Hallo, hier Anja, ich bin Alkoholikerin

Und es hat lange gedauert, bis ich diesen Satz aussprechen konnte. Am Anfang habe ich es für mich abgeschwächt und habe gesagt, dass ich alkoholkrank bin. Es macht aber keinen Unterschied, denn ein Mensch, der alkoholkrank ist, ist nun einmal ein Alkoholiker.

Ich komme selbst aus einer Alkoholikerfamilie und ich habe mir geschworen, einmal nicht wie mein Vater zu werden. Auf der anderen Seite konnte ich verstehen, dass er trinkt, denn ich hatte in meinen Augen eine schlimme Mutter.

Es war bei mir schon so, dass wenn ich mit Alkohol in Berührung gekommen bin, nicht aufhören konnte. Da kam es schon vor, dass ich um 22 Uhr nach Hause gebracht wurde, obwohl ich bis 24 Uhr Ausgang hatte. Ich war aber sternhagelvoll und nur noch peinlich für die Menschen, mit denen ich zusammen war.

Dazu kam noch die Pubertät und ich hatte riesengroße Schwierigkeiten mit meiner Mutter. Wir sind beide dominante Menschen und das konnte nicht gut gehen. Ich habe mich immer als unterlegene gefühlt und um sie zu "strafen" oder zu treffen, habe ich Dinge gemacht, von denen ich wusste, dass sie ihr weh tun. So ging ich in einem Schuljahr so gut wie gar nicht in die Schule, habe gelogen (sehr häufig auch zum Selbstschutz) und Alkohol getrunken.

Nach der Schule machte ich eine Ausbildung. Zu der Zeit hatte ich immer wieder wechselnde Männerfreundschaften. Dass diese Männer trinkfest waren, muss ich wohl nicht sonderlich erwähnen. So ist meine Sauferei wenigstens nicht aufgefallen.

Als ich dann meinen heutigen Mann kennen gelernt habe, wurde mein Saufen "weniger". Als wir dann allerdings heirateten, ich nach 5 Monaten Ehe unseren ersten Sohn und weitere 12 Monate später unseren zweiten Sohn bekam, fing ich an, den Alkohol als Medizin einzusetzen. Plötzlich bestand meine Welt nur noch aus Kind, noch mal Kind und Einsamkeit. Mein Mann machte zu der Zeit eine Fortbildung, und er war den ganzen Tag nicht da. Kam er abends heim, stand das Essen auf dem Tisch. Danach erzog er sich an seine Bücher oder aber an die Arbeit.

Als ich mit unserem Zweiten schwanger war, habe ich ihm einmal versprochen und geschworen, dass ich für ihn nicht mehr so viel trinken würde. Schließlich hatte ich schon gehört und gelesen, dass es zu Schädigungen kommen kann, wenn die Mutter in der Schwangerschaft trinkt.

Dieses Versprechen, wie auch viele andere auch, konnte ich nie lange halten. Mit der Zeit kam immer wieder ein "Hammer" auf mich zu, denn ich meinte, nur mit Alkohol lösen zu können.

Und da spielte es keine Rolle ob es Angenehmes oder Unangenehmes war, der Zwang trinken zu müssen wurde so groß, dass ich einfach keine Chance gegen den Alkohol hatte. Und ich schwöre heute noch jeden Eid, dass ich nie die Absicht hatte, mich bis zur Besinnungslosigkeit zu besaufen. Nein, ich wollte mich einfach nur besser freuen, noch trauriger sein.......

Meine Alkoholabstürze wurden immer heftiger und die Abstände zwischen den Saufpausen wurden immer kürzer. Da reichte schon ein "komischer" Blick meines Mannes, eine "dummes" Wort meiner mir zu der Zeit verhassten Schwiegermutter, um Frust, Selbstmitleid, ein schlechtes Gewissen in mir aufkommen zu lassen und ich hatte einen "Grund" zu trinken.

In meiner Saufzeit war ich nie Schuld, dass ich trinken musste, sondern die anderen, aber es hat mir zu der Zeit nie jemand die Flasche an den Hals gesetzt. Erst viel später musste/durfte ich erkennen, dass ich bis zu meinem 29. Lebensjahr nicht in der Lage gewesen bin, Verantwortung für mich, mein Handeln, mein Denken zu übernehmen. Und wenn etwas schief ging, dann waren es eben die anderen, die es versaut hatten.

