Der siebente Schritt

 Demütig bat ich Gott, die Mängel von mir zu nehmen

- Demut -

Dieses Wort steht nicht nur vor diesem Schritt, sondern begegnet uns an allen Ecken und Enden unseres neuen Lebensweges. Immer wieder hörte ich es auf den vielen Meetings der Anonymen Alkoholiker, doch kam es mir vor, als ob sich meine Freundinnen und Freunde scheuten, dieses Wort auszusprechen. Sie bewiesen den Begriff durch ihre Haltung, durch ihre Bescheidenheit und durch die oft geradezu unbarmherzige Ehrlichkeit, mit der sie ihre Lebensgeschichte offenbarten, 

Ich hörte das Wort von Ärzten, Pfarrern und Fürsorgern, die über die Demut sprachen und sie als höchstes Gut unseres Programms herausstellten.

Und das erscheint mir wesentlich. Man kann selbst nicht über seine Demut sprechen. Das wäre schon so etwas wie Eigenlob - und Eigenlob stinkt!

Doch man muss sich als Alkoholiker über diesen Begriff klar werden - und da fehlte es bei mir weit.

Abgesehen davon, dass dieses Wort während meiner Saufzeit für mich ein Fremdwort war, hatte ich eine ganz falsche Vorstellung.

Wermut statt Demut

Ich hatte einen Krieg erlebt, der mir vor Augen führte, dass man nur mit Härte, Selbstbehauptung und Mut überleben konnte.

In dieser Phase meines Lebens setzte ich Demut mit Weichheit, Unterwürfigkeit und Verzagtheit gleich. Wer sich beim Rationenempfang immer wieder demütig am Ende der Schlange anstellte, der musste verhungern.

Demut bedeutete damals für mich Mutlosigkeit, Ängstlichkeit und hieß sich selbst aufgeben.

Dieses Wort wurde durch die Hölle eines Kampfes auf Leben und Tod abgewertet, bedeutungslos, vergessen.

Den fehlenden Mut habe ich mir dafür im Krieg tausendmal angetrunken.

Alkohol - statt Ängstlichkeit,

Wermut - statt Demut.

Und als sich das Leben wieder normalisierte, als die ethischen Qualitäten wieder aufgewertet wurden, als dem Grabenschwein von Stalingrad der Frack wieder passte und die Spitzen der Gesellschaft durch ihre vornehme Zurückhaltung avancierten, da hatte mich dieser Teufel Alkohol schon so weit in der Hand, dass mein Krieg noch lange nicht aus war.

Kriegskameraden, Saufkumpane, Lebensangst und Wermut - das blieb.

Mein Waffenstillstand fand erst 1965 statt.

Auf den Tag und die Stunde genau am 8. Mai - aber 20 Jahre später.

Zu spät?

Ich glaube: NEIN!

Doch muss ich noch mal ganz von vorne anfangen. Ich muss die Begriffe neu lernen und völlig umdenken. Und zu diesen Begriffen gehört auch das Wörtchen Demut.

Die Anonymen Alkoholiker haben mir beigebracht, dass ich mich vor folgenden Fehlhaltungen des Lebens besonders in Acht nehmen muss:

Vor

Was haben diese negativen Charaktereigenschaften mit Demut zu tun?

Nun, ich denke, im entgegengesetzten Sinne sehr viel.

Ich meine, wenn ein Mensch in Demut lebt, dann kann er für die aufgeführten Fehlhaltungen gar keinen Platz mehr in seinem Herzen haben.

Oder hast Du schon einmal einen arroganten Menschen gesehen, der Demut beweist?

Gibt es zornige Freunde, die gleichzeitig in Demut leben?

Hat sich je ein Mann in Demut unmäßig überfressen oder vollgetrunken?

Verträgt sich Demut mit Neid?

Und wer sich durch Trägheit zur Demut wälzt, der verwechselt sicher Gelassenheit mit Faulheit!

So wird es auch ein egoistischer Mensch mit der echten Demut nicht ehrlich meinen - und für perverse Lüstlinge fehlt das Wort sowieso im Sprachschatz.

Demut statt Fehlhaltungen

Aus diesen Überlegungen heraus wird Demut eine erstrebenswerte positive Eigenschaft. denn sie vereinbart sich einfach nicht mit unseren sieben Todsünden.

Doch was ist das nun Demut?

Logischerweise müssten unter dieser Bezeichnung alle Gegensätze zu den sieben Todsünden zu finden sein, d. h.:

Das sind meine Vorsätze und oft es mir verdammt schwer, das Wichtigste zuerst und im rechten Augenblick zu tun. Hier ist mehr Mut erforderlich, als man glaubt.

