Ich heiße Jürgen, ich bin ein Alkoholiker

So stelle ich mich mindestens ein Mal pro Woche in meiner Gruppe vor. Nicht, weil die anderen dort nicht wüssten, wie ich heiße, sondern weil diese Vorstellung mich immer wieder selbst daran erinnert, dass ich an der Krankheit Alkoholismus leide und diese nur zum Stillstand gebracht und nicht geheilt werden kann.

Nicht, dass ich glücklich darüber bin, zum Alkoholiker geworden zu sein. Aber ich bin dankbar dafür, dass ich diese Krankheit für mich annehmen konnte und mein Leben heute entsprechend ausrichten kann. Und dieses neue, trockene Leben ist ein lebenswertes - was ich mir in meiner "nassen" Zeit so nicht hätte vorstellen können. Für den Rest meines Lebens keinen Alkohol mehr trinken? Der Gedanke hätte mich damals nicht schlafen lassen. Schließlich gehört Alkohol in dieser Gesellschaft doch dazu. Wie soll ich denn Geburtstage, Jubiläen, Silvester und und und ..... feiern können, wenn ich nicht mal ein Glas Sekt trinken darf? - Nun: es funktioniert - und es funktioniert sogar prächtig!

Aber wie bin ich eigentlich zu dieser Krankheit gekommen und wie habe ich den Absprung geschafft? Ein langer Weg, wenn ich heute zurückdenke, und ein sehr dornenreicher.

Ich bin Jahrgang 1951 und "ganz normal in einem gut bürgerlichen" Elternhaus aufgewachsen. Ich weiß noch, dass ich den ersten Alkohol bei meiner Konfirmation getrunken habe - und danach hatte ich für die nächsten Jahre genug. Das Zeug hatte mir nicht geschmeckt.

Erst als ich 1969 zum Bund kam, hatte ich dann wieder Berührung mit dem Alkohol. Es gehörte einfach dazu, über die "nutzlose Zeit dort" bei einem oder mehreren Bierchen zu schimpfen, und ich wollte kein Außenseiter sein.

Und das zog irgendwie dann Kreise. Ich hatte die Erfahrung gemacht, dass ich mit Alkohol "dazugehörte", und dass sich Minderwertigkeitskomplexe, Schüchternheit und Hemmungen prima damit verdrängen ließen. Folgerichtig habe ich dann auch während meiner Studienzeit mit den Kommilitonen getrunken. Und als Diskjockey - einer meiner Studentenjobs - hätte es ja auch "merkwürdig" ausgesehen, wenn ich mich den Abend über an einer Cola festgehalten hätte, oder?

Ich habe mich nach meinem Trockenwerden immer mal wieder gefragt, wann denn die Abhängigkeit bei mir eingesetzt hat. Ich bin aber zu keinem Ergebnis gekommen, außer, dass es schon zu einem Zeitpunkt gewesen sein muss, in dem der Alkohol "eigentlich" noch gar keine Probleme bereitet hat. Aber ich habe mich bei jeder Missstimmung mit Alkohol getröstet und es gab keinen freudigen Anlass, den ich nicht mit einem guten Tropfen gefeiert hätte.

Und es war doch normal, am Feierabend vor dem Fernseher ein Bierchen zu trinken, oder? Und was ist ein gutes italienisches Essen ohne ein gutes Glas Rotwein? Aber war es normal, dass es keinen Abend ohne diese "Bierchen" oder "Weinchen" mehr gab? Der Alkohol hatte seinen festen Platz in meinem Leben. Betrunken war ich aber damals höchstens mal während einer Party - und das war ja wohl nicht schlimm, denn auf einer Party trinken ja "alle" - glaubte ich wenigstens.

Mit 31 habe ich dann meine Frau (heute Ex-Frau) kennen gelernt. Und da ganz schnell nacheinander meine drei Töchter zur Welt kamen, war die Zeit der unbeschwerten Partys erst mal vorbei. Ich konnte aber nach der Arbeit abends gemütlich mit meiner Frau ein Fläschchen Wein trinken. Und da ich zu dieser Zeit im Außendienst einer großen Versicherungsgesellschaft tätig war, gab es natürlich die monatlichen Treffen mit den Kollegen, bei denen es "branchentypisch" hoch herging. Alles völlig normal - dachte ich zumindest. Heute erst kann ich sehen, dass ich immer bei den letzten war, die sich dann ins Hotelzimmer verzogen haben.

In der Ehe hat es dann sehr schnell gekriselt und damit konnte ich, "der so schwer arbeitende und unverstandene Gatte", natürlich immer einen Grund finden, warum