Der zweite Schritt

Ich kam zu dem Glauben, dass nur eine Kraft, die größer ist, als ich selbst, mir meine geistige Gesundheit wiedergeben kann.


... und erhoffte die erlösende Befreiung ...

Jahrelang erkannte ich zumindest im Unterbewusstsein, dass mein Trinken nicht normal war. Oft wehrte ich mich dagegen - aber  ich konnte es nicht lassen. Genau so wehrte ich mich dagegen, ein Trinker zu sein.

Vergebens l

Täglich trat ich erneut in den Ring und jedes Mal war ich der Verlierer.

Wenn ein Boxer täglich gegen einen stärkeren, Gegner antritt, um sich k.o.schlagen zu lassen, wird man an seinem Verstand zweifeln. 

Wie war es aber bei mir?

Wollte ich nicht täglich nur so viel trinken, dass es kein Mensch merkt?

Ich meinte, dass ich nach einem bestimmten Quantum Alkohol in der Figur ein anderer Mensch war.

Dieser Andere war redegewandter, schlagfertiger, stets geistesgegenwärtig, dem Leben gewachsen und die Situation beherrschend. 

Das war mein wahres ICH. So wollte ich sein.

Heute weiß ich, dass mein Geist krank war.

Heute weiß ich, dass Alkoholismus auch eine Krankheit des Geistes ist,

Der Alkohol beeinflusste mein Denken, Er verfälschte die Tatsachen. Er verkleinerte die Gefahr und er vernebelte mein Hirn.

Wenn man das Hirn als Sitz des menschlichen Geistes betrachtet, muss man zugeben, dass die Einwirkung des Alkohols auf die Hirnzellen an den Fundamenten des Geistes rüttelt.

Mein Geist war krank.  

Mein Denken war alkoholisch.

So trank ich z. B. immer zu den unvernünftigsten Zeitpunkten.

Ich trank, wenn ich mich freute und trank, wenn ich mich ärgerte und oft ärgerte ich mich, weil ich getrunken hatte.

Ich musste mir auf dem Tiefpunkt meiner Trinkerlaufbahn eingestehen, dass der Alkohol eine Macht darstellte, die größer war, als ich selbst. Und immer wieder nahm ich den Kampf gegen diese Macht auf - Und immer wieder war ich der Verlierer.

 War mein Verstand noch normal? War ich noch zu retten?

Selbst nach meiner Kapitulation dauerte es noch lange bis zum zweiten Schritt.

Ich war zwar trocken, aber nicht nüchtern. 

Mein Denken war immer noch alkoholisch und in diesem Denken wies ich jeden Verdacht auf eine geistige Schädigung durch

den Alkoholmissbrauch weit von mir.  

Ich war in jener Euphorie der ersten Nüchternheit, in der der Stolz, es geschafft zu haben, die rosarote Brille in, eine lilablaue verwandelte. 

Ich war
trocken besoffen

Natürlich wollte ich in diesem Stadium zunächst einmal das ganze AA-Programm gründlich reformieren.

Das Geschwafel um jene Macht, die größer sein sollte, als ich selbst, hing mir langsam zum Halse heraus. Schließlich habe ICH doch endlich bewiesen, dass ich gegenüber dem Alkohol Macht gewonnen habe.

ICH saufe ja nicht mehr.

ICH habe doch meine Willensstärke bewiesen!

Es wurde mir nicht bewusst, wie fürchterlich der Alkohol auf meine Hirnzellen eingewirkt hatte.

Obwohl mir in meiner aktiven nassen Laufbahn oft der Film gerissen ist und etliche Stunden bei der großen Inventur von mir nicht mehr nachgewiesen werden können, meinte ich schon wieder, im vollen Besitz meiner geistigen Kräfte zu sein.

Obwohl ich jeden Abend dreimal denselben Käse als Tagesneuigkeit von mir gab und nicht wusste, was ich bereits erzählt hatte und was nicht, glaubte ich geistreich zu plaudern.

 Obwohl ich ein Musterbeispiel meiner eigenen Vergesslichkeit war, glaubte ich an meine Zuverlässigkeit.

Eine hinterhältige
Krankheit

Heute weiß ich, dass es noch lange Zeit braucht, bis mir meine volle geistige Gesundheit wiedergegeben ist. Ich weiß auch, dass mir dabei kein Arzt und keine Medikamente helfen können. Bei mir sind einige hunderttausend Hirnzellen durch Alkohol abgetötet - und Tote kann man nicht wieder zum Leben erwecken.

Nervenzellen, die einmal zerstört sind, wachsen nie mehr nach. Sie regenerieren sich auch nicht. Das ist unabhängig vom Alter.

Nein: Ich kann nur dafür Sorge tragen, dass der Trümmerhaufen nicht größer wird. kann meine Krankheit zum Stillstand bringen, indem ich nichts mehr trinke.

Aber auf die Wiederherstellung meiner geistigen Gesundheit kann ich nur hoffen.

Hoffnung 
aber woher nehmen?

Als Kranker kann ich mir die notwendige Kraft und Hoffnung nicht selbst vermitteln,

Ich brauche Hilfe von außen.

