Alkohol-Probleme: So können Sie helfen
Was dieses
Buch für Sie tun kann
90 % aller Deutschen konsumieren alkoholische Getränke. Davon leben
Landwirte, Brauer, Brenner, Werbeleute, Gastwirte und viele andere mehr.
Aber nicht alle können mit Alkohol umgehen bzw. können ihn vertragen.
Drei Prozent aller Deutschen - so die neuesten Umfrage - Ergebnisse -
sind alkoholabhängig. Fünf Prozent haben einen so hohen Konsum, daß
sie mit Sicherheit ihre Gesundheit schädigen, und weitere 16 Prozent
haben einen Konsum, der als problematisch zu bezeichnen ist und zu
gesundheitlichen, geistigen, seelischen und sozialen Problemen führt.
Zusammengerechnet haben also 11,7 Millionen Deutsche Schwierigkeiten mit
Alkohol. Wer da noch von sich behauptet, er kenne niemanden mit
Alkoholproblemen, schaut entweder nicht richtig hin, will die
Problematik nicht sehen oder aber verdreht die Tatsachen - schließlich
ist umgerechnet etwa jeder siebte in Deutschland entweder alkoholgefährdet
oder gar - abhängig.
Wer die Augen vor den Tatsachen nicht verschließt,
wird auch in seinem Familien - oder Freundeskreis Menschen kennen, die
Alkoholprobleme haben.
Mit einem Menschen zu leben, der Alkoholprobleme hat, ist in der Regel schwierig. Schließlich zieht übermäßiger Alkoholkonsum zum Teil schwere gesundheitliche Folgen nach sich, doch wesentlich gravierender für die Familie sind fast immer die psychischen Veränderungen, die sich bei den meisten Betroffenen nach und nach zeigen: Manche werden unter Alkoholeinfluß aggressiv oder sogar gewalttätig, viele vernachlässigen ihre Familie und ihre Freunde, eine Reihe Betroffener verliert das Interesse an allem anderen außer am Alkohol. Hinzu kommen die gesellschaftlichen Folgen: Oft ziehen sich Freunde und Bekannte von der gesamten Familie zurück, weil sie den Kontakt zu einem Menschen mit Alkoholproblemen nicht ertragen. Manche Betroffenen verlieren aufgrund ihres Alkoholkonsums ihren Arbeitsplatz. Unter all diesen Folgen leiden die nächsten Angehörigen natürlich besonders stark. Dennoch versuchen viele weiterhin, ihr Familienmitglied zu schützen, indem sie seinen Alkoholkonsum verleugnen.
Hilfe für die AngehörigenDieses Buch wendet sich daher vor allem an die Angehörigen von Alkoholgefährdeten und - abhängigen. Es will ihnen dabei helfen zu erkennen, ob ihr Familienmitglied Alkoholprobleme hat und wie weit diese bereits fortgeschritten sind. Es zeigt die Folgen von übermäßigem Alkoholkonsum und veranschaulicht "Alkoholkarrieren" anhand von Fallbeispielen. Auch über die Ursachen informiert dieser Ratgeber. Vor allem aber zeigt er die verschiedenen Wege, wie Personen mit Alkoholproblemen geholfen werden kann, und stellt Schritt für Schritt dar, welche Möglichkeiten Angehörige, Freunde und Kollegen haben, um gezielt Hilfe zu leisten.
Auch Freunde, Kollegen, Bekannte und Nachbarn können Menschen mit Alkoholproblemen helfen. Wie, erfahren Sie in diesem Buch.
Doch nicht nur die Personen mit Alkoholproblemen benötigen Hilfe, auch ihre Angehörigen sind oft verzweifelt und wissen nicht mehr weiter. Ihnen gibt dieses Buch Ratschläge, wie sie sich aus der Abhängigkeit von ihrem trinkenden Familienmitglied lösen können, um wieder ihren eigenen Weg zu gehen, ohne dabei jedoch ihr Familienmitglied zwangsläufig im Stich lassen zu müssen. Es zeigt den Angehörigen, wo sie selbst Unterstützung finden, damit sie mit den Belastungen, die das Leben mit einem Alkoholabhängigen mit sich bringt, besser fertig werden.
Was ist Alkoholabhängigkeit?Es gibt viele Menschen, die hin und wieder mehr trinken, als ihnen bekommt. Sind sie bereits abhängig vom Alkohol? Haben diejenigen, die regelmäßig abends vor dem Fernseher ein oder zwei Bier trinken, ein Alkoholproblem? Diese und andere Fragen will Ihnen das folgende Kapitel beantworten, damit Sie einschätzen können, ob Ihr Angehöriger alkoholgefährdet ist. Darüber hinaus will es Sie über die Ursachen übermäßigen Alkoholkonsums informieren und über die Folgen, die dieser nach sich ziehen kann.
Wann ist Alkoholkonsum schädlich oder problematisch?
Das ist jedoch nur die Spitze des Eisbergs. Es gibt viele andere Menschen, denen man es nicht ansieht, daß sie Probleme mit dem Alkohol haben. Es gibt auch eine nicht unerhebliche Anzahl von Personen, die nicht wissen, daß ihr Alkoholkonsum nicht mehr im "normalen" Rahmen liegt, oder aber es nicht wahrhaben wollen. Auch kann regelmäßiger Alkoholkonsum, der das gesellschaftlich anerkannte Maß nicht überschreitet (z. B. das Trinken mehrerer Flaschen Bier am Abend), trotz allem gesundheitliche Folgen nach sich ziehen - also schädlich sein. Nur weil jemand ein nach außen hin unauffälliges Leben führt, heißt das also noch längst nicht, daß er keine Alkoholprobleme hat.
Jede Form regelmäßigen Alkoholkonsums kann schädlich sein, auch wenn der Alkoholkonsument nicht vom Alkohol abhängig ist.
"Wenig" Alkohol kann schon zuviel seinNach Angaben der Weltgesundheitsorganisation (WHO) kann bei Männern der Konsum von 40 Gramm reinen Alkohols pro Tag ausreichen, um gesundheitliche Schäden hervorzurufen - das entspricht etwa einem Liter Bier. Bei Frauen können bereits 20 Gramm reinen Alkohols (ca. 0,5 Liter Bier) auf längere Sicht zu Folgeschäden führen. Es ist also gar nicht nötig, besonders viel zu trinken, um gesundheitliche Schäden davonzutragen - ein bis zwei große Flaschen Bier pro Tag sind genug.
Wenn das Trinken problematisch wird ...Es ist nicht immer ganz leicht festzustellen, zu welchem Zeitpunkt der Alkoholkonsum nun genau problematisch wird - wann nicht mehr nur aus Genuß getrunken wird. Doch gibt es einige Indizien dafür: Zum Beispiel wird Mißbrauch mit dem Alkohol betrieben, wenn vor oder während des Autofahrens alkoholische Getränke konsumiert werden. Denn Alkohol setzt die Reaktionsfähigkeit herab - das Risiko für einen Unfall steigt. Dieses Risiko nimmt derjenige jedoch billigend in Kauf, der sich angetrunken hinter das Steuer setzt. Auch wenn jemand Alkohol einsetzt, damit dieser bestimmte Zwecke erfüllt, kann man von einem problematischen Umgang mit Alkohol reden.
Indizien für einen problematischen Umgang mit AlkoholWenn jemand ein bis zwei Flaschen Bier pro Tag trinkt, wird dies von den meisten Menschen nicht als bedenklich angesehen. Schließlich ist es für viele nichts Ungewöhnliches, tagtäglich einen halben oder einen Liter Bier zu trinken. Schädlich ist der Alkoholkonsum in diesem Maß jedoch allemal, auch wenn natürlich nicht alle, die tagtäglich ein bis zwei Flaschen Bier konsumieren, zwangsläufig alkoholabhängig werden.
Ein regelmäßiger, übermäßiger Alkoholkonsum (Männer: mehr als 40 Gramm reiner Alkohol pro Tag; Frauen: mehr als 20 Gramm Alkohol) ist als problematisch anzusehen.
Spielt die getrunkene Menge eine Rolle?Je mehr Alkohol jemand (vor allem regelmäßig) trinkt, um so wahrscheinlicher liegt ein Alkoholproblem vor. Doch nicht allein die Menge ist es, die auf Alkoholprobleme hindeutet. Eine Person, die "auf Wirkung trinkt", das heißt, durch den Alkoholkonsum bestimmte Wirkungen erzielen möchte, muß nicht unbedingt besonders viel Alkohol zu sich nehmen - und doch hat sie aller Wahrscheinlichkeit nach ein Problem mit dem Alkohol. Vor allem, wenn es ihr ohne den Alkohol nicht gelingt, sich in die gleiche Stimmung zu versetzen oder sich ähnlich zu verhalten.
Ein Beispiel: Eine Frau, die ohne den Alkohol in Gesellschaft anderer kaum ein Wort herausbekommt, kann sich nach ein bis zwei Glas Wein problemlos mit anderen unterhalten. Trinkt sie nun immer Wein, wenn sie sich mit anderen trifft, erfüllt der Alkohol für sie eine Funktion. Sie trinkt, um eine bestimmte Wirkung - den Verlust ihrer Hemmungen - zu erzielen. Ohne den Alkohol fühlt sie sich nach und nach möglicherweise gar nicht mehr imstande, anderen Menschen zu begegnen und mit ihnen zu sprechen.
Auch wenn es bei diesem Beispiel zunächst so aussieht, als ob der Alkohol ein Problem lösen würde, wird nach einer Weile der Alkohol selbst zum Problem. Statt ein bis zwei Glas Wein einfach nur zu genießen, wird der Alkohol für einen bestimmten Zweck mißbraucht. Für die Frau in dem Beispiel kann es nach einiger Zeit schlimmstenfalls zum Bedürfnis werden, immer dann Alkohol zu trinken, wenn sie sich in Gesellschaft anderer begibt. Selbst wenn sie in anderen Situationen keinen Alkohol trinkt, muß man ihren Umgang mit Alkohol als problematisch bezeichnen, denn sie ist der Ansicht, daß sie den Alkohol in einer bestimmten Situation benötigt.
Alkohol - die gesellschaftlich akzeptierte DrogeDie meisten Menschen, die Alkohol nicht nur aus Genuß ab und zu trinken, sondern für die er eine Funktion erfüllt, würden ihren Alkoholkonsum wahrscheinlich nicht als problematisch bezeichnen. Der Grund: Alkohol ist bei uns sozial akzeptiert. Zu allen möglichen Anlässen wird Alkohol getrunken - nicht zuletzt, um die Atmosphäre aufzulockern. Es gibt nur sehr wenige Feierlichkeiten, bei denen kein Schluck Alkohol getrunken bzw. kein Alkohol ausgeschenkt wird.
