DURCH SUCHT IN DIE KRISE ODER DURCH KRISEN IN DIE SUCHT?

Du kannst Dein Leben nicht verlängern, noch verbreitern, nur vertiefen.

WIE ES ZUR SUCHT KOMMT

Auch mit unserer „Wohlstandsinsel“ ist nicht alles zum Besten bestellt, und die meisten Menschen sind auf der Flucht vor sich selbst. Anstatt uns am Leben zu erfreuen und seine Chancen zu nutzen, suchen wir oberflächliche Vergnügen und „Zeitvertreib“. Dabei ist Zeit, obwohl sie in Wirklichkeit nicht existiert, das Wertvollste, was wir haben, denn Zeit ist Leben, und ungenutzte Zeit ist vertanes Leben. Die alten Griechen sagten: „Da haben die Götter den Menschen ein glückliches Leben geschenkt, aber die Menschen wissen das nicht!“

Wir kranken an unserer Unbescheidenheit. Wir wollen das Beste, wollen stets der Erste sein, aber sind nicht bereit, uns auf den Weg zu machen, um es zu werden. In einer solchen Gesellschaft ist es fast aussichtslos, nicht süchtig zu sein, es ist nur noch die Frage, welche Gestalt die Sucht annimmt, ob es eine erlaubte oder eine verbotene Form der Sucht ist. Hinter jeder Sucht steckt eine Sehnsucht, wir wollen woanders hin, als wir sind, aber wir machen uns nicht auf den Weg, wir wollen gleich am Ziel sein. Der Übergang vom Gebrauch und Genuss einer Sache zu Missbrauch, Gewöhnung,

Abhängigkeit und Sucht ist gleitend, fast unmerklich. Das Erwachen kommt meist erst, wenn es schon längst zu spät ist. Sucht kommt nicht von Suche, sondern von Seuche und ist nichts anderes als eine andere Bezeichnung für Krankheit. Der Mensch krankt an sich selbst, daran, dass er nicht weiß, wer er ist, wo er herkommt, wo er hingeht und was er hier soll. Sobald er eine überzeugende Antwort auf diese Fragen gefunden hat, ist er nicht mehr anfällig für Sucht, müsste nicht mehr zu diesem Hilferuf des in Not geratenen Selbst flüchten.

Die Flucht vor sich Selbst führt zur Flucht in die Sucht. Durch den Mangel an wirklichem Selbst-Bewusstsein können wir vor uns nicht bestehen. So flüchten wir in die Sucht mit ihren vielen Gesichtern. Wir greifen keineswegs gleich zu Drogen, sondern geraten in viel subtilere Formen der Sucht. Wir sind genußsüchtig, konsumsüchtig, herrschsüchtig, wollen mehr Lohn, mehr Besitz, mehr haben, anstatt dafür zu sorgen, mehr zu sein. Hinter iesem Verhalten, das wir natürlich auch nicht als Sucht bezeichnen, weil wir es nicht als solche erkennen, steht meist ein tiefes, existenzielles Loch, das nach Überkompensation verlangt. Durch unsere Genußsucht werden wir nikotinsüchtig, eßsüchtig oder alkoholsüchtig. Die Sucht lenkt uns für einen Augenblick ab von der unerträglichen inneren Leere, aber verlangt beim nächsten Mal eine höhere Dosis des Suchtmittels. Die Sucht entsteht durch unbewältigte Krisen und führt in eine neue Krise durch die nicht zu bewältigende Sucht.

Die Welt lebt in einer Dauerkrise, und so benutzen viele Menschen alles, um dieses Gefühl der Krise loszuwerden. Alkohol, Nikotin, Nahrungsmittel, Beruhigungs- und Aufputschmittel, Betäubungsmittel und letztlich Rauschgift.

Wir sind weder Kettenraucher noch stehen wir ständig unter Alkohol und doch sind wir eindeutig süchtig, denn wir brauchen ständig Stimulanzien, um das Leben ertragen zu können, und diese Stimulanzien haben eine negative, herabziehende Wirkung auf unser Leben und unsere Beziehungen zu anderen Menschen.

Um wirklich zu verstehen, was Sucht ist, müssen wir zunächst einmal unsere bisherigen Gedanken und Ansichten zur Sucht und alles, was wir darüber zu wissen glauben, aufgeben. Wir müssen lernen, den Begriff Sucht viel umfassender als bisher zu sehen, müssen den Mut haben zu erkennen, welchen Raum die verschiedenen Formen der Sucht bereits in unserem Leben eingenommen haben.

Sucht ist jeder Prozeß, über den wir machtlos sind. Was immer wir tun, ohne  es wirklich zu wollen, was im Gegensatz zu unseren Vorstellungen steht, wo unser Verhalten einen immer zwanghafteren Charakter annimmt, dort hat die Sucht die Kontrolle über uns übernommen. Ein sicheres Anzeichen für Sucht ist das Bedürfnis, andere, aber auch uns selbst zu belügen, zu leugnen und zu vertuschen, ja Sucht ist bereits das, was mich in die Versuchung bringt zu lügen.

Sucht ist alles, was ich nicht bereit bin aufzugeben. Vielleicht müßten wir es nicht aufgeben, aber daß wir es nicht mehr können, läßt uns die Sucht erkennen. Die Sucht erspart uns den Umgang mit uns selbst, legt einen Schleier über unsere Gefühle und führt mit der Zeit zu einem immer stärker werdenden Mangel an innerem Empfindungsvermögen. Irgendwann müssen wir uns für uns selbst entscheiden, sonst gehen wir an der Sucht zugrunde. So kann alles zur Sucht werden, und keiner ist dagegen gefeit. Es ist auch keine Schande zu erkennen, süchtig zu sein, es ist nur eine Schande, sich selbst aufzugeben.

Jedes Mal, wenn wir „um des lieben Friedens willen“ nachgeben oder weil uns die Wünsche und Erwartungen eines anderen Menschen wichtiger sind als unsere eigenen, folgen wir einer Sucht. Jedes Mal, wenn wir glauben, daß irgendetwas von außen unser Leben bestimmt, daß wir keine Wahl haben, daß wir unheilbar sind, verhalten wir uns süchtig. In Wirklichkeit haben wir in jedem Augenblick die Wahl, und nichts und niemand kann sie uns nehmen oder auch nur schmälern. Jedes Mal, wenn wir etwas tun, was zur Unterdrückung und Selbstverleugnung führt, ja sogar wenn wir nur etwas tun, „um uns zu zerstreuen“, folgen wir der Sucht.

Wir verlieren so immer mehr den Kontakt zu uns selbst, und so verlieren wir schließlich die Fähigkeit, mit anderen vertraut zu werden. Es gelingt uns letztlich nicht einmal mehr mit den Menschen, die wir besonders lieben, die uns am nächsten stehen. Wie können wir auch zu einem anderen Kontakt haben, wenn wir den Kontakt zu uns selbst verloren haben. Natürlich merken wir sehr bald, daß da etwas falsch ist, aber unser verändertes Denken sagt uns, daß das nicht an uns liegt. Wir glauben, den anderen zu brauchen, damit er etwas für uns tut, und wenn es dann nicht klappt, dann liegt die Schuld dafür natürlich bei ihm. Die Sucht täuscht uns vor, daß wir keine Verantwortung haben für unser Unglück. Je länger wir so darauf warten, daß ein anderer endlich etwas für uns tut, uns rettet, desto schlimmer wird die Sucht. Ganz gleich, wovon wir abhängig sind, es kostet immer größere Mühe, die erwünschte Wirkung zu erzielen, uns für einen Augenblick gut zu fühlen. Wenn wir es aber geschafft haben, brauchen wir beim nächsten Mal mehr, um die Wirklichkeit nicht zu sehen.

Wir überlassen unsere Heilung dem Arzt, sind süchtig nach schneller Hilfe von außen. Wir verhalten uns wie unmündige Kinder, die blind den Anordnungen folgen, und unser eigenes inneres Wissen verkümmert. Wir folgen lieber einer äußeren Anweisung als der „inneren Führung“, sind der Auffassung, daß jede Krankheit, jedes Symptom ohne eigene Anstrengung zum Verschwinden gebracht werden kann. Es genügt, einfach nur die richtige Pille zu finden, um unser Problem zu beseitigen, und wenn das dem einen Arzt nicht gleich gelingt, dann gehen wir eben zu einem anderen. Schließlich haben wir ja die freie Wahl. Haben wir das Pech und finden wirklich einen, der uns mit Hilfe eines Medikamentes von unseren Symptomen befreit, dann sind wir glücklich und empfehlen ihn weiter. Schließlich hat er uns „geheilt“. Zu dumm nur, daß wir uns an unserer „Heilung“ nicht lange erfreuen können, weil der Körper wieder ein neues Symptom schickt.

Unsere Sucht beschränkt sich nicht nur auf Medikamente und Ärzte, sondern auch auf die Vorstellung, uns selbst nicht helfen zu können, nichts zu unserer eigenen Heilung unternehmen zu können, selbst für unser gesundheitliches Wohl zu sorgen. Wir legen die eigene Verantwortung einfach ab und geben unsere Gesundheit auf Krankenschein beim Arzt in Pflege. Auch wenn das Ergebnis immer weniger überzeugend ist, lassen wir uns nicht beirren, machen wir immer weiter in unserer Sucht.

