Erinnerung

In Ropschitz, Rabbi Naftalis Stadt, pflegten die Reichen, deren Häuser einsam oder am Ende eines Ortes lagen, Leute zu verdingen, die nachts über ihren Besitz wachen sollten. Als Rabbi Naftali sich eines Abends spät am Randes des Waldes erging, der die Stadt säumte, da begegnete er solch einem auf und nieder wandelnden Wächter. "Für wen gehst du?", fragte er ihn. Der Wächter gab Bescheid, fügte aber die Gegenfrage daran: "Und für wen geht Ihr, Rabbi?" - Das Wort traf Rabbi Naftali wie ein Pfeil. "Noch gehe ich für niemand", brachte er mühsam hervor, dann schritt er lange schweigend neben dem Mann auf und nieder. "Willst du mein Diener werden?", fragte er endlich den Wächter. "Das will ich gern", antwortete dieser, "aber was hab ich zu tun?" "Mich zu erinnern", sagte Rabbi Naftali.

Was ist mein Ziel?

Ungewollt und unversehens hatte der Nachtwächter Rabbi Naftali vor die Frage nach dem letzten Sinn seines Lebens gebracht. "Und für wen gehst Du?" Worauf zielt dein Studieren, dein Lehren, dein Richten und Arbeiten, und auch dein Beten? Wozu tust du, was du tust? Rabbi Naftali hatte darüber wohl schon lange nicht mehr nachgedacht, sonst hätte sie ihn nicht so getroffen, die kleine Frage. Mühen und Gelingen, Sorge und Glück, Trauer und Trösten hatten ihn so in Beschlag genommen, dass er zu sinnen vergaß, wozu im letzten geschah, was er tat und ließ. Wer aber nicht mehr zumindest fragt nach der einenden Mitte, dem Sinn von allem, dem begegnet bald alles gleich-gültig, egal, ob wahr oder falsch, gut oder bös; und dann nur wenig noch, und er wird sich verlieren im Gewirr der Dinge, die er besorgt. Das hat Naftali gewusst, darum ist er so erschrocken. Und darum auch hat er den Wächter gebeten, sein Diener zu werden - dass er ihn erinnere, immer und immer wieder zu fragen, was er zur Mitte, zum Schwerpunkt seines ganzen Daseins gewählt habe - er, Rabbi Naftali aus Ropschitz, der gläubige Jude. Hätten einen solchen Wächter gegen das Vergessen des eigenen Sinnes wir nicht genauso nötig wie Naftali - am allermeisten dort vielleicht, wo es um den Entscheid über die Grundfärbung des ganzen Lebens geht. Wann haben Sie zuletzt so gefragt? Welche Antwort sich gegeben?