Ich merkte schon, dass mit meinem Trinkverhalten etwas nicht stimmte und ich habe mich, um nicht aufzufallen, mich immer mehr zurückgezogen. Und je größer meine Einsamkeit wurde, desto mehr musste ich saufen. Wenn wir weggingen, habe ich in der Öffentlichkeit keinen Alkohol getrunken. Wohl aber vorher oder ich musste zwischendurch immer wieder mal heim, gucken ob mit den Kindern alles in Ordnung ist, um nachtanken zu können.

Es kam aber auch vor, dass ich mich zu sehr besoff und nicht mehr in der Lage war, wegzugehen. Da kam dann der Part meines Mannes, wo er immer wieder neue Krankheiten unserer Kinder erfand, um uns zu entschuldigen. Heute weiß ich, dass das und noch vieles andere zu seinem Teil der Familienkrankheit gehören.

In unserem Dorf war es ein offenes Geheimnis, dass ich saufe. Ich wusste auch nicht mehr viel, aber ich wusste immer noch genau, wann welche Verkäuferin an welchem Tag in welchem Geschäft arbeitet, um nicht zwei Mal hintereinander bei der Gleichen meinen Stoff zu kaufen. Und da ich den alleine ja nicht besorgen konnte, habe ich alle möglichen unnötigen Dinge gleich dazugekauft. Wir hatten Salz, Zucker, Waschpulver, Weichspüler und noch einiges mehr in rauen Mengen daheim.

Meine letzte Saufwoche begann an einem Sonntag Abend und endete an einem Freitag Vormittag. In dieser Zeit hat mein Mann mich bzw. meine Sauferei überhaupt nicht beachtet. In dieser Woche musste ich wirklich fast rund um die Uhr saufen. Schlafen war mir nicht möglich, denn ich hatte Entzugserscheinungen. Den Stoff hatte ich allerdings im Schlafzimmer genau neben meinem Bett "versteckt" und ich musste warten, bis mein Mann aufgestanden und im Bad war. Da habe ich mich mit letzter Kraft aus dem Bett gearbeitet, die (Schnapsflasche an den Hals gesetzt und bin wieder zurück ins Bett gehangelt. Und da habe ich erst mal gewartet, dass die Wirkung vom Alkohol einsetzt.

Mir hat das Zeug schon lange nicht mehr geschmeckt, aber ich musste es mit Widerwillen und Ekel in mich schütten. An dem besagten Freitag lag ich nach einer Flasche Wein und die vor 10 Uhr fix und fertig auf der Couch. Ich konnte nicht, ich hatte die Befürchtung, durchzudrehen. In meinem Kopf waren nur noch die Gedanken an Alkohol.

Aber so wollte/konnte ich nicht mehr weitermachen. Wenn doch nur jemand gekommen wäre und mir geholfen hätte, mich in die Klapse gesteckt hätte, denn genau da habe ich zu dem Zeitpunkt hingehört. Aber ich war alleine, nur ich und mein Stoff.

Und da fiel mir eine Freundin ein, die mich auch schon, wie übrigens noch mehr Menschen, auf mein Trinkverhalten angesprochen hatte. Die wollte ich anrufen. Das war das erste Mal in meinem Leben, wo ich, die große, starke Anja, um Hilfe gerufen habe.

Es gab in meinem kranken Kopf noch einige Gedanken, die mich abhielten. So z.B. unsere Kinder. Dabei war ich in keinster Weise mehr in der Lage, ihnen eine ordentliche Erziehung zukommen zu lassen. Und auch der Gedanken, nie mehr in meinem Leben einen Schluck Alkohol zu trinken, wollte mich abhalten. Ach, wegen der Leute im Dorf habe ich mir auch meine Gedanken gemacht, was die sagen würden. Wie schon oben geschrieben wusste es jeder.

Aber in mir wuchs etwas, das immer größer wurde und das war der Wunsch, zu leben. Ich habe gemerkt, dass ich, wenn ich so weitermache, es nicht mehr lange aushalte. Ich war wirklich kurz davor durchzudrehen.