SÜCHTE, DIE AN EINE SUBSTANZ GEBUNDEN SIND

Es handelt sich meistens um eine Substanz, die künstlich hergestellt oder verändert wurde und dem Körper vorsätzlich und wiederholt, meist regelmäßig zugeführt wird. Diese Substanzen haben eine Wirkung, die unser Denken und Fühlen verändert und die Wirklichkeit nicht mehr erkennen lässt oder eine veränderte Sicht der Wirklichkeit vermittelt. Der wiederholte Gebrauch führt zu einer zunehmenden körperlichen Abhängigkeit, zu einem unerträglichen Zustand, wenn man ohne diese Substanz ist.

Alkohol

Der Alkoholismus, die Sucht nach Alkohol, ist vielleicht die bekannteste Form der Abhängigkeit von einer Substanz, wird von der Gesellschaft toleriert und nur im Endstadium überhaupt als Sucht erkannt. Doch wann beginnt eigentlich die Sucht? Bin ich schon süchtig, wenn ich regelmäßig zum Essen ein Gläschen Wein nehme? Oder am Abend beim Fernsehen (auch so eine Sucht) ein oder zwei Flaschen Bier trinke, weil mich das beruhigt, ich besser abschalten kann und leichter einschlafe? Alles, was ich regelmäßig tue, führt zur Gewohnheit, und irgendwann fällt es mir schwer oder ist mir gar unmöglich, es zu lassen. Nur zwölf Prozent der Menschen entwickeln keine Alkoholabhängigkeit, selbst wenn sie häufig trinken. Alle anderen sind latent süchtig, selbst wenn sie noch nie einen Schluck Alkohol getrunken haben. Der Mißbrauch und damit die Gefahr beginnt dann, wenn ich gezielt Alkohol trinke, um meine Stimmungslage zu verändern, um nicht nachdenken zu müssen oder um vergessen zu können.

Unmerklich wandelt sich ein gelegentlicher Gebrauch zu einem Mißbrauch und irgendwann zur Sucht. Die Gesellschaft fördert dies in einem erstaunlichen Maße. Durch dieses Beispiel sind auch immer mehr Kinder alkoholgefährdet. Zwei bis drei Millionen Kinder und Jugendliche leben in Familien mit Alkoholabhängigen. Das führt zu einer akuten Suchtgefährdung, denn wir lernen nun einmal den größten Teil unseres Verhaltens durch Nachahmung unserer Bezugspersonen. Fast 500 000 Kinder und Jugendliche sind bereits in Deutschland alkoholabhängig, und es werden ständig mehr. Das Einstiegsalter hat sich in den letzten Jahren von zwölf auf neun Jahre verlagert.

Bei den Anonymen Alkoholikern hören zwar manche auf zu trinken, legen sich dafür aber eine andere Sucht zu. Sie verlagern die Sucht nur auf Zigaretten, Kaffee oder das schon zwanghafte Verhalten, ständig bei den Gruppentreffen über ihre Sucht zu reden.

Natürlich werden die Ersatzhandlungen nur als Zwischenlösungen bezeichnet, aber das zeigt, daß das eigentliche Problem nicht beseitigt, ja nicht einmal erkannt worden ist. Das Suchtmittel wurde gewechselt, die Süchtigkeit aber bleibt unverändert. Die wahre Ursache ist in jedem mir bekannten Fall die Flucht vor der Wirklichkeit. Es ist die Unfähigkeit oder Unwilligkeit, die Aufgaben des Lebens zu meistern und letztlich ist es die Flucht vor sich selbst. Sobald ich bereit bin, mich mit mir selbst zu konfrontieren und meine Aufgaben zu erkennen, anzunehmen und zu lösen, lebe ich wieder in der Wirklichkeit, bin ich wieder erfüllt vom Leben selbst, brauche ich die Sucht nicht mehr.

Nikotin und Koffein

Obwohl beide erwiesenermaßen gesundheitsschädlich und die Spätfolgen beträchtlich sind, nehmen viele Menschen diese Substanzen zu sich, mit vielerlei Begründungen. Ohne Kaffee werden manche gar nicht erst munter, und ohne Zigarette können sie nicht mehr zur Toilette. Oder sie brauchen eine Zigarette, sobald sie nervös sind - und Raucher werden immer schneller nervös. Nichtraucher leben laut Versicherungsstatistik acht Jahre länger als Raucher und sind deutlich gesünder. Wie stark muß daher die Sucht sein, wenn so viele trotzdem regelmäßig rauchen.

Auch wenn es sich hierbei um eine subtilere Art der Selbstzerstörung handelt, so ist auch diese Sucht letztlich tödlich. Es ist nur nicht so klar im Bewußtsein, weil die schädliche Wirkung erst nach Jahrzehnten auftritt. Außerdem kennen viele einen Menschen, der sein Leben lang geraucht hat, nie einen Arzt brauchte und 92 wurde. Die Tatsache, daß es einige wenige gibt, die eine so robuste Konstitution haben, daß sie die eindeutig schädigende Wirkung von Nikotin verkraften können, beweist natürlich nicht, daß Nikotin deswegen unschädlich wäre.

So ist das Rauchen eine gesellschaftlich anerkannte Sucht geworden, für die öffentlich Werbung gemacht wird, auch wenn inzwischen ganz unten auf den Plakaten eine kleine Zeile darauf hinweist, daß das Rauchen gesundheitsschädlich ist. Oft beginnen Menschen zu rauchen, weil sie zu einer bestimmten Gruppe dazugehören wollen. Dann werden Gefühle der Unruhe und Angst durch das Rauchen unterdrückt. Auch Kummer, Traurigkeit und Leid sind scheinbar leichter mit einer Zigarette in der Hand zu ertragen. Manche finden das Rauchen entspannend, andere anregend, aber immer ist es ein Weg, sich von seinen wahren Gefühlen zu entfernen, bis man sie nicht mehr wahrnehmen kann.

Es ist immer leichter und einfacher, sich eine Zigarette anzuzünden als sich einem aufkommenden Gefühl zu stellen. Das müssen nicht immer unangenehme Gefühle sein. Da wir unsere Gefühle unterdrücken, sind wir auch einem starken Glücksgefühl, so es uns noch erreicht, nicht mehr gewachsen und greifen zur Zigarette. Wir haben verlernt, unsere Gefühle zuzulassen, einfach frei fließen zu lassen.

Drogen

Viele Menschen glauben, nur die verbotenen Drogen seien schädlich und meiden Heroin, Marihuana, Kokain und ähnliche Drogen, nehmen ganz selbstverständlich Aufputsch- oder Beruhigungsmittel oder stimmungsverändernde Medikamente. Wir müssen uns einfach klar darüber sein, daß jede stimmungsverändernde Substanz zur Sucht führen kann und daß eine Sucht vorliegt, lange bevor wir unser Verhalten als süchtig erkennen können.

Sobald wir häufiger eine bestimmte Substanz einnehmen, weil wir damit Angst unterdrücken, Schmerzen oder Sorgen lindern oder besser mit dem Leben zurechtkommen, verhalten wir uns süchtig, haben wir es aufgegeben, unser Leben selbst in Ordnung zu halten. Wenn wir dann erst merken, daß diese Substanzen uns beherrschen, ist es schon zu spät.

Nahrungsmittel

Selbst Dinge, die wir zum Leben brauchen, können zum Problem werden und uns süchtig machen. Das Verlangen nach Essen kann zwanghaft werden und außer Kontrolle geraten. Man kann süchtig danach werden, zu essen oder nicht zu essen oder man stopft Unmengen in sich hinein, nur um sie danach wieder zu erbrechen. Andere essen als Heilmittel gegen Ärger, Angst, Depressionen, Unruhe oder Unsicherheit, und wieder andere essen, weil sie sich gerade so gut fühlen.

Die Behandlung der Eßsucht ist besonders schwierig, weil man die Nahrungsaufnahme ja nicht einfach einstellen kann, da sie ein notwendiger Bestandteil des Lebens ist, auf den wir nicht einfach verzichten können. Immer aber ist Eßsucht ein Zeichen innerer Leere, die wir vergeblich mit Essen auszufüllen versuchen. Es steht also immer ein ganz anderer Mangel dahinter, der uns zum Essen oder Nichtessen verleitet. Solange dieser Mangel nicht erkannt und beseitigt ist, kann es keine wirkliche Heilung geben, mag ich mich noch so diszipliniert zum „vernünftigen“ Essen zwingen.

SÜCHTE, DIE AN EINE BESTIMMTE HANDLUNG GEBUNDEN SIND

Spielen

Auch wenn spielen für den Menschen unverzichtbar ist und wir lernen sollten, das Leben spielerischer zu nehmen, kann das Spiel doch zur Sucht werden. Spieler zerstören zwar nicht ihren Körper, aber die Spielsucht zerstört doch letztlich ihr Leben. Das Spielen gerät mehr und mehr außer Kontrolle, und am Ende kann man das Leben nur noch beim Spiel aushalten. Da Spielen Geld kostet, verbrauchen Spieler zuerst ihr Vermögen, soweit vorhanden, dann das der anderen, über das sie verfügen können und dann machen sie Schulden, solange sie noch etwas bekommen.

