Mein Name ist Gaby, ich bin Alkoholikerin.

Ich möchte hier in groben Zügen meine Lebensgeschichte erzählen.

Bis zu meinem 23., 24. Lebensjahr habe ich relativ selten Alkohol getrunken. Ich bin viel ausgegangen - immer auf Patt, wie man bei uns sagte - habe aber in Discos, Gaststätten usw. nie Alkohol getrunken. Ich konnte auch mit Saft oder Wasser fröhlich und ausgelassen sein. Allerdings bei privaten Feten trank ich dann häufig Bier. Es ist mir dabei selten gelungen rechtzeitig aufzuhören. Ich fand mein Maß nicht und war dann immer mehr oder weniger betrunken.

Ich habe recht früh geheiratet und nach der anfänglichen Verliebtheit verlief die Ehe recht schlecht. Mein Mann war am Wochenende kaum noch zu Hause und ich war somit viel allein. Nach der landläufigen Meinung könnte man sagen: "Das ist ein Grund zum Trinken." Nein, der Gedanke kam mir nicht.

Es war keine einfache Zeit, aber getrunken habe ich nicht. Mein Ehe stand quasi nur noch auf dem Papier. Ich habe gelitten und viel geweint, aber ich habe nicht getrunken. Das Verhältnis zu meinem Mann verbesserte sich wieder. Wir bauten ein Haus, pflanzten einen Baum und hatten einen Sohn. Die drei Dinge, die man im Leben erreichen sollte, wie ein Sprichwort sagt. Wir konnten jetzt unbesorgt in die Zukunft sehen.

So, und jetzt begann ich, immer häufiger Alkohol zu trinken. Erst war ich regelmäßig am Wochenende betrunken, dann auch schon mal in der Woche. So ging es langsam weiter, bis ich jeden Abend betrunken war. Ich brauchte immer größere Mengen Bier, um diesen Zustand zu erreichen. Das Betrunkensein wurde immer schlimmer. Zu Anfang war es noch so, dass ich noch wusste, wie ich ins Bett gekommen war. Dann war ich in der Regel zu betrunken, um mich noch daran erinnern zu können. Oftmals bin ich einfach im Sessel eingeschlafen, oder ich habe mich ins Gästebett gelegt, ich weiß nicht warum. Einmal lag ich auch unter der Kellertreppe. Meinen Vorsatz, mal etwas weniger zu trinken, konnte ich nicht in die Tat umsetzen. Jetzt ging es mir auch morgens schlecht. Mein Magen machte das nicht mehr mit. Er weigerte sich, irgendwelche Nahrung anzunehmen. Aber das war nicht das Schlimmste. Schlimmer, viel schlimmer waren die Seelenqualen.

Meine ersten Gedanken beim Aufwachen waren: Was war gestern Abend? Natürlich war ich wieder betrunken gewesen. Habe ich es noch geschafft, ins Bett zu kommen? Habe ich mich noch ausgezogen? usw.

Die Antworten, die ich mir geben musste, gefielen mir immer weniger. Ich habe mich geschämt, manchmal war es kaum noch zu ertragen. Aber ich hatte ja gelernt, dass Alkohol die trüben Gedanken vertreibt oder zumindest erträglicher macht. So trank ich dann eine Flasche Bier und meine Stimmung wurde besser. Nur - - ich konnte ja nach einer Flasche nicht aufhören. Heute weiß ich das. Ich bin Alkoholikerin. Nach dem ersten Glas verliere ich die Fähigkeit, die Menge noch zu kontrollieren. Damals sah ich das nicht. So begann die ganz schlimme Zeit. Morgens der erste Schluck - und mittags war ich betrunken. Ich schlief meinen Rausch aus, und abends war ich wieder betrunken. Nach dem Aufwachen erneut das Schamgefühl; das erste Bier............ ein Kreislauf, den ich nur noch selten durchbrechen konnte.

Immer wieder nahm ich mir vor weniger zu trinken. Gar nicht mehr trinken, das wollte ich nicht. Weniger trinken, das war mein Wunsch. Der Druck meiner Umwelt wurde immer stärker. Mein Mann, meine Mutter, Tanten alle drängten: Lass es doch ganz! Trink weniger! Trink langsamer! Und und und..... Aber was wussten sie denn schon, wie es in mir aussah. Ich wollte ja weniger trinken. Jedes Mal, wenn ich anfing zu trinken, nahm ich es mir vor. Es ging nicht.

