30. Juli 

Dieses ewige, hartnäckige Murmeln: „Übertreib, übertreib!“ (Henry James) 

Menschen, die Verletzungen aus der Kindheit mitbringen, treten ins Erwachsenenalter vielleicht ein mit dem Gefühl, unwiderruflich gezeichnet und zerrüttet zu sein. Wenn einige von ihnen all die unglückseligen Details der familiären Streitigkeiten wieder und wieder erzählen, dabei die Intensität der Erlebnisse, die Häufigkeit und den starken Schmerz ihrer Wunden zum besten geben, machen sie daraus unter Umständen eine unterhaltsame Beschäftigung oder sogar eine art Nebenberuf. Wie alle Berichte, die dramatisch und oft wiederholt werden, wächst auch unsere Geschichte allmählich an. 

Jenseits eines bestimmten Punktes – und ganz bestimmt nach einer inneren Läuterung, die uns gesunden lässt – müssen wir unsere Motive untersuchen, die zur Übertreibung der Geschichte führen. Prahlen wir damit, schieben wir die Schuld auf andere oder flüchten uns in Entschuldigungen? Teilen wir unsere Erfahrung aufrichtig mit Neulingen, die sich vielleicht damit identifizieren und davon profitieren? Oder suhlen wir uns in vergangenem Kummer und geben uns altem Groll hin? Wird der Part, den das Heute spielt, genauso lebhaft erklärt wie der, den das Gestern innehatte? 

Es ist eine gute Idee, wenn wir von Zeit zu Zeit uns selbst zuhören und uns bewusst sind, weshalb wir etwas sagen. Falls die Geschichte, die wir erzählen, keiner guten Absicht dient, hat es keinen Sinn, sie überhaupt weiterzugeben. 

Ich will meine inneren Beweggründe streng im Auge behalten.