Geiz

Auch das Gegenteil von Geld verspielen kann eine Sucht werden, der krankhafte Geiz. So wie der Spieler immer größere Summen bewegen muß und erst glücklich ist, wenn er sie verloren hat, so braucht der Geizige immer größere Summen, die er ansammeln kann, die er dem vorhandenen Vermögen hinzufügt, um ein Glücksgefühl zu spüren. Es ist nichts falsch daran, reich zu werden, krankhaft wird es erst, wenn ich mein ganzes Glück aus dieser einseitigen Beschäftigung ziehe. Die „Armut der Reichen“ ist der Mangel an Gefühl, die Unfähigkeit zu lieben, die Sucht nach Vergnügen und die immer größer werdende innere Leere. Oft geht es dem Geizigen überhaupt nicht um das Geld selbst, sondern nur darum, das Geld zu horten und den Vorrat zu mehren. Da er es ohnehin nicht ausgibt, ist es im Grunde sogar wertlos. 

Arbeitssucht

Arbeit ist eine wichtige Ausdrucksform der Persönlichkeit und wie Nahrung für die eigene Entwicklung unverzichtbar. Und doch kann auch sie zur Sucht werden, krankhafte Züge annehmen. Wenn wir von der Arbeit besessen sind, entwickeln wir zwanghafte Verhaltensmuster, wollen immer besser, immer perfekter sein, wollen immer mehr leisten. Anstatt an uns selbst zu arbeiten, verlagern wir das Arbeiten ins Außen, so daß wir keine Zeit mehr haben, an uns selbst zu arbeiten, ja nicht einmal, um über uns nachzudenken. Wir haben einfach zuviel zu tun und den Kopf voller Pläne, was wir alles noch tun müßten. Sobald wir den wesentlichen Teil des Gefühls der Erfüllung aus unserer Arbeit beziehen, sind wir arbeitssüchtig, denn dann wollen wir immer noch mehr Erfüllung auf diesem Wege erfahren.

Sexualität

Immer häufiger benutzen Menschen die Sexualität, um ein Hochgefühl zu erleben, zu dem sie sonst nicht mehr fähig sind. Weder Musik noch Hobbys, weder ihre Tätigkeit noch die Vertrautheit mit einem anderen Menschen kann ihnen dieses Gefühl vermitteln, ja sie scheinen sogar Vertrautheit und Nähe zu meiden, versuchen sie zu verhindern, bestenfalls als notwendige Begleiterscheinung zu dulden. Diese Menschen benutzen Sexualität, um sich selbst und ihren Problemen aus dem Weg zu gehen. Sie sehen die Sexualität als ihr gutes Recht an oder reden sich ein, dem anderen dieses Hochgefühl vermitteln zu wollen oder es ihm gar zu „schulden“. Was der Alkohol für den Alkoholiker, die Droge für den Drogensüchtigen, ist für sie die Sexualität, ein Weg, sich selbst aus dem Weg zu gehen.

Sorgen

Sogar sich Sorgen zu machen kann zur Sucht werden. Es gibt Menschen, die sich um alles sorgen. Ob sie genug zu essen haben werden oder ob sie nicht zu viel oder möglicherweise das Falsche essen. Sie fragen sich, ob ihr Partner sie noch liebt, ob er eventuell sogar „fremdgeht“ und wenn, warum wohl? Sie überlegen, was ihm fehle oder was er bei ihnen vermissen könnte?

Sie machen sich Sorgen, ob ihr Arbeitsplatz wohl sicher sei und was sie machen würden, wenn sie plötzlich arbeitslos würden. Und dann gibt es natürlich die Gesundheit. Immer wieder stellen sie fest, daß es hier drückt, zwickt oder nicht mehr reibungslos funktioniert, und das muß man ja rechtzeitig beachten, schließlich könnte es ja etwas Ernstes sein. Und natürlich machen sie sich Sorgen, wie das wohl im Alter werden wird. Ob die Rente ausreicht, und ob man sie wohl abschieben würde in ein Altersheim, wenn sie nicht mehr für sich selbst sorgen könnten. Sie machen sich über alles und über jeden Sorgen und kommen vor lauter Sorgen nicht dazu, wirklich zu leben. Es beeindruckt sie auch gar nicht, daß das meiste, was sie befürchten ohnehin nicht eintrifft, denn es fällt ihnen sofort wieder etwas Neues ein, was passieren könnte. Alles, was man übertrieben tut, ist eine Sucht, auch wenn die Sucht, sich Sorgen zu machen, wahrscheinlich noch nicht als Sucht erkannt und anerkannt ist.

Religion als Sucht

Der Religionssüchtige verliert mehr und mehr seine eigenen Wertvorstellungen und entwickelt fanatisch anmutende Verhaltensweisen, möchte alle Welt überzeugen, daß „sein Glaube“ oder sein Guru der einzig wahre ist und alle anderen sich auf einem gefährlichen Irrweg befinden. Natürlich versucht er so viele wie möglich zu „retten“, auch wenn er Verständnislosigkeit und Spott erntet. Er hat das einzig Wahre gefunden, und er versteht nicht, daß die anderen das nicht auch erkennen wollen. So geht er wenigstens regelmäßig in seine Glaubensgemeinschaft, vollzieht streng die dort üblichen Rituale und weiß sich „rechtgläubig“. Er ist bereit, sich den Himmel „zu verdienen“ und merkt nicht, daß er sich und den Seinen das Leben damit zur Hölle macht.

Nichts muß zur Sucht werden, aber alles kann zur Sucht werden, ganz gleich, ob es sich um Fernsehen, Joggen oder Meditation handelt. Wann immer sich mein Verhalten selbständig macht, ich es nicht mehr lassen kann, auch wenn ich mir das einrede, bin ich süchtig.

Süchtige sind Egozentriker, ihr ganzes Denken und Fühlen dreht sich ständig um sie selbst, um ihre Bedürfnisse. Der Arbeitssüchtige denkt nur an den nächsten Termin, der Alkoholiker an den nächsten Schluck, der Beziehungssüchtige an die nächste Beziehung, der Drogensüchtige an den nächsten „Schuß“, ohne dabei auf andere Rücksicht zu nehmen, es weder zu wollen noch zu können. Alles Geschehen um sie herum beziehen sie auf sich, alles wird als Bestärkung oder Ablehnung der eigenen Person empfunden. 

Die Sucht nach mehr

Auch die Gesellschaft trägt zu diesem egozentrischen Verhalten einen guten Teil bei, denn wir werden durch sie ermutigt, nach immer mehr zu streben, immer mehr haben zu wollen, um „wer zu sein“ und dafür immer länger zu arbeiten. Wir lernen, daß Erfolg darin besteht, sich ein größeres Auto, ein schöneres Haus, einen begehrten Partner leisten zu können, und das muß natürlich bezahlt werden, dafür muß man Opfer bringen. Diese Opfer werden als selbstverständlicher Preis für diesen Lebensstil angesehen.

Um diesen Lebensstil aufrechtzuerhalten, zerstören wir den Boden, das Wasser, den Regenwald, die Ozonschicht und stürzen die Dritte Welt ins Elend. Wir sind dabei, diesen Planeten zu zerstören, ohne darüber nachzudenken, wie wir dabei überleben wollen. Wir wollen immer besser leben, dabei geht es längst um unser Überleben. Dabei ist Leben ganz anders gedacht, wie wir in allen Weisheitsbüchern nachlesen können. In der Bibel heißt es:

„Wohlan so iss Dein Brot in Freude und trinke frohen Herzens Deinen Wein. Denn Gott gefällt seit je solch ein Tun von Dir. Allzeit seien Deine Kleider weiß, und Öl soll Deinem Haupt nicht fehlen! Genieße das Leben mit dem Weibe, das du liebgewonnen, alle Tage Deines vergänglichen Lebens, die Gott Dir unter der Sonne gibt! Denn das ist Dein Anteil am Leben und Dein Lohn für die Mühe, mit der Du Dich plagst . . . „(Koh 9,7—10)

Kaufsucht

Längst aber ist die Teilnahme am Konsum der ausschlaggebende Maßstab für gesellschaftliche Anerkennung geworden. Wer die Anerkennung will, muß mitmachen, muß eine bestimmte Automarke fahren, die je nach gesellschaftlicher Schicht wechselt, muß ein bestimmtes Äußeres pflegen, bestimmte Lokale aufsuchen und bestimme Speisen essen, alles nur um „dazuzugehören“. Ob es erstrebenswert ist, dazuzugehören, ist fraglich, sicher aber ist, daß dies alles Suchtmerkmale sind, denn dies sind Merkmale der Fremdbestimmung.

