Ich bin Fritzje, Alkoholiker.

So beginnen im Meeting der AA alle Rede-Beiträge. Ich bin an Alkoholismus erkrankt, wann diese Krankheit begann weiß ich nicht mehr, aber mit der Zeit versank ich immer tiefer in ihr. Ich bin seit Ende 1995 trocken, die Krankheit kam zum Stillstand, ich bin und bleibe ein Alkoholiker. Aber ich bin frei und freue mich meines Lebens. Das ist die Kurzfassung.

Ja, und wie geht der Langtext, werdet ihr mich jetzt fragen.

Nun denn, mein erstes Bier trank ich mit ca 14 Jahren, es hat nicht geschmeckt und blieb auch nicht lange bei mir. Abhängig war ich damals noch lange nicht, ja wann begann meine Abhängigkeit, ich weiß es nicht. Irgendwann zwischen 20 - als wir gern und manchmal auch viel tranken - und 30, als mir manches zu viel wurde. Manches, das war Ehe, Beruf, Kinder, Hauskauf und Umbau, Ehrenamt und Engagement und und ... Ja, ich wollte im Mittelpunkt stehen, hatte aber Scheu davor, hab hohe Ansprüche an mich selbst gestellt, aber nicht erfüllt, wenn es mir zu eng wurde, brach ich aus, ohne Rücksicht auf Verluste, wie ein Pferd, das nicht in der Fuhr gehen will. Es wurde mir oft zu eng und ich konnte nicht mehr so flüchten wie ich es von früher her gewohnt war, ich war ja gebunden, aber in den Alkohol konnte ich flüchten, und das tat ich immer mehr. Immer wenn mir irgendwas quer kam oder ich mit etwas nicht fertig wurde, im Keller beim Bier und bei den kleinen Jägermeister gab es Erleichterung.

Immer öfter brauchte ich mit der Zeit diese Erleichterung, und auch immer mehr. Immer öfter auch gab es Situationen in denen ich mich völlig daneben benahm, mich öffentlich besoff, oft auch wenn meine Familie dabei war. Ich brauchte immer mehr Alkohol zum Funktionieren. Irgendwann war mir so dämmerig klar, dass das so nicht in Ordnung ist. Meine Frau sagte es zu mir und liebe Freunde auch. Aber geändert hab ich es noch lange nicht. Versucht hab ich es, aber nicht ernsthaft. Ich wollte eine Zeitlang nichts trinken und dann nur noch in Maßen. Aber das klappte nicht. Ich trank weiter, es wurde immer mehr.

Anfangs waren es nur die regelmäßigen Bierchen und einige Kurze am Abend, später kamen die 2 Bierchen und 2 Schnäpse in der Mittagspause dazu, bald brauchte ich zwischendurch im Büro und auch in meiner Freizeit die Jägermeister als Verstärker. Das Bier reichte nicht mehr. Ich musste morgens vor der Arbeit an der Tankstelle vorbei, 4 Jägermeister tanken, bis 10 Uhr hielten die vor, dann in den Tabakladen neue kaufen, reichte bis zur Mittagpause, nachmittags nochmal Nachschub tanken, in die Kneipe, in den Keller, immer zum Alkohol. Eines Tages nach einem kleinen Unfall (nur Blechschaden) soff ich mir fürchterlich die Hucke voll. Meine Frau zeigte mir die rote Karte. Das wirkte. Ich hörte am 29.12.1995 schlagartig auf zu saufen und ging mit meiner Frau in die Beratungsstelle. Ich machte dort eine ambulante Therapie, das waren über 9 Monate lang an einem Nachmittag in der Woche 2 Stunden Gruppentherapie und einige Einzel- und auch Paargespräche.

Im Haus der Beratungsstelle war eine Selbsthilfeorganisation, diese betrieb im Erdgeschoß ein suchtmittelfreies Cafe, das Cafe Jederman. Im Anschluss an diese ambulante Therapie ging ich mit einigen anderen aus dieser Therapiegruppe in eine Selbsthilfegruppe eine Etage tiefer im Cafe Jederman. Dort war ich 8 Jahre, nachher auch als Gruppenleiter einer Selbsthilfegruppe. Irgendwann in dieser Zeit lernte ich durch einen Sangesbruder AA kennen. Ich ging neben meiner Selbsthilfegruppe ab und an in ein AA-Meeting und ich fand im Netz einen Chat, der sich als AA-Gruppe definierte und ich fand die Online-Meetings. So gegen Ende 2005 hörte ich als Ehrenamtlicher im Cafe Jederman zu arbeiten auf,
für mich war diese Zeit abgeschlossen. Heute besuche ich selten ein AA-Meeting, regelmäßig eine andere Selbsthilfegruppe und ich bin in einer AA-Online-Gruppe, deren Meeting im Netz eine wunderbare Sache ist. 2-3 mal im Jahr treffe ich die Freundinnen und Freunde dieser Online-Gruppe auch real, einmal auf den DLT und dann auch auf unseren Frühjahrs- und Herbsttreffen.

Und heute?

Heute fühle ich mich putzmunter, könnte Bäume ausreißen (na ja, nicht immer), freue mich meines Lebens und sage wie Käptn Blaubär: Das Leben ist viel zu kostbar um es dem Schicksal zu überlassen!