Wenn die Gewohnheit zur Sucht wird 

Ich bin Harry, ich bin ein Alkoholiker.

 

Das ich das einmal öffentlich sagen würde hätte ich nie gedacht. Es gab da eine Zeit, da hätte ich dieses um jeden Preis verschwiegen. Doch warum wurde ich Alkoholiker? Ich kann hier  nicht jede Einzelheit wiedergeben aber in groben Zügen geschah folgendes. Ich wuchs als Einzelkind auf dem Dorf auf. Die Kindheit war doch recht schön aber sie wurde auch oftmals von düsteren Ereignissen überschattet. Mein Vater trank des Öfteren und es herrschte daher häufig heftiger Streit. Für mich war das immer ein Horror, wenn sich meine Eltern krachten. Ich verzog mich weinend unter meiner Bettdecke und betete zu Gott, dass er wieder Frieden einziehen lässt. Über viele Jahre hinweg hielt dieser Zustand an und ich wurde ängstlich und zurückhaltend. Ich traute mich auch kaum mit den anderen Kindern zu spielen, denn sie wussten ja, was mit meinem Vater los war. Er mochte keine Kinder und wahrscheinlich war auch ich ihm im Weg. Als ich dann 14 Jahre alt war und in den Kreis der Erwachsenen aufgenommen wurde, kam ich das erste Mal mit Alkohol in Kontakt. Ich trank das erste Mal! Es kam, wie es kommen musste. Ich vertrug das Zeug nicht, war sternhagelblau und spucken musste ich auch. Zwei Tage danach kamen meine Kumpels wieder mit ´ner Pulle an und wir tranken sie aus. Irgendwie gefiel mir das Gefühl, denn ich war so richtig  frei und auch der Druck von zu Hause her war weg. Schlecht wurde mir auch nicht, denn es blieb ja im Rahmen.

 

Somit hatte ich für mich eine Möglichkeit gefunden, besser mit meinen Sorgen fertig zu werden. In der Lehre wurde dann regelmäßiger etwas getrunken. Es war dann mal ein Bierchen am Abend und auch ein Schnäpschen am Wochenende. Die Armeezeit kam und da wurde es wesentlich mehr. Aus Frust trank nicht nur ich allein, sondern auch alle anderen Soldaten, denn es fiel der Dienst wohl keinem so leicht. Getrunken wurde alles was dröhnte. Wir tranken damals technischen Alkohol, den man zum reinigen der Scheiben von Flugzeugen benutzte. Eine große Flasche reichte für zehn Mann!

Als ich dann entlassen wurde, war  die Freude groß und die Freiheit wurde mit einem riesigem Besäufniss begrüßt. Ich spülte meinen ganzen Frust der letzten  18 Monate weg. In der Firma ging es dann weiter. Zum Feierabend wurde regelmäßig unter der Dusche die erste Flasche leer gemacht. Danach ging ich mit einem Kumpel zu mir und im Keller soffen wir weiter. Jeden Tag der selbe Trott aber die eine Flasche reichte nicht mehr! Meiner Frau passte das gar nicht und auch meiner Verwandtschaft nicht. Mich störte das weniger und ich machte einfach weiter. Ich holte mir dann täglich zwei kleine Klare, die ich dann abends im Keller leer machte. Eine Dose Bier hatte ich auch immer dabei und die stand dann für jeden gut sichtbar auf meinem Arbeitstisch als Alibi. Wenn jemand kam, dann konnte ich immer sagen „Hab gerade ein Bier getrunken“ um meine Fahne zu rechtfertigen. Ich merkte nicht, wie sehr ich mich selber belog. Am Wochenende kam ich dann mit einer großen Flasche nicht mehr aus. Vom Freitagabend war meist nichts mehr übrig geblieben bis auf das abgestandene Bier. Das schüttete ich mir dann am Samstagfrüh rein. 

