Annehmer / Ablehner

Die Ablehnerpersönlichkeit

Ein "Ablehner" ist ein Mensch, der signifikanten Beziehungen ausweicht, um Schmerz zu vermeiden; damit weicht er auch der Liebe aus. Der Ablehner sperrt jede potentielle Quelle emotionaler Schmerzen aus; doch gleichzeitig sperrt er auch jede Erwartung aus, daß sein Bedürfnis nach Liebe von anderen Menschen erfüllt wird. Der Betreffende fühlt, daß dieses Bedürfnis unmöglich erfüllt werden kann, deshalb verdrängt er es. Er leugnet auf bewusster, Vorbewusster oder unterbewusster Ebene überhaupt, daß er emotionale Liebe braucht. Er ist ein freies, sich selbst genügendes Wesen. Er braucht keine anderen Leute. Er wird allein fertig. Der Realismus des eingeweidetiefen Gefühls der Selbstgenügsamkeit bei einem solchen Menschen hängt natürlich jeweils vom einzelnen ab. Aggressive jugendliche Kriminelle können Ablehner sein - ebenso aber auch verantwortungsbewusste, produktive Geschäftsleute. Am bedeutsamsten dabei ist, daß das Identitätsgefühl des Ablehners etwas mit der unbewussten Furcht vor Schmerz zu tun hat, der ihn veranlasst, signifikante menschliche Beziehungen zu vermeiden. Tief im Innern denkt und fühlt der Ablehner, er brauche keinen Menschen, der ihm beim Überleben hilft. Ob er dagegen produktiv in einem Beruf tätig sein kann oder nicht, ist eine völlig andere Frage.

Dadurch, daß sich der Ablehner vom Schmerz-Liebe-Komplex absondert, lebt er emotional allein. Er neigt zum Stoizismus. Ganz gleich, was weh tut, oder wie sehr es schmerzt , er/sie kann die Zähne zusammenbeißen und allein darüber hinwegkommen. Er wird seinen Schmerz nicht mit anderen teilen. Wenn er das täte, würde er dadurch zu verletzbar. Er verdrängt oder unterdrückt den Schmerz.

Da der Ablehner jede Abhängigkeit von anderen zurückweist, lebt er in einem ständigen Zustand der Spannung, mit dem fertig zu werden er gelernt hat. Er spürt Gefahr: Er ahnt Schmerz voraus und fürchtet ihn. Er muss ständig manövrieren, um die gefährliche Situation zu meiden. Doch er kann auf keines Menschen Hilfe rechnen.

Die emotionale Isolierung des Ablehners in den signifikanten Aspekten seines Lebens veranlasst ihn, seinen Kopf zu gebrauchen. Er ist ein "Denker". Obwohl Gefühle die fundamentale Kommunikationsquelle sind, hat der Ablehner beim letzten Mal, als er seine Gefühle mit anderen zu teilen versuchte, zuviel Schmerz verspürt. Seit jener Zeit im Säuglings- oder frühen Kindesalter hat er keine liebende Fürsorge oder Hilfe mehr von anderen erwartet. Seine Gefühle sind durch Nichtgebrauch verkümmert, und die Leere wird nun von seinem Denken gefüllt. Es wäre schwer für ihn, wirklich um Hilfe zu schreien - selbst wenn er ertränke. Es widerstrebt ihm, zu schreien oder die Kontrolle über irgendein Gefühl zu verlieren, selbst wenn er Gefahr liefe, getötet zu werden. So lernt der Ablehner, sich lediglich auf das eigene Denken, die eigenen Fähigkeiten zu verlassen, da Emotionen nur wenig oder keinen Wert für ihn haben. Er versucht unbeugsam, selbstgenügsam und unabhängig zu sein.

Dieser Typ ist gewöhnlich höchst verbal, da Worte nicht unbedingt emotionale Aufhänger brauchen. In der Gruppe benutzt der Ablehner häufig Worte, um nicht mit seinen eingeweidetiefen Gefühlen, vor allem nicht mit seinem Schmerz, in Berührung zu kommen. Er schwatzt ständig über die Fakten seines Daseins, besiegt andere Leute mit seinen schlagfertigen verbalen Erwiderungen und bringt manchmal glänzende Erklärungen über das, was im Raum vor sich geht. Er kann sogar Witz und Humor haben und die Gruppe zum Lachen bringen. Wenn er es will, kann er Freude und Liebe geben. Aber er wird es nie wagen, vor Schmerz zu weinen oder sein Verlangen nach Liebe hinauszuschreien.

