Ich heiße Gosbert, ich bin und bleibe Alkoholiker.

56 Jahre, verh., 3 erwachsene Söhne, selbständiger Freiberufler. Ich kenne AA seit Nov 91, am Stück trocken bin ich seit 26. Juni 98. Diesen Tag bezeichne ich auch als meinen DOS (Day of Sobriety) Ich habe regelmäßig seit etwa 1968 getrunken, (Bundeswehrzeit) mal mehr, mal weniger. Am Tag meiner Diplomurkunden-Überreichung heirateten wir, das war im Juli 1972.

Nach einer Woche Flitterurlaub stand der Umzug an die Mosel und ich begann meinen ersten Job in einer großen Weinfirma. Der Job machte einerseits Spaß, bekam aber selbst erhebliche Zweifel, ob das das Richtige für mich ist. Dort war Alkohol trinken fast schon Pflicht, jedenfalls hat sich niemand über meine Räusche beschwert, auch nicht, als mich mein damaliger Vorgesetzter rechtzeitig zur Mittagspause weckte... Nur meine Frau machte hier und da mal Gezeter, das renkte sich aber bald wieder ein. Nach einen weiteren Umzug von der Mosel nach Nürnberg - ich war dort in einer Werbeagentur tätig- zog es mich wieder in meine Heimat (Würzburger Gegend). Ich konnte zwar wieder in meinem geliebten Chor mitmachen, war auf meiner Arbeitsstelle jedoch total unglücklich und gefrustet. Freund Alkohol musste herhalten und schlich sich bei mir so richtig ein. Auch an dieser Arbeitsstelle kein Problem mit Alkohol am Arbeitsplatz. Meine Frau begann ihre Selbständigkeit 1975 mit sehr großem Erfolg (Physiotherapeutin); ich machte mich dann 1976 selbständig mit einem Grafikstudio mit weniger großem Erfolg.

Erste Zahlenvergleiche wurden aufgestellt, erste Frustrationserscheinungen traten auf. Alkohol wurde mehr und mehr zum Seelentröster.1977 begannen wir zu bauen, 1978 zogen wir ein, die Massagepraxis unten, Wohnung in der Mitte, mein Studio unter dem Dach. 1979 kam der erste von drei Söhnen auf die Welt, der natürlich auch richtig begossen wurde, diese Zeit damals möchte ich als Einstieg in meine Alkoholikerzeit bezeichnen. Fast jeden Abend war ich in der Kneipe, zählte fast schon zum Inventar. 1982 und 1985 kamen 2 weitere Söhne zur Welt.

1990 bekamen wir die erste Vorladung der Hausbank, ich wollte nämlich einen Kredit für die Anschaffung eines Computersystems. Es ging damals so richtig mit Desktop Publishing (DTP) los. Ich weckte damit einen schlafenden Hund: die Hausbank durchforstete nun meine Verbindlichkeiten und lehnte den Kredit ab und stellte ihrerseits Forderungen und wollte einen Plan, in dem ich erklären sollte, wie alles zurückzuzahlen sei. Den Plan stellte ich zwar auf, wohl wissend, dass ich nie und nimmer die Zusagen einhalten konnte. Aber ich hatte erst mal Luft. Ich ging zu einer anderen Bank, das gleiche Spiel. Ich stand praktisch vor dem Bankrott. Dazu kamen mittlerweile einige heftige Alkoholattacken, aus dem anfänglichen Freund Alkohol ist ein unberechenbares, unersättliches Tier geworden, das seinen Tribut wollte. Im Frühjahr 1991 kam ich erstmals zu der Erkenntnis, dass ich ein massives Alkoholproblem habe und suchte einen Psychotherapeuten auf. Nach 3 Besuchen stellte ich diese Sitzungen ein, denn weder konnte ich mit dem Alkohol aufhören, noch sah ich für mich auch nur ansatzweise einen Lichtschimmer. Mittlerweile war es Sommer. Die Bank meldete sich wieder, diesmal nun rigoros und stellte ein Ultimatum. Ich bettelte meinen Cousin an, der aber sagte ebenfalls nein und schickte mir stattdessen seinen Finanzbuchhalter (mein Cousin hatte eine Firma mit ca. 230 Beschäftigten, diese Firma war gleichzeitig mein damaliger Hauptkunde). Dieser Buchhalter stellte fest, dass nur ein Verkauf des Hauses und eine strikte Änderung meines Geschäftsgebarens bzw. Änderung meines Lebensstils nötig sei, am besten wäre es, mich wieder irgendwo anstellen zu lassen.