Ich habe alles versucht. Ich machte Trinkpausen, eine Woche, 10 Tage, einmal einen ganzen Sommer. Ich trank nicht vor 18:00 Uhr. Ich holte die Flaschen einzeln aus dem Keller. Ich trank nur noch aus dem Glas. Aber nichts half wirklich. Sobald ich das erste Glas getrunken hatte, schwanden alle Vorsätze.

Warum trank ich nur soviel? Sicher ich hatte immer einen Grund, so meinte ich. Zuletzt hatte ich mich dabei ganz auf meinen Mann fixiert. Egal, was er machte, er machte es verkehrt. Ich habe damals oft einen Satz gesagt, einen Satz, der mir heute unendlich leid tut. "Wenn du nicht wärst, brauchte ich nicht zu trinken." Er war - also trank ich. Trotz meiner guten Vorsätze immer wieder bis zur Bewusstlosigkeit. Dabei schaffte ich es aber noch, meine Fassade aufrecht zu erhalten. Ich war immer gewaschen, gekämmt und geschminkt (ungeschminkt wäre ich nicht einmal zum Mülleimer gegangen). Der Vorgarten war geharkt. Die Wohnung war geputzt, zumindest der Weg von der Haustür zum Wohnzimmer. Niemand sollte etwas merken. Ich war auch davon überzeugt, dass außer meiner Familie niemand merkte, wie viel ich trank.

Dann kam er Tag, an dem ich zugeben konnte, dass ich keinen Grund zum Trinken brauchte, - mein Mann war nämlich gar nicht da -, sondern dass ich trinken musste. Ich war da machtlos. Instinktiv wusste ich, dass ich Hilfe brauchte. Über die Telefonseelsorge bekam ich die Telefonnummer der Anonymen Alkoholiker. Ich rief dort, spät abends, an und fand Rudolf, einen Menschen, der das Gleiche durchgemacht hatte wie ich. Der mir nicht sagte, trink weniger, nimm Rücksicht, trink nur abends, tu dies nicht, tu das nicht!

Nein, nichts von alledem. Er erzählte mir nur, wie er es geschafft hatte, mit dem Trinken aufzuhören. Wenn dies auch mein Wunsch sei, dann sollte ich doch einfach am Dienstag ins Meeting kommen. - Das war an einem Donnerstag. Am Dienstagabend, nach einem weiteren Gespräch mit Rudolf, bin ich dann ins Meeting gegangen, mit gemischten Gefühlen. Meine Hauptsorge war: Hoffentlich sieht dich niemand wenn du da reingehst. Und dann saß ich da. Zu Anfang spielte ich noch große Dame, gab mich ganz gelassen. Je voller der Raum wurde, desto kleiner wurde ich. Ich mochte kaum noch etwas sagen. - Aber trotzdem fühlte ich mich irgendwie wohl. Ich kannte bis auf einen Mann niemanden und war trotzdem geborgen, ein ganz eigenartiges, lange nicht mehr erlebtes, wohliges Gefühl erfüllte mich. Das Meeting begann, einige erzählten aus ihrem Leben und sagten ganz offen, dass sie Alkoholiker seien.

Für mich lag es ganz klar auf der Hand: Ich bin auch eine Alkoholikerin.

Das war eine große Erleichterung für mich. Ich bin nicht schwach, ich bin nicht schlecht, ich bin nicht willenlos. Ich bin krank!

Und - ICH kann etwas gegen diese Krankheit tun. Erst einmal das erste Glas stehen lassen. Was da genau mit mir passierte, weiß ich nicht. Aber - von diesem Abend an musste ich nie wieder trinken. Ich hatte nie wieder das Gefühl, mit Alkohol wäre es leichter. Ich habe dem Alkohol nie nachgetrauert.

Als ich am nächsten Morgen vors Haus trat, seit Jahren das erste Mal, ohne vorher Alkohol getrunken zu haben, hätte ich am liebsten jedem zugerufen: " Seht mal, ich habe heute noch nichts trinken müssen." Es war wunderbar. ein ganz neues Lebensgefühl. Ich freute mich schon auf den nächsten Dienstag, auf das nächste Meeting. Für mich war die Welt wieder in Ordnung. Ich musste nicht mehr trinken, und alles war gut.