Daß Alkohol dazu beiträgt, die Stimmung zu steigern, wird nicht nur allgemein akzeptiert, es ist sogar erwünscht. Als problematisch erscheint dieser Umgang mit Alkohol kaum jemandem. Erst wenn jemand augenscheinlich betrunken ist, wird sein Verhalten nicht mehr toleriert, sondern als abstoßend empfunden.
Haben Sie als Angehöriger den Verdacht, daß eines Ihrer Familienmitglieder Probleme mit dem Alkohol hat, betrachten Sie sein Verhalten einmal ganz genau und fragen Sie sich oder - wenn möglich - den Betroffenen, aus welchen Gründen er Alkohol trinkt: aus Genuß, oder erfüllt der Alkohol eine bestimmte Funktion für ihn?
Im zweiten Fall sollten Sie hellhörig werden - möglicherweise hat Ihr Angehöriger Alkoholprobleme. Auch wenn Ihr Familienmitglied täglich mehr als einen halben (Frauen) bzw. einen Liter (Männer) Bier trinkt, sollten Sie sein Trinkverhalten genauer betrachten und Ihren Angehörigen eventuell darauf aufmerksam machen, daß sein Verhalten gesundheitliche Schäden nach sich zieht. Falls er angetrunken Auto fährt, sollten Sie ebenfalls etwas unternehmen, z. B. sollten Sie sich nie in ein Auto setzen, wenn der Fahrer angetrunken ist oder wirkt.
Wenn Ihr Angehöriger betrunken Auto fährt, machen Sie ihn darauf aufmerksam, daß er durch sein Verhalten nicht nur sich, sondern auch andere gefährdet. Weigern Sie sich, in das Auto zu steigen, wenn er sich angetrunken hinter das Steuer setzen will.
Abhängig vom Alkohol?
Doch zunächst eine kurze Begriffserklärung: Als alkoholabhängig wird jemand bezeichnet, der mit dem Trinken nicht ohne weiteres aufhören kann, weil er ein anhaltendes Verlangen nach Alkohol verspürt, dem er über kurz oder lang nachgeben muß, bzw. jemand, bei dem sich unangenehme körperliche Symptome (z. B. Zittern) einstellen, wenn er keinen Alkohol zu sich nimmt. Zu den Zeichen für eine Abhängigkeit gehört außerdem, daß die Betreffenden weitertrinken, obwohl sie sich selbst damit gesundheitlichen oder seelischen Schaden zufügen oder ihre sozialen Beziehungen unter dem Alkoholkonsum leiden.
Alkoholabhängige trinken auch weiter, wenn sie anderen durch ihren Alkoholkonsum Schaden zufügen.
Nicht die Alkoholmenge ist entscheidend ...
Viele glauben, daß ein Alkoholabhängiger viel mehr Alkohol trinken müsse als andere es tun. Das ist jedoch nicht richtig. Auf die Menge des Alkohols, die jemand zu sich nimmt, kommt es nicht an, denn schließlich wird Alkohol nicht von allen Menschen gleich gut vertragen. Genauso ist nicht unbedingt gesagt, daß ein Alkoholabhängiger täglich Alkohol trinken muß - manche kommen tage - oder sogar wochenlang ohne einen Tropfen Alkohol aus, dann jedoch überfällt sie das nahezu unbezwingliche Verlangen nach Alkohol. Wenn sie Alkohol trinken, haben die meisten Abhängigen keine Kontrolle mehr über sich. Das ist auch der Hauptgrund, warum die Alkoholabhängigkeit in Deutschland als Krankheit angesehen wird. Statt von Abhängigen spricht man deshalb auch von Alkoholkranken.Wenn aus irgendwelchen Gründen kein Alkohol getrunken wird, können Entzugserscheinungen wie Zittern, Angst, innere Unruhe, Übelkeit, Schweißausbrüche, Ein - und Durchschlafstörungen auftreten. Diese Symptome verschwinden nach Alkoholkonsum.
Wenn der Betroffene dem Verlangen nach Alkohol nicht widerstehen kann, ist die Rede von seelischer oder psychischer Abhängigkeit; wenn der Körper den Alkohol benötigt, um richtig zu funktionieren, sprechen Fachleute von körperlicher Abhängigkeit. Nicht immer geht jedoch mit der seelischen auch die körperliche Abhängigkeit einher - die körperliche Abhängigkeit ist meist mit der seelischen gekoppelt.
Merkmale für Alkoholabhängigkeit
Je früher der Alkoholabhängigkeit entgegengesteuert wird, um so leichter ist es, dagegen anzugehen. Doch es ist für die Betroffenen und auch für die Angehörigen nicht immer leicht zu erkennen, ob und wieweit jemand bereits vom Alkohol abhängig ist, denn die Alkoholkrankheit entwickelt sich in mehreren Phasen. Anhand der folgenden Checkliste können Sie ungefähr einschätzen, ob bei ihrem Familienmitglied eine Alkoholgefährdung oder eine Abhängigkeit besteht. In dieser Checkliste finden Sie Beschreibungen des Trinkverhaltens, des Sozialverhaltens sowie der seelischen und körperlichen Verfassung von Alkoholkonsumenten bzw. Alkoholgefährdeten und - abhängigen.
Eine AlkoholkarriereHans T., 38 Jahre, kam aus einer Unternehmerfamilie. Sein Vater hatte einen gutgehenden Handwerksbetrieb, und er wünschte, daß einer seiner beiden Söhne die Firma einmal übernehmen würden.
Hans T., der jüngere der beiden Brüder, fühlte sich schon früh von seinem Vater unter Druck gesetzt, immer Erfolg haben zu müssen. Auf Drängen seines Vaters begann er mit 15 Jahren eine Ausbildung zum Dachdecker, obwohl er eigentlich ein nur geringes Interesse an einem Handwerksberuf hatte. Viel lieber wäre er weiter zur Schule gegangen. Auf dem Bau kam er zum ersten Mal mit Alkohol in Berührung. Als Lehrling wurde er von den Gesellen immer zum Bier - und Schnapsholen geschickt. Natürlich mußte er auch mittrinken, denn "was ein echter Handwerker ist, der muß richtig was vertragen" - so seine Kollegen.
Schnell merkte Hans T., daß er mehr Alkohol vertrug als seine Arbeitskollegen. Wenn die anderen schon angetrunken wirkten, erschien er noch nüchtern. Das trug ihm die Achtung der anderen ein. Schnell gewöhnte sich Hans T. daran, schon morgens auf der Arbeit ein paar Bier zu trinken. Abends traf er sich mit Freunden, um mit ihnen durch die Kneipen zu ziehen und kräftig weiterzutrinken. Der Alkohol half ihm auch dabei, die Erwartungen, die sein Vater an ihn stellte, zu vergessen - nur wenn er Alkohol getrunken hatte, hatte Hans T. das Gefühl, sich richtig entspannen zu können.
Auf der Arbeit war Hans T. sehr beliebt, denn einerseits war er sehr fleißig und andererseits immer zu Späßen aufgelegt - vor allem dann, wenn er etwas getrunken hatte. Keiner der Kollegen dachte sich etwas dabei, daß Hans T. während der Arbeit immer ein Bier neben sich stehen hatte. Auch seine Freunde, mit denen er sich abends traf, hatten keine Probleme mit seinem Alkoholkonsum - Hans T. hatte sich besonders trinkfeste Freunde ausgesucht. Wenn die einen abends einmal keine Lust zum Trinken hatten, traf er sich einfach mit den anderen. Aus diesem Grund kam Hans T. auch nicht auf die Idee, daß mit seinem Alkoholkonsum etwas nicht stimmen könnte - bis er Sabine M. kennenlernte, mit der er zusammenzog. Zuerst ging zwischen den beiden alles gut. Sabine M. dachte sich zunächst auch nichts dabei, daß Hans T. soviel trank, denn ihr Vater hatte dem Alkohol auch immer gut zugesprochen.
Doch nach einiger Zeit wurde es ihr zuviel. Der Alkohol wurde für Hans T. immer wichtiger als seine Partnerin. Er versprach ihr zwar, nicht mehr soviel zu trinken, doch wenn einer seiner Freunde ihn anrief und fragte, ob sie sich abends noch treffen könnten, war er immer sofort Feuer und Flamme. Wenn Sabine M. ihn daraufhin bat, zu Hause zu bleiben, wurde er aggressiv und brüllte sie an, es sei schließlich sein Leben und er könne machen, was er wolle. Zusehends vernachlässigte er auch sein Aussehen und kam häufiger zu spät zur Arbeit. Sabine M. hielt es nicht mehr aus. Sie setzte ihm ein Ultimatum, mit dem Trinken aufzuhören, oder sie würde ihn verlassen. Hans T. hörte nicht auf.
Als Sabine M. aus der gemeinsamen Wohnung ausgezogen war, trank Hans T. noch mehr als sonst. Irgendwann stellte er fest, daß er nicht mehr soviel vertrug wie früher. Nach einer weiteren Zeit mußte er morgens die ersten zwei Flaschen Bier wieder erbrechen. Dennoch konnte er mit dem Trinken nicht aufhören. Schließlich kam der Zeitpunkt, wo er überhaupt nichts mehr - weder Alkohol noch Wasser - bei sich behalten konnte. Das war der Moment, in dem er sich entschloß in der nächstgelegenen Klinik anzurufen. Keinen Augenblick zu früh: Er fiel ins Alkoholdelirium, an das sich ein drei Wochen dauerndes Koma anschloß.
Entwicklung der AbhängigkeitGesellschaftlich akzeptiertes Trinken, ohne daß es zur Alkoholgefährdung kommen muß
Der Alkoholkonsum ist auf einige Gelegenheiten wie das gemütliche Beisammensein mit Freunden oder das Abendessen beschränkt. Der Alkoholkonsum hält sich - bis auf wenige Ausnahmen - in Grenzen.Der Abhängige findet immer neue Entschuldigungen und Ausflüchte für seinen Alkoholkonsum. In der Regel versucht er jedoch Gespräche über Alkohol zu vermeiden.
Am Arbeitsplatz kommt es zu Konflikten, weil die Leistungsfähigkeit des Abhängigen nachläßt, aber auch, weil die Kollegen die Stimmungsschwankungen des Abhängigen nicht mehr ertragen können und wollen.
