IHN heute
verstehe, fand; und ich glaube, dass mir diese höhere Macht die Kraft gab, um
Verzeihung zu bitten.
Ich
möchte über diesen Brief nicht in der Öffentlichkeit sprechen, denn damit würde
ich einen Intimbereich verletzen und die Betroffenen vielleicht kränken. So
lege ich jedenfalls heute den zweiten Teil des Wortlautes dieses Schritte&
aus.
Meinen
zögernden Freunden möchte ich wiederholen, dass mir dieser Gang nach Canossa
dadurch leichter wurde, weil mich der Glaube an eine höhere Macht begleitete.
Nach der klärenden und verzeihenden Aussprache sollte man solche
Entschuldigungen ruhen lassen, sonst
wird all das zerredet, worum es hier geht.
Es
bleibt mir nur zu hoffen, dass meine erwachsenen Söhne eines Tages begreifen,
was in ihrem Vater vorging.
Mit
meinen Freunden und Kollegen wurde es mir leichter gemacht.
Sie
und einige meiner ehemaligen Vorgesetzten sprachen mich von selbst an, wie es
denn käme, dass ich plötzlich nicht mehr trinke.
Das
fiel auf!
Und
als ich dann im weiteren Gespräch mein Alkoholproblem eingestand, spürte ich
instinktiv, dass man mich nicht verurteilte, sondern meiner fortdauernden Nüchternheit
Anerkennung zollte. Mancher klopfte mir auf die Schulter und sagte:
"Mach
weiter so!"
Diese
Gesten überzeugten mich immer mehr, dass unsere Umwelt den trockenen
Alkoholiker ja gar nicht als Mensch zweiter Klasse wertet. Im Gegenteil: Alle
wirklichen Freunde bangten um meine Nüchternheit
und
brachten mir Achtung entgegen, wenn ich den Betriebsausflug oder den
Kasinoabend ohne Alkohol überstand.
Selbstverständlich
gab es auch einige, die mich zum Trinken animierten, die den Beleidigten
spielten, wenn ich ablehnte. Die immer wieder sagten:
"NUR
EIN GLAS KANNST DU DOCH TRINKEN!"
Aber
wer zwingt mich denn, mit diesen Kollegen zu verkehren?
Mir
ist meine Nüchternheit so wichtig, dass ich auf jene paar Menschen verzichten
kann, die für dieses Problem kein Verständnis aufbringen. Sie sind in der
Minderzahl.
Meistens
sind wir Alkoholiker selbst schuld, wenn wir verschweigen, was die Umwelt
aufklären würde. So spreche ich oft und unbefangen
mit meinen Freunden und Vorgesetzten über mein Problem und über die
Gemeinschaft der Anonymen Alkoholiker. Diesen und jenen habe ich schon zu
einem offenen oder öffentlichen Meeting mitgenommen und alle zeigten sich
sehr beeindruckt. Ganz von selbst ergab sich ein gegenseitiges Verstehen und
Verzeihen.
Verzeihen
kann der Mensch erst, wenn er Einblick in. die Nöte und inneren Konflikte
bekommt. Wenn er erkennt, dass die Beleidigung keiner menschlichen Gemeinheit
oder Schlechtigkeit entsprungen ist, sondern einem unwiderstehlichen Zwang, der
die Sucht kennzeichnet.
Wenn
wir diesen Einblick verhindern und unsere Krankheit verbergen, verniedlichen,
trifft uns selbst die Schuld an neuen Problemen.
Wahres Bekennen und Entschuldigen ist für mich eine Voraussetzung zur Genesung.