Zeichen menschlicher Unreife
aus: "Durchbruch zum Wesen" erschienen im Verlag Hans Huber, von Karlfried Graf Dürckheim

Die Unreife der Erwachsenen, das ist das Krebsübel eines Menschentums, das im Schatten seiner großen Gaben zur Meisterung der äußeren Welt seinen Weg nach innen vergaß. So ist es gerade in einer Zeit, die um Erneuerung ringt, notwendig, sich auf das zu besinnen, was Reife bedeutet und was die Zeichen der Unreife sind, die unser Leben vergiftet.

Von menschlicher Reife spricht man in dreierlei Sinn: in einem biologischen, einem geistigen und einem seelischen Sinn.

Reife im biologischen Sinn meint zunächst nur die geschlechtliche Reife. Der junge Mensch gewinnt sie in der Pubertät, die man auch die « Zeit der ersten Reife » nennt. Nur diese Reife wächst dem Menschen von allein zu, ohne sein Zutun, wie dem Tier, in einem biologischen Prozess, mit dessen Abschluss er fähig ist zu zeugen und zu empfangen. D. h. er wird fähig zur leiblichen Einswerdung mit dem anderen und die Frucht dieser Einswerdung ist das Kind.

Das Reifen im geschlechtlichen Sinn zeigt etwas, das für jede Reife, also auch die geistige und seelische Reife zutrifft, dass sie nämlich eine Entwicklung voraussetzt, in der Einswerdung mit einem anderen gipfelt und als Resultat eine Frucht hervorbringt. Die Frucht im Biologischen ist das Kind, im Geistigen das gültige Werk, im Seelischen der verwandelte Mensch.

Immer ist die Voraussetzung fruchtbringender Reife eine Fähigkeit zur Einswerdung mit einem anderen, d. h. das Vermögen, Grenzschranken, in denen man sich sonst wahrt, fallen zu lassen. Man muss aus sich herausgehen und in das andere eingehen können, bzw. sich öffnen und das andere wirklich aufnehmen können. Wer aber vermag das, dieses wirkliche von sich, ab, sehen und Aus sich, heraus, gehen, dieses Sich, dem anderen öffnen und ihn wirklich aufnehmen, so dass man ganz eins mit ihm wird und von ihm her zu denken, zu fühlen und zu handeln vermag? Geben wir ein Beispiel aus dem Bereiche geistiger Reife. Wir sprechen etwa von einem reifen Künstler und so auch beispielsweise vom reifen Spiel eines Geigers. Man denke etwa an den unvergesslichen Adolf Busch oder an Edwin Fischer. Wo immer wir einem solchen Künstler lauschen, stehen wir unter dem Eindruck seiner völligen Selbstvergessenheit im Spiel. Meister denken nicht mehr an die Wirkung, die sie erzielen, und stehen sich auch selbst nicht mehr im Wege. Sie sind, wie der Geiger in seinem Spiel, so in ihrer Sache verloren, dass das Werk am Ende nicht mehr als Resultat eines wollenden Ichs, sondern als reife Frucht aus der totalen Verschmelzung von Mensch und Sache von selber schlackenrein abfällt. Diese Vollendung wird aber niemandem geschenkt. Zu ihr hin führt nur die durch Jahre hindurch gepflegte treue und selbstlose Übung, deren Sinn vielmehr als die Beherrschung einer sachlichen Technik die Läuterung vom ehrgeizigen Ich ist. 

Was sind nun die Zeichen der Unreife in seelischer und geistiger Hinsicht. Was die Zeichen der Reife?

Die erste Tugendgeistiger Reife ist eine Sachlichkeit, die unbestechlich ist. In seinem Urteil reif ist der Mensch, der von keiner Subjektivität mehr getrübt, die Sache selber rein spiegelt. Der geistig Reife ist sowohl frei von den Projektionen seiner kleinen Ängste und Wünsche, die ihm die Wahrheit der Dinge verhüllen, wie auch frei von der Starrheit eines ein, mal gewonnenen Standpunktes. Typisch für geistige Unreife ist also der Satz, mit dem so viele ihre gewichtige Rede beginnen: « Ich stehe schon immer auf dem Standpunkt. » Ein berühmter Pädagoge hat einmal gesagt: «Ein Mensch mit einem ewigen Standpunkt hat einen Gesichtskreis mit dem Radius Null ». Zur geistigen Reife gehört die Fähigkeit immer hinzuzulernen.

Der geistig Unreife ermangelt auch des nötigen Abstandes! Ungeduldig, voller Eigenwillen, triebhaft, eitel und ängstlich ist er in einer rein subjektiven Weise mit den Dingen verstrickt und daher unfähig, die Sache selbst wahrzunehmen und als solche sprechen zu lassen.