Anzeichen für eine AlkoholgefährdungDer Alkohol wird zunehmend als "Problemlöser", als Mittel zur Entspannung oder zum Abbau von Hemmungen verwendet - kurz: Er wird vorrangig wegen seiner Wirkung getrunken.
Der Betroffene trinkt Alkohol bei Gelegenheiten, bei denen der Alkoholkonsum denkbar ungeeignet ist, z. B. bei der Arbeit, oder er setzt sich betrunken hinter das Steuer seines Wagens.
Allmählicher Beginn der AbhängigkeitDer Alkoholkonsument sucht gezielt nach Möglichkeiten zum Trinken. Er trifft sich mit anderen, um mit ihnen gemeinsam zu trinken.
Immer häufiger kommt es zum Vollrausch und auch zu damit einhergehenden "Filmrissen", zu Gedächtnislücken nach dem Saufen.
Der Alkohol wird immer öfter benötigt, z. B. um aus sich herauszugehen.
Ohne Alkohol werden Belastungen kaum mehr ertragen - im Anschluss an berufliche oder private Streßsituationen muß erst einmal ein "Entspannungsdrink" genommen werden.
Die Vorwürfe der Angehörigen ("Trink nicht so viel!" usw.) häufen sich. Der Alkoholkonsument beginnt deshalb auch heimlich zu trinken.
Die Angehörigen werden unter anderem bezüglich des Alkoholkonsums belogen.
Der Alkoholkonsument findet immer wieder Entschuldigungen für sein Trinken (z. B. "Ich wurde von anderen zum Trinken gedrängt").
Gute Vorsätze werden gefaßt ("Nächste Woche höre ich mit dem Trinken auf") und wieder fallen gelassen.
Nach ein paar Gläsern Alkohol fällt es dem Betroffenen schwer, nicht weiter zu trinken.
Die Angehörigen beginnen unter den häufig wechselnden Stimmungen ihres Familienmitglieds zu leiden.
Der Alkoholkonsument leidet unter unter zunehmenden Gewissensbissen wegen seines Trinkens. Er entwickelt Schuldgefühle gegenüber seinen Familienmitgliedern und Freunden - diese Schuldgefühle sind gleichzeitig ein Grund, um weiterzutrinken.
Unterhaltungen über Alkohol werden weitgehend vermieden, oder das Gespräch wird abgebrochen.
Es kommt vermehrt zum Kontrollverlust beim Trinken - Alkoholexzesse mit Vollrausch und Gedächtnislücken häufen sich.
Andere Dinge (Hobbys, Familie usw.), die einem sehr wichtig waren, werden nebensächlich.
Die Aggressivität gegenüber nahestehenden Personen nimmt zu, insbesondere wenn sie den Abhängigen auf seinen Alkoholkonsum ansprechen.
Der Abhängige trinkt nun auch mit Personen, die früher unter seinem Niveau gewesen wären.
Teilweise versuchen die Betroffenen ihren Alkoholkonsum in den Griff zu bekommen, indem sie z. B. erst abends mit dem Trinken beginnen.
Der Abhängige leugnet ab, daß er den Alkohol benötigt bzw. übermäßig oder unkontrolliert trinkt. Er gesteht sich auch selbst nicht ein, daß er seinen Alkoholkonsum nicht mehr unter Kontrolle hat.
Je weiter die Abhängigkeit fortschreitet, um so stärker wird das Äußere (Kleidung, Körperpflege usw.) vernachlässigt.
Die Konflikte mit den Angehörigen mehren sich. Auseinandersetzungen wegen des Alkoholkonsums sind an der Tagesordnung.
Viele Abhängige verlieren allmählich ihr Selbstbewusstsein; bei anderen kommt es zu Phasen extremer Selbstüberschätzung.
Viele Abhängige legen sich einen Alkoholvorrat an - aus Angst, daß ihnen der Alkohol einmal ausgehen könnte. Die Reaktion der Angehörigen auf das Horten von Alkohol besteht oft darin, die Flaschen auszugießen oder vor dem Abhängigen zu verstecken.
In der Regel kommt nun zu der seelischen Abhängigkeit vom Alkohol die körperliche Abhängigkeit hinzu. Es zeigen sich Entzugserscheinungen (unter anderem Zittern, Schweißausbrüche, Übelkeit), wenn kein Alkohol zur Verfügung steht.
Gesundheitliche Schäden sind ebenfalls feststellbar; auch treten nicht selten Gedächtnisstörungen auf.
Der Alkohol wird kaum mehr vertragen - bereits nach wenigen Gläsern sind die Abhängigen so betrunken, wie sie es früher nach einer wesentlich größeren Alkoholmenge waren. Diese Folge wird als Toleranzbruch bezeichnet.
Die Persönlichkeit des Abhängigen ist oft großen Veränderungen unterworfen. Die Angehörigen haben nicht selten das Gefühl, ein Fremder stünde vor ihnen.
Die Betroffenen sind kaum mehr arbeitsfähig - der Verlust des Arbeitsplatzes ist oft die Folge.
Wenn nicht schon vorher geschehen, kommt es spätestens jetzt auch meistens zum Verlust des Führerscheins.
Zum Teil sind die Betroffenen sehr deprimiert. Manche äußern Selbstmordabsichten oder begehen Selbstmord.
Im Umgang mit anderen Menschen haben die Abhängigen in der Regel massive Probleme. Normale Gespräche sind kaum mehr möglich. Wenn sie keinen Alkohol getrunken haben, wirken die Betroffenen angespannt und wie auf dem Sprung.
Schlimmstenfalls kommt es zum lebensgefährlichen Delirium mit Sinnestäuschungen.
Alkohol wird aus Genuß und nicht wegen seiner berauschenden und euphorisierenden Wirkung getrunken.
Es kommt nur bei seltenen Gelegenheiten zu einem Rausch.
Auch wenn Sie bei manchen Fragen unsicher sein sollten, welche Antwort Sie geben sollen, entscheiden Sie sich für die wahrscheinlichere Alternative. Und seien Sie vor allen Dingen ehrlich. Wenn Ihr Angehöriger mitmacht, können Sie auch ihm den Fragebogen vorlegen. Er wird manche Fragen besser beantworten können.
Es ist verständlich, ein solches Problem vor sich herzuschieben. Nehmen Sie sich jetzt gleich Zeit für den Test!
| Fragebogen
1. Trinkt Ihr Angehöriger, um sich besser entspannen zu können oder um Probleme zu vergessen? |
ja/nein |
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2. Wird Ihr Angehöriger in Gesellschaft anderer selbstbewußter und sicherer, wenn er die ersten Gläser Alkohol getrunken hat? |
ja/nein |
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3. Hat Ihr Angehöriger bereits versucht sein Trinken vor Ihnen zu verbergen? |
ja/nein |
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4. Wird Ihr Angehöriger wütend, oder versucht er das Gesprächsthema rasch zu wechseln, wenn Sie sich mit ihm über seinen Alkoholkonsum oder Alkohol im allgemeinen unterhalten? |
ja/nein |
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5. Traten bei Ihrem Angehörigen in der letzten Zeit häufiger Gedächtnislücken nach dem Trinken auf? |
ja/nein |
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6. Hat Ihr Angehöriger Schwierigkeiten auf der Arbeit wegen seines Alkoholkonsums bzw. hat er wegen seines Alkoholkonsums öfter einmal "blaugemacht"? |
ja/nein |
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7. Hat Ihr Angehöriger Ihnen schon einmal versprochen, mit dem Trinken aufzuhören oder es einzuschränken? |
ja/nein |
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8. Haben Sie das Gefühl, es steht ein ganz anderer Mensch vor Ihnen, wenn Ihr Angehöriger Alkohol getrunken hat? |
ja/nein |
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9. Hatten Sie bereits Auseinandersetzungen mit Ihrem Angehörigen wegen seines Alkoholkonsums, oder haben Sie ihm gedroht, den Kontakt zu ihm abzubrechen, wenn er mit dem Trinken nicht aufhört? |
ja/nein |
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10. Kann Ihr Angehöriger nicht oder nur schlecht mit dem Trinken aufhören, wenn er die ersten Gläser getrunken hat? |
ja/nein |
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Zählen Sie, wie viele Fragen Sie mit "Ja"; beantwortet haben. Je mehr Fragen Sie bejaht haben, um so wahrscheinlicher liegt zumindest eine Alkoholgefährdung vor. Haben Sie mehrere der Fragen 5 bis 10 bejaht, um so wahrscheinlicher ist es, daß Ihr Angehöriger große Alkoholprobleme hat. |
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Wenn dieser Test ergibt, daß Ihr Angehöriger Alkoholprobleme hat, versuchen Sie noch einmal ruhig mit ihm über seinen Alkoholkonsum zu sprechen und gemeinsam mit ihm Lösungsmöglichkeiten zu finden. Schließlich belastet auch Sie das Alkoholproblem Ihres Angehörigen, so daß Sie etwas unternehmen sollten, damit es zumindest Ihnen bessergeht.
Langsam in die Abhängigkeit - Gründe und UrsachenDie genauen Ursachen, warum ein Mensch alkoholabhängig wird, der andere, der genausoviel trinkt, jedoch nicht, sind zwar noch nicht bekannt. Die Wissenschaft vertritt aber die einhellige Meinung, daß mehrere Faktoren an der Entstehung von Alkoholabhängigkeit beteiligt sind:
a) der Alkohol selbst, denn er ist ein Suchtmittel
b) Gründe, die in der Person begründet sind - seien diese nun seelisch oder körperlich bedingt,
c) die soziale Situation und das soziale Umfeld (Familie, Kollegen, Freunde, gesellschaftliche Einstellung zum Alkohol) spielt bei der Entstehung von Alkoholabhängigkeit ebenfalls eine Rolle.
Ein Rauschmittel - was ist das eigentlich?Ein Rauschmittel ist eine Substanz, die nach der Einnahme Veränderungen im Gehirn hervorruft. Dazu gehört eine veränderte Wahrnehmung - Dinge, Situationen oder Personen werden z. B. als wesentlich schöner, positiver oder angenehmer wahrgenommen als im nüchternen Zustand. Das Rauschmittel Alkohol verstärkt auch Gefühle - nach dem Konsum einer geringen Menge Alkohols werden viele Menschen fröhlicher, manche fühlen sich auch glücklicher. Probleme werden vergessen bzw. wirken kleiner als sonst.
