Meine Lebensgeschichte

Ich heiße Bernd und ich bin Alkoholiker und Drogenabhängiger

In tiefer Dankbarkeit schreibe ich meine Lebensgeschichte, dankbar für die Einsicht meiner Krankheit Alkoholismus, dankbar für den Schritt der totalen Kapitulation, dankbar für 30 Jahre trockenes Leben, dankbar für die Freundinnen und Freunde der AA. Dankbar dass ich eine Entscheidung für das Leben treffen durfte.

Mit dem Aufschreiben meiner Lebensgeschichte will ich mich an die Vergangenheit erinnern und will den Lesern Hoffnung machen, dass Genesung möglich ist. Notwendig für meine Genesung waren meine AA Freundinnen und Freunde, der regelmäßige Besuch der Meetings und die intensive Arbeit mit dem12 Schritte Programm. Tiefer Dank auch an meinen Sponsor, der mit mir seine Erfahrungen geteilt hat. Seine Begleitung war notwendig in der Arbeit mit dem Programm. Er starb 1992 im Alter von 62 Jahren, tiefer Dank blieb bis heute zurück. Gott habe ihn selig.

Alkohol ist in meiner Ursprungsfamilie während meiner Kindheit immer präsent gewesen. Mein Vater war Alkoholiker und er war sicher mein Vorbild. Viele Jahre habe ich ihm nicht verzeihen können, erst Jahre später konnte ich sagen, er war genauso wie ich. Nur er hatte zu dieser Zeit noch nicht die Möglichkeit sich für seine Krankheit Hilfe zu holen, es gab einfach keine.  Seine Krankheit spielte sich nur innerhalb der Familie ab und alle in der Familie trugen die Folgen, auch ich.

Meine erste Begegnung mit Alkohol begann mit 12 Jahren. Ich wollte einmal probieren, wie dieses Getränk, welches mein Vater so liebte, bei mir wirkt. Ich hatte Angst aber auch viel Neugier in mir.

Eines Abends schlich in den Keller und da standen die großen gläsernen Ballons, gefüllt mit selbst gemachten Beerenwein, das Lieblingsgetränk meines Vaters. Da er mir sofort köstlich schmeckte und ich mich sonderbar anders fühlte, nahm ich mir vor das zu wiederholen. Ich hatte natürlich Angst, dass mein Vater etwas davon bemerkte. Zumindest musste ich aufpassen, dass ich meine Menge begrenze.

Ich wiederholte diese Erfahrung öfters und sie tat mir irgendwie gut. Eines Abends schlich ich wieder in den Keller, nur dieses Mal hatte ich die Menge übertrieben und ich schlief mit meinem ersten Rausch im Keller ein. Ein dumpfer Schlag und ein entsetzlicher Schmerz machten mich plötzlich hellwach. Ich riss die Augen auf und sah direkt in das vor Wut gerötete Gesicht meines Vaters, sah und spürte wie er mit einer Gartenschaufel auf mich einschlug. Ich schrie entsetzlich und er tobte im Keller. Ich habe lange seine Worte nicht vergessen:  >> Du bist die Brut, die ich nie wollte. So einen Nestbeschmutzer haben wir großgezogen. Du bist die Schande für unsere ganze Familie. << Ich verstand seine Worte nicht, aber ich spürte die Schläge und den Schmerz. Er schlug immer wieder auf mich ein, bis ich blutüberströmt ruhig liegen blieb. Irgendwann schwanden mir die Sinne. Ich wurde erst wieder im Krankenhaus wach. Meine Mutter stand weinend an meinem Bett. Sie flehte mich an, niemanden davon zu erzählen, der Vater wäre doch betrunken gewesen und hätte das ohne Alkohol nie getan. An diesem Nachmittag erfuhr ich die ganze Wahrheit meiner Herkunft. Ich hatte einen anderen Vater, den ich bisher Vater nannte, der hatte mich nur als seinen Sohn angenommen, aus Rücksicht auf den Ruf meiner Mutter. Den sie hatte während ihrer Ehe eine kurze, intensive Liebe mit einem amerikanischen Besatzungssoldaten und das Produkt dieser Liebe war ich. Meine Mutter beteuerte immer wieder, dass es nur aus der Not passiert sei, denn die amerikanischen Soldaten hatten Dinge von denen man nach dem Krieg nur zu träumen gewagt hätte. Da sei sie einfach schwach geworden. Sie wisse noch nicht einmal den Namen des Mannes, kannte nur seinen Vornamen. Aber als ich geboren wurde, sei er schon längst nicht mehr in Deutschland gewesen. Ihr Mann konnte nicht der Vater sein, denn er war zu dieser Zeit noch in Gefangenschaft. Es sei so passiert und ich könnte doch dankbar sein, dass ich doch noch einen Vater bekommen hätte. Für sie sei alles sehr schwer gewesen und ich hätte viele Konflikte in ihre Ehe gebracht, wahrscheinlich sei ich auch der Grund, dass mein Vater sich immer so sehr betrinke.