Schnell zur Kaufhalle und Nachschub geholt. Eigentlich brauchte ich nur Schnaps aber ich legte auch andere Dinge in den Korb, damit es nicht so auffiel. Schnell nach Hause und ab in den Keller. Man tat das gut als der erste Schluck endlich drin war. Es legte sich auch schnell meine innere Unruhe und ich konnte den Tag wieder ganz locker beginnen. Wie oft wollte meine Frau mal wegfahren aber ich sagte ihr immer „Tut mir leid aber heute habe ich schon ein Bier getrunken“. Somit fuhr sie dann mit meinem Sohn auf dem Fahrrad zu ihren Eltern, die auf dem anderen Ende der Stadt wohnten. Mehr wollte ich doch gar nicht, denn jetzt konnte ich in Ruhe saufen. So ging es dann noch einige Jahre unverändert weiter aber mein Alkoholkonsum erhöhte sich. Ich bekam auch so langsam Probleme in der Firma, denn ich hielt es nicht mehr bis zum Feierabend aus und trank gelegentlich schon während der Arbeitszeit um meine Unruhe und das Zittern zu bekämpfen. Das das schon Entzugserscheinungen waren, wusste ich nicht. Das konnte doch nicht sein! Als man mich dann mehrmals angetrunken erwischte, folgten Maßnahmen seitens der Firma. Mein Chef organisierte einen Termin in der Nervenklinik. Er lud auch meine Frau dazu ein und gemeinsam fuhren wir hin. Was sollte ich denn da? „Sie haben Alkoholprobleme“ sagte ein Arzt zu mir. „Nein eigentlich nicht“ sagte ich. „Ich hab alles unter Kontrolle“. Die wollten mich doch tatsächlich aufs Trockendock bringen, dachte ich. Ach was hab ich denen alles versprochen, dass ich mit dem Trinken aufhören werde und das ich es auch ohne Therapie schaffe. So und nun mussten die mich wieder mit nach Hause nehmen. Man war das ein Schreck. Irgendwie hielt ich dann eine ganze Weile durch, ohne auch eine Tropfen anzufassen. Alles war doch wieder in Ordnung und da konnte doch ein Bier nicht schaden.

Ich trank also wieder eins und meine Frau war außer sich vor Wut. Ich wusste gar nicht warum sie sich so aufregte. Aber es blieb nicht bei einem Bier. In mir stieg das Verlangen nach mehr und heimlich trank ich dann auch wieder Schnaps. Es dauerte nicht all zu lange und ich war wieder voll drin. Nun folgten einige Jahre, in denen ich die meiste Zeit in Kliniken verbrachte. Es waren unzählige Entgiftungen aber ich hatte noch immer nichts begriffen. Jedes Mal, wenn ich aus der Klinik entlassen wurde und kaum meine Tasche in die Ecke gestellt hatte, stieß ich wieder an auf die Wiederkehr. Als ich dann wieder einmal voll in einer Sauftour war, passierte es. Ich baute einen Verkehrsunfall im Suff. 3,2 Promille waren es. Das Auto war Schrott, der Führerschein war weg. So stand ich nun da und begriff die Welt nicht mehr. Kurz darauf wurde ich von meinem Betrieb im gegenseitigen Einvernehmen entlassen. Ich konnte einfach nicht mit dieser Niederlage, dieser Blamage Fertig werden. Mein einziger Trost war die Pulle. Sie half mir zu vergessen. Doch die Probleme waren am nächsten Tag wieder da und es wurden immer mehr. Ich hatte Schulden. Der Autokredit, der Abschleppdienst, 12 Wochen Sperrzeit vom Arbeitsamt wie sollte ich das bloß alles packen? Die Angst steckte mir in den Knochen und mir fiel nichts anderes ein als eine Flasche zu holen. Meine Frau hatte sich auch von mir distanziert und eines Tages bekam ich Post von ihrem Anwalt, die Scheidung war eingereicht. Mit Tränen in den Augen las ich die Post. „Prost darauf, lieber Anwalt“ und wieder war ich bald darauf voll. Was hatte ich denn noch, wer wollte schon noch was mit mir zu tun haben? Ich trank immer mehr und mehr und verwahrloste so langsam. Im Spiegel mochte ich mich nicht mehr ansehen. Das Gesicht geschwollen, die Augen wurden schon leicht gelb. Überall rote Flecken am Körper und meine Hände machten was sie wollten. Ich traute mich so am Tage auch nicht mehr auf die Straße. Wenn es dunkel wurde machte ich mich auf den Weg, um Fusel ranzuholen. Es machte mir große Mühe mich einigermaßen zurechtzumachen. Jeder Handgriff war eine Anstrengung aber ich musste doch gut aussehen, wenn ich raus ging.