Wurde eine bestimmte Dosis überschritten, schlägt die Stimmung allerdings oft plötzlich um. Nun ist der Alkoholkonsument nicht mehr länger fröhlich, sondern deprimiert, nicht selten auch aggressiv - kurz: Viele Menschen werden richtig unangenehm, wenn sie zuviel Alkohol getrunken haben. Nach einiger Zeit stellt sich eine bleierne Müdigkeit und der Wunsch nach Schlaf ein.
Nach dem Genuß von Alkohol kommt es auch zu körperlichen Veränderungen. Die Zunge ist nicht mehr unter Kontrolle (Lallen), die Bewegungen werden unsicher, die Reaktionen verlangsamen sich. Am Morgen nach einem Rausch leiden viele unter einem Kater mit Kopfschmerzen und Übelkeit. Dies sind Vergiftungserscheinungen, denn Alkohol ist nicht nur ein Rauschmittel, sondern auch ein Gift.
Selbst wenn viele der Folgen des Alkoholeinflusses nicht angenehm sind, empfinden nicht wenige den Rausch als angenehm. Und was als angenehm empfunden wurde, möchte man wiederholen. Das kann letztlich zur Alkoholabhängigkeit führen.
Das Rauschmittel Alkohol ruft einen angenehmen körperlichen und seelischen Zustand hervor.
Bei Irene K. zeigte der Alkohol eine positive Wirkung:Irene K. war im Alter von 18 Jahren - als ihre Freundinnen schon lange einen festen Partner hatten - noch immer solo. Zwar hatte sie mehrere Verabredungen mit Männern, doch wenn sie sich mit ihnen traf, war sie so verängstigt, daß sie kaum ein Wort herausbrachte. Eine ihrer Freundinnen empfahl ihr, kurz vor einem Rendezvous einfach einmal ein Glas Wein zu trinken - "um die Zunge zu lockern", wie sie es ausdrückte. Und wirklich: Irene K. war bei der nächsten Verabredung weit weniger gehemmt - sie fühlte sich weit weniger ängstlich. Immer, wenn sie sich nun mit einem Mann traf, trank sie vorher ein Glas, später mehrere Gläser Alkohol. Ohne den Alkohol, so glaubte sie irgendwann, könne sie überhaupt keine angenehme Gesprächspartnerin sein.
Erbliche Veranlagung - ja oder nein?Nicht nur die als angenehm empfundenen Wirkungen des Alkohols können den Weg in die Abhängigkeit ebnen, wahrscheinlich muß eine gewisse Veranlagung bestehen, damit ein Mensch alkoholkrank wird. Inwieweit es in den Genen - also den Erbanlagen - festgelegt ist, ob jemand vom Alkohol abhängig wird, ist noch nicht ganz klar. Die Wissenschaftler geben den Erbanlagen aber zumindest eine gewisse Mitschuld. Der Grund: Untersuchungen mit Kindern von Alkoholkranken, die in frühester Kindheit von Familien adoptiert wurden, in denen nicht getrunken wurde, wurden häufiger alkoholabhängig als andere Adoptivkinder. Andere Untersuchungen erbrachten ähnliche Ergebnisse. Doch spielen wahrscheinlich noch weitere Faktoren eine Rolle - insbesondere die Persönlichkeit. Allerdings ist bis heute ungeklärt, welche Persönlichkeitsmerkmale die Entstehung der Alkoholabhängigkeit begünstigen - einheitliche Aussagen darüber können nicht getroffen werden.
Mehr und mehr wird auch in der Richtung geforscht, daß Alkoholabhängigkeit eine körperliche Ursache haben könnte. Möglicherweise spielen z. B. biochemische Prozesse, die sich im Gehirn abspielen, eine Rolle bei der Entstehung der Alkoholabhängigkeit.Manche Forscher vermuten, daß der Organismus eines Alkoholkranken entweder zuviel oder zuwenig einer bestimmten Substanz produzieren könnte. Auch andere körperliche Störungen (z. B. Stoffwechselstörungen) stehen im Verdacht, an der Entwicklung der Alkoholabhängigkeit beteiligt zu sein.
Welche Rolle spielt die Gesellschaft?In Deutschland ist das Trinken von Alkohol "gesellschaftsfähig" - zu allen Anlässen bekommt man ab einem gewissen Alter Alkohol angeboten: bei Feiern im Büro, beim Besuch von Freunden und auch nach einem Essen im Restaurant spendiert der Wirt oft noch einen "Verdauungsschnaps". Alkohol ist sozusagen allgegenwärtig - es ist oft leichter, ein Glas mitzutrinken, als es abzulehnen, denn wer nicht mittrinkt, muß meistens noch eine längere Erklärung abgeben, warum er keinen Alkohol trinken möchte. Oft wenden die anderen daraufhin alle möglichen Überredungskünste an, um den anderen doch noch davon zu überzeugen, daß "ein Gläschen doch nicht schaden" könne.
In einem Umfeld, in dem die Verlockungen so groß sind, ist es nicht verwunderlich, daß manche mit der Droge Alkohol nicht umgehen können. Eine Gesellschaft, die das Trinken von Alkohol nicht nur akzeptiert, sondern sogar noch fördert, trägt daher sicher auch eine gewisse Mitschuld an der Entstehung von Alkoholabhängigkeit. In Kulturen, in denen der Konsum von Alkohol geächtet ist (z. B. im Islam), gibt es letztlich zwar auch Alkoholkranke, doch eine geringere Zahl.
Die Gesellschaft trägt zwar eine Mitschuld an der Entstehung von Alkoholabhängigkeit, doch es wäre viel zu einfach, die Schuld allein den "anderen" zuzuschieben.
Die Eltern - ein leuchtendes Vorbild?Das Verhalten der Eltern hat für Kinder, insbesondere wenn sie noch klein sind, immer eine Vorbildfunktion. Trinken die Eltern oder ein Elternteil häufiger Alkohol, ist es wahrscheinlich, daß auch das Kind später dieses Verhalten übernimmt - es wächst ja damit auf, daß der Konsum von Alkohol als ganz normal und selbstverständlich angesehen wird.
Selbst wenn Kinder das übermäßige Trinken eines Elternteils ablehnen oder darunter leiden und sich schwören, "nie, aber auch niemals" soviel Alkohol zu trinken, greifen viele paradoxerweise als Erwachsene geradezu selbstverständlich zum Alkohol und wiederholen so Verhaltensweisen, die sie als Kind ablehnten. Vor allem dann, wenn die Eltern Begründungen wie "Alkohol hilft mir, mich zu entspannen" für ihren Alkoholkonsum angeben, nutzen die Kinder später den Alkohol häufig für gleiche Zwecke - nicht zuletzt deshalb, weil sie von ihren Eltern keine anderen Strategien zur Bewältigung von Problemen oder, wie in dem eben genannten Beispiel, zur Entspannung gelernt haben.
Auch Eltern, die ihren Kindern bereits relativ früh (z. B. zur Konfirmation) erlauben, Alkohol zu trinken, fördern damit ihren Alkoholkonsum - möglicherweise, jedoch nicht zwangsläufig, ist dies einer der ersten Schritte in die Abhängigkeit. Auch wenn Kinder mitbekommen, daß ihr Vater wegen seiner Trinkfestigkeit von anderen bewundert wird ("Mann, verträgst du viel!"), geraten sie leicht in Versuchung, sein Verhalten nachzuahmen.
Der Einfluß von FreundenEine nicht unwesentliche Rolle bei der Entstehung von Alkoholabhängigkeit kommt auch der Gesellschaft zu, in der man sich aufhält. Vor allem Jugendliche, die in eine Clique geraten, in der Alkohol als "cool" gilt, beginnen oft mit dem Trinken, um nicht als Außenseiter zu gelten. Nach und nach - wenn die Jugendlichen Gefallen am Trinken finden - steigert sich die Alkoholmenge. Während die meisten zu irgendeinem Zeitpunkt dann doch noch rechtzeitig den Ausstieg finden, trinken andere immer mehr und suchen nun gezielt nach "Saufkumpanen".
Auch Erwachsene, die in bestimmten Berufen tätig sind, trinken in der Regel mehr als andere. Bei Gastwirten, die allabendlich hinter der Theke stehen und andere mit Alkohol "versorgen", ist dies keineswegs verwunderlich. Auf dem Bau wird ebenfalls meist mehr getrunken als in einem Büro. Genauso trinken Journalisten oft nicht gerade wenig, nicht zuletzt deshalb, weil ihnen bei Lokalterminen häufig etwas zu trinken angeboten wird.
Streß, Belastungen und ProblemeHeutzutage klagen die meisten Menschen
über Streß am Arbeitsplatz, doch auch in ihrer Freizeit
setzen sich viele zusätzlichem Streß aus, indem sie von
einem Termin zum nächsten hetzen. Hinzu kommen oft noch
private Probleme. Nicht wenige haben zudem verlernt, sich
einmal richtig zu entspannen und damit Streß abzubauen.
Statt dessen greifen viele in belastenden Situationen zum
"Entspannungsdrink", um den Alltag
zu vergessen. Schließlich wird immer mehr Alkohol benötigt,
um den Zustand der Entspannung herbeizuführen bzw. um die
Probleme zu vergessen.
Oft wirft der zunehmende Alkoholkonsum jedoch noch weitere Probleme auf - es kommt zu Auseinandersetzungen über den Alkohol innerhalb der Familie. Für den Alkoholkonsumenten ein weiterer "Grund", Alkohol zu trinken.
Wenn der Körper reagiert - gesundheitliche Folgen des AlkoholkonsumsDoch es sind nur die wenigsten, die auf einen Schlag soviel Alkohol trinken, daß sie daran sterben. Aber auch der regelmäßige Alkoholkonsum kann schwere gesundheitliche Folgeschäden nach sich ziehen. Das gilt im übrigen nicht nur für Alkoholabhängige, sondern für alle, die regelmäßig Alkohol trinken. Wer zusätzlich raucht oder Medikamente einnimmt, erhöht sein Risiko für Gesundheitsschäden um ein vielfaches.
Wie lange es dauert, bis der Alkohol körperliche Schäden nach sich zieht, ist von Mensch zu Mensch verschieden. Bei Frauen stellen sich in der Regel rascher Gesundheitsschäden ein, denn ihr Organismus kann den Alkohol schlechter verarbeiten als der der Männer. Manche Menschen können aufgrund ihrer körperlichen Konstitution mehr Alkohol vertragen; bei Älteren oder Kranken treten körperliche Probleme schneller auf. Oft lassen sich die gesundheitlichen Beschwerden nicht allein auf den Alkoholkonsum zurückführen - auch andere Faktoren spielen eine Rolle.