Die zweite unter den geistigen Tugenden ist eine eindeutige Bestimmtheit durch ein Gefüge von objektiven Werten! Der geistig Unreife hat keine innere Linie. So ist er sprunghaft in seinen Zielsetzungen, leicht beeinflussbar und immer bereit, einem neuen Herrn zu dienen. Er hat etwas Schweifen des, Vages und gleicht in seinem Einsatz und seinen Begeisterungen einem Strohfeuer, das ebenso schnell wieder verlischt als es aufflammt. Es fehlt ihm die Durchformtheit durch ein höheres Prinzip und so auch der zuverlässige Ernst, der vor Entgleisungen schützt.

Als drittes kommt beim geistig Gereiften hinzu die Bezeugung der Tiefe. Geistig unreif ist der Mensch wie das Werk, der sich immer an der Oberfläche der Dinge hält. Die Erkenntnisse des Unreifen sind flach, seine Meinungen platt. Eine geistige Leistung ist umso reifer als sie Tiefe hat, d. h. hintergründig ist. Das wahrhaft reife Werk, das Meister, werk ist durchsichtig zur Transzendenz hin. Und so reicht auch der geistig Gereifte immer über das Gewöhnliche kleinmenschlich Natürliche hinaus. In der geistigen Reife überschreitet der Mensch die Grenzen raumzeitlicher Beschränktheit und ein Überzeitliches leuchtet auf. Möglich aber wird solches erst, wo der menschliche Geist sein kleines Ich überwand, das gekettet an seinen Willen und seinen Verstand sich im Umkreis des Begreifbaren hält und den Weg zum Wesen der Dinge verstellt.

So hat die geistige Reife immer auch eine seelische Entwicklung zur Voraussetzung, eine innere Verwandlung, eine Selbsterweiterung, d. h. eine Erweiterung in ein tieferes Selbst, das uns freimacht von der Herrschaft des kleinen Ichs. Solange der Mensch in seinem Bann steht, ist er nur darauf aus, sich selber zu wahren. Er ist besessen vom Streben nach Sicherheit, Geltung und Macht. Den Sieg über dieses Ich gewinnt nur, wer seine Empfindlichkeit und Schmerzscheu überwindet.

Was uns beim seelisch Unreifen vor allem ins Auge springt, ist seine ewige Verletzbarkeit. Er bedarf der dauernden Bestätigung und verträgt keine Kritik. Er ist immer auf dem Sprung hochzugehen und sich zu rechtfertigen. Es fehlt ihm die innere Standfestigkeit. Und warum? Weil er nicht in seiner wahren Mitte ruht, nicht hingefunden hat oder ja gesagt hat zum überzeitlichen Kern seines Selbstes. So fehlt ihm das Grundzeichen seelischer Reife: die große Gelassenheit. Gelassen ist, wer sein kleines Ich gelassen hat. Der Gelassene nimmt nichts mehr persönlich. Was den Ungereiften « umwirft », ein schwerer Verlust, eine Enttäuschung, eine grobe Ungerechtigkeit, wird ihm zum Anstoß weiterer Verinnerlichung. Echtes Reifen kommt niemals zu Ende. Darum ist das Zeichen des Reifen die immer wache Bereitschaft zu immer neuer Verwandlung.

Das zweite Zeichen innerer Reife ist eine unbeirrbare Heiterkeit der Seele. Der seelisch Unreife ist niemals zufrieden, weder mit sich noch mit der Welt - er lebt im Hader mit sich und mit Gott. Und er kann so wenig über sich selber lachen wie über die Widrigkeiten des Lebens. Ihm fehlt der Humor. Und so schwankt er zwischen Auflehnung und Resignation. Der seelisch Gereifte hadert nicht mit dem Leben, denn er entdeckt auch im Unsinn den tieferen Sinn. Er nimmt, was ihm widerfährt, zunächst beherzt hin, und sein stetiges Gemüt gibt ihm die Kraft zur Verwandlung des Daseins aus der Erfahrung eines tieferen Seins.

Das dritte Zeichen seelischer Reife aber ist eine unbeirrbare Güte. Es gibt Menschen, die tüchtig sind und voll geistigen Ernstes. Aber es fehlt ihnen die Liebe. Im Gereiften aber lebt die Einheit der Wesen im Sein. Und so ist seine liebende Zuwendung nicht abhängig von Bestätigung oder Sympathie. Er strömt einfach Liebe aus, weil er vom Wesen her nicht anders kann.

Graf Dürckheim