Eine ganze Weile hielt ich das durch aber dann begann mein Körper zu streiken. Ich ging zum Arzt und der stellte mich mit Medikamenten ruhig. Das Zeug hatte ich aber schon mal in Mengen vom Nervenarzt bekommen aber ich nahm es nie, weil es mich so schwerfällig machte. Wieder war ich eine Woche im Krankenhaus und hatte mich etwas erholt. Jetzt wird alles anders schwor ich mir.

„Ich muss es schaffen, da raus zu kommen!“ Ein paar Tage hielt ich durch, doch dann wurde ich rückfällig. Es war mir wieder alles völlig egal und ich soff rund um die Uhr. Ich war körperlich ziemlich am Ende. Ich ließ mir den Fusel mit dem Taxi bringen, denn ich traute mich nicht mehr aus der Tür. Ja ich hatte sogar Probleme bis zur Toilette zu kommen. Und da waren dann immer diese Stimmen und diese Leute, die in meiner Bude umherliefen. Oder ich wachte plötzlich auf dem Fußboden auf und meine Lippe und meine Zunge war zerbissen. Dieses ewige Gewürge, dass der Schnaps drin bleibt, man war das eine Qual. Ich hatte immer panische Angst, wenn die Flasche nur noch halb voll war und ich keine andere mehr hatte. Ich hatte Angst vor dem Entzug. Vier große Klare am Tag brauchte ich nun um zu funktionieren.  Selbst die Pillen halfen nicht mehr. Wozu lebe ich noch? Nein ich  will nicht mehr so weiterleben. Ich beschloss mich umzubringen. Ich wollte aber nicht so verkommen aus dem Leben gehen. Ich quälte mich in die Badewanne und reinigte mich gründlich. Frisch gebadet und rasiert zog ich mir saubere Wäsche an und bereitet mir einen Drink zu, der mich in einen tiefen Schlaf versetzen sollte, aus dem ich nicht mehr erwachen wollte. Ich stand mit dem Glas in der Hand vor dem Spiegel und trank es aus. Ich sah mich noch ein letztes Mal an, dann legte ich mich hin und wartete. Ich dachte nur noch „Leb wohl Du grausame Welt“. Mit Tränen im Blick schlief ich ein.

Irgendwann wurde es mir so eigenartig. Ich hörte etwas piepsen. Ich öffnete meine Augen aber ich konnte nichts erkennen. Ich konnte mich nicht bewegen. Ich wusste es nicht, dass ich auf der Intensivstation in Krankenhaus war. Irgendjemand sprach zu mir aber ich konnte nicht antworten. Ich weiß es nicht wie lange es gedauert hat, bis ich wieder einen Laut von mir geben konnte aber ich hatte mitbekommen, dass mein Plan nicht geklappt hatte .

Was für eine Niederlage. Wie sollte ich den Leuten meine Handlungsweise erklären? Was anderes viel mir nicht ein, worüber ich eher hätte nachdenken sollen. Später besuchte mich ein Bekannter, der auch mal wieder zur Entgiftung im Krankenhaus lag. „Mensch Harry was machst Du bloß für Sachen. Wie siehst Du bloß aus? Wir müssen da irgendwie rauskommen.“

„Das hatte ich schon so oft versucht aber ich schaffe es nicht“ erwiderte ich. Das einzige war nur noch eine Therapie. Ich entschloss mich, es zu versuchen. Es dauerte ewig, bis ich endlich einen Termin bekam. Dann war es soweit und ich rückte ein.