Mittlerweile war es Spätherbst und ich fühlte mich in jeder Hinsicht am Ende. Ich wusste nicht mehr ein noch aus und rief die Telefonseelsorge an, bekam mehrere Adressen (Blaues Kreuz, Caritas, Anonyme Alkoholiker) in Würzburg. Ich entschied mich für die Anonymen Alkoholiker. An einem Freitag im Nov. 91 lief ich dort ein und hatte auch schnell, zu schnell, ein Erfolgserlebnis. Ich konnte tatsächlich die ersten Tage ohne Alkohol auskommen. Und das nach ca. 20 Jahren täglichen Alkoholkonsums mit entsprechendem Spiegel. Ich hatte ein unheimlich befreiendes Gefühl, nach Jahrzehnten die ersten Tage ohne Alkohol... ich hätte schon wieder Bäume ausreißen können. In dieser Zeit verkauften wir Teile unseres Hauses, ich gab meine Selbständigkeit vorübergehend auf, meine Frau fand eine Anstellung im Krankenhaus, gerade mal 200 m Luftlinie von unserer Wohnung weg. Ich ließ mich bei meinem ehemaligen Praktikanten anstellen, der damals seine Werbeagentur gegründet hat und recht erfolgreich gestartet ist. Diese Werbeagentur hatte u.a. eine Brauerei als Kunden, Bier war also immer da, wurde aber nicht getrunken.

Irgendwann kam ich aus dem Meeting und erzählte freudestrahlend meiner Frau, jetzt weiß ich es, wie es funktioniert, "ich darf nur maximal 2 Bier am Tag trinken, das ist sogar gesund, wie es in gut unterrichteten Brauereikreisen heißt"... Das mag ja alles stimmen für einen, der mit Alkohol kein Problem hat. Nur für mich als Alkoholiker stimmte das einfach nicht. Nur wusste ich es, trotz mittlerweile einiger Meetingsbesuche, immer noch nicht. Ich kapierte noch nichts und es kam, wie es kommen musste. Ich langte wieder hin. Zunächst am ersten Tag tatsächlich nur ein Bier, das aber mit Genuss. Am zweiten Tag auch nur ein Bier. "Na also, geht doch". Dann kam am dritten Tag zu einem Bier nach dem Mittagessen ein Chantre dazu. Am vierten Tag waren es schon 2 Bier und 2 Schnäpse, am fünften und sechsten Tag steigerte es sich weiter und exakt nach einer Woche war ich mengenmäßig wieder genau dort, wo ich damals aufgehört habe. Dazu kam noch ein fürchterlich schlechtes Gewissen. Ich fühlte mich echt beschissen. Nach einer kurzen Pause bin ich wieder ins Meeting. Das ging nun einige Monate so weiter.

In der Firma baute ich einen Mist nach dem anderen, es kam sogar wegen eines vermeintlichen Fehlers, an dem ich schuld sein sollte, zu einem Rechtsstreit mit einem erheblichen finanziellen Schaden. Dazu konnte ich zwar persönlich nichts, das Gericht sah es jedoch etwas anders und es kam zum Vergleich, der mir das Genick in der Firma brach, sprich Rausschmiss.

Ich orientierte mich anderweitig und bekam auf Anhieb die Zusage einer anderen Werbeagentur in Würzburg. (Wenn ich nichts trank, bekam ich sogar was zu Stande und das war in der Branche bekannt) Dort hatte ich einen Kollegen, der in schöner Regelmäßigkeit in der Mittagspause und abends, wenn die anderen schon weg waren, sein Bier schlürfte. Die Kollegen (wir waren ca. 14) meinten alle, er sei ein Alkoholiker, ich sah das aber nicht so eng. Irgendwann setzte ich mich dazu und wir tranken unser Bier gemeinsam. Ich muss schon sagen, gerade der hielt mir später die Stange und half mir aus einigen Patschen heraus, u.a. arbeiteten wir als Team mal die ganze Nacht durch und gewannen schließlich eine Präsentation und es kam zu einem Riesenauftrag. Das war natürlich wieder ein Grund, so richtig offiziell die Sau raus zu lassen. Wir gewannen nämlich einen Etat von Deutschlands größten Schmuck-Juwelier. Einerseits war ich war der King, andererseits hatte mich der Alkohol wieder fest im Griff. Einmal sprachen sie mich an, als meine Flasche Dornkaat aus meiner Hosentasche schaute: "Wenn du schon heimlich trinkst, verstecke wenigstens deine Flasche besser". (Ich war auf der Toilette und nahm heimlich einen großen Schluck. Ich war damals häufig auf der Toilette...)

