19. Mai 

Es gibt kein Leid, das die Zeit nicht mindert und mildert. (Edmund Spenser) 

So manche Leidensphase kann uns sehr in Verwirrung stürzen. Die schmerzlichen Erinnerungen und Gedanken unterbrechen die heiteren und glücklichen. Einander widersprechende Schuld- und Wutgefühle kommen und gehen – oder stoßen direkt aufeinander. Fast alles hat die Macht, uns an einen Verstorbenen denken zu lassen. 

Menschen, die trauern, reagieren oft ungehalten gegenüber jenen, die um sie sind, eingeschlossen den Arzt, sich selbst und die Person, die sie durch ihren Tod im Stich gelassen hat. Dann fühlen sie sich vielleicht schuldig dafür, dass sie so aufgebracht waren. Vielleicht äußert sich ihr tiefes Bedauern angesichts der schroffen Worte oder der Jahre des Schweigens. „Hätte ich doch nu ...“ oder „Ich werde bestraft, weil ....“ sind die üblichen, wenn auch falsch verstandenen Gefühlsregungen. 

Dennoch wird die innere Erschöpfung irgendwann weniger, und das Gefühlswirrwarr klärt sich auf. Wenn wir allmählich die Bereitschaft entwickeln, die Dinge so zu nehmen, wie sie sind, heißt das nicht, dass das geleibte Wesen vergessen ist – es heißt, dass wir den Tod als eine konkrete, letzte Tatsache akzeptieren. Es bedeutet, dass  wir soweit geheilt sind, dass wir unser eigenes Leben fortführen können. 

Ich erkenne, dass der Heilungsprozess Zeit braucht. Ich akzeptiere, dass mein Leben durch die Verluste, die ich erleide, verändert wird – aber dass es immer noch mein Leben ist.