Ich bin Birgit, Alkoholikerin und über Jahre dem Zustand von Angst- und Panikattacken ausgeliefert.

Es ist für mich müßig darüber nachzudenken, was gab es eher: den Alkohol oder die Angst ... ist wie mit dem Huhn und dem Ei, Zuerst nahm ich in meinem Leben die Angst wahr, die sich zur Panik ausweitete und irgendwann lernte ich die wundersame Wirkung des Alkohols kennen. Er beruhigte mich und ich konnte meine Angst einigermaßen ertragen.

Aus meinem Leben verschwand das Fliegen ... später die Autobahn, ich konnte sie nicht mehr allein entlang fahren und beim Mitfahren half mir Klosterfraumelissengeist ... schmeckt nicht, dreht gut und nach außen war es Medizin. für 20 Kilometer auf der Landstraße musste ich später ungefähr 5 mal ranfahren, denn mein Hals war ein Röhrchen, durch den nichts mehr durchzugehen schien und ich glaubte immer beim nächsten Schlucken, dass meine Zunge mit verschwindet.

Es kam noch mehr hinzu ... die freien Plätze, die Alleen, die Fahrstühle und Seilbahnen .... ach ich will gar nicht wissen, was noch alles ... Höhe - Tiefe ... alles trieb mich schier in diese wahnsinnige Angst.

ich lernte den Einsatz von Alkohol ... ein Glas, die leichte Umdrehung und ich spürte, dieses wohlige in mir, was mich für Stunden wieder funktionieren ließ. In meiner Handtasche gab es immer die gemixte Flasche Klosterfrau ... griff- und einsatzbereit. oftmals beruhigte sie mich auch nur und ich brauchte keinen schlucken ... es hing von meiner Tagesform ab.

Die Attacken steigerten sich und paarten sich mit der Zeit mit explodierendem Blutdruck. so 240/180 sind Traumzustände für den menschlichen Körper .. Ich dachte, mein Inneres würde zum Äußeren geschleudert und ich lege jetzt genau in diesem Augenblick den Löffel weg. Das Herz wollte durch die Schädeldecke durch und ich war nur noch Panik ...

Hatte es was damit zu tun, dass ich zu viel oder schon wieder zu wenig Alk hatte .. ich weiß es nicht, aber heute weiß ich, es hing auf jeden Fall damit zusammen. Mehrfach bin ich mit der DMH im Krankenhaus gelandet. Es gab Notfalltropfen im Haus und ich wusste, genau 5 Stück davon in ein Glas Wasser ... nur wenn ich allein war, ich war fast unfähig die Menge abzuzählen, geschweige in ein Glas zu bekommen. Eins wusste ich, zu viele davon können mich auch umbringen, alles in mir bricht zusammen.

Im Krankenhaus angekommen war mir alles egal. Einmal starb sogar neben mir eine Frau, sie reanimierten sie in meinem Beisein - egal ... einmal wollten sie mich wieder heimschicken, weil ich ja privat versichert war und sie kein Zweibettzimmer hatten ... egal ... Mehrbettzimmer ...wenigstens ich wusste, in meiner Nähe ist jemand, der mir helfen kann und ich brauche nicht sterben.

Angst und Panik wurde mir attestiert, auch schon mal Missbrauch von Alkohol ... aber meinen Alkoholismus hat keiner entdeckt ... wie auch, ich wusste ihn zu verbergen und beim Pegeltrinker scheint es an der Leber erst später sichtbar, denn die Werte waren nur erhöht, wenn ich mal in Phasen extrem zugeschlagen hatte, aber das war eher seltener. selbst unter Pegelgenuss normalisierten sie sich wieder.

Nach einem Krankenhausaufenthalt habe ich mich bereiterklärt, zur Einstellung auf ein Blutdruckmedikament für ein paar tage in die Klinik zu gehen ... so Rundrum-checkup etc. pp. . .... da war ich voll auf Größenwahn, alles, was ich im Notfall willig über mich ergehen lassen habe, nervte mich und ich bin nach 4 Stunden unter riesigem Lärm auf eigenen Wunsch wieder raus. Für diesen Abgang könnte ich mich heute noch schämen, denn alle waren blöd, keine Ahnung und mit mir geschahen nur Unverschämtheiten, die ich auch noch in einem 4-seitigem Briefchen an diverse Stellen schickte ... ich kann mir verzeihen, es war meine Krankheit.

Schicksalsschläge trafen mich und als es keinen von meinen Eltern mehr gab, kam ich mit dem Leben danach überhaupt nicht mehr klar. Dementsprechend trank ich auch. meine Mutter war 4 Wochen tot und ich in einer 'Depression' - heute: Pustekuchen, ich soff.

Vom Psychiater bekam ich Antidepressiva UND soff nach ein paar Tagen weiter, weniger ... nach nem halben Glas hatte ich schon die Wirkung wie sonst auch, aber ich soff. Ich zitterte am ganzen Körper .. der Arzt: nehmen sie weiter, das vergeht nach ein paar Tagen ... ich schlotterte nur noch und im gleichen Maße wuchs meine Angst ins Unermessliche. ich verbrachte das einsamste Wochenende in purer Angst, hockend neben der Kloschüssel mit ner großen Flasche Whisky und habe den platz am Freitag eingenommen und am Sonntag erst wieder verlassen, als mein Mann nach hause kam.

Wir telefonierten durch die Gegend und am Montag Morgen muss ich mich so elend angehört haben, dass ich nen Platz in der Klinik bekam. Ich zog ein. Mir ging fast alles gegen den Strich. Dreimannzimmer ... heute weiß ich warum, da sollen Emotionen hochkommen, die Luft soll knistern. Mein Therapeut, was habe ich mich mit dem rumgepocht und noch so vieles mehr, was mir mörderisch auf den Senkel ging. Ich schleppte mich durch, schimpfte abends eine Runde am Telefon und überstand den nächsten Tag und von Tag zu Tag ging es mir besser.