Eine Mitarbeiterin kam ins Zimmer und riss das Fenster auf "das stinkt hier irgendwie so..." Es dauerte es auch nicht lange und mir wurde gekündigt. Es gab damals aber scheinbar schon eine Höhere Macht, die mir einen schönen Auftrag zuschusterte, Auftraggeber war ein Kloster und mit diesem Auftrag konnte ich mich wieder selbständig machen. Ich mietete mich als Untermieter in einer Firma ein, die sich auf Druckvorlageherstellung spezialisiert hatte. Als Grafiker sollte ich für die Entwürfe zuständig sein und ich arbeitete dort viel als Subunternehmer für einen renommierten Gipsprodukte-Hersteller. Die Tage, Monate, Jahre gingen so dahin, weder Fisch noch Fleisch -aber immer wieder in schöner Regelmäßigkeit Rückfälle Trinkpausen Rückfälle. Einmal sagte die Putzfrau so laut, dass ich es hören musste, "seit der Gosbert da ist, werden die Schnapsflaschen in unserer Bar immer leerer". Es stimmte: Ich trank heimlich deren Schnapsvorräte -und deren gab es etliche- leer. Ich fühlte mich ertappt und schämte mich fürchterlich...

Daraufhin konnte ich wieder mal eine Trinkpause für einige Wochen einlegen. Dann kam Ende 1997 ein fürchterlicher Rückfall. Er wurde eingeläutet, als ich -angeblich der große Weinkenner- an einer firmeninternen Weinprobe teilnahm. Bei dieser Probe sollten Weine für die Kunden getestet werden. Zunächst konnte ich noch widerstehen, doch zu fortgeschrittener Stunde, die anderen waren schon gut abgefüllt, schlug ich zu. Ich holte innerhalb kürzester Zeit auf... Ich fragte mich später noch oft: was hast du auf einer Weinprobe verloren? Ich hätte es wissen müssen, aber scheinbar wollte ich es nicht wissen. (Ein Rückfall beginnt immer im Kopf) Arbeitsmäßig lief auch nicht viel, keine lukrativen Jobs, die Geld brachten, alles war nur so ein Dahingetümpel. Da besuchte mich mal mein Bruder aus Kiel, beim Abschied auf dem Bahnhof meinte er so beiläufig, "versuche es doch mal bei der Zeitung in Würzburg, so Verlage haben immer Bedarf". Und ich versuchte es. Ich ließ mich mit jemanden verbinden, den ich dort kannte und habe exakt am richtigen Tag zur richtigen Zeit den richtigen Mann angerufen. (Ein weiterer Fingerzeig meiner Höheren Macht?) "Komm am besten gleich, wir suchen jemanden, Bedingung: auf selbständiger Basis arbeiten, erst einige Probeaufträge machen". Das war genau das, was ich wollte.

Das war im Mai. Und bei diesen Probeaufträgen blieb es auch schon. Ich bekam zwar mein Geld, was aber eh sehr bescheiden war. Aber: ich hatte meinen Fuß in der Tür. Dann kam der Juni. Die Hausbank machte mal wieder gehörig Druck und stellte zur Bedingung, dass bis Ende des Monats ein größerer Betrag eingehen müsste, sonst... Daraufhin nahm ich mir erst mal eine Flasche Schnaps (bin mittlerweile auf Wodka umgestiegen) und gab mir die Kante. Gleichzeitig gestaltete ich für ein neu gebautes Museum die Hinweistafeln, entwarf Prospekte, Anzeigen, eben das ganze Erscheinungsbild. Problem nur: denen ist das Geld schon beim Bauen knapp geworden und ich konnte nicht viel für meine Leistungen erwarten (Würde mir heute auch nicht mehr passieren) Dieses Museum sollte am Freitag, 26. Juni 98 feierlich übergeben werden. Bis nachts um 2 Uhr arbeiteten wir noch und machten die letzten Schilder fertig.

Ich trank noch ein Bier, dass es das letzte bis heute war und blieb, wusste ich zu diesem Zeitpunkt noch nicht. Denn es kam für mich die Götterdämmerung. Wie ich es schon oft in den f2f-meetings erzählte, musste ich an diesem Tag erst noch mal durch die Hölle, bevor ich am Abend den Himmel sah und fand. Doch der Reihe nach. Ich stand früh klapprig auf, ich weiß nicht, ob ich überhaupt geschlafen habe, um 9 Uhr sollten die Feierlichkeiten in diesem Museum beginnen, unser Folklorechor trat u.a. auf und ich war auf der Bühne. Da sah ich meine Frau ganz aufgeregt hinten reinstürmen und sie wedelte mit den Armen ich sollte sofort rauskommen. Sie empfing mich mit wüsten Vorwürfen, und ich solle schleunigst in die Firma kommen, ich hätte einen wichtigen Auftrag (für eben diese Gipsfirma) vermasselt und es gibt kein Geld dafür. Das Problem: Dieses Geld war der Bank schon zugesagt - und nun sollte es nicht kommen... Die Schlinge zog sich zu. Ich brach innerlich zusammen, ich erlebte meinen Tiefpunkt, ich war willenlos.