Konsumismus ist ein Verhalten mit nicht stillbaren Bedürfnissen, die nach einer ständigen Dosissteigerung verlangen. Anfangs wollten wir nur satt sein, dann gut gekleidet, dann ein schönes Heim haben, dann ein eigenes Haus, ein schönes Auto, schließlich ein Wochenendhaus, eine Jagd oder eine Jacht. Das eigene Unternehmen muß immer weiter wachsen und damit unser Einfluß und unsere Macht, und immer ist es noch zu wenig. Ständige Dosissteigerung, ohne je befriedigt zu sein, das ist eindeutig Sucht. Das, was wir Fortschritt nennen, führt uns immer weiter fort von uns selbst. Der psychische Tod durch Konsum führt zum sozialen Tod der anderen. Weil wir das längst nicht mehr bezahlen können, machen wir immer mehr Schulden. Wir bekommen überall Kredit, aber nur so lange, wie wir nachweisen können, daß wir das Geld eigentlich nicht brauchen. Sobald wir es wirklich brauchen, sperrt uns die Bank den Kredit. Es ist, als ob jemand bei schönem Wetter Regenschirme verleiht und sie bei schlechtem Wetter zurückverlangt.

Irgendwann kommt es zur Überschuldung und in Folge davon zu Mahnungen, Pfändungen, Zwangsräumung, Zwangsversteigerung und Offenbarungseid. Unter den Schuldnern sind immer mehr junge Leute, die mithalten wollen, die auch haben wollen, was sie bei den anderen sehen, ohne den Preis dafür gezahlt zu haben.

Aber nicht nur der einzelne ist verschuldet, auch die Staaten sind so hoch verschuldet, daß an eine Rückzahlung nicht mehr zu denken ist. Wäre der Staat ein Wirtschaftsunternehmen, er müßte längst seinen Bankrott erklärt haben. Immer mehr Staaten sind zahlungsunfähig, müssen eine „Umschuldung“ vereinbaren, was den wirtschaftlichen Zusammenbruch nur ein Stück in die Zukunft verlegt. Denn da immer mehr Staaten verschuldet sind, gibt es immer weniger, die Geld verleihen können und wollen, bis wir alle in einem Meer von Schulden ertrinken. Natürlich gibt es genug kluge Leute, die das erkennen und doch machen sie weiter - das ist Sucht. 

Eine wachsende Zahl von Menschen ist kaufsüchtig. Sie versuchen so, einen Mangel auf einem anderen Gebiet zu kompensieren. So zum Beispiel den Mangel an Anerkennung, Zärtlichkeit, Sexualität. Sie versuchen so, den Partnerverlust zu vergessen oder die eigene körperliche Behinderung, den gesellschaftlichen Imageverlust oder den drohenden sozialen Abstieg. Sie versuchen Streß, Frust und Depressionen zu vergessen. Beim Kauf kommt es zu einem Hochgefühl, dem unweigerlich die Ernüchterung folgt. Um dieses Hochgefühl zu erleben, müssen die gekauften Dinge von Mal zu Mal teurer sein. Zur Kaufsucht gehört der Zwang, kaufen zu müssen, auch wenn man zu Hause schon unzählige Armbanduhren, Fotoapparate oder Kleider hat, mehr, als man in diesem Leben tragen kann.

Und wenn das alles nicht mehr zu bezahlen ist, dann wird es mit Diebstahl versucht. Pro Jahr werden etwa 400 000 Ladendiebstähle begangen, die zu einem großen Teil auf das Konto von Kleptomanie gehen, dem Zwang zum Stehlen. Hier geht es nicht um persönliche Bereicherung, das ist höchstens ein sekundärer Nebeneffekt, es ist eine Sucht, die immer mehr um sich greift. Unter Schülern ist die Frage, wer die teuersten oder größten Dinge unerwischt stehlen kann fast schon zu einem Sport geworden. Wer erwischt wird, hat eben Pech gehabt, der Sport aber geht weiter, bis er irgendwann zur Sucht wird.

Weil sie nicht rauchen und kaum Alkohol trinken, befinden sich viele in dem irrtümlichen Glauben, nicht süchtig zu sein. Doch die Sucht hat viele Gesichter. Jedes gewohnheitsgemäße Verhalten, das nicht kontrolliert werden kann, muß als Sucht bezeichnet werden. Wir aber haben eine erstaunliche Fähigkeit entwickelt, uns selbst davon zu überzeugen, daß unsere kleinen Gewohnheiten liebenswert und völlig harmlos sind. Und natürlich brauchen wir keine Hilfe, denn die eine oder andere Gewohnheit ist ja nun wirklich ganz normal, oder? Es gibt kaum jemand, der zugibt, süchtig zu sein, dabei sind wir es fast alle.

Nicht nur der Drogen-, Alkohol- oder Medikamentenmißbrauch ist sichtbarer Ausdruck einer Sucht, auch ständiges Arbeiten, verbissener Leistungssport oder Joggen sind Zeichen einer Abhängigkeit. Alles kann zur Sucht werden.

Für immer mehr ungelebtes Leben brauchen wir immer mehr therapeutischen Ersatz. Auch die Sucht nach dem Doktor, der alles heilen kann, gehört hierher. Wir glauben einen Anspruch darauf zu haben, daß uns jemand von den Folgen unseres falschen Verhaltens befreit, damit wir danach genauso falsch weitermachen können. Wofür hat man denn einen Krankenschein. Wir nehmen immer bessere Pillen oder Tropfen, und deren unvermeidliche Nebenwirkungen können ebenfalls mit immer besseren Mitteln ausgeglichen werden, die allerdings auch wieder Nebenwirkungen haben.

DIE VIELEN GESICHTER DER SUCHT

Die Liste ist bei weitem nicht vollständig und wird von findigen Menschen ständig erweitert. Alles, was eigentlich unserer Freude dienen könnte, kann auch zur Sucht werden. Aber wie kommt es, daß erst in unserer Zeit die Sucht ein solches Ausmaß angenommen hat, daß fast alle Menschen in der einen oder anderen Form süchtig sind?

DER URSPRUNG DER SUCHT

Nach unserer Geburt sind unsere Wünsche noch einfach zu erfüllen. Wir sehnen uns nach Geborgenheit, Wärme und Liebe, haben einen starken Freiheitsdrang und eine unstillbare Neugier auf die Welt. Von unserer sicheren Umgebung aus wollen wir die Welt erforschen. Doch dieser natürliche Drang setzt eine unverzerrte Wahrnehmung der Wirklichkeit voraus, wenn er sich in eine gesunde Richtung entwickeln soll.

In der Mitte dieses Jahrhunderts setzte eine Tendenz ein, den Ablauf unserer Geburt künstlich zu verändern. Bis dahin bestimmte das werdende Leben selbst, wann es in die Welt eintreten wollte. Nun aber begannen Ärzte und Hebammen, die Geburt künstlich einzuleiten und sie auf die Werktage zu verlegen. So gibt es kaum noch „Sonntagskinder“, Kinder, die einfach dann kommen dürfen, wenn ihre Zeit gekommen ist. 

Eine andere scheinbar harmlose und hilfreiche Praxis aber hat unser Leben noch mehr verändert, nämlich die Gewohnheit, der werdenden Mutter zur Linderung der Schmerzen des Geburtsvorganges Schmerzmittel zu geben. Das wiederum kann rechtzeitig nur in einer Klinik oder einem Krankenhaus geschehen, und so kommen die meisten Kinder heute im Krankenhaus zur Welt, obwohl die Geburt eines Menschen der wohl natürlichste Vorgang der Welt ist und mit Krankheit nun wirklich nichts zu tun hat. Voller Angst suchen viele der werdenden Mütter die Klinik auf, bedacht, ja rechtzeitig zu kommen, bevor ein Schmerz einsetzt. Die Angst führt natürlich zu Verkrampfungen und die steigern den Schmerz. So werden die Wehen wirklich zur Qual, für deren Linderung man ein schmerzstillendes Mittel braucht. Die Angst vor dem nächsten Schmerz läßt uns dann rechtzeitig wieder etwas gegen den Schmerz verlangen, und so bekommt das Kind eine entscheidende Prägung, bevor es überhaupt geboren ist.

Es bekommt die Erfahrung, daß Leben anscheinend untrennbar mit Schmerz verbunden ist, daß man aber dem Schmerz entfliehen kann, indem man bestimmte Substanzen einnimmt. Ich brauche keine Angst mehr vor dem Leben zu haben, denn der Schmerz kann mich nicht erreichen, wenn ich nur rechtzeitig etwas einnehme. Und dieser Erkenntnis folgt die Praxis, denn jedes Mal, wenn die werdende Mutter etwas einnahm, bekam das Mittel über den gemeinsamen Blutkreislauf auch das werdende Kind zugeführt. Wir lernen so, das Leben zu fürchten, bevor wir überhaupt angefangen haben zu leben und eigene Erfahrungen zu machen. Dabei ist das Leben ein wunderbares Abenteuer, das darauf wartet, daß wir es „entdecken“.