Demut erfordert Mut , mehr Mut als jeder rücksichtslose Kampf.

Demut,      d. h. Absteigen vom hohen Ross;

Demut,      d. h. sich selbst in die richtigen Proportionen setzen;

Demut,      d. h. Achtung vor den Mitmenschen;

Demut,      d. h. aufopfernde Nächstenliebe;

Demut,      d. h. tiefer Glaube an jene Macht, die größer ist, als wir selbst.

Wer hat keine Fehler und Schwächen?

Als wir kürzlich im Meeting über diesen Schritt diskutierten, meinte eine Alkoholikerin:

"Ich will gar nicht frei von allen Fehlern sein, denn wenn ich keine Fehler mehr habe, dann bin ich auch kein Mensch mehr."

Dieses Argument stimmte mich nachdenklich.

Aber schließlich geht es hier nicht um all die tausend kleinen menschlichen Fehler und Schwächen, die unser Persönlichkeitsbild vielleicht erst liebenswert machen, sondern es geht um ausgesprochene Fehlhaltungen, um unsere ausgeprägten schlechten Charaktereigenschaften.

Fehler werden erst zu Fehlhaltungen, wenn man sie ständig wiederholt, wenn man dem negativen Einfluss Gelegenheit gibt, sich einzuprägen, einzuschleifen und somit zu einer dominierenden schlechten Charaktereigenschaft zu werden.

 Es sind doch Unterschiede,

Alles hat seine Grenzen und bei all diesen Fehlern muss ich erkennen, wie weit ich gehen kann.

Um diese Erkenntnis bitte ich Gott, nicht darum, dass er aus mir einen Engel macht,

In unserem Leben gibt es so viel Spielraum zwischen Gut und Böse, zwischen Recht und Unrecht und zwischen Fehlern und Fehlhaltungen. Man muss nur die Grenzen kennen, anerkennen und sich danach ausrichten. Man muss tolerant sein, denn das schafft erst den Spielraum, den wir zum Leben brauchen. Nur in einem Falle vertrage ich keine Toleranz, nämlich beim ersten Glas, beim ersten Schluck Alkohol.

Und nur dadurch will ich mich von den anderen Menschen unterscheiden. Wie soll es sich aber nun verwirklichen, wie können mir die Augen geöffnet werden, so dass ich mich so sehe, wie ich wirklich bin? Hier hat mir jene Macht, die mein Leben in Eure Gemeinschaft gelenkt hat, ein wertvolles Hilfsmittel gegeben. Euch alle!

An Euch kann ich mich orientieren. Unter Euch kann ich mich vergleichen und durch Euch kann ich mich immer wieder selbst kennen lernen.

Kaum trocken und die Welt verändern

Ich erinnere mich da an einen Alkoholiker, der neu zu unserer Gemeinschaft kam. Er sprach zum ersten Mal auf einem Meeting und zeigte sofort, dass er von der Nüchternheit mehr verstand, als wir alle. Er schimpfte über seine Freunde, die ihm zeigen wollten, was er falsch gemacht hatte. Er kritisierte das Programm der zwölf Schritte, das doch wohl nichts für ausgewachsene Männer wäre, höchstens für Kinder, denen man das Laufen lernt. Er meinte, dass Gott in unserem Programm nichts zu suchen hätte, denn schließlich wären wir keine Bibelforscher. Er meinte, wir müssten mehr auf die Straße gehen und der Regierung einmal die Augen öffnen, was sie alles gegen uns Alkoholiker tut und nichts für uns. Wir sollten gegen die Werbung der Schnapsfabrikanten demonstrieren und überhaupt sollte jede Propaganda für alkoholische Getränke verboten werden.

Er schimpfte über den Hauptausschuss und die Gruppenkönige, über das Informationsblatt und die Literatur. Alles war ungenügend und es wäre endlich an der Zeit nun seine Ideen zu verwirklichen.

"Aber", so schloss er "ihr seid ja alle nicht fähig Euch von den altmodischen Traditionen und dem amerikanischen Firlefanz zu lösen. Wenn ich nicht zufällig durch einen AA-Freund nüchtern geworden wäre, hätte ich mit Euch keinen Ärger!"

Erhobenen Hauptes verließ er das Rednerpult und hatte wohl das Gefühl, es uns einmal richtig gegeben zu haben.

Da stand in der hintersten Reihe ein alter AA­Freund auf und ging auf ihn zu. Vielleicht war dem Neuen nicht wohl zu Mute, da er wusste, dass ihm jener an nüchternem Denken um ein Jahrzehnt voraus war.

