Gebet eines AA-Oldtimers

Herr, Du weisst besser als ich, wie lange ich schon trocken bin, und wann ich geistige Rueckfaelle gehabt habe.

Bewahr mich davor zu glauben, das erste Glas stuende mir nun nicht mehr so nahe wie meinen Freundinnen und Freunden in AA, die noch nicht so viele 24 Stunden trocken sind wie ich.

Lehre mich zu schweigen ueber meine wehmuetigen Erinnerungen, wie schoen es frueher bei AA gewesen sei. Ich falle dann in den Fehler, das Gestern zu vergolden und darueber das Heute zu vergessen.

Erinnere mich bitte statt dessen daran, dass ich mich fragen sollte, ob ich auch genug dafuer getan habe, dass AA heute noch Menschen aus ihrer Krankheit Alkoholismus helfen kann.

Ich wage nicht die Gabe zu erflehen, immer mit Freude in den Meetings zuzuhoeren; aber lehre mich auch "Gartenumgrabmeetings" geduldig zu ertragen.

Ich wage auch nicht, um die grosse Gabe bedeutender Aussagen zu bitten, sondern nur um die Erinnerung an all das, was ich bei AA gelernt habe, und dass ich es weitergeben kann.

Halte meine Gelenke soweit beweglich, dass ich meine Geldboerse noch zu fassen kriege, um ihr die noetige Hutspende zu entnehmen.

Ich weiss, dass ich nicht unbedingt ein Heiliger bin, aber ein knochentrockener Griesgram ist eines der Kroenungswerke des Teufels.

Lehre mich, an anderen Menschen unerwartete Talente zu entdecken; und verleihe mir, Gott, die schoene Gabe, sie auch zu erwaehnen.

Lehre mich auch, die Menschen so zu sehen, wie Du sie gedacht hast, naemlich liebenswert.

Gib mir den Mut und die Kraft, der Gemeinschaft meine Dienste anzubieten, statt ewig auf meinem Hinterteil zu sitzen und den Dienenden zu misstrauen.

Und lass mich etwas von dem Dank weitergeben, den ich empfand, als ich diese meine Krankheit in den Griff bekam.

Erinnere mich stets daran, dass ich es nicht allein geschafft haette; es war meine Kapitulation, aber Du hast mich dadurch stark gemacht.

Nimm mich, wie ich bin, und schenke mir noch etwas Zeit, mich zu veraendern.

(Aus: "Schleswig-Holstein intern")