 Ich zitterte, der Entzug kam volle Kanne. (Hatte an diesem Morgen noch nichts zu trinken bekommen). Meine Frau schleifte mich zu meinen Eltern, die natürlich von allem nichts mitbekommen haben oder auch nicht wollten (meine Mutter war Weltmeisterin im Zudecken und Wegschauen, aber das kennt ihr ja auch) Mein Vater sah überhaupt schon mal kein Problem (er trinkt immer noch regelmäßig, zwar nicht mehr so viel, aber mit seinen 87 Jahren immer noch regelmäßig) Na ja, er schmiss uns letztendlich raus und gab meiner Frau sogar Hausverbot. Eine fürchterliche Szene, die mich sehr verletzte. Daraufhin ging der Tanz erst richtig los. Daheim drosch meine Frau auf mich ein, ich ließ alles willenlos über mich ergehen. Sie entlud den ganzen Frust, den sie und die Kinder mit mir all die Jahre durchmachen musste. Nachdem sie sich abreagiert hatte, bin ich als Häuflein Elend in die Firma gefahren, dort waren alle Schubfächer vom Vermieter und Geschäftspartner durchwühlt und er stellte alle leeren Flaschen auf den Schreibtisch. Ich litt wie ein nasser Hund, vollkommen charakter- und willenlos, gedemütigt, bloßgestellt, vorgeführt. Ich war ganz tief unten. Es nutzte nichts, dass ich bei dem angeblich vermasselten Auftrag zwar - wie sich später rausstellte - Recht hatte, aber, wer glaubt schon einem Säufer? Ich hatte jeden Kredit verspielt.

Dann kam die Wende, meine Höhere Macht bzw. mein Gott zeigt sich an diesem Nachmittag ganz deutlich, unüberhörbar: Das Telefon läutete. Der Zeitungsverlag meldete sich völlig überraschend bzw. mein Bekannter dort. "Gosbert, könntest du bitte schnell kommen, die Kollegen sind in das Wochenende gegangen und haben sich geweigert, eine Anzeige, die am Samstag erscheinen muss, fertig zu machen". Also ich mit meiner immer noch versoffenen und zermatschten Birne hingefahren, an den Computer gesetzt und - o Wunder! Ich bekam trotz heftig zitternder Finger alles auf die Reihe. Wie ich es geschafft habe, weiß ich bis heute noch nicht. (War da die Höhere Macht im Spiel?) Denn dieser Kollege -ein schwieriger Typ, wie sich später herausstellte - hat normalerweise immer ein Passwort eingegeben, an diesem Tag (bewusst oder unbewusst) aber nicht und so konnte ich die begonnene Anzeige fertig machen, ausdrucken und an die Druckvorstufe überstellen.

Während ich da vor mich hinarbeitete, ging die Türe auf und ein Mitarbeiter des Verlags kam herein und sagte: "Sind Sie der neue Kollege? Könnten Sie mir bis Dienstag was fertig machen, denn der Programmwechsel steht an und es muss noch jede Menge fertig werden"...Ich verstand nur Bahnhof, versprach aber, am Montag zu kommen. Am Samstag musste ich nicht trinken, am Sonntag auch nicht, am Montag bin ich dort angetreten und konnte alles termingerecht fertig machen. Mich wunderte, dass ich keinen Saufdruck hatte, ich wollte dem Frieden noch gar nicht trauen. Alles war so klar, so selbstverständlich, so, als hätte ich noch nie ein Alkoholproblem gehabt. Ich fühlte mich frei, so frei wie schon lange nicht mehr.

Und: es ist bis heute so geblieben. Mittlerweile lebt der, der mich in den Verlag gebracht hat, nicht mehr. Er ist tot vom Stuhl gekippt, war ein extrem starker Raucher. Mittlerweile habe ich schon den 3. Verlags-Chef kennen gelernt und bin mit dem, für den ich bis Dienstag alles fertig haben sollte, dick befreundet. Mittlerweile bin ich als einziger freier Mitarbeiter für diesen Verlag noch tätig, alle anderen mussten aufhören. Mittlerweile hat sich meine Hausbank beruhigt, seit kurzem kann ich am Automaten auch wieder Geld abheben (für die meisten hier die selbstverständlichste Sache, bei mir war es jahrelang aber nicht möglich.) Mittlerweile hat sich meine Partnerin wieder zu einer lieben Ehefrau entwickelt, es knallt zwar ab und zu mal (verbal), das braucht aber scheinbar unsere Beziehung. Jedenfalls die Partnerschaft ist sehr viel stabiler als früher. Mittlerweile bin ich ein überzeugter Alkoholiker, der zwar nicht unbedingt froh ist, einer zu sein aber unendlich dankbar, zu dieser Gemeinschaft gestoßen zu sein und der endlich am 26. Juni 98 restlos kapitulieren konnte.

Danke fürs Lesen und  g24h

Gosbert