Mit Sicherheit kann gesagt werden, daß zuviel Alkohol (Männer: mehr als 40 Gramm reiner Alkohol pro Tag; Frauen: mehr als 20 Gramm) der Gesundheit schadet.
Gestörtes ErnährungsverhaltenWer Alkohol im Übermaß trinkt, achtet nur selten auf eine gesunde Ernährung. Die meisten Alkoholabhängigen nehmen zuwenig lebensnotwendige Vitamine und Mineralstoffe mit der Nahrung auf. Hinzu kommt, daß bestimmte Vitalstoffe unter Alkoholeinfluß vom Körper schlechter verwertet werden als üblich. Die Folge: Es kommt zu einem Mangel an Nährstoffen, was Erkrankungen nach sich zieht und die schädigende Wirkung des Alkohols auf die Zellen verstärkt.
Die Leber und der AlkoholDie Leber ist das Organ, das den Körper entgiftet. Sie verarbeitet somit auch den Alkohol. Kein Wunder, daß es bei übermäßigem Alkoholkonsum meistens zu Leberschäden kommt. Stellt die Leber infolge starker Schädigung ihre Funktion ein, stirbt der Betroffene, denn die Leber ist ein lebensnotwendiges Organ. Glücklicherweise kann sie sich bis zu einem gewissen Grad regenerieren - wird der Alkoholkonsum eingestellt, erholt sie sich, wenn sie nicht schon zu stark geschädigt ist.
Als erstes entwickelt sich bei regelmäßigem Alkoholkonsum eine Fettleber. In den Zellen der Leber sammeln sich kleine Fettmengen an, die Leber schwillt an. Nach einiger Zeit kann die Leber ihren Aufgaben nicht mehr vollständig nachkommen.
Nach einigen Jahren übermäßigen Alkoholkonsums kommt es zur Fettleberhepatitis, einer Leberentzündung. Nun verändern sich die Leberzellen; als Folge der entzündlichen Prozesse in der Leber werden manche von ihnen zu funktionslosen Bindegewebszellen umgebaut. Nicht selten macht sich die Hepatitis mit gelblicher Gesichts - und Körperfarbe bemerkbar. Auch Übelkeit geht oft mit der Krankheit einher. Wird die Krankheit nicht gestoppt, geht sie (bei unverändertem Alkoholkonsum) in eine Leberzirrhose über, das heißt, größere Mengen Leberzellen werden durch Bindegewebszellen ersetzt. Die Leber kann ihre Funktion nicht mehr erfüllen - als Folge tritt der Tod ein.
Ist noch nicht allzuviel Lebergewebe zerstört, kann auch die Leberzirrhose noch gestoppt werden, indem der Betroffene sofort den Alkoholkonsum einstellt.
Die Leber gehört zu den Organen, die bei Alkoholmißbrauch am häufigsten in Mitleidenschaft gezogen werden, denn sie baut den Alkohol ab.
Auch der Magen mag Alkohol nicht besondersUralt ist sie: die Sitte, nach dem Essen einen "Verdauungsschnaps" zu trinken, um dem Magen auf die Sprünge zu helfen. Davon leiten viele ab, daß Alkohol gut für den Magen und die Verdauung ist. Das ist jedoch völliger Unfug! Zuviel Alkohol, vor allem Hochprozentiges, schadet der Magenschleimhaut und ruft nicht selten eine Magenschleimhautentzündung hervor. Das dürfte wohl den meisten bekannt sein, denn bei einem "Kater" nach einer durchzechten Nacht macht sich oft Übelkeit breit.
Wer viel und regelmäßig Alkohol trinkt, schädigt seine Magenschleimhaut anhaltend. Als Folge kann es unter anderem zu Magenblutungen kommen, die lebensgefährlich sein können.
Die Bauchspeicheldrüse, die Nerven und das GehirnAuch die Bauchspeicheldrüse wird vom Alkohol in Mitleidenschaft gezogen - bei anhaltendem Alkoholmißbrauch kann es zu einer chronischen Bauchspeicheldrüsenentzündung kommen, die tödlich ausgehen kann.
Die Nerven leiden ebenfalls unter anhaltendem übermäßigem Alkoholkonsum - insbesondere die Nerven in den Beinen sind von Entzündungen betroffen. Schmerzen und Kribbeln in den Beinen können auf den Beginn einer Nervenentzündung hindeuten.
Die Folgen des Alkoholkonsums für das Gehirn dürften mittlerweile allgemein bekannt sein: Übermäßiger Alkoholkonsum führt zum Absterben von Gehirnzellen und zu Schädigungen des Gehirns. Denkvermögen und Gedächtnis lassen allmählich nach, auch die Reaktionsfähigkeit ist eingeschränkt.
Es ist klar, daß auch alle anderen Organe (z. B. das Herz) durch Alkoholmißbrauch geschädigt werden können. Bei Männern kann es zusätzlich zu einem Nachlassen der Potenz kommen.
Zwar mag man subjektiv das Gefühl haben, daß ein Verdauungsschnaps einem nach einem schweren Essen Erleichterung verschafft, doch zu viel Alkohol schädigt die Magenschleimhaut.
Alkohol in der SchwangerschaftDas sogenannte fetale Alkoholsyndrom (FAS; auch Alkoholembryopathie) äußert sich sowohl durch körperliche Mißbildungen als auch durch geistige Entwicklungsstörungen und Wachstumsverzögerungen. Viele Kinder, die mit einem fetalen Alkoholsyndrom zur Welt kommen, zeigen in späteren Jahren zudem Verhaltensauffälligkeiten. All dies hätte verhindert werden können, wenn die Mutter während der Schwangerschaft keinen Alkohol getrunken hätte.
Die Schädigung des Ungeborenen
Alkohol ist ein Zellgift - nach längerem übermäßigem Alkoholkonsum ruft er bereits beim Erwachsenen gesundheitliche Schäden hervor. Das Ungeborene ist jedoch noch viel empfindlicher für schädigende Einflüsse. Kein Wunder, daß Alkohol den Fetus bzw. den Embryo anhaltend schädigen kann.Das ungeborene Kind wird über das Blut von der Mutter mit Nährstoffen versorgt. Der Mutterkuchen, die Plazenta, trennt zwar den Blutkreislauf des Ungeborenen von dem der Mutter ab und filtert schädigende Stoffe heraus, so daß sie nicht in den Blutkreislauf des Ungeborenen geraten, doch Alkohol gelingt es, diese sogenannte Plazentaschranke zu durchbrechen und auf das ungeborene Kind einzuwirken. Vor allem wenn Alkohol während der ersten zwölf Wochen einer Schwangerschaft getrunken wird, in denen sich die Organentwicklung des Kindes vollzieht, kann es schwere Schäden davontragen. Während dieser Zeit ist der Embryo besonders anfällig gegenüber schädigenden Einflüssen. Doch auch zu späteren Zeitpunkten in der Schwangerschaft kann Alkohol das ungeborene Kind noch schädigen. Die Leber des Ungeborenen kann den Alkohol noch nicht richtig abbauen, weshalb er sich im Organismus des Fetus ansammelt.
Mißbildungen, die verhindert werden könntenEinem Kind, das unter FAS leidet, ist seine Behinderung nicht selten deutlich anzusehen. Sein Gesicht zeigt ausgeprägte Merkmale wie eine kurze, flache Nase, kleine Augen, und es besitzt einen kleinen Kopfumfang.
Gestörte geistige Entwicklung von Kindern mit fetalem Alkoholsyndrom
Der Grad der Behinderung und die Anzahl der Merkmale, die ein Kind mit FAS aufweist, hängt vor allem davon ab, wieviel Alkohol die Mutter während der Schwangerschaft getrunken hat. Hat sie größere Mengen Alkohol konsumiert, ist es wahrscheinlich, daß das FAS bei ihrem Kind stärker ausgeprägt ist. Auch kann ein erhöhter Alkoholkonsum besonders in den ersten zwölf Wochen der Schwangerschaft schwere körperliche Mißbildungen nach sich ziehen, da sich in dieser Zeit die Gliedmaßen und die Organe des Fetus entwickeln. Weist das Kind nur einige leichtere Merkmale des FAS auf, wird von fetalen Alkohol - Effekten (FAE) gesprochen.
Auch für die Ärzte ist die Diagnose des fetalen Alkoholsyndroms oft nicht ganz einfach.
Das Baby trinkt immer mit!Viele Frauen fragen, wieviel Alkohol sie während der Schwangerschaft trinken dürfen. Darauf gibt es eigentlich nur eine Antwort: überhaupt keinen Alkohol! Denn das ungeborene Kind trinkt immer mit, und immer besteht die Gefahr, daß es durch das starke Gift Alkohol geschädigt wird.
Eine Frau sollte ihren Alkoholkonsum während der Schwangerschaft zumindest stark reduzieren, wenn sie nicht völlig auf Alkohol verzichten möchte. Ein Glas Wein oder Bier hin und wieder (jedoch keinesfalls täglich) ist genug! In keinem Fall sollte die Schwangere jedoch größere Mengen Alkohol auf einmal trinken, denn das erhöht die Gefahr für das Baby erheblich. Hier gilt: Je größer die Menge des Alkohols, die auf einen Schlag getrunken wird, um so höher das Risiko für das Kind, Schäden zurückzubehalten. Bei Frauen, die Alkohol nur sehr schlecht vertragen, können bereits geringe Mengen ausreichen, um dem Baby zu schaden.
Es gibt keine sicheren Angaben darüber, welche Menge Alkohol dem Kind schadet und welche nicht. Das kann von Frau zu Frau unterschiedlich sein.
Wenn der Vater trinkt ...Auch der Alkoholkonsum des Vaters spielt wahrscheinlich eine Rolle, ob das Kind mit alkoholbedingten Schäden zur Welt kommt. Der Samen (und damit die Erbanlagen) des Vaters kann durch übermäßigen Alkoholkonsum geschädigt sein. Wenn sie sich Kinder wünschen und eine Schwangerschaft planen, sollten daher beide Partner auf Alkohol weitgehend verzichten.