Dieses Verlangen nach Freude und Liebe ist ein auf das Überleben gerichteter menschlicher Charakterzug, der den Hominiden (menschenähnlichen Säugetieren) seit mindestens 1.750 000 Jahren gemeinsam ist. Dem Ablehner fehlt es an gesicherter menschlicher Freude; sein Bedürfnis nach Liebe wird von keinem anderen Menschen erfüllt. Doch wenn die Liebe abgelehnt wird, muss etwas anderes ihren Platz einnehmen; deshalb versucht der Betreffende, diesen Mangel durch Objekt-Befriedigung auszugleichen. Er sucht Befriedigung und Freude in Dingen, die er selbst tun bzw. kontrollieren kann. Vielleicht findet er Erfüllung in einem Beruf. Vielleicht strebt er nach guten Zensuren in der Schule oder nach viel Geld im Geschäft. Vielleicht wird er Führer einer Gang. Vielleicht wird er Fachmann für Tischler- oder Näharbeiten oder für sexuelle Eroberungen. Oder er sammelt Gegenstände, wie z. B. Briefmarken, Bierdeckel, Streichholzschachteln, Stofftiere oder einfach nur Flaschen. Vielleicht genießt er es bis zu einem gewissen Grad sogar, anderen Liebe zu schenken. Doch welche Wahl er auch trifft, der Ablehner findet Befriedigung in den Dingen, die er leistet, schafft oder sammelt.

Ablehner halten sich aus signifikanten emotionalen Beziehungen heraus, ganz gleich, wie hoch der Preis an Einsamkeit oder Isolierung ist, den sie zahlen müssen. Das soll nicht heißen, daß sie nicht mit Menschen scheinbar enge Bindungen eingehen; es gibt nur nichts von dem, was wir emotionale Bindung auf Eingeweide-Ebene nennen. Ablehner können Liebesaffären haben und heiraten, und sie tun es auch. Aber emotional sind sie nicht wirklich beteiligt.

Früher oder später haben Ablehner den Eindruck, in einer Falle zu sitzen. Sie haben das Gefühl, viel zu geben und nicht genug Liebe oder Befriedigung als Belohnung zu bekommen. Der Grund dafür, daß die Ablehner nicht genug bekommen, ist natürlich der, daß sie nicht genug hereinlassen. Es ist ein Teufelskreis. Der Ablehner wird reizbar und verärgert und isoliert sich noch mehr von seinem Partner.

Die Annehmerpersönlichkeit

Im Gegensatz dazu sind "Annehmer" Menschen, die eifrig darauf bedacht sind, jedem zu gefallen und zu tun, was er wünscht, ohne jede Rücksicht auf ihre eigenen Bedürfnisse. Sie brauchen signifikante menschliche Beziehungen, nehmen sie an und erhalten sie aufrecht, ganz gleich, wie hoch der Preis dafür ist. Ein Annehmer hat den Eindruck, sterben zu müssen, wenn er nicht in Beziehung mit einem Menschen steht. Annehmer sind häufig Märtyrer. Viele ertragen es, geschlagen, betrogen, belogen und gedemütigt zu werden, und stehen dem Partner dennoch auf den leisesten Wink als Sklave zur Verfügung. Sie tun alles, nur um den geliebten Menschen zu behalten. Sie haben den Eindruck, nicht am Leben bleiben zu können, wenn sie nicht ein Objekt haben, das sie lieben dürfen.

Annehmer zahlen hohe Preise. Der höchste Preis ist der Verlust ihre Identität. Es fehlt ihnen das Verständnis für ihren eigenen Wert und ihre eigene Kraft, und es fehlt ihnen an Selbstachtung. Ihre einzig wirkliche Identität liegt in dem Schmerz ihrer Beziehungen. Sie zeigen den Schmerz auch leicht. Selten können sie in der Schmerzvermeidenden Spannung leben, die den Ablehnern vertraut ist.

Annehmer sind keine Denker, sondern "Fühler". Sie machen keinen ausreichenden Gebrauch von ihrer Intelligenz, um Probleme zu erkennen, zu verstehen und vorausschauend zu lösen. Sie benutzen Ausreden oder verdunkeln Tatsachen. Sonst würden sie vielleicht wirklich einsehen, was sie sich gefallen lassen, um Liebe zu gewinnen. Sie könnten sich plötzlich der Furcht, keine eigene Identität zu besitzen, Auge in Auge gegenübersehen. Sie würden vielleicht erkennen, was sie aufzugeben hätten und welche Einsamkeit ihnen gegenüber stände, wenn sie eine Beziehung zurückwiesen.