Zwei Woche musste ich in der Aufnahmestation bleiben. Ich wurde noch mit Medikamenten behandelt, die mich etwas beruhigen sollten. Danach kam ich dann in eine Gruppe, die aus 12 Leuten bestand. Eigenartig, denn was die da so erzählten hätte auch auf mich zutreffen können. In mir entstand ein Verlangen auch über die Dinge zu sprechen, die mir große Sorgen machten, über die ich noch nie zuvor er Wort verloren hatte. Ich spürte, wie es mir gut tat als ich all das raus brachte, was mich schon so lange belastet hatte. Somit hatte ich einen Anfang gefunden, denn ganz allmählich begann ich zu verstehen, dass ich alkoholkrank war. Ich begann die Zusammenhänge zu erkennen und was ich mit all dem zu tun hatte. Die einzelnen Therapieformen waren recht unterschiedlich und nicht jede war mein Geschmack. So sollte es auch sein, denn in der Realität ist auch nicht alles so, wie ich es gern hätte.

Nach vier Monaten ging dann mein Klinkaufenthalt zu Ende und ich wurde zurück ins kalte Wasser geworfen. Da stand ich nun wieder mit meiner Reisetasche. Alles war so, wie ich es verlassen hatte, doch ich fühlte mich als ob ich ein Schild um den Hals trug auf dem in großen Lettern „ALKOHOLIKER“ stand. In der Nachbarschaft wurde noch immer gesoffen. Nichts hatte sich verändert nur ich war anders.

Nun saß ich jeden Tag zu Hause rum und war wieder allein. Keinen Job, keinen Führerschein, keine Perspektive. Ich stöberte in der Zeitung umher und stieß auf die Worte „Anonyme Alkoholiker“.

Die hatte ich während der Therapie schon mal gehört und da stand auch noch, dass die sich immer Mittwoch um 19:30 treffen. Aber wie soll ich da hinkommen. Ich musste 20 km fahren um in die Stadt zu gelangen. Ich schaffte es und ließ mich von meiner Mutter hinfahren. Man hatte ich ein mulmiges Gefühl im Bauch. Wer weiß wer da alles ist. Was das wohl für Typen sind. Vielleicht saufen die da heimlich. All das schoss mir durch den Kopf, als ich eine schmale Treppe hinunterging. Mein Herz klopfte bis hoch zum Hals doch ich drückte die Türklinke herunter und stand plötzlich im Raum.

Jemand sagte „Hallo komm doch rein und setz Dich. Schön, dass Du da bist“. Ich setzte mich und ich war erstaunt, denn ich kannte sogar jemanden. Voller Erwartung wartete ich ab was wohl passiert. Das Meeting wurde eröffnet und jeder schilderte in knappen Sätzen wie es ihm in der letzten Woche ergangen ist. Ich sah, dass auch hier jeder so seine Probleme mit dem Alkohol hatte. Dann war ich dran. Meine Hände schwitzten und mein Herz raste aber ich konnte mich dazu überwinden etwas zu sagen. Ich stellte mich kurz vor und sagte, dass ich gerade frisch von der Therapie kam. Dann erzählte jemand etwas aus seinem Leben. Ich war den Tränen nahe, denn es klang so ergreifend. Er beschrieb genau das, was ich selbst erlebt hatte. Für mich stand fest, das ist es wonach ich schon so lange gesucht habe. Ich hatte neue Freunde gefunden, die mich auch ohne viel Worte verstanden.

Wie oft habe ich schon Kraft für mich aus diesen Meetings geschöpft als es mir schlecht ging. Es ging immer wieder weiter egal wie aussichtslos es manchmal war. Nun bin ich schon einige Jahre bei AA und mein Selbstvertrauen wuchs mit der Zeit. Ich habe auch meinen Führerschein wieder bekommen und ich habe auch wieder einen Job. Ich habe auch wieder eine Freundin gefunden, die sehr verständnisvoll ist, ja ich lebe einfach wieder!!!

„Schön das ihr da seid, schön dass ich zu euch gefunden habe“. „DANKE“

..........Harry..........