Dann kam der Satz, den ich lange nicht vergessen wollte: Ich wollte dich abtreiben, aber du wolltest ja unbedingt auf die Welt kommen. Ich habe dich viele Jahre dafür gehasst und abgelehnt.

In diesem Moment brach eine Welt für mich zusammen und eine tiefe Verzweiflung begann sich zu entwickeln.

Noch im Krankenhaus fasste ich den Entschluss von zu Hause wegzugehen. Ich wusste nicht wohin, aber ich wurde mir immer sicherer mein Elternhaus zu verlassen.

Eine Woche nachdem ich das Krankenhaus verlassen durfte, fasste ich in der Nacht den Entschluss abzuhauen. Ich packte einen kleinen Rucksack mit ein paar Sachen, das hätte ich auch lassen können, aber irgendwie gehörte es dazu. Ich ging an die Brieftasche meines Vaters und entdeckte mit großer Freude, dass er noch dreihundert Mark in seiner Tasche hatte. Ich dachte, ich bin gerettet und meine Zukunft ist gesichert. Ich stieg aus dem Fenster und ich wusste, dass ich dieses Haus nie mehr betreten werde und so kam es dann auch. Ich fuhr mit dem ersten Bus nach Frankfurt.

Frankfurt war für mich eine riesig große Stadt und ich fühlte mich ziemlich verloren als ich ankam.

Ich trieb mich den ganzen Tag am Bahnhof herum, ohne zu wissen wie es weiter gehen konnte. Es gab Momente, da bereute ich schon meinen Entschluss, aber ich wusste, dass ich nie mehr nach Hause zurück kann. Am späten Abend wurde ich von einem Mann angesprochen und er wirkte sehr nett und ich hatte sofort Vertrauen zu ihm: Ich war ein naiver Junge vom Lande und ahnte nicht, in welche Falle ich geriet. Er nahm mich mit nach hause und in der Nacht hatte ich meine erste sexuelle Erfahrung mit einem Mann. Ich fand es in Ordnung, denn er versprach mir, dass ich bei ihm bleiben kann, wenn ich immer nett und freundlich zu ihm bin. Das wollte ich, denn ich war froh, dass es ein neues Zuhause gab.

Nach zwei Wochen fühlte ich zum ersten Mal, dass mein Zuhause bedroht ist, denn es gab heftigen Ärger in meinem neuen Zuhause. >> Jetzt musst Du schon mal Geld verdienen, << sagte er ärgerlich, denn umsonst sei der Tod und der koste das leben, hörte ich ihn sagen.

Ab Morgen bringe ich Dich zum Bahnhof und dort mache ich dich mit ein paar Männern vertraut mit denen gehst du mit und tust, was sie von Dir verlangen. Damit es Dir leichter fällt, kannst du vorher was trinken, dann sind die Hemmungen auch weg. Gesagt getan. Ich stieg ein in die Welt der Stricher. Da ich sehr jung war, hatte ich ganz gut Kunden und verdiente gutes Geld. Am Abend holte mich mein…., ja ich weiß nicht wie ich ihn nennen kann, vielleicht mein Zuhälter,  ab und nahm mir mein Geld weg und so ging das ein paar Monate. Ich fühlte mich immer sehr gehemmt, aber der Alkohol machte mich sehr locker und freier. Ich lernte viele neue Dinge und leider kam auch meine erste Drogenerfahrung dazu. Ich fand diese Erfahrung mit Drogen ziemlich Klasse und tauschte die Drogen gegen den Alkohol. Da ich für die Drogen mehr Geld brauchte, brachte ich nicht mehr so viel nach Hause und eines Abends, stand mein kleiner Rucksack vor der Tür und ich saß auf der Strasse.