Und ich muss bereit sein, diese Hilfe anzunehmen.

Das war nicht so einfach.

Wieder waren es meine AA-Freunde, die mir weiterhalfen.

Ich begriff, dass der Alkohol eine Macht war, die mich in die Knie gezwungen hatte.

Ich habe selbst immer wieder bitter dagegen angekämpft und unzählige Male den Kürzeren gezogen.

ich begriff, dass nur eine Kraft, die größer ist als ich selbst, mich wieder aufrichten kann.

Immer wieder fand ich diese Kraft bei meinen neuen Freunden.

Ich klammerte mich an diese Kraft und erhoffte die erlösende Befreiung von der Flasche.

Durch regelmäßigen Meetingbesuch wurde ich im Glauben an diese Kraft in der Hoffnung auf eine Erlösung bestärkt.

Zwar verstand ich noch nicht alles, was erfahrene staubtrockene Alkoholiker diesen neuen Lebensweg, über eine geistige Haltung und über die "HÖHERE MACHT" erzählten.

Vor allem von "GOTT" hatte ich gar keine Meinung. 

Doch die Tatsache, dass meine Freunde jahrelang nüchtern waren, sprach für ihr Programm.

Da mich auch keiner bekehren wollte, hielt ich es mit dem Alten Fritz, der wohl sagte:

"Du musst die Meinung des anderen nicht akzeptieren, aber Du solltest sie respektieren!" 

Ich begriff, dass man von mir Toleranz forderte. Ich versuchte tolerant zu sein.

Nach einiger Zeit aber wurde ich auf diese Brüder irgendwie neidisch, wenn nicht sogar eifersüchtig.

Ich fühlte mich nämlich in meiner Haut nie wohl, wenn man ein Meeting mit dem "Gelassenheitsspruch" beendete. Das Gefühl war unbeschreiblich.

Einmal ärgerte ich mich, dass ich diesen einfachen Spruch trotz stetiger Wiederholung nicht im Kopf behalten konnte, was offensichtlich ein Zeichen meiner Geistesschwäche war.

Und zum anderen konnte ich nicht verstehen, dass sich Alkoholiker, die sich in heißen Debatten die Meinung vergeigt hatten, nach diesem Spruch gelassen unterhielten, als hätten sie nie eine Meinungsverschiedenheit gehabt.

Als ich einmal einen Freund um Aufklärung bat, was er sich denn unter diesem GOTT vorstelle, den er um Gelassenheit bittet, bekam ich zur Antwort: 

"NICHTS, was DIR helfen kann."

 "Bei uns macht
sich jeder seine
eigene Vorstellung
von GOTT."

Diese Worte werde ich nie vergessen. Obwohl sie mir zuerst überhaupt nichts sagten, fand ich später ihre tiefe Bedeutung.

Ich wollte es immer einfach haben und hatte versäumt meinen Geist ständig zu schärfen. Also wollte ich auch, dass mir irgend einer meiner neuen Freunde eine hieb- und stichfeste Erklärung über die Sache mit GOTT mundgerecht auf dem Teller präsentiert. Das war doch wohl viel bequemer, als sich selbst den Kopf zu zerbrechen, was es mit dieser höheren Macht auf sich hat.

Erstens kam ich mir ziemlich ungebildet vor und zweifelte an meinem Verstand, wenn kluge Leute in Wort und Schrift über GOTT sprachen. Und zweitens kam Neid und Missgunst in mir auf, wenn ich einfache Menschen gläubig beten sah.

So sehr ich meinen Geist auch anstrengte, ich kam nicht dahinter. Wahrscheinlich lag's am Geist.

Der zweite Schritt wurde mein Problem.

Einerseits sollte ich zugeben, dass ich geistig krank bin und andererseits sollte dieser kranke Geist einen Glauben aufbringen.

Irgendwo biss sich die Katze in den Schwanz.

Es dauerte über zwei Jahre, bis ich klarer sah.

In der Zwischenzeit blieb ich trocken, indem ich täglich den ersten Schritt wiederholte.

Oft war das Verlangen so stark, dass ich den 24-Stunden­Plan in einen 6-Stunden-Plan änderte, d. h. ich schob das "erste Glas" immer vor mir her. Dabei wurde ich immer unzufriedener.

Es war ein zermürbender Kampf.

Ich wurde nervös, unkonzentriert und selbst die Fliege an der Wand störte mich,

Mein Zigarettenverbrauch stieg unheimlich.

Und immer wieder sprachen meine Freunde von der Gelassenheit.

War ich denn von allen guten Geistern verlassen?. Warum konnte ich nicht begreifen?

Als mir wieder einmal der Gaul durchgehen wollte, brach es plötzlich aus mir heraus:

 "GOTT gib mir die Gelassenheit, die Dinge hinzunehmen, die ich nicht ändern kann!"