FRÜHES SUCHTTRAINING

Wir nehmen aber nicht nur Medikamente ein gegen Schmerzen, sondern schon vorbeugend gegen Schnupfen, Husten, Allergien und viele andere Symptome, weil wir sie seit frühester Kindheit von unseren Müttern bekommen haben. Die meisten Kinder erleben, daß ihre Eltern ständig irgendwelche Medikamente mit sich herumtragen, um bei Bedarf gleich etwas gegen Kopfschmerzen, Müdigkeit, Nervosität und ähnliches tun zu können.

So ist es kein Wunder, daß immer mehr Menschen medikamentenabhängig werden, weil es ihnen von frühester Kindheit an vorgelebt wird, daß man das Leben ohne Medikamente anscheinend nicht ertragen kann. Es ist auch nicht leicht zu erkennen, daß wir süchtig sind, schließlich sind wir doch nicht anders als die anderen, tun nur, was die anderen auch tun. Was also sollte an unserem Verhalten falsch sein? Wir sind völlig normal. 

So lernen wir schon vor unserer Geburt, daß das Leben schmerzhaft ist und daß man Angst davor haben muß. Schließlich hat ja auch unsere Mutter, die zu diesem Zeitpunkt unsere ganze Welt ist, auch Angst. Und so entwickeln auch wir eine ständige Angst vor dem Leben. Angst, daß nicht genug für uns da sei, daß wir nicht genug geliebt werden und später, daß wir nicht genug Geld verdienen, nicht genug Zeit haben. . . Nicht genug kann sich auf alles beziehen, aber es kann uns auch den Weg nach innen zeigen, dort, wo unsere ungestillte Sehnsucht ihre Ursache hat. Es ist vor allem der Mangel an Leben, der uns zu schaffen macht, die Fülle des ungelebten Lebens, das wir nicht mehr an uns heran lassen, aus Angst, ihm nicht gewachsen zu sein. Und so versuchen wir ständig, alles unter Kontrolle zu halten, damit wir nicht außer Kontrolle geraten. Nehmen abends etwas ein, um besser schlafen zu können und morgens vorbeugend etwas gegen Leistungsabfall, ohne uns die Chance zu geben, zu erleben wie wir ohne diese Mittel zurechtkommen würden,  wenn wir uns direkt mit dem Leben konfrontierten. Wir schaffen uns eine künstliche Welt, in der wir dann vergessen, wie das eigentliche Leben aussieht. Unzählige Menschen sterben, ohne je gelebt zu haben. Sie bemerken es nicht einmal, weil sie von Anfang an nichts anderes kennengelernt haben.

Wir leben so nicht mehr in der Wirklichkeit, denn das hieße ja, sich der Vielfalt des Lebens zu stellen, die ständig eingehenden Informationen sofort zu verarbeiten und die entsprechenden Entscheidungen zu treffen. Das aber ist nur möglich, wenn man in der eigenen Mitte ruht, im Bewußtsein, niemals vom Leben überfordert werden zu können, bereit, jede Aufgabe des Lebens zu lösen.

Wir aber flüchten vor der Gegenwart, leben in der Vergangenheit oder in der Zukunft, nur nicht jetzt, wo das eigentliche Leben stattfindet. Leben aber kann man nicht gestern oder morgen, sondern nur jetzt, in diesem Augenblick.

Wir sind überzeugt, daß wir nur das Beste für uns wollen, dabei tun wir ständig etwas, das uns schadet, indem wir rauchen, zuviel trinken und zuviel und dann auch noch das falsche essen. Wir hetzen uns durch den Verkehr und durch die Arbeitszeit, nur um danach „zur Erholung“ durch das Vergnügen zu hetzen. Und sollte wirklich einmal einen Augenblick Ruhe eintreten, in der wir zur Besinnung kommen könnten, werden wir nervös, stecken uns eine Zigarette an und schalten den Fernseher ein, nur um zu vermeiden, uns selbst zu begegnen. Wir sind ständig auf der Flucht vor uns selbst. Kino und Fernsehen versetzen uns „in eine andere Welt“ und damit aus der Wirklichkeit der Gegenwart unseres wahren Lebens. Wunschdenken und Projektionen helfen uns auch dazwischen nicht, mit der Wirklichkeit in Berührung zu kommen. 

Manche Menschen sind Jahre miteinander verheiratet, ohne sich je begegnet zu sein. Sie haben natürlich eine Vorstellung vom anderen, aber haben die Realität nie wahrgenommen. Nicht umsonst heißt es: „Manche lernen sich kennen und heiraten, die meisten aber heiraten und lernen sich dann kennen.“

Das wäre schon schlimm genug, aber ich glaube, daß die meisten sich nie kennenlernen, selbst wenn sie ein Leben lang miteinander verheiratet sind, weil sie sich einfach nicht die Mühe machen, den anderen wahrzunehmen. Sie haben es nie gelernt, denn schließlich gehen sie ja auch sich selbst ein Leben lang aus dem Weg.

Und weil wir das tief im Innersten wissen, bestrafen wir uns unbewußt dafür, verhalten uns so, daß wir von unserer Umwelt abgelehnt werden. Jeder findet dafür seine individuelle Form. Manche Menschen sind redesüchtig, denn auch das ist ein Weg, sich der Wirklichkeit zu entziehen. Gleichzeitig ist es auch eine Form der Bestrafung, denn schließlich gehen ihnen alle aus dem Weg, weil ein Miteinander mit ihnen nicht möglich ist, sie könnten genauso gut Selbstgespräche führen. So aber machen sie ihre Mitmenschen zu Gefangenen ihres Redeschwalls und versuchen, sie so zu manipulieren.

Dahinter steht oft die Angst, allein zu sein, deshalb nehmen sie jeden in Besitz, den sie erreichen können. Gleichzeitig ist es ein zuverlässiger Weg der Flucht vor sich selbst. Solange ich rede, kann ich die innere Stimme nicht hören, die mich zu mir selbst zurückführen möchte. Die Zuhörer vermitteln dabei das Gefühl, daß die Ideen des Dauerredners und damit er selbst von Bedeutung seien. In Wirklichkeit hat er längst verlernt, etwas zu sagen, er redet nur noch. Auf dem Heimweg stellt er dann fest, daß sein leeres Herz noch leerer geworden ist.

Diese Leere versuchen viele zu füllen, indem sie sich glitzerndes Spielzeug zulegen, Häuser, Autos, Yachten, vielleicht sogar ein eigenes Flugzeug, ohne sich wirklich daran erfreuen zu können. Ihre einzige Freude ist oft der Neid der anderen. Sie verbringen so ihr ganzes Leben mit dem Erwerb von Dingen, die ihnen gar keine Freude machen. Die innere Leere läßt sich nun einmal nicht außen beseitigen. Irgendwann können wir uns nicht mehr ausweichen, müssen wir den Weg nach innen gehen, uns mit uns selbst konfrontieren. Wir müssen der eigenen Wirklichkeit ins Auge sehen, ob sie uns gefällt oder nicht, denn es ist der einzige Weg, wirklich zu leben. Bis dahin versuchen wir krampfhaft „normal“ zu sein, aber diese Sucht nach Normalität verhindert jede „notwendige“ Veränderung. Diese Sucht, normal zu sein, gehört vielleicht zu den gefährlichsten Süchten, auch wenn sie nicht als solche erkannt wird.

Normal zu sein, genügt uns natürlich nicht, und so wollen wir noch Sicherheit. Wir arbeiten hart, um wirtschaftlich gesichert zu sein, schließen eine Kranken-, Unfall- und Lebensversicherung ab und haben natürlich eine Altersversorgung. Das alles sollte zwar jeder vernünftige Mensch tun, aber bei vielen Menschen wird die Absicherung mehr und mehr zum Selbstzweck, zum eigentlichen Lebensinhalt, der verhindert, daß sie jetzt das Leben genießen. Für diese vielfältigen Anstrengungen belohnen wir uns mit der Überzeugung, „am Ziel zu sein“. Um das wirklich glauben zu können, machen wir regelmäßig „geistige Übungen“ wie Meditation, Yoga, Tai-chi, Aikido und ähnliches.

Andere sind bereits über diese Übungen erhaben und glauben sich in einem Zustand, der bereits an Erleuchtung grenzt. Wer so glaubt, am Ziel zu sein, ist nur in eine andere Krise geraten, er ist unmerklich wieder eingeschlafen und träumt; sein Leben ist nur noch ein Traum. Es mag ein schöner Traum sein, aber er kann nur Wirklichkeit werden, wenn wir bereit sind, wieder aufzuwachen. Das kann recht ernüchternd sein, denn aufzuwachen kann uns ebenfalls in eine Krise stürzen, weil wir glaubten, es schon geschafft zu haben.

Bei all dem vergessen wir, daß wir in Wirklichkeit in jedem Augenblick am Ziel sind, denn das Ziel ist, ganz ich selbst zu sein, nicht irgendeine Vorstellung von Vollkommenheit zu verwirklichen. Zu allen eigenen Süchten sind viele Menschen auch noch süchtig nach den Süchten anderer, sind ständig in ein Liebesverhältnis oder eine eheliche Beziehung mit einem Süchtigen verwickelt. Das macht eine Behandlung noch schwieriger, weil so nicht nur der Süchtige, sondern gleichzeitig auch sein Partner oder seine Familie behandelt werden müssen, und hier fehlt oft die Bereitschaft, weil nicht erkannt oder anerkannt wird, daß es sich um eine Sucht handelt.