Ich wusste nicht wohin und ich fand einen Platz in einem ganz anderen Umfeld. Die nächsten Jahre spielte sich mein Leben am Bahnhof und in der Hippieszene in einem Park ab. Ich schlief, da wo ich gerade unterkam und lebte so in den Tag mit Drogen, Sex  und Alkohol hinein. Ich fand dieses Leben so toll, dass ich nie mehr wieder etwas anders machen wollte. Nach sechs Jahren sah meine Welt schon anders aus und ich hätte sie gerne verlassen wollen, wo hin sollte ich aber gehen, also blieb ich. Ich hing schon seit zwei Jahren an der Nadel, das heißt, ich war schon Heroinabhängig geworden und soff den Alkohol als Verstärker. Ich konsumierte alles, was mir irgendwie angeboten wurde. Ich schaffte das Geld heran, indem ich anschaffen ging und für Geld alles tat, was man von mir verlangte. Nur wollte ich nie etwas tun, wo ich Angst hatte kriminell zu werden, denn eine Erfahrung im Knast wollte ich nie machen. Diese Angst habe ich bis zu meinen Ausstieg mir bewahrt. Als ich Anfang zwanzig war spürte ich schon wie mich der Drogenkonsum körperlich ruinierte, aber die Betäubung half mir, das nicht zu spüren. Ich verleugnete mein Leben und meine Sucht. Da ich immer weniger verdiente stieg ich ganz auf Alkohol um, soff mich zu, bis ich kaum noch gehen konnte. Ich hatte die totalen Abstürze. Aber das habe ich verleugnet. Ich redete mir immer ein, dass es mir so schlecht ja noch gar nicht gehe. Ich hatte genug Geld für meinen Stoff und konnte mich immer in den totalen Vollrausch saufen.

Gelebt habe ich als Obdachloser unter den „Berbern“ und fühlte mich in dieser Männerwelt sehr wohl. Ich hatte immer Kontakte und selbst als die kalte Jahreszeit begann, hatte ich immer einen Kumpel, bei dem ich mich wärmen konnte. Irgendwie konnte ich in diesem Milieu überleben. Es ging mir aber von Woche zu Woche körperlich schlechter. Ich hatte ziemlich oft großen Bock wieder einen Drogenrückfall zu machen, aber die Angst vor einem erneuten kalten Entzug hat mir das Verlangen gründlich genommen. Ich trank um so mehr, weil ich mir das Verlangen nach Drogen weg saufen musste. Ich konnte nicht mehr ich brauchte dringend eine stationäre Entgiftung. Ich entschloss mich mit Hilfe eines Katholischen Paters, der mich für die Entgiftung ausstatte, in die Klinik zu gehen. Ich musste in die Psychiatrische Klinik. Als ich die Station betrat und hinter mir die Tür abgeschlossen wurde, da wollte ich sofort wieder gehen, aber mein Körper versagte und ich musste bleiben. Ich blieb 2 Wochen, aber nicht weil ich aufhören wollte, sondern weil ich mich körperlich fit machen musste. Damit ich dort ein gutes Bild abgebe, habe ich dem Arzt und dem Personal von meinen Wünschen erzählt, mit dem Trinken aufzuhören. Ich habe eine tolle Rolle gespielt, denn man glaubte mir alles was ich erzählte und im Geschichten erfinden war ich ein Meister, damit habe ich viele Jahre überlebt. Aber dann kam doch ein Wachwerden in meinem so beschissenen Leben. Am vorletzten Abend musste ich mit den anderen Alkoholikern, die mit mir in der Entgiftung waren, in ein AA- Meeting. Ich zeigte große Motivation und ging hin. Ich spürte den totalen Widerstand, aber ich hörte zu. Es begann ein Mann zu reden zum Thema: Ehrlichkeit. Ein Satz habe ich mir bis heute gemerkt er lautete: Als Alkoholiker hast du nur eine Chance trocken zu leben, wenn Du endlich ehrlich wirst, zumindest zu dir selbst.