Wie bei den Ablehnern müssen die Identitätsgefühle des Annehmers nicht unbedingt etwas mit seiner Tüchtigkeit in Beruf und Gesellschaft zu tun haben. Ein Annehmer kann äußerst intelligent und wirksam im Geschäfts- oder Schulleben sein und sich dennoch weigern die Realität seiner persönlichen Beziehungen klar zu sehen. Das Entscheidende ist, daß Annehmer ihre Selbstachtung opfern, weil sie so ungemein abhängig von der Beziehung mit dem Menschen sind, der ihnen gefällt.

Ablehner kontra Annehmer

Anders als der Annehmer hat der Ablehner eine klare Selbstidentität, weil er den Eindruck hat, daß er der einzige ist, der ihn (selbst) liebt, ohne ihm Schmerz zuzufügen. Er schenkt sich Befriedigung durch sein eigene Leistung, Produktivität und Arbeit, durch die Objekte, die er gesammelt hat. Er kann nicht begreifen, daß man eine Liebesbeziehung eingehen kann, ohne dadurch Identität, Produktivität, Besitz oder Freiheit zu verlieren. Ablehner schauen häufig auf Annehmer herab, weil sie sich mit so wenig in ihrem Leben begnügen.

Annehmer können wiederum Ablehner nicht verstehen: Wie kann ein Mensch allein leben? Welchen Sinn hat das Leben, wenn nicht den, Liebe mit einer signifikanten Person zu teilen? Wie nichtig erscheint ihm das Streben des Ablehners nach Selbstliebe! Welch ein unbefriedigendes Erlebnis! Annehmer empfinden Mitleid für Ablehner.

Das den Annehmer bewegende Gefühl ist der Schmerz. Die Erfahrung des Schmerzes als Preis für die Liebe, die er erhält, ist ihm vertraut. Er kann damit leben. Viele Annehmer trauen der Liebe einfach nicht oder sind nicht von ihr überzeugt, wenn sie nicht von mehr oder weniger Schmerz begleitet wird. Sie sind schmerzabhängige Persönlichkeiten geworden, für die die Liebe nur dann Signifikanz besitzt, wenn es weh tut.

Dagegen kann der Annehmer nicht mit der Furcht leben, allein sein zu müssen. Das ist die Gefahr, die er am meisten fürchtet. Allein zu sein würde ihm sein innerstes, Furcht erregendes Geheimnis bestätigen: "Ich bin eigentlich nicht liebenswert; deshalb zahle ich jeden Preis, um Liebe zu erhalten, weil ich allein nicht am Leben bleiben kann."

Das den Ablehner bewegende Gefühl ist die Spannung. Er gedeiht dabei. Und hält sich durch sie am Leben. Er kann den Schmerz nicht ertragen, den, wie er glaubt, die Liebe mit sich bringt. Seine größte Furcht ist die, in die Falle einer Liebesbeziehung zu geraten, die Schmerz bringt. Diese Möglichkeit bedeutet für ihn Gefahr. In seinem geheimsten Ich glaubt er, ein Recht auf Liebe zu haben, meint jedoch, daß der Preis zu hoch ist. Er fürchtet, die Liebe wird ihn ersticken und einen hohen Preis kosten. Er fürchtet, betrogen zu werden.

Fassen wir zusammen: Die Annehmer (Märtyrer, "Fühler") machen ihre Identität abhängig von einer Beziehung mit einem signifikanten, anderen Menschen. Ihre Freuden stammen in erster Linie vom Zusammensein mit dieser anderen Person. Ihr Schmerz kommt von dem hohen Preis, den sie zahlen, um diese Beziehung aufrechtzuerhalten. Doch allein zu sein wäre schlimmer. Das fürchten sie am
meisten; denn dann hätten sie nicht nur keine Identität, die sie als Preis für ein geliebtes Objekt aufgegeben haben, sondern sie hätten auch kein geliebtes Objekt. Sie hätten gar nichts. Es würde beweisen, daß sie nicht liebenswert sind, weil niemand sie liebt. Nicht liebenswert zu sein und ohne Identität existieren zu müssen ist für sie schlimmer als der Tod. Tatsächlich ziehen manche Annehmer den Tod dem Nichts vor. (Manche wählen in der Verzweiflung den Tod. Die Zeitungen bringen ständig Berichte über verschmähte Liebe, die mit Selbstmord oder mit Mord und Selbstmord geendet
hat.) Deshalb akzeptieren die Annehmer den geringeren Schmerz einer demütigenden Beziehung, um Liebe zu erlangen. Schmerz ist das bewegende emotionale Motiv der Annehmerpersönlichkeit.