Während der Schwangerschaft ihrer Partnerin sollten sich werdende Väter ebenfalls mit ihrem Alkoholkonsum zurückhalten - natürlich nicht deshalb, weil sie dem Kind damit schaden könnten, sondern weil sie sich solidarisch verhalten sollten. Für eine Frau ist es nicht angenehm, wenn ihr Partner während der Schwangerschaft trinkt.
Psychische Auswirkungen des AlkoholsEs kommt nicht nur zu Gedächtnisstörungen und Erinnerungslücken, der Alkohol kann auch die Persönlichkeit eines Menschen verändern.
Wenn der Alkohol nicht mehr fröhlich macht ...
Die meisten Menschen werden die euphorisierende Wirkung des Alkohols bereits am eigenen Leib verspürt haben - schon nach einigen Gläsern fühlen sich viele leicht und beschwingt. Diese Wirkung verspüren jedoch viele Alkoholabhängige kaum noch. Sie sind allein auf den Alkohol fixiert, ihre Gedanken drehen sich vorwiegend darum, wann sie das nächste Glas trinken können. Darüber vernachlässigen sie verständlicherweise alle anderen Interessen und natürlich auch ihre Familie und Freunde.
Häufig werden Alkoholabhängige von Schuldgefühlen und Angst geplagt - nicht selten entwickeln sie auch schwere Depressionen mit Selbstmordabsichten oder Selbstmordversuchen.
Die Angehörigen erkennen ihr Familienmitglied kaum noch wieder ("Das ist nicht mehr der Mann, den ich geheiratet habe"). Im Rausch neigen einige Alkoholabhängige zu aggressivem und gewalttätigem Verhalten, was die Situation für die Angehörigen noch unerträglicher macht. Nicht wenige Alkoholabhängige neigen zudem zu übermäßiger Eifersucht.
Gedächtnisstörungen und VerwirrungAufgrund der allmählichen Zerstörung von Gehirnzellen durch den Alkohol leiden viele Alkoholabhängige unter Gedächtnisstörungen. Die Erinnerungslücken nach Räuschen häufen sich. Manchmal berichten die Betroffenen nun auch über Erlebnisse, die sie selbst für wahr halten, die jedoch nie passiert sind.
Einige Abhängige sind regelrecht verwirrt; beispielsweise verlieren manche die Orientierung. Andere leiden unter Sinnestäuschungen - sie sehen Dinge, die gar nicht da sind, hören Stimmen, die nicht existieren, oder fühlen sich unberechtigterweise von anderen verfolgt. Hier bestehen starke Ähnlichkeiten zum Delirium tremens (Alkoholdelirium).
Bei den meisten Abhängigen verschwinden die Gedächtnisstörungen, wenn sie keinen Alkohol mehr trinken.
Das AlkoholdeliriumGlücklicherweise erleben nicht alle Alkoholabhängigen ein Alkoholdelirium - schließlich überleben manche diesen Zustand nicht. Beim Delirium tremens handelt es sich um eine auf den Alkohol zurückzuführende Geisteskrankheit, in deren Folge die Betroffenen Dinge sehen, die es nicht gibt. Sie wirken äußerst verwirrt und bringen keine klaren Sätze mehr heraus. Während des Deliriums leiden die meisten unter starken Angstzuständen. Zu den körperlichen Begleitsymptomen zählen starkes Zittern und Schweißausbrüche, zum Teil treten Krampfanfälle auf.
Ein Alkoholabhängiger, der ins Delirium fällt, benötigt sofortige ärztliche Hilfe - er muß schnellstmöglich ins Krankenhaus. Sonst kann das Alkoholdelirium einen tödlichen Ausgang nehmen.
Die Familie leidet immer mit
Nicht selten tyrannisiert der Alkoholabhängige seine Familie, doch auch wenn er das nicht tut, erleben die Angehörigen den körperlichen Verfall und vor allem die oft erschreckenden Persönlichkeitsveränderungen des Abhängigen hautnah mit.
Es beginnt mit Diskussionen
Als erstes bemerkt meistens der Partner, daß sein Lebensgefährte regelmäßig und/oder übermäßig trinkt. Möglicherweise toleriert er das Trinken eine Zeitlang, doch irgendwann kommt der Zeitpunkt der ersten Aussprache. Meistens bestreitet der Alkoholkonsument zu diesem Zeitpunkt, daß er zuviel trinkt.Nach und nach häufen sich die Meinungsverschiedenheiten zwischen den Partnern über den Alkoholkonsum. Der Trinker entwickelt Schuldgefühle gegenüber seinen Angehörigen und beginnt nicht selten heimlich zu trinken.
Das veränderte Verhalten unter dem Einfluß von Alkohol gibt immer Anlaß zu Diskussionen, selbst wenn der Trinker nicht unangenehm wird, wenn er Alkohol getrunken hat.
Die Freunde wenden sich abOft geraten die Angehörigen des Trinkers zu einem gewissen Zeitpunkt in die Isolation. Wenn Freunde feststellen, daß einer ihrer Bekannten zuviel trinkt, wenden sie sich nicht selten von der ganzen Familie ab, weil sie mit Alkoholproblemen nichts zu tun haben wollen.
Manchmal ekelt der Trinker Freunde (auch die des Partners) regelrecht aus dem Haus, indem er sie provoziert oder beschimpft. Die Angehörigen nehmen zu diesem Zeitpunkt ihr Familienmitglied oft noch in Schutz, doch schon bald stellen sie fest, daß sein Verhalten auch ihnen schadet. Viele versuchen lange, nach außen hin zu verbergen, daß es in ihrer Familie Alkoholprobleme gibt.
Streitereien häufen sichVielfach kommt es nun zu heftigen Streitigkeiten zwischen den Partnern wegen des Alkohols. Einige Trinker werden unter dem Einfluß von Alkohol aggressiv, zum Teil sogar gewalttätig und drohen ihrem Partner und ihren Kindern, wenn diese sie auf ihren Alkoholkonsum ansprechen. Die meisten Menschen mit Alkoholproblemen bestreiten weiterhin, daß sie zuviel Alkohol trinken. Teilweise machen sie sogar ihre Familie für ihr Trinken verantwortlich ("Wenn ihr nicht immer an mir herumnörgeln würdet, bräuchte ich gar nicht so viel zu trinken").
In dieser Phase entscheiden sich manche für eine Trennung von ihrem trinkenden Partner, weil sie die ständigen Diskussionen und die mit dem Trinken verbundenen Konsequenzen nicht mehr aushalten.
Andere halten nun noch stärker zu ihrem Partner, sie nehmen ihm Aufgaben ab, die er nicht mehr allein erledigen kann, zum Teil übernehmen sie sogar selbst einen Teil der Verantwortung für den Alkoholkonsum ihres Partners ("Wenn ich abends nicht so lange arbeiten müßte, würde er/sie vielleicht weniger trinken"). Manche meinen, sie könnten ihrem Partner durch das Abnehmen von Aufgaben dabei helfen, vom Alkohol loszukommen ("Wenn er/sie nicht mehr so überlastet ist, trinkt er/sie vielleicht nicht mehr so viel").
Irgendwann ist der Zeitpunkt da, zu dem es zu heftigen Streitigkeiten über den Alkoholkonsum kommt.
Die Probleme der KinderFür Kinder ist es besonders schwer zu verstehen, daß sich Menschen unter Alkoholeinfluß stark verändern können. Ist der Vater an dem einen Tag furchtbar nett und geht mit den Kindern in den Zoo, verhängt er am nächsten Abend aus einem nichtigen Grund oder sogar völlig grundlos Stubenarrest.
Dieses Dr.-Jekyll-und-Mr.-Hyde-Verhalten, das Alkoholkranke an den Tag legen, stellt für die Kinder eine riesige Belastung dar, weil sie nie wissen, wie ihr Vater oder ihre Mutter reagieren wird, und weil sie sein/ihr Verhalten nicht einschätzen können. Viele Kinder halten sich deshalb von dem trinkenden Elternteil möglichst fern; manche sind in seiner Anwesenheit sogar ausgesprochen ängstlich. Wie man sich leicht vorstellen kann, entwickeln eine Reihe von Kindern mit trinkenden Elternteilen psychische Auffälligkeiten (z. B. Hyperaktivität).
Für die Kinder sind Persönlichkeitsveränderungen unter Alkoholeinfluß ein großes Problem, denn dies führt oft dazu, daß sie dem trinkenden Elternteil zwiespältige Gefühle entgegenbringen.
Die Probleme der KinderFür Kinder ist es besonders schwer zu verstehen, daß sich Menschen unter Alkoholeinfluß stark verändern können. Ist der Vater an dem einen Tag furchtbar nett und geht mit den Kindern in den Zoo, verhängt er am nächsten Abend aus einem nichtigen Grund oder sogar völlig grundlos Stubenarrest.
Dieses Dr.-Jekyll-und-Mr.-Hyde-Verhalten, das Alkoholkranke an den Tag legen, stellt für die Kinder eine riesige Belastung dar, weil sie nie wissen, wie ihr Vater oder ihre Mutter reagieren wird, und weil sie sein/ihr Verhalten nicht einschätzen können. Viele Kinder halten sich deshalb von dem trinkenden Elternteil möglichst fern; manche sind in seiner Anwesenheit sogar ausgesprochen ängstlich. Wie man sich leicht vorstellen kann, entwickeln eine Reihe von Kindern mit trinkenden Elternteilen psychische Auffälligkeiten (z. B. Hyperaktivität).
Für die Kinder sind Persönlichkeitsveränderungen unter Alkoholeinfluß ein großes Problem, denn dies führt oft dazu, daß sie dem trinkenden Elternteil zwiespältige Gefühle entgegenbringen.
Kein Sonderfall: Gewalt in der FamilieNicht wenige Menschen werden - wenn sie einen gewissen "Alkoholpegel" überschritten haben - aggressiv und gewalttätig. Sie suchen geradezu Streit, und ein falsches Wort kann sie "auf die Palme bringen". Auch unter diesem Verhalten hat vorrangig die Familie zu leiden. Kein Wunder! Menschen, die sich gegenüber Fremden noch zurückhalten, glauben, sie könnten sich gegenüber ihrer Familie alles herausnehmen. Meistens sind es Männer, die ihrer Familie unter Alkoholeinfluß Gewalt androhen oder ihr sogar Gewalt antun. Oft ist der Auslöser ein Gespräch über den Alkohol, doch auch andere Gesprächsthemen oder Bemerkungen, die nicht angreifend waren, können Anlaß zu Gewalttätigkeiten geben. Manchmal sucht der Trinker auch krampfhaft nach einem Anlaß, um seine Wut ablassen zu können ("Du weißt doch, daß ich keine Bratwurst mag"). Betroffen von der Gewalt sind zunächst meistens die Frauen, die sich in der Regel auch schützend vor die Kinder stellen, wenn der Trinker diese angreift. Doch auch die Kinder sind nicht vor Schlägen geschützt. Das Ausmaß der Gewalt reicht von der Ohrfeige bis zum Zu-Tode-Prügeln. Keine Form der Gewaltanwendung innerhalb der Familie ist zu tolerieren. Die Betroffenen sollten schnellstmöglich etwas unternehmen (z. B. zur Polizei gehen), damit sie nicht noch weiterer Gewalt ausgesetzt sind. Sie sollten ihrem Angehörigen auch nicht glauben, wenn er ihnen nüchtern verspricht, daß "so etwas" nie wieder vorkommt. Im Alkoholrausch sieht die Welt vielleicht bald doch schon wieder "blutrot" aus.