Außerdem wird diese Form der Abhängigkeit in unserer Gesellschaft oft auch noch durch Anerkennung gefördert. Schließlich opfert man sich ja einem armen Mitmenschen, der ohne uns nicht lebensfähig wäre. Das Leben will aber nicht, daß wir es opfern, sondern daß wir es freudig erleben. Wer sich opfert, hat statt der „Melodie seines Lebens“ immer nur einen Ton angeschlagen. Wer so von der Beziehung zu einem Süchtigen abhängig ist, ist meist gestörter, unglücklicher und hilfsbedürftiger, als der als süchtig bezeichnete. Meist hat er einen sozialen Beruf, ist Krankenschwester, Sozialhelfer oder Psychologe. Er ist das, was man unter einem „guten Menschen“ versteht. Oft hat er ein geringes Selbstwertgefühl, und so steigert sich seine Fürsorglichkeit nicht selten bis zur „Selbstaufgabe“. Diese Menschen dienen den anderen, opfern ihre eigenen physischen, emotionalen und spirituellen Bedürfnisse dem Wohl der oder des anderen und stehen am Ende überlastet und erschöpft als Vorbild da. Da sie ihre Bedürfnisse ständig ignorieren, bekommen sie natürlich alle möglichen Krankheiten, sind anfällig für alles, aber auch das bringt sie nicht zur Vernunft. Es ist der Preis, den sie bewußt und gern für das Gefühl zahlen, dem Ganzen gedient zu haben. Ein Teil ihrer Belohnung besteht darin, daß der Süchtige seinerseits von ihnen abhängig wird und sie daher weitermachen müssen, einfach weil der andere sie braucht.

Wegen der Anerkennung, die dieses Verhalten in unserer Gesellschaft findet, ist eine Heilung besonders schwierig. Schließlich kann man dafür einen Orden bekommen, wie also kann falsch sein, was man tut? Und wer soll sich schließlich um den oder die anderen kümmern? Mit dieser Einstellung sitzt man in der selbstgegrabenen Falle. Befreien kann man sich daraus nur, indem man anfängt sein eigenes Leben zu leben. Das aber stößt auf Ablehnung und gilt als Egoismus. Es ist ein schwieriger Weg, der wahre Größe erfordert.

UNEHRLICHKEIT

Ein sicheres Zeichen für Sucht ist die Unehrlichkeit. Süchtige sind Meister im Lügen, werden es durch ständige Übung. Wobei es meistens um das „ob“, „wie viel“, „wann“ und „wo“ geht. Dabei kann man drei Stufen von Lügen unterscheiden.

Die erste Stufe ist, sich selbst zu belügen. Man will nicht wahrhaben, was offensichtlich ist, weil man sonst vor sich selbst nicht mehr bestehen kann, also macht man sich etwas vor. „Ich mache das nur, um es kennenzulernen“, und „Natürlich kann ich es jederzeit lassen, ich mache es nur, solange es Freude macht“. Mit der Zeit aber verliert man so das Gefühl der Ehrlichkeit - und Ehrlichkeit wird unmöglich. Wer in einem falschen Bild der Wirklichkeit lebt, kann irgendwann die Wahrheit nicht mehr erkennen.

Letztlich ist er selbst von dem überzeugt, was er sagt, und das macht die Lügen oft so überzeugend. Dies führt automatisch zur zweiten Stufe, zum Belügen der Mitmenschen und damit zu unehrlichen Beziehungen. Damit kommt es bald zur dritten Stufe, bei der die anderen uns belügen, um uns zu schonen. Sie lügen über unseren wahren Zustand, über das, was der Arzt gesagt hat und ähnliches mehr.

So haben wir schließlich erreicht, daß mehr oder weniger alle in unserer Umgebung zur Unehrlichkeit veranlaßt werden. Wenn einer nicht mitmachen will, wird ihm von den übrigen noch ein schlechtes Gewissen eingeredet. „Wie kannst Du nur so rücksichtslos sein. Du siehst doch, der kann das nicht verkraften. Hilf ihm doch auch, damit er wieder auf die Beine kommt.“ Bis endlich keiner mehr genau weiß, was eigentlich richtig und was falsch ist.

Und so wird der ganzen übrigen Welt eine heile Familie vorgespielt, in der jeder mit jedem ganz liebevoll umgeht und jeder auf jeden Rücksicht nimmt. Dabei geht dann der letzte Rest von Ehrlichkeit verloren und damit die Fähigkeit, Wahrheit und Lüge voneinander zu unterscheiden.

Das Problem der Sucht wird durch unser Lügen noch unlösbarer, weil wir uns selbst ein ganz falsches Bild machen und ständig bestätigen. Wir fürchten uns vor unserem eigenen und dem Urteil der anderen so sehr, daß wir uns lieber weiter etwas vormachen, als uns unsere Sucht einzugestehen. Da wir die Sucht leugnen, ist auch keine Behandlung erforderlich. Für wen auch - und wozu? Aber solange wir in der Lüge leben, ist Entwicklung nicht mehr möglich, treten wir nicht nur auf der Stelle, sondern sacken immer weiter ab und leugnen natürlich auch das.

Schließlich beziehen wir in unser Lügen auch die Vergangenheit und die Zukunft mit ein. Die Lüge über die Vergangenheit beginnt meist mit: „Wenn damals nur . . . „ - „Wenn der andere das damals nicht getan hätte, wäre ich nicht in diese Krise gekommen und damit auch nicht in die Sucht geraten.“ - „Von mir aus hätte ich doch das Zeug nie angefaßt.“ — „Wenn mein Vater mich hätte studieren lassen, wäre etwas ganz anderes aus mir geworden.“ — „Wenn meine Lehrer sich die Mühe gemacht hätten, meine Begabung mehr zu fördern, dann könnte ich heute. . . „- „Wenn ich damals ein bißchen mehr Glück gehabt hätte, dann stünde ich heute ganz woanders.“ Das alles sind Versuche, die Verantwortung für die Vergangenheit und damit für die Gegenwart auf andere abzuschieben und sich selbst als unschuldiges Opfer zu sehen, das ja gewollt hätte, wenn die anderen nicht versagt hätten.

Die Lüge der Gegenwart heißt: „So tun als ob“. So tun als ob alles in Ordnung wäre und als ob das Selbstbild des Süchtigen der Wirklichkeit entspräche. So tun als ob wir uns alle sehr gern hätten und besonders liebevoll miteinander umgingen. Wir machen uns so nicht nur ständig selbst etwas vor, sondern bekommen von der Umwelt auch noch die Bestätigung für unser falsches Bild, bis wir selbst davon überzeugt sind. Schließlich können sich doch nicht alle irren, sagen wir uns in Augenblicken des Zweifels.

Die Lüge über die Zukunft heißt: „Was mache ich, wenn . . . „oder: „Wie verhalte ich mich, falls . . . „ - „Wie verhindere ich, daß . . . „Mit diesem Versuch, die Zukunft zu kontrollieren, verhindern wir eine Auseinandersetzung in der Gegenwart, dort wo unser Leben tatsächlich stattfindet. Die absolute Ehrlichkeit ist für den Süchtigen der erste, unverzichtbare Schritt, wieder zu sich selbst zu finden, zurückzukehren in die Wirklichkeit, denn erst dann, wenn ich sie wieder klar erkenne, kann ich sie ändern.

Die Lüge ist für den Süchtigen, was der Schluck Alkohol für den Alkoholiker ist. Es bleibt nicht bei einem Schluck; ich verliere meine Ehrlichkeit mit der ersten Lüge. Irgendwann muß nicht einmal mehr ein Grund bestehen zu lügen, ich erkenne selbst nicht mehr, daß es nicht wahr ist. Die Unehrlichkeit ist ein fester Bestandteil meines Lebens geworden. Ehrlich zu werden ist daher ein unverzichtbarer Schritt zur Heilung. Denn Ehrlichkeit heißt nicht nur, die Wirklichkeit wieder zu erkennen und in dieser Wirklichkeit zu leben, sie heißt auch, wieder Zugang zu seinen Gefühlen zu bekommen - ein Gefühl für Ehrlichkeit, aber auch für die Freude des Lebens. 