Die Ablehner (Stoiker, "Denker") haben sich so konditioniert, daß sie mehr Schmerz als Lust von menschlichen Beziehungen erwarten. Sie fühlen sich in ihrer Einsamkeit sicherer. Sie besitzen eine starke Identität, die daher stammt, daß sie ständig allein mit allem fertig werden. Sie verlassen sich auf sich selbst. Dass ihnen diese Identität in einer Liebesbeziehung, in die sie hineinstolpern, genommen werden könnte, erscheint ihnen wie Ersticken oder Einkerkerung. Sie lassen nicht zu, daß sie bewusst ernsten Schmerz fühlen, doch die Bedrohung steht ständig vor ihnen. Ablehner leben in einem Zustand ständiger Spannung, spüren die Gefahr des Schmerzes in einer Liebesbeziehung und nehmen alle Kraft zusammen, um selbst die Möglichkeit eines solchen Schmerzes abzuwehren. Diese Spannung ist die Motivierung der Ablehnerpersönlichkeit.

Unnütz zu sagen, daß die meisten Ehen, Liebesaffären und sogar engen Freundschaften zwischen Annehmern und Ablehnern stattfinden Gewiss passen sie nicht zusammen wie die glatten Kurven von Yin und Yang, doch jeder dieser beiden Identitätstypen weist Merkmale auf, die dem anderen fehlen und die er sucht - wie sehr es auch knirscht, wenn sie ineinander greifen. Ablehner sind meist weniger emotional; sie werden von der Vitalität der Gefühle eines Annehmers angeregt. Annehmer sind meist weniger verbal oder klar im Denken; sie werden von der Präzision fasziniert, mit denen Ablehner die Welt betrachten. Der Ablehner genießt - wenn er auch fürchtet, erstickt zu werden - die Macht, die er aus der Abhängigkeit des Annehmers von ihm bezieht. Der Annehmer ärgert sich zwar insgeheim über seine Abhängigkeit von dem Ablehner, dennoch gefällt es ihm, seinem Partner die Macht zu verleihen, die Verantwortung für sein Leben mit zu übernehmen.

Annehmer und Ablehner könnten wie das erscheinen, was Freud "Masochisten" und "Sadisten" genannt hat. Ich meine, das trifft nicht zu. Nach Freud tritt Masochismus als eine Art Selbstbestrafung aufgrund sexueller Schuldgefühle auf. Sadismus ist eine Projektion dieses Gefühls auf den anderen. Ich meine, Annehmer und Ablehner haben es vielmehr mit dem zu tun, was als Schmerz- und Lust-Syndrom bezeichnet wird, nicht mit Schuldgefühlen wegen sexueller Dinge. Der Annehmer ist "schmerzabhängig". Er findet sich mit nahezu allem ab, um seine Identität von dem geliebten Menschen zu bekommen. Der Ablehner dagegen agiert zornige Abwehr gegen den erwarteten Schmerz (die Gefahr) einer Liebesbeziehung aus. Bevor er eine Beziehung eingehen kann, muss er das Liebesobjekt neutralisieren. Dabei kann oft "sadistisches" Verhalten beteiligt sein. Indem der Ablehner den Annehmer mit Zorn und Aggression behandelt, manövriert er ihn schließlich in eine Hilflosigkeit hinein, in der er verwundbar und gedemütigt ist. Erst dann fühlt der Ablehner keine Bedrohung mehr und kann den Annehmer lieben. Für den Annehmer bedeutet der ganze Prozess genau das, was er von einer Beziehung erwartet.

Es ist für jeden einzelnen wichtig, seinen grundlegenden Identitätstyp zu verstehen. Wenn das der Fall ist, erkennt der einzelne, weshalb er die Menschen ausgesucht hat, mit denen er enge Beziehungen unterhält, und weshalb es vielleicht zu ernsten Problemen in diesen Beziehungen gekommen ist. Er will auch wissen, worauf er sich in Gruppenstunden zu konzentrieren hat, um die schlecht angepasste Einstellungen, Gefühle und Verhaltensweisen zu ändern, die aus seiner Identität stammen.


Aus dem Buch :
"Die Wiederentdeckung des Gefühls"
(Originaltitel.: A scream away from happyness)
von Daniel Casriel