Ich sagte es laut vor mich hin - und eine wohltuende Ruhe überkam mich. Seitdem habe ich den Spruch tausendmal wiederholt, ohne mir dabei bewusst zu werden, wen ich mit meiner Bitte ansprach. Auf mich wirkte der Spruch wie eine beruhigende Medizin,

So wurde ich mit der Zeit innerlich ausgeglichen und meine Gedanken ordneten sich. Beruflich klappte alles wie am Schnürchen und das verleitete mich bald zu der Annahme, dass es mit meinem kranken Geist gar nicht so schlecht steht.

Das war aber ein Trugbild. Zwar beherrschte ich das früher Gelernte bald wieder, doch das war Routine. Das Zulernen", das "mit der Entwicklung gehen" die stetige Weiterbildung, fiel mir sehr schwer.

Mein Gedächtnis schien keine weiteren Speicherzellen mehr zu haben. Alles, was nach diesem großen Trauerspiel noch an brauchbarer Hirnsubstanz übrig geblieben war, war ausgebucht.

 "Stillstand ist ein halber Rückfall!,

sagten meine Freunde. 

Ich sah midi schon wieder am Rande des Abgrundes. Es war ein stetiger Kampf, der meine Kräfte verzehrte. Doch immer wieder konnte ich feststellen, dass ich aus jedem Meeting gestärkt hervorging. Ich konnte gar nicht genug Meetings besuchen und bald bekam ich die Überzeugung, dass meine Gruppe ein unerschöpflicher Kraftquell war.

Befreit vom alkoholischen Denken erkannte ich:

"in den nassen Jahren stellte der Alkohol eine Kraft dar, gegen die ich machtlos war. Nun gab mir die Gruppe die Kraft, dem Alkohol zu widerstehen."

So wurde mir klar, dass nur eine Kraft, die größer ist, als ich selbst, mir meine Gesundheit wiedergeben kann,

 Diese Erkenntnis war gleichbedeutend damit, dass ich endlich aus dem Sattel stieg und wieder zu Fuß ging.

Noch keiner ist auf dem hohen Ross nüchtern geblieben.

Ich lernte in Demut begreifen.

DEMUT

Dieses Wort bedeutet für mich weniger "Unterwürfigkeit", sondern vielmehr "Ehrfurcht".

Man setzte mich wieder auf den Stuhl, der auf dieser Welt für mich bestimmt war.

Geistiges Wachstum durch lernen

So wurde ich bereit zu LERNEN.

Ich lernte die Menschen, denen ich in meinen nassen Jahren die Schuld an meinem Unglück in die Schuhe geschoben hatte, wieder zu achten.

Und langsam stieg meine Selbstachtung.

Dabei war ich immer bedacht, in der Mitte zu bleiben. Als Alkoholiker, der ich immer bleiben würde, war mir ein gut ausgefüllter Posten im Mittelstand bekömmlicher, als der Seiltanz unter den oberen Zehntausend.

Über mir musste noch Platz bleiben.  

Raum für eine Macht, die größer war als ich selbst.

Diese Macht wurde langsam ein Begriff für mich

Zwar konnte ich mir davon kein Bild machen, keine konkrete Vorstellung - aber ich konnte an sie glauben.

Mein Glauben

Dieser Glaube verstärkte sich mit jedem Tag meiner Nüchternheit, denn ich fühlte das Fortschreiten meiner Genesung.

Dabei erkannte ich immer mehr, welche Fehler ich gestern und vorgestern gemacht hatte und wie verworren doch meine Gedanken in der Vergangenheit waren.

Durch den Glauben an eine Kraft, die größer war, als ich selbst, lernte ich klarer zu sehen.

Damit verband sich die Hoffnung, dass die Genesung weiter voranschreitet.

Glauben und hoffen, sowie der ständige Vergleich mit der Denkweise meiner Vergangenheit brachten mich zu der Überzeugung, dass ich auf dem richtigen Wege war.

Dieser Weg war steinig. Es wurde mir nichts geschenkt. Oft versuchten midi nahestehende Menschen von diesem Weg abzulenken.

Nachdem man sich von meiner Nüchternheit überzeugt hatte, wollte man so manche meiner früheren Eigenheiten ohne Alkohol wecken. Man versuchte, midi an die schönen Stunden meiner alkoholischen Vergangenheit zu erinnern, denn nicht alles war stets Katzenjammer.

Ich witterte instinktiv eine Falle.

Ich spürte Gefahr.

Alarmstufe I. ! 

Nein! Nicht vom Weg abgehen. jeder Gefahr weit aus dem Weg gehen und sei sie noch so klein.

Ich habe gelernt, dass ich als Alkoholiker kein Risiko eingehen darf. Oft kann diese vielleicht übertriebene Vorsicht dazu führen, dass man von seinen Angehörigen nicht mehr verstanden wird, dass man seine Freunde vor den Kopf stößt, dass man liebgewordene Menschen verliert Das muss man in Kauf nehmen.

Man muss den Weg, der aus dem Tiefpunkt des Lebens nur nach oben führen kann (denn tiefer geht's nicht), unbeirrt gehen.

Dorthin, wo ich eines Tages vor meinem höchsten Richter stehen werde und  Rechenschaft über viele 24 Stunden legen muss.

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