Ich rief also doch die Freundin an und gleich bat ich meinen Mann, zu kommen. Ihm sagte ich, dass ich fertig sei und dass ich etwas gegen meine Sauferei übernehmen möchte. Ich weiß nicht, was es war, aber er muss wohl auch gespürt haben, dass es mir ernst war, denn er nahm mich in den Arm und meinte, dass wir es zusammen schaffen würden. Übrigens ein Satz, den ich bei AA danach noch oft gehört habe.

Die Befreiung und Erlösung, die ich dann in mir gespürt habe, kann ich nicht beschreiben. Ja, ich konnte in diesem Moment vor dem Alkohol kapitulieren, bis heute. Konnte erkennen, dass ich dem Alkohol gegenüber machtlos bin, wenn ich mit ihm in Berührung komme und vor allen Dingen habe ich später, nachdem ich einige Zeit trocken war erkennen müssen/dürfen, dass ich in keinster Weise in der Lage war, mein Leben zu meistern. Ich konnte aufhören, gegen den Alkohol zu kämpfen.

Zwei Wochen später trat ich eine Therapie an und in dieser Zeit lernte ich AA kennen. Heute sage ich, dass ich in meinem Leben noch nie etwas so konsequent durchgezogen habe wie den regelmäßigen Besuch der Meetings.

Und da bekomme ich heute noch alle Unterstützung von meiner Familie. In der Zwischenzeit haben wir 4 Söhne. Bei den beiden Grossen merke ich heute noch ihre Teile der Krankheit, die sie noch nicht abgebaut haben, denn das kann ich für sie nicht tun.

Unsere beiden anderen Söhne kennen mich nur trocken. Sie wissen, dass ich in ein Meeting gehe und sie wissen auch, dass ich keinen Alkohol trinke.

Mit Hilfe des Programms durfte ich lernen, die Verantwortung für mich zu übernehmen und heute weiß ich, dass keiner aus meinem Umfeld "Schuld" an meinem saufen hatte, sondern dass es der Alkohol war, der mich zu Dingen gezwungen hat, die ich lieber ungeschehen machen würde. Kann ich aber nicht mehr, denn das ist Vergangenheit.

Besonders mein Verhalten unserer Kinder gegenüber hat mir unendlich lange weh getan, denn ich wollte ihnen eine gute Mutter sein und vor allen Dingen auch eine Vertraute. Bis heute haben sie noch nicht das Verhältnis und das Vertrauen zu mir, wie ich es mir wünsche. Ob sie es jemals haben werden, weiß ich nicht, denn ich lebe im heute.

Und das wichtigste für mich heute ist, dass ich trocken bin. Denn nur so bin ich in der Lage, überhaupt zu leben mit allen schönen, angenehmen, unschönen und unangenehmen Ereignissen. Ich muss mich nicht mehr "wegmachen", sondern kann hinsehen und handeln. Solange ich gesoffen habe, habe ich nur das Problem gesehen. Heute suche ich nach der Lösung und arbeite darauf hin.

Ich hatte keine Vorstellung, wie mein Leben aussehen wird, wenn ich trocken werde, aber ich kann sagen, so wie es heute ist, ist es schön und vor allen Dingen ist mein Leben heute lebenswert. Es war kein leichter Weg, denn ich musste sehr viel lernen und lerne auch heute immer noch. Für mich persönlich war es sehr wichtig, ehrlich mir gegenüber zu werden. Ohne Ehrlichkeit kann ich meiner Meinung nach nicht trocken bleiben.

Genau wie es mir heute noch wichtig ist, regelmäßig ins Meeting zu gehen. Hier bekomme ich den Spiegel vorgehalten. Hier kann ich sehen, wo ich herkomme, aber ich kann auch erkennen, wo ich stehe. Und wenn ich schief liege in meiner Denkweise, dann kann ich durch die Beiträge meiner Freunde/innen am Tisch in einer ehrlichen Inventur erkennen, wo es hängt.

Durch das Programm der AA habe ich eine neue, positive Lebenseinstellung bekommen. Ich bin heute nicht mehr das arme Schwein, das saufen muss, sondern ich bin Anja, eine trockene Alkoholikerin, die dankbar ist, das erste Glas stehen lassen zu können.

Ich danke fürs lesen und wünsche allzeit Gute 24 Stunden