Nach 2 Wochen musste ich mich entscheiden ... Therapievertrag für 3 Monate oder heim. Ich schob die Firma vor´s Loch und ging nach Hause, aber ich spüre heute noch die Wehmut, die ich damals empfunden habe. Gern wäre ich noch geblieben.

Ich hatte für mich einiges mitnehmen können, doch war noch lange nicht an meinem Kernproblem angekommen. Über viele Monate brauchte ich nicht zu trinken und ich konnte auch ohne Probleme nur ein Glas Wein zum Essen trinken.

Irgendwann stieg ich wieder ein. langsam, aber stetig und es brauchte nicht lange und ich soff wirklich rund um die Uhr ... schön den Pegel halten und die Welt schön malen.

noch nicht mal meine Therapeutin bemerkte mein Alkoholproblem, sagte mir nur, ich solle ihn meiden, denn er verstärke nur meine Angst und ich saß vor ihr, bereits den obligatorischen Schluck Klosterfrau intus und manchmal bestimmt auch mehr, denn ich kam dort nur mit dem Auto an.

Dann langte es meiner Familie und ich legte Pausen ein. Ich befand mich in dem Zustand: "Angst fressen Seele auf" und als einzige Nahrung gibt es nur den Alkohol. das Medikament setzte ich dann in Abständen immer wieder ein. Ich lernte den kalten Entzug kennen und was ich da an Angst kennen lernte, übertraf alles, was ich früher ertragen habe.

Der Teufelskreis war noch beschissener, denn jedes mal, wenn ich durch den Entzug durch war, kroch von hinten die Angst hoch und dagegen wusste ich mich zu wehren ... nur ein bissel, ganz wenig, damit die Angst verschwindet. Als der Alk drin war, hatte ich die Todesangst vorm Entzug und es wurde wieder schlimmer und ich erlebte was, was ich bis dato nicht kannte.

Dann war es Februar. mein Mann begleitete mich wieder durch die ersten 48 stunden ... meine ganz persönliche Hölle .... Blutdruck habe ich im Entzug nie gemessen, aber ich spürte, was los war. es war Freitag und ich war noch total am schlottern. Er musste zur Arbeit und ich versprach, dass ich nichts trinke ... Meine panischen Gedanken kreiselten aber nur noch um Alkohol.

Nur: So, wie ich aussah, wie ich schlotterte, woher sollte ich den bekommen??? Sein Tank war leer und er musste mein Auto nehmen. Juhu, in seinem Auto war im Kofferraum aller zusammengesammelter Alkohol. Kaum war er an der Ecke, stand ich schon am Kofferraum ... Damit es schnell geht - Campari ... der flog im hohen Bogen in den weiß gefliesten Keller ... Mahlzeit. Frag mich einer, wie ich den wegbekommen habe????

Danach Wein ... die Flasche konnte ich in aller Ruhe (für einen Alkoholiker hihihi) trinken. danach ging es los. ich kotzte mir die Seele aus dem Leib ... mir war klar, jetzt sterbe ich. während ich auf allen Vieren vom Klo gen Wohnzimmer kroch, wechselte es bei mir ständig zwischen irrsinniger Panik und ich kann weder mit noch ohne Alkohol leben ... ich will sterben.

Auf dem Fußboden im Wohnzimmer sitzend nehme ich mich heute wieder wahr ... was nun???? was soll nun  geschehen ... mit dem Sterben klappt das nicht und nun kommt wieder das große Zittern.... oder vielleicht doch das Sterben ....

An dem Morgen war ich am ENDE. Ich fühlte eine unendliche Leere in mir und Angst, wie soll es weitergehen ... doch ich war so fertig, dass ich schon wieder innerlich ruhig ... wie gelähmt war. Ich schleppte mich zum Beutel mit AA-Literatur und las das Blaue Buch .. Für mich fehlt heute dazwischen regelrecht die Zeit. Mir ist wieder bewusst, gegen späten Mittag saß ich im Februar in der Mittagssonne in der Terrassentür ... Dünne Hose, Pulli ... ich fror nicht und ich brauchte nicht zu trinken ... der Druck war verschwunden.

Bestimmt wüsste ich das heute noch nicht, denn beim Lesen der Lebensgeschichten hat es mir bei der einen den Magen umgedreht und genau in diesem Augenblick scheine ich was begriffen zu haben ... denn der körperliche Salto schleuderte mich ins Leben zurück. Ich konnte wahrnehmen, dass bei mir was anders ist ... was und wie??? ... ich spürte nur, es fühlt sich guuut an.

Seitdem sind Panikattacken aus meinem Leben verschwunden. ich kenne noch die Angst und vielleicht  eine Angstattacke ... nur sie werden weniger und ich kann mit ihnen umgehen. ganz langsam, in kleinen Schritten konnte ich mir die verborgene Welt zurückerobern ... ich bin noch lange nicht am Ende, denn ich weiß, ich brauche viel Geduld. Der Weg, um dahin zu kommen, war ein langer und genauso viel Zeit brauche ich zurück. irgendwann, wenn die Zeit reif ist, sitze auch ich wieder im Flugzeug ... Dann habe ich es geschafft und darauf freue ich mich schon heute und ich weiß, bleibe ich trocken, schaffe ich das.

Puhhh ist aber lang geworden, nur das wollte mal raus . .. Über meine Angst rede ich selten. 

Danke für´s Zuhören

alles liebe und achtsame g24h

Birgit