Jeder von uns ist der Spiegel für den Anderen

Unser alter Freund aber schüttelte ihm die Hand und bedankte sich für diese Ansprache. Das überraschte ihn und uns, denn mancher hatte an eine freundliche Zurechtweisung gedacht. Statt dessen sagte unser Freund weise:

"Ich danke Dir, mein lieber Kamerad, denn Du hast mir wieder einmal gezeigt, wie ich selbst vor 10 Jahren war - und das darf ich nie vergessen!"

So halten wir uns immer wieder den Spiegel vor die Augen und jeder passt auf, dass die Bäume des anderen nicht zum Himmel wachsen.

Ist es da nicht verständlich, dass die Stärke des Einzelnen in der Kraft einer höheren Macht aufgeht? Zum Wohle der Gemeinschaft und damit zum Wohl eines jeden Mitgliedes.

So sehe ich in meiner Gruppe, die mich immer wieder zu den Realitäten holt, einen Spiegel, in dem all meine Fehlhaltungen und negativen Eigenschaften so beleuchtet werden, dass ich sie erkennen kann. Ich muss nur Augen und Ohren offen halten.

Selbstmitleid statt Gottvertrauen

Mancher Freund und viele Freundinnen sind oft der Verzweiflung nahe, wenn es bei ihnen gar nicht klappen will. Sie sehen, wie andere Schicksalsgefährten einen für unmöglich gehaltenen Aufschwung erlebten, während der Kelch des Glücks an ihnen vorüber zu gehen scheint. Ich habe mit solchen Alkoholikern gesprochen und musste immer wieder zwei wesentliche Merkmale feststellen. Einmal zerflossen diese Menschen gern in Selbstmitleid und zermürbten sich mit den Vorstellungen, dass ausgerechnet sie vom Schicksal benachteiligt werden, Zum anderen fehlte ihnen jeder Glaube und jedes Vertrauen zu sich selbst und zu einer höheren Macht. Ihr Glaube wurde durch so viel Zweifel und "Wenn und Aber" zersetzt, dass sie einem leid tun konnten. In ihnen offenbarte sich keine Demut, aber sie selbst fühlten sich vom Schicksal gedemütigt. Sie wurden mit sich selbst nie fertig und wehrten sich gegen jede echte Hilfe von außen.

Schließlich werden solche Menschen verbittert und kapseln sich ab. Sie verschließen ihr Herz, statt sich zu öffnen. Sie zweifeln an der Ehrlichkeit des Glaubens ihrer Mitmenschen. Sie fühlen sich höchstens wohl, wenn man sie bedauert und bemitleidet.

Arme Menschen. Sie wollen es nicht anders.

Ich halte mich da lieber an folgende Lebensweisheiten:

"Des Menschen Wille ist sein Himmelreich"

und

"Der Glaube versetzt Berge".

Wenn man das Wunder der Wandlung vom nassen Trinker in einen nüchternen Alkoholiker erleben durfte, dann kann man auch auf weitere Wunder hoffen. Man muss Gott nur darum bitten.

Man muss IHN bitten unser Vertrauen und unseren Glauben an seine Macht zu stärken.

Man muss IHN bitten, uns echte Demut zu lehren, denn wenn wir in Demut zu Gott, so wie ihn ein jeder versteht, zu leben wissen, dann verschwinden alle Mängel und Charakterfehler von ganz allein.

Mit diesem Schritt vollziehe ich also eine Umkehr aus meiner bisher erworbenen Lebenshaltung, die mich unter dem Einfluss der Demut aus der Enge meines Ichs heraustreten lässt; hin zu den anderen und hin zu Gott.

Der ganze Nachdruck des siebenten Schrittes liegt auf der Demut. Sie lehrt mich Unzulänglichkeiten zu überwinden und immer wieder den ersten Schritt dieses Programms zu vollziehen.

Denn der erste Schritt beweist Demut. Wer täglich zugibt, dass er dem Alkohol gegenüber machtlos ist und sein Leben nicht mehr meistern konnte, ist seiner Genesung am nächsten.

Ich muss diese Niederlage immer der vorbehaltlos eingestehen und nichts beschönigen.

Ich war machtlos, weil ich jene Macht, die größer ist als ich, in meinem alkoholischen Denken verloren hatte.

Nun lerne ich wieder sehen, denken und meine Ohnmacht erkennen.

Es ist eine harte Schule, doch wenn man dann einen Lichtblick sieht, Hoffnung schöpft und neue Kraft verspürt, dann bekommt man auch langsam die Überzeugung, dass es für uns Menschen einen liebenden Gott gibt, der Dir, in mir und jedem Menschen, der an ihn glaubt, offenbart.

zum achten Schritt