Nun, so einfach war das dann doch nicht. Ich stellte fest, dass sich mein Denken und Fühlen durch den Alkohol verändert hatte, Jahrelang hatte er die Hauptrolle in meinem Leben gespielt. Ich musste neue Inhalte finden. Mit Hilfe des AA-Programms, der 12 Schritte konnte ich damit beginnen. Ich konnte meine Fassade durchbrechen, meine Maske abnehmen und versuchen, ganz ich selbst zu sein.

Die tolle Gaby ohne Fehler, ohne Macken, allem aufgeschlossen, immer tolerant, immer ehrlich, in allen Dingen einfach perfekt, diese Gaby gab es gar nicht. Ich hatte die gleichen kleinen und großen Fehler, die kleinen und großen Schwächen, die ich bei meinen Mitmenschen schon immer festgestellt hatte. Mein Mann war gar nicht der böse Mensch, der mir das Leben so schwer machte. Er hatte mich viele Jahre ausgehalten. So entdecke ich seitdem immer wieder Dinge, die durch mein alkoholisches Denken völlig verzerrt waren.

Fehler und Schwächen zuzugeben hatte ich bis dahin nicht gelernt. Es war zu Anfang auch schwierig. Es mir selber einzugestehen, war das Schwierige. Die Tatsache, dass ich mich selber belogen hatte, mir selber etwas vorgemacht hatte, setzte mir schon arg zu. Mittlerweile ist es leichter geworden. Ich denke, Fehler oder Schwächen zugeben zu können, ist eine Form von Freiheit. Es nimmt mir den Druck. perfekt sein zu müssen.

Nachdem ich nun dabei war, mich wieder zu mögen, den Schaden, den ich mir zugefügt hatte, wieder gut zu machen, konnte ich auch beginnen, mit meiner Familie, meinen Freunden und Bekannten wieder ins Reine zu kommen. Nach der anfänglichen Euphorie über mein trockenes und nüchternes Leben zogen manchmal dunkle Wolken auf. Wir mussten unser Zusammenleben wieder ganz neu ordnen, neu gestalten. Wenn ich mein Leben wieder meistern wollte, das wusste ich, dann musste ich meine Einstellung zu den Menschen und Dingen überdenken. Für meinen Mann z.B. reichte es, dass ich nicht mehr trank, ansonsten sollte ich bleiben, wie ich war - Aber auch das hat sich geändert - Wir können wieder miteinander reden. Über unsere Wünsche, Träume, Ziele, Abneigungen usw.. Das gelingt, wie alles im Leben, nicht immer gleich gut.

In meinem Verwandten- und Bekanntenkreis wird ganz offen darüber gesprochen,  dass ich Alkoholikerin bin. Ich muss mich nicht mehr verstecken. Ich werde so akzeptiert, wie ich bin. Nie habe ich schlechte Erfahrungen gemacht, wenn ich da, wo es mir richtig erschien, gesagt habe, dass ich Alkoholikerin bin.

Ich habe wieder Freude am Leben und diese Freude habe ich bei den Anonymen Alkoholikern wieder gefunden und ich wünsche mir, dass es so bleibt. Ich wünsche mir, dass ich nie wieder trinken muss. In der Gemeinschaft der Anonymen Alkoholiker, gemeinsam mit meinen Freunden, kann dies gelingen.

Ich habe mich dann nach 10 Jahren der AA-Zugehörigkeit für eine Therapie entschieden. Da ich ja weiß, wie wichtig und hilfreich das AA-Programm für mich ist, habe ich mir eine Klinik gesucht die nach dem Programm der Anonymen Alkoholiker arbeitet. In dieser Klinik fand ich die gleiche Herzlichkeit und Wärme die auch die Meetings der Anonymen Alkoholiker auszeichnet. Ich hatte also rund um die Uhr Meeting, wenn man so will.

Während dieser Therapie habe ich noch viele Dinge zugeben können, die ich bis dahin verdrängt hatte. Außerdem erlebte ich ein geistiges Erwachen, das meinem Leben eine ganz neue Qualität gibt. Die diffusen Ängste habe ich dort gelassen. Alles andere kann ich jetzt nach und nach in Angriff nehmen. Dafür und auch für das ganz alltägliche Leben brauche ich auch weiterhin meine AA-Meetings.

Ich habe mich für ein Leben ohne Alkohol entschieden. Diese Entscheidung hat mir Zufriedenheit gebracht und das macht mich glücklich.

12. Januar 1996

Vielen Dank für eure Geduld
Liebe Grüße
Gaby