Gewalt in der Familie ist kein Kavaliersdelikt. Die Angehörigen sollten keinesfalls aus Scham darüber schweigen, sondern unbedingt etwas dagegen unternehmen.
Helmut F. (45 Jahre) tyrannisierte seine Familie: Immer, wenn Helmut F. von der Arbeit angetrunken nach Hause kam, stand seine Familie Schrecken aus, denn seine Frau und seine zwei Kinder (6 und 8 Jahre) wußten nicht, was für eine Laune er diesmal haben würde. War er gutgelaunt, verlangte er "nur" nach einem weiteren Bier, setzte sich vor den Fernseher und trank, bis er letztlich einschlief. Hatte er jedoch schlechte Laune, vermieden seine Frau und seine Kinder jedes Wort, das er in irgendeiner Form als Angriff auffassen könnte, denn dann explodierte er förmlich. Schon beim geringsten Anlaß ging er in die Luft, so rannte er z. B. einmal wütend hinter seiner Tochter her, weil diese ihn bat, seine Frage an sie zu wiederholen, weil sie sie nicht verstanden hatte. Erwischte er seine Frau oder eines seiner Kinder in solch einem Moment, prügelte er eine Zeitlang wütend auf sie ein. Aus diesem Grund versuchten seine Frau und seine Kinder sich vor ihm zu verstecken, wenn er wieder einmal ausrastete. Das ging so weit, daß seine Frau häufiger im Garten übernachtete.
Alkohol, Arbeit und KollegenWie lange es dauert, bis die Geschäftsleitung Konsequenzen zieht, ist einerseits von der Art der Tätigkeit abhängig und andererseits davon, wie gut der Betroffene noch in der Lage ist, seine Tätigkeit auszuüben. Ein Beispiel: Während das Alkoholtrinken auf dem Bau nicht selten toleriert wird, wird einem trinkenden Lkw - Fahrer meistens rasch gekündigt.
Fehlzeiten
Alkoholprobleme fallen im Berufsleben zunächst am ehesten dadurch auf, daß der Betroffene seinem Arbeitsplatz häufiger fernbleibt. Denn nach Alkoholexzessen fällt es vielen wegen des Katers schwer, zur Arbeit zu gehen. Häufen sich die Fehltage, ruft vielleicht sogar meistens die Partnerin des Arbeitnehmers an, um ihn für den Arbeitstag zu entschuldigen, erhärtet sich der Verdacht, daß der Arbeitnehmer Alkoholprobleme hat. In den meisten Betrieben führt daraufhin der nächste Vorgesetzte ein Gespräch mit dem Arbeitnehmer, in dem konkrete Situationen angesprochen und mögliche Konsequenzen erörtert werden. Es folgen möglicherweise weitere Gespräche, wenn der Arbeitnehmer sein Verhalten nicht ändert. In einigen Betrieben erhält der Arbeitnehmer jedoch bald eine schriftliche Abmahnung mit der Androhung der Kündigung, sollte er sein Verhalten nicht ändern. Fortschrittliche Firmen fordern den Arbeitnehmer auf, sich einer Selbsthilfegruppe anzuschließen oder eine Beratungsstelle aufzusuchen.
Alkoholabhängige Arbeitnehmer machen nicht nur häufiger blau, sie fehlen auch öfter aus Krankheitsgründen.
Erhöhtes UnfallrisikoViele Alkoholabhängige trinken während der Arbeitszeit. Manche trinken offen, andere halten ihren Flachmann in der Schreibtischschublade versteckt und nehmen ab und an einen Schluck daraus. Wiederum andere mischen ein alkoholfreies Getränk mit Schnaps und versuchen so, ihren Alkoholkonsum zu tarnen.
Während der Arbeit Alkohol zu trinken erhöht das Unfallrisiko ungemein, denn die Reaktionsfähigkeit wird durch Alkohol herabgesetzt, und die Risikobereitschaft steigt. Schäden aus Unfällen, die unter Alkoholeinfluß passiert sind, muß der Arbeitnehmer meistens zumindest teilweise aus eigener Tasche begleichen, auch wenn er unfall - und haftpflichtversichert ist. Natürlich ist das Verursachen von Unfällen unter Alkoholeinfluß auch ein Kündigungsgrund.
Verminderte LeistungsbereitschaftViele Menschen meinen, sie seien unter Alkoholeinfluß besonders kreativ und leistungsfähig. Das ist jedoch ein Trugschluß. Die Leistungsfähigkeit und auch die Reaktionsfähigkeit sinken mit zunehmender Blutalkoholkonzentration. Auch Fehler schleichen sich öfter bei der Arbeit ein.
Stellen die Vorgesetzten fest, daß ein Arbeitnehmer häufig angetrunken seine Tätigkeit verrichtet, können sie ihn abmahnen und von ihm verlangen, daß er den Alkoholkonsum während der Arbeit einstellt. Kommt er der Aufforderung nicht nach, kann auf die Abmahnungen die ordentliche (fristgemäße) Kündigung folgen.
Die Kollegen und der AlkoholDie Alkoholprobleme eines Arbeitnehmers bleiben auch den Kollegen nicht verborgen - vor allem dann nicht, wenn der Arbeitnehmer häufig mit einer Alkoholfahne bei der Arbeit auftaucht. Zunächst interessiert es die wenigsten Beschäftigten, ob einer ihrer Kollegen ein Alkoholproblem hat. Vielleicht sprechen ihn einige auf den Alkohol an, doch die meisten wollen sich nicht einmischen. Spätestens dann, wenn die Arbeitnehmer einen Teil der Arbeit des Alkoholgefährdeten oder - abhängigen mit übernehmen müssen, weil dieser sein Arbeitspensum nicht schafft, erfolgt eine Reaktion.
Während manche Arbeitnehmer wütend sind und den Kollegen auf seine Alkoholprobleme aufmerksam machen, übernehmen andere klaglos die Mehrarbeit und kümmern sich nicht um ihren Kollegen und seine Schwierigkeiten, weil sie sich nicht einmischen wollen. Die meisten kapseln sich jedoch nach und nach von dem Alkoholgefährdeten bzw. - abhängigen ab, weil sie mit "solchen Leuten" nichts zu tun haben wollen. Der Kollege wird ausgegrenzt, was nicht selten zur Folge hat, daß seine Alkoholprobleme noch größer werden.
Die meisten Arbeitnehmer sprechen einen Kollegen erst dann auf seine Alkoholprobleme an, wenn sie selbst darunter zu leiden haben.
Am Ende steht die KündigungWerden Hilfeangebote nicht angenommen und kommt es zur Kündigung wegen des fortgesetzten Alkoholkonsums am Arbeitsplatz, fallen viele Betroffene in ein tiefes Loch. Viele trinken nun mehr als vorher, denn sie "haben jetzt ja allen Grund dazu".
Mit dem Verlust des Arbeitsplatzes sind meistens größere finanzielle Probleme verbunden, denn oft reicht das Arbeitslosengeld nicht aus, um die Familie zu ernähren. Wenn kein Anspruch auf Arbeitslosengeld oder -hilfe besteht, kommt es noch härter: Der Betroffene muß nun mit Sozialhilfe auskommen.
Eine neue Stelle zu finden ist für die Betroffenen oft schwer. Der neue Arbeitgeber möchte die Gründe für die Entlassung wissen, und auch im Arbeitszeugnis sind oft Andeutungen über den übermäßigen Alkoholkonsum zu finden. Nach einiger Zeit geben manche die Stellensuche auf, trinken mehr und rutschen auf der sozialen Leiter noch weiter nach unten ab. Die Kündigung ist häufig das letzte "Druckmittel", um dem Abhängigen den Ernst der Situation vor Augen zu führen, um seine Veränderungsbereitschaft zu wecken. Deshalb sollte eine Kündigung immer mit dem Angebot verbunden sein, Hilfe von außen anzunehmen.
Ist eine Kündigung jederzeit möglich?Um einen Arbeitnehmer wegen seines Alkoholkonsums zu entlassen, benötigt der Arbeitgeber Beweise dafür, daß der Arbeitnehmer gegen Vorschriften verstößt oder seine Arbeitsleistung wegen seines Alkoholkonsums leidet. Eine fristlose, das heißt außerordentliche Kündigung kann der Arbeitgeber nur aussprechen, wenn ein so grober Verstoß des Arbeitnehmers gegen seine Pflichten vorliegt, daß es dem Arbeitgeber nicht länger zugemutet werden kann, ihn weiterzubeschäftigen. Wenn z. B. ein Busfahrer betrunken Bus fährt, rechtfertigt das jederzeit die außerordentliche Kündigung.
In allen anderen Fällen ist nur eine fristgemäße ordentliche Kündigung möglich. Der Kündigung müssen Abmahnungen vorausgehen, in denen die Kündigung angedroht wird, wenn der Arbeitnehmer den für den Betrieb untragbaren Zustand (den Alkoholkonsum) nicht innerhalb einer gewissen Zeit abstellt.
Gegen die Kündigung kann der Arbeitnehmer innerhalb einer Frist von drei Wochen vor dem Arbeitsgericht Kündigungsschutzklage erheben, mit der er die Kündigung anficht.
Frauen und Alkohol - immer noch ein TabuthemaDennoch sind knapp ein Viertel aller Alkoholabhängigen in Deutschland Frauen. Entgegen früherer Annahmen, daß die Zahl der alkoholabhängigen Frauen weiter steigt, haben neueste Untersuchungen ergeben, daß in etwa gleichbleibend viele Frauen in Deutschland alkoholabhängig sind.