Ich hatte eine ziemlich schlaflose und nachdenkliche Nacht. Aber am nächsten Morgen, hielt ich das ganze Geschwätze von der Gruppe am Vorabend für abgesprochene Sache, weil sie sicher Mitglieder für diesen Verein brauchten. Also hakte ich das innerlich wieder gut ab, scheinbar, denn es blieb in meinem Gedächtnis, das mit der Ehrlichkeit. Ich ging wieder auf die Strasse und soff meinem nächsten Absturz zu. Ich hörte drei Tage auf und dachte, das ich es nur falsch angefangen habe. Ich sollte langsamer trinken, wenn ich anfange, Gesagt getan aber nach der ersten  halben Pulle Rotwein war das langsame Trinken vorbei. Wieder drei Tage durchgesoffen. Ich machte wieder vier Tage Pause und wollte eine neue Methode ausprobieren. Ich verdünnte den Rotwein mit Wasser. Da ich keinen Rausch bekam, trank ich meinen verdünnten Wein schneller und es endete wieder mit dem totalen Absturz.

Langsam begann ich zu resignieren, aber den Kampf mit dem Alkohol wollte ich nicht aufgeben. Ich wurde immer einsamer und immer kontaktscheuer. Zu den wenigen, die ich noch kannte, suchte ich auch keinen Kontakt mehr, denn ich wollte alleine saufen, brauchte keine Trinkgesellschaft mehr.

Wenn es mir einmal gelang nüchtern in die Welt zu blicken, habe ich mich oft gefragt, warum es den anderen Menschen so viel besser geht als es mir ging. Ich wollte aufhören und ich konnte nicht, also trank ich weiter. Dann kam der letzte Tag des Saufens, es war der 5. Dezember 1973. Ich war körperlich und seelisch ziemlich am Ende. Die Kälte und die Nässe von innen sowie von Außen brachten mich fast um. Ich wollte nicht mehr leben, aber auch nicht sterben. Ich sah keinen Ausweg mehr, ich konnte mich nicht entscheiden. Also entschloss ich mich, das Schicksal entscheiden zu lassen. Am anderen Flussufer stand eine ganze Reihe von Straßenlaternen und ich zählte ab: In den Fluss tauchen ( das hieß sterben ), oder in die Klinik gehen ( das hieß leben ). Am ende hatte das Schicksal für das Leben entschieden und ich ging, na ja viel mehr kroch ich, am nächsten Tag wieder in die Entgiftung. Dass es meine letzte werden würde, davon hätte ich zu diesem Zeitpunkt nur geträumt.

Es war meine letzte Entgiftung. Danach Therapie in Bad Herrenalb und ich wurde ein Freund der AA.

Ich fand bei AA das, was ich dringend brauchte. Die Idee das ich nur für Heute nicht trinken muss. Das nie mehr löste bei mir sofort Saufdruck aus. Mit dem 24 Stunden Gedanke funktionierte meine Nüchternheit.

Als ich ein halbes Jahr nicht getrunken hatte erreichte mich noch in der Therapie die Nachricht, dass meine Eltern tödlich verunglückt seien. Mein Vater war betrunken mit meiner Mutter in den Tod gerast. Er hat, so wie ich später erfuhr sich und seine Frau umgebracht. Zu diesem Zeitpunkt hat mich das sehr kalt gelassen.  Aber ich bekam eine Summe Geld, welches meine Eltern für mich aufbewahrt hatten.

Mit meinen Eltern habe ich mich erst in der Inventur und im achten Schritt auseinander gesetzt. Ich fand mit beiden eine stimmige Aussöhnung und konnte sie beide um Verzeihung bitten.

Nach der Therapie holte ich alles nach was ich für ein trockenes Leben brauchte. Ich holte mein Schule nach machte Abitur und studierte. Ich arbeite jetzt seit mehr als 20 Jahren in der Sucharbeit als Suchttherapeut in einer Klinik für Alkoholabhängige.

Ich ging mehr als 15 Jahre täglich in meine Meetings und ich spüre eine tiefe Dankbarkeit beim schreiben, denn ohne meine AA Freundinnen und Freunde und meinen Sponsor hätte ich diesen Weg nie meistern dürfen.

Im Laufe meiner AA Zugehörigkeit fand ich einen tiefen Glauben, der mir immer wieder die notwendige Gelassenheit gibt mit Menschen zu arbeiten, deren Geschichte und Leidensweg ich gut kenne. Ich wünsche jedem Leser meiner Lebensgeschichte Gottes Segen und gute 24 Stunden. Danke dass ich teilen durfte.

Euer Bernd