6. Mai 

Schau nicht traurig in die Vergangenheit. Sie kommt nicht mehr zurück. Verbessere lieber klug die Gegenwart. Sie ist dein. (Henry Adsworth Longfellow) 

Während der Körper im Lauf der Zeit sich verändert, bleibt die Psyche der Menschen, die mit starken Kindheitsproblemen belastet sind, oft an irgend einem Punkt in der Vergangenheit zurück. Derart gespalten, werden wir leicht verwirrt durch das gegenwärtige Geschehen. Wir können nicht sicher wagen, was eigentliche, greifbare Wirklichkeit ist – und was nur Wiederholung der Wirklichkeit, die vor zwanzig oder dreißig Jahren bestand. Auf dem Weg zu sich sein heißt: Lernen, den Unterschied zu begreifen, um geistig und gefühlsmäßig von der Vergangenheit loszukommen. 

Wir erleben dieses Dilemma in der Weise, wie wir unsere Kinder behandeln. Nicht nur sehen wir uns selbst in die alten Rollen zurückfallen, sondern wir verlangen auch, dass unsere eigenen Kinder sich genauso verhalten, wie wir es damals aufgezwungen bekamen. Wir agieren blindlings und wissen es nicht, obwohl wir als Kinder eine solche Behandlung ganz und gar nicht ausstehen konnten. Und ehe wir nicht aktiv und schöpferisch daran gehen, die eigenen Charaktereigenschaften zu formen, werden wir fortfahren, unsere Kinder nach Vorstellungen zu erziehen, die selbst noch unklar und nicht geläutert sind. 

Wir entscheiden nicht nur für uns, ob etwas dem „Heute“ oder dem „Damals“ angehört – wir treffen die Wahl auch für unsere Kinder. 

Heute bitte ich um die Kraft und die Weisheit, in der Gegenwart zu leben – meinen Kindern und mir selbst zuliebe.