Haben Frauen andere Gründe als Männer für den Alkoholkonsum?
Im Prinzip ähneln sich die Gründe für den übermäßigen Alkoholkonsum bei Männern und Frauen. Beide trinken, um ihre Probleme zu vergessen, um den Alltag angenehmer zu machen, um sich entspannen zu können oder um ungehemmt mit anderen ins Gespräch zu kommen.
Doch Frauen führen nicht selten noch weitere Gründe für ihren Alkoholkonsum an: Manche trinken, um zumindest ein wenig Freude an der Sexualität zu empfinden, andere kommen mit der Belastung, Beruf, Familie und Haushalt unter einen Hut bringen zu wollen, nicht klar, manche alleinstehende Frau versucht, sich das Alleinsein durch den Konsum von Alkohol zu erleichtern. Nicht wenige Frauen, die alkoholabhängig sind, leben wiederum mit Männern zusammen, die ebenfalls Alkoholprobleme haben. Ob der Alkoholkonsum der Männer Einfluß auf die Frauen hatte, ist allerdings nicht sicher. Manche Frauen suchen aufgrund sexueller Mißbrauchserlebnisse in der Kindheit später Zuflucht im Alkohol.
Nicht wenige Frauen fühlen sich zudem stärker und mutiger, wenn sie Alkohol getrunken haben. Unter Alkoholeinfluß trauen sie sich endlich, dem Partner die Meinung zu sagen und den Chef um eine Gehaltserhöhung zu bitten. Wenn sie mit diesem Verhalten Erfolg hatten, ermutigt sie das, auch weiterhin zum Alkohol zu greifen, um ihre Forderungen durchzusetzen.
Alkohol macht stark - das machen sich insbesondere die vermeintlich schwachen Frauen zunutze.
"Nur Schlampen trinken"
Frauen, die Alkoholprobleme haben, trinken - im Gegensatz zu Männern - vorrangig heimlich. Der Grund: Das Trinken von Alkohol war jahrzehnte - , wenn nicht gar jahrhundertelang eine Männerdomäne. Betrunkene Frauen gelten auch in unserer Gesellschaft noch immer als "Schlampen", die es nicht wert sind, daß man ihnen hilft. Frauen haben keinen Alkohol zu trinken, sondern sich um die Kinder und den Haushalt zu kümmern. Um ihr Gesicht zu wahren, trinken deshalb die meisten Frauen im stillen Kämmerlein. Selbst Frauen, die offensichtlich große Alkoholprobleme haben, leugnen es ab, Alkohol zu trinken.
Alkoholabhängige Frauen begeben sich (wenn überhaupt) daher oft erst sehr spät in Behandlung - auch der Besuch einer Selbsthilfegruppe kostet die meisten große Überwindung. Deshalb sind die Angehörigen besonders gefordert, ihren Partnerinnen, Müttern, Tanten usw. zu helfen, wenn sie ein Alkoholproblem bei ihnen vermuten.
Warum beginnen Frauen mit dem Trinken?Eine Alkoholkarriere beginnt bei den meisten Männern in der Pubertät: Sie werden oft von Älteren dazu aufgefordert, sich einmal richtig zu betrinken, weil das "jeder anständige Mann hin und wieder tut". Wenn ein Junge viel verträgt, erringt er die Bewunderung der anderen - auch der Älteren. Bei Frauen sieht das ganz anders aus.
Keine ältere Frau würde wohl zu einem jungen Mädchen sagen, daß es an der Zeit wäre, sich "mal so richtig zu betrinken" - ganz im Gegenteil. Die meisten Mädchen werden vor dem Alkohol gewarnt. Es wird ihnen gesagt, daß angetrunkene oder gar betrunkene Frauen nicht besonders weiblich wirken. Dennoch beginnen manche Mädchen bereits in der Pubertät mit dem Trinken.
Einige der jungen Mädchen, deren Alkoholkarriere bereits in der Pubertät oder kurz danach beginnt, stammen aus zerrütteten Familien, in denen meist auch mindestens ein Elternteil trinkt. Um ihrem grauen Alltag zu entfliehen, greifen diese Mädchen zur Flasche. Andere werden von ihren ersten Liebespartnern dazu angehalten, mit ihnen zu trinken. Wiederum andere versuchen ihre Probleme (z. B. sexuellen Mißbrauch, aber auch Langeweile) im Alkohol zu ertränken.
Viele Frauen beginnen jedoch erst jenseits des Alters von 20 Jahren zu trinken. Sie wirken nach außen oft unauffällig, leben in geregelten Verhältnissen und haben meistens etwas anders gelagerte Gründe für den übermäßigen Konsum von Alkohol: Manche trinken, um Probleme besser zu bewältigen, andere versuchen ihrem (vermeintlich) langweiligen Leben einen Reiz zu geben. Erstaunlich ist, daß auch eine Reihe erfolgreicher Frauen zur Flasche greift - wahrscheinlich, weil sie meinen, ohne den Alkohol den Belastungen nicht standhalten zu können.
Medikamente und Alkohol - eine gefährliche MischungNicht wenige Frauen, die alkoholabhängig sind, nehmen neben dem Alkohol zusätzlich Medikamente (Beruhigungsmittel, Schlaftabletten, Aufputschmittel usw.) ein, die eine Wirkung auf die Psyche ausüben (sogenannte Psychopharmaka). Werden manche dieser Mittel mit Alkohol kombiniert, kann es zu gefährlichen Wechselwirkungen zwischen dem Alkohol und den Medikamenten kommen, die die Gesundheit stärker schädigen als der Alkohol oder die Tabletten allein.
Eine Reihe von Frauen nehmen auch abwechselnd Medikamente und Alkohol zu sich - die Medikamente, wenn sie zur Arbeit gehen oder sich mit anderen treffen, da sie keine Alkoholfahne verursachen, den Alkohol, wenn sie allein zu Hause sind. Die Einnahme der Medikamente läßt sich besser vor anderen verbergen als das Trinken von Alkohol. Diese Frauen sind natürlich um ihren guten Ruf bedacht. Niemand soll sagen können, sie seien abhängig.
Diese Frauen sind abhängig von zwei verschiedenen suchtauslösenden Stoffen. Eine solche Mehrfachabhängigkeit muß so schnell wie möglich behandelt werden, damit es nicht zu irreparablen gesundheitlichen Schäden kommt.
Wenn Jugendliche trinken ...
Doch ist es meistens nicht der Geschmack des Alkohohls, der die Jugendlichen zum Trinken verführt. Den wenigsten schmecken alkoholische Getränke, wenn sie sie zum ersten Mal trinken. Es gibt jedoch eine Reihe anderer Gründe, die Jugendliche immer wieder zum Trinken verleiten.
Vielen Jugendlichen, die erstmals Alkohol trinken, schmeckt er eigentlich gar nicht.
Die Pubertät - Phase des UmbruchsDie Pubertät ist ein schwieriger Lebensabschnitt für die Jugendlichen. Einerseits wollen sie sich von den Eltern lösen und unabhängig sein, andererseits sind sie noch sehr unsicher. Zu dieser Lebensphase gehört es dazu, sich gegen die Eltern aufzulehnen bzw. Neues zu entdecken und zu versuchen. Mit dem Konsum von Alkohol schlagen die Jugendlichen diese zwei Fliegen mit einer Klappe: Sie zeigen, daß sie erwachsen sind, und sie rebellieren gegen die Eltern, die den Konsum von Alkohol untersagt haben.
Auch wenn der Alkohol zunächst vielleicht gar nicht so besonders gut schmeckt - seine berauschende Wirkung gefällt vielen Jugendlichen, vor allem wenn sie merken, daß sie durch den Alkohol Hemmungen verlieren, die gerade in der Pubertät stark ausgeprägt sind.
Die heutige Situation von JugendlichenViele Jugendliche sehen heute aufgrund der hohen Arbeitslosigkeit kaum noch eine Perspektive für ihr Leben. Manche flüchten sich in den Alkohol, um ihre Situation zumindest zeitweise zu vergessen. Auch andere Ängste (z. B. nicht attraktiv genug zu sein oder schlechte schulische Leistungen zu erbringen) werden durch den Konsum von Alkohol abgemildert.
Stärke beweisenIn manchen Kreisen gelten diejenigen unter den Jugendlichen als besonders erwachsen und bewundernswert, die größere Mengen Alkohol vertragen. Wer keinen Alkohol trinkt oder verträgt, ist dagegen ein "Schlappschwanz". Durch diesen Gruppendruck werden viele Jugendliche dazu verleitet, Alkohol zu trinken, um nicht als Außenseiter zu gelten - und zwar soviel wie möglich.
Das Elternhaus spielt auch eine RolleDas Trinkverhalten der Eltern beeinflußt die Jugendlichen ebenfalls nicht unwesentlich. Wird im Elternhaus viel Alkohol konsumiert, steigt das Risiko, daß auch der Jugendliche Geschmack am Alkohol findet. Auch Eltern, die regelmäßig (z. B. zum Abendessen oder beim Fernsehen) Alkohol trinken und ihn augenscheinlich genießen, machen den Jugendlichen den Alkohol schmackhaft. Eltern, die ihrem Kind zu besonderen Anlässen Alkohol anbieten, "erziehen" ihr Kind zum Alkoholkonsumenten.
Probleme mit den Eltern können aber ebenfalls zu einem erhöhten Alkoholkonsum der Jugendlichen führen. Wenn ein Jugendlicher sich mit seinen Eltern nicht versteht, kann durchaus die Flucht in den Alkohol die Folge sein.
Die Eltern besitzen eine Vorbildfunktion: Wenn sie viel trinken, erhöht sich das Risiko, daß auch ihr Kind mit dem Trinken beginnt.
Was versteht man unter Co - Abhängigkeit?
Wie das funktionieren soll? Ganz einfach: Die Angehörigen nehmen dem Abhängigen unter anderem Aufgaben ab, die er wegen seines Alkoholkonsums nicht mehr durchführen kann, sie nehmen ihn vor anderen in Schutz und verleugnen seine Alkoholabhängigkeit, und sie kontrollieren seinen Alkoholkonsum. Die Co - Abhängigkeit kann jedoch noch viele andere Formen annehmen; sie kann so weit gehen, daß der Angehörige abhängig davon wird, dem Abhängigen zu helfen.
Viele Angehörige nehmen ihrem alkoholabhängigen Familienmitglied Aufgaben ab, weil sie glauben, daß der Abhängige nicht in der Lage ist, sie selbst zu erledigen.