Dieser Weg aber ist sehr schwierig, weil uns unser eigener Verstand laufend überzeugende Argumente für die Unehrlichkeit liefert. Wir sind angeblich nur nicht ganz ehrlich, um die Gefühle der anderen nicht zu verletzen. Schließlich möchte man niemanden vor den Kopf stoßen. Und dann wollen wir in den Augen der anderen ja „nett“ sein, und das zwingt uns geradezu, immer wieder unehrlich zu sein, denn wer ist schon immer nett. Aber solange wir nur nett sind, können wir niemandem wirkliches Interesse entgegenbringen. So gehört zum Weg der Ehrlichkeit auch, damit aufzuhören, nett sein zu wollen und zu lernen, nein zu sagen. Denn das Nein zum anderen ist ein Ja zu mir selbst. Wenn wir es ernst meinen mit der Ehrlichkeit, müssen wir uns selbst davon überzeugen, 

So wie der erste Schritt aus der Sucht die absolute Ehrlichkeit ist, so ist der zweite Schritt das Erkennen und Auflösen von Abhängigkeit. Abhängigkeit ist der Glaube, daß ich den anderen unbedingt brauche, weil ich allein es nicht schaffen kann. Besonders schlimm ist es, daß ich damit oft den anderen von mir abhängig mache, denn wem sollte er helfen, wenn ich ihn nicht brauche? Süchtige sind fast immer abhängig, auch wenn sie gern versuchen, sich und andere davon zu überzeugen, daß sie niemanden brauchen, daß sie auf keinen angewiesen sind. Solange wir uns offen oder insgeheim die Befriedigung unserer physischen, emotionalen, intellektuellen und spirituellen Bedürfnisse von anderen erwarten, sind wir abhängig. Auch eine Liebesbeziehung ist oft nur eine schönere Form der Abhängigkeit.

LIEBE ODER ABHÄNGIGKEIT?

Abhängigkeit  Liebe 
verhindert individuelles Wachstum hilft beiden, sich im miteinander schneller und besser zu entwickeln
gibt, um etwas zu bekommen gibt und nimmt aus Liebe
spielt Spielchen mit dem anderen äußert frei die eigenen Wünsche und Bedürfnisse
kennt keine wahre Vertrautheit lebt im Vertrauen und der Vertrautheit mit dem Partner
hat Angst vor der Trennung lebt in der Gegenwart und ist offen für die Zukunft
kennt nicht die eigenen Grenzen lebt in der Einheit mit dem Geliebten, aber auch in der Einheit mit sich selbst
ist alles verschlingend achtet die Individualität des Partners
verhindert wahre Entwicklung fördert die Entwicklung des Partners ebenso,wie die eigene 
fürchtet jede Veränderung und will festhalten, was ist  ist offen für jede Veränderung 
versucht den anderen zu verändern ist für den Partner da, ohne ihn ändern zu wollen
sucht Lösungen von außen akzeptiert die Möglichkeiten und Grenzen des Partners
fordert bedingungslose Liebe ist frei von Forderungen und nimmt dankbar an, was ist
braucht ständig Bestätigung durch den Partner und macht sein Selbstwertgefühl vom anderen abhängig hat ein in sich ruhendesSelbstbewußtsein
hat ständig Angst, bei einer auch nur kurzen Trennung, verlassen zu werden vertraut dem Partner und genießt bewußt das „Alleinsein“ 
braucht den anderen, um sich ganz zu fühlen ruht in sich und hilft demPartner, zu sich selbst zu finden 
wünscht Nähe, aber hat Angst, verletzt zu werden ist offen für Nähe, macht sich vertrauensvoll verletzlich
will ständig die Kontrolle über den Partner respektiert den anderen so, wie er ist und stärkt ihn in seiner Unabhängigkeit

Prüfen Sie einmal ganz ehrlich, welche Seite auf Ihre persönliche Liebesbeziehung mehr zutrifft. Ein Merkmal der abhängigen Liebesbeziehung ist es, daß Menschen, die wirklich leben, als Bedrohung empfunden werden.

DER WEG ZUR HEILUNG DER SUCHT

Erst wenn die Sucht und die eigene Abhängigkeit erkannt und ehrlich anerkannt sind, kann ein Ansatz zur wirklichen Heilung gefunden werden. Die zur Heilung erforderlichen Schritte kann Ihnen niemand abnehmen, weder dieses Buch noch ein Seminar oder ein Wunderheiler. Niemand auf der Welt hat ein so großes Interesse daran, Sie gesund zu sehen, wie Sie selbst. Wenn Sie wirklich ehrlich sind, sind Sie bei sich selbst in besten Händen. Ein Seminar, ein Therapeut, eine liebevolle Familie können auf dem Weg eine große Hilfe sein, aber die eigentliche Heilung kann nur durch Sie kommen.

Erkennen Sie Ihre Sucht als Hilfeschrei Ihres mißachteten Selbst, und nehmen Sie sich seiner liebevoll an. Seien Sie wirklich gut zu sich selbst. Sie sind sich selbst vertraut, sorgen Sie dafür, daß Sie Ihre Wahl nicht bereuen. Und denken Sie daran, daß das Eingestehen der Sucht und der damit verbundenen Schuld- und Schamgefühle noch nicht die Sucht überwindet. Den Weg zu kennen, erspart Ihnen nicht, ihn auch zu gehen. Der Schlüssel zur Heilung liegt darin, die volle Verantwortung für sich und seine Heilung zu übernehmen und sich nicht mehr beirren und entmutigen zu lassen, bis Sie am Ziel sind. Das heißt auch, niemandem mehr die Schuld dafür zu geben, auch nicht sich selbst. Niemand hat Schuld! Es ist ein Schritt auf Ihrem individuellen Lebensweg, der Sie sicher ans Ziel führt, wenn Sie jetzt verantwortungsbewußt damit umgehen.

Die Heilung von der Sucht beginnt in dem Augenblick, in dem ich aus tiefstem Herzen den Vorsatz fasse, wieder vollkommen gesund zu werden und das auch wirklich glauben kann. Im gleichen Augenblick kann ich beginnen, die Voraussetzungen für meine Heilung zu schaffen, indem ich mir die folgenden und ähnliche Fragen ehrlich selbst beantworte:

  1. Bin ich wirklich aus tiefstem Herzen bereit für eine vollkommene Heilung, oder gibt es noch irgendwelche Hindernisse und Blockaden in mir?
  2. Wenn es Hindernisse und Blockaden gibt, worin bestehen sie wirklich? Und wie kann ich sie bestmöglich beseitigen?
  3. Bin ich überhaupt bereit, mein bisheriges Verhalten wirklich ehrlich und objektiv zu betrachten? Bin ich dazu überhaupt in der Lage?
  4. Wer könnte mir helfen, meinen Zustand zunächst einmal klar zu erkennen?
  5. Was würde sich denn in meinem Leben ändern, wenn ich die Sucht aufgäbe? Bin ich bereit, diese Veränderungen zu akzeptieren?
  6. Habe ich ganz klar erkannt, daß der von mir eingeschlagene Weg in den Abgrund führt, und bin ich bereit, jetzt einen anderen Weg einzuschlagen?
  7. Oder glaube ich insgeheim, daß der von mir eingeschlagene Weg zumindest für mich doch nicht so gefährlich ist und daß er zu meiner Entwicklung beiträgt, zumindest auch eine ganze Reihe von Vorteilen hat?
  8. Bin ich bereit, alle eventuellen Schuldgefühle in der Erkenntnis aufzulösen, daß es keine Schuld geben kann, solange man nicht wirklich vollkommen ist. Aus der eigenen Unvollkommenheit heraus kommen immer wieder einmal Fehler vor, die aber wichtige Lernschritte sind, wenn ich nur richtig damit umgehe — so, wie ich jetzt meinen Fehler erkannt habe und bereit bin, daraus zu lernen. Diesen Lernschritt auf dem Weg zu mir selbst beende ich nun aber ganz bewußt, damit ich für den nächsten Schritt bereit bin.

Wenn ich auf diese Fragen meine ehrliche Antwort gefunden habe, dann brauche ich mich nur noch für den besten Weg zur Heilung zu entscheiden. Hier einige Fragen, die Ihnen helfen können, den für Sie besten Weg herauszufinden:

1. Der Weg der Erkenntnis

Ich erkenne, daß ich wirklich süchtig bin und daß meine Sucht jederzeit heilbar ist, wenn ich dazu ehrlichen Herzens bereit bin. Ich erkenne, daß es nicht genügt, das bloß zu wissen und den Weg zu kennen, ich muß ihn auch gehen. Ich erkenne auch, daß der Weg erst beendet ist, wenn ich meine Sucht besiegt habe und wirklich frei bin.

2. Der Weg des Loslassens

Ich lasse ganz bewußt alles los, was nicht mehr wirklich zu mir gehört. Ich lasse auch los, immer alles verstehen zu wollen, weil ich weiß, daß der Verstand begrenzt und daher nicht fähig ist, die Grenzenlosigkeit des Seins zu verstehen.

3. Der Weg der absoluten Ehrlichkeit

Ich lasse ab sofort nicht mehr die kleinste Lüge zu, ja nicht einmal eine Ungenauigkeit oder eine Unvollständigkeit der Wahrheit in dem, was ich denke, sage und tue. Ich bin bereit, dafür auch Unbequemlichkeiten und Nachteile in Kauf zu nehmen, weil der Preis der Unehrlichkeit ungleich höher und härter ist.

4. Der Weg des bedingungslosen Annehmens

Ich bin bereit, die Wahrheit, soweit ich sie erkennen kann, bedingungslos anzunehmen und die Wirklichkeit immer klarer zu erkennen, und zwar die Wirklichkeit, so wie sie ist und nicht eine Wirklichkeit, die ich mir selbst konstruiere. Ich bin bereit, alles wichtig zu nehmen, was mich dem Leben näher bringt.

5. Der Weg der Hingabe

Ich bin bereit, mich der inneren Führung anzuvertrauen und ihr zu folgen, um gerade dadurch wahre Freiheit kennenzulernen. Das heißt auch, daß ich mich vor keinem Teil der Wirklichkeit verstecke, wo immer ich sie erkenne.

6. Der Weg neuer Gewohnheiten

Ich bin bereit, alle alten Gewohnheiten in Frage zu stellen und durch neue, hilfreichere zu ersetzen. Dazu gehört, daß ich achtsam durchs Leben gehe und immer klarer erkenne, was ist.

Ein Süchtiger, der bedingungslos ehrlich ist, fängt an, sich zu lieben. Wer sich selbst wirklich liebt, kann nicht länger süchtig bleiben. Er erkennt seine Sucht als Herausforderung und als Chance. Als Chance, die verlorene Würde wiederzufinden, sich wieder wirklich in sich selbst wohlzufühlen und Achtung vor sich selbst zu haben. Wer sich wirklich zu lieben beginnt, bekommt Augen für sich selbst, erkennt, was er sich bisher angetan hat, erkennt seine eigene verwundete Persönlichkeit und findet so Wege zur Selbstheilung.

Er beendet die Flucht vor sich selbst und kommt sich wieder näher, spürt dabei, wie er immer mehr der wird, als der er gemeint ist. Er erkennt auch, daß es eine größere Kraft gibt, die ihm hilft, den Weg zur Heilung zu finden und ihn zu gehen, wenn er es nur zuläßt. Indem er es zuläßt, wird er gerade dadurch immer freier, erlebt die Wirklichkeit auf eine ganz neue und vitale Weise. Er erkennt allerdings auch, daß der Weg nicht unbedingt leicht ist, aber er spürt die Kraft in sich, den Weg bis ans Ziel zu gehen. Denn der Entzug wird schmerzlich und damit schwierig, aber das Leben überfordert keinen. Wenn eine Aufgabe vor mir liegt, dann kann ich sie auch lösen, mag sie mir noch so schwierig erscheinen.

Hinter jeder Sucht steckt eine Sehnsucht, aber hinter der Sehnsucht steckt immer auch eine Hoffnung, eine Ahnung der grenzenlosen Möglichkeiten, die das Leben bietet.

Hinter der Sehnsucht verbirgt sich die Hoffnung auf ein Leben in Freiheit und Fülle.

EINDRINGEN IN DIE TIEFE DES SEINS

Um diese innere Hoffnung zu erfüllen, muß ich den Weg nach innen gehen, bereit sein, mich mit meinem innersten Wesenskern zu konfrontieren. Ich muß bereit sein, dem weinenden Kind in meinem Inneren zu begegnen und es liebevoll zu trösten. Billige Worte reichen dazu nicht aus, sondern es gehört auch vor allem liebevolles, hilfreiches Handeln dazu.

Dazu gehört auch, daß ich ab sofort alle meine Gefühle zulasse. Jedes Gefühl, das aufkommt, hat seine Berechtigung. Ich bin bereit, es anzuschauen, ohne es zu bewerten und zu verurteilen. Ich lasse es zu und schaue einmal, was es mir sagen will, wohin es mich führen möchte. Vielleicht ist es ein Gefühl einer großen inneren Leere, ein Gefühl, daß nichts mehr in mir ist. Aber sobald ich mutig in die Leere hineingehe, finde ich mich selbst. Ich habe mich nur in der Leere verkrochen, aus Angst und Schmerz und aus mangelnder Achtung vor mir selbst, vor meinem Verhalten.

DIE HEILUNG DES „INNEREN KINDES“

Wenn ich mein inneres Kind gefunden habe, kann ich mit ihm sprechen und so erfahren, was mir wirklich fehlt. Wenn Sie es nicht gleich erkennen können, dann gehen Sie in die innere Leere und laden Sie das innere Kind ein, in Erscheinung zu treten. Seien Sie geduldig, denn sicher ist es ängstlich, und wenn Sie es gefunden haben, tun Sie, was zu tun ist. Lassen Sie es weinen, oder einen Wutausbruch bekommen. Lassen Sie sich erzählen, was ihm weh tut und wie Sie ihm helfen können, seinen Schmerz zu lindern. Seien Sie ihm Vater und Mutter, Bruder und Freund, und sobald es Vertrauen zu Ihnen gefaßt hat, wird es Ihnen den Grund seiner Probleme und Schwierigkeiten sagen, aber Ihnen auch Wege verraten, wie Sie wirklich helfen können.

Meistens wird ein Kontakt nicht ausreichen, den Schmerz und das Leid eines ganzen Lebens zu schildern, also verabreden Sie sich wieder und wieder mit ihm. Geben Sie ihm Gelegenheit, sich ganz auszusprechen. Mitunter wir Ihr inneres Kind dann nicht nur zu den Verabredungen erscheinen, sondern zu ganz ungewöhnlichen Zeiten in Ihr Bewußtsein treten. In einer wichtigen Konferenz, bei einer Auseinandersetzung mit Ihrem Partner oder beim Umgang mit Ihren äußeren Kindern. Es kann sein, daß es nur Ihre Aufmerksamkeit erregen will, aber es kann ebenso gut sein, daß es Ihnen etwas wirklich Wichtiges zu sagen hat.

Wenn Sie sich so auf eine längere, liebevolle und geduldige Auseinandersetzung mit Ihrem inneren Kind einlassen, werden Sie bemerken, daß es allmählich älter und immer erwachsener wird und so alles nachholt, was es bisher versäumt hat. Es wird Ihnen immer ähnlicher, Sie erkennen sich immer mehr in ihm, bis Sie sich ganz mit ihm identifizieren können, denn es handelt sich um Sie selbst. Doch auch wenn das innere Kind erwachsen geworden ist, sollten Sie ihm weiterhin sagen und zeigen, daß Sie es lieben, daß Sie sich selbst lieben. Seien Sie sich weiter Ihr bester Freund, seien Sie wirklich gut zu sich selbst. Tun Sie etwas für den wichtigsten Menschen auf der Welt, für sich selbst, denn Sie sind Ihre Hauptaufgabe.

Innere Erfolgserlebnisse sind der beste Weg, diese Erfolge auch im Außen sichtbar werden zu lassen. Dabei werden Sie spüren, daß Sie immer wieder Hilfe aus einer höheren Quelle bekommen, und es kann eine Wende in Ihrem Leben sein, wenn Sie sich mehr und mehr dieser Quelle zuwenden, sie bewußt bitten, in Ihr Leben zu treten und Ihnen bei Ihrer Heilung zu helfen. Bitten Sie sie, Ihnen zu helfen, wirklich durchzuhalten, mag die vor Ihnen liegende Wegstrecke noch so dunkel erscheinen.

Sie haben den süchtigen Lebensstil selbst gewählt, und Sie haben in jedem Augenblick die freie Wahl, ihm wieder zu entsagen und einen anderen Weg zu wählen. Das Recht zu wählen ist ein unverzichtbarer Teil Ihrer wahren Natur, den Ihnen niemand nehmen kann. Ihr Wille hat Sie in die Sucht geführt, nun können Sie ihm eine neue Richtung geben, und er wird Sie ebenso bereitwillig aus der Sucht heraus führen. Das Leben ist ein Abenteuer, und sich selbst zu helfen und zu heilen gehört zu den wunderbarsten Erfahrungen, die es zu bieten hat.

Indem Sie sich selbst heilen, tragen Sie einen wesentlichen Teil zur Heilung der Welt bei, denn auch dazu tragen Sie das Potential in sich. Entdecken Sie immer neue Möglichkeiten und Wege, sich selbst und damit dem Ganzen zu helfen. Schon indem Sie selbst die Verantwortung für sich übernehmen und anderen nicht mehr zur Last fallen, haben Sie einen wesentlichen Beitrag geleistet, auch das Leben der anderen schöner zu machen.

Alles, was Ihnen widerfährt haben Sie bewußt oder unbewußt selbst gewählt. Sie haben die Sucht gewählt und wählen nun die Heilung. Wählen zu können ist der Ausdruck Ihrer Freiheit. Sie haben in jedem Augenblick die Wahl, Ihre Wahl zu treffen. Auch wenn Sie davon keinen Gebrauch machen, haben Sie gewählt. Sie haben aber in jedem Augenblick auch die Wahl, sich für sich selbst zu entscheiden. Vielleicht denken Sie, bis dahin sei noch ein langer Weg. Irrtum, Sie befinden sich bereits auf diesem Weg! Sie brauchen jetzt nur noch weiterzugehen. Die Richtung stimmt, und wenn Sie sich nicht mehr beirren lassen und immer weitergehen, können Sie das Ziel nicht verfehlen.

Denken Sie daran, daß Heilung nicht zu einem bestimmten Zeitpunkt geschieht, sondern ein lebenslanger Prozeß ist. Versuchen Sie daher nicht, so schnell wie möglich das Ziel zu erreichen, sondern genießen Sie den Weg.

Text von Kurt Tepperwein. Er stammt aus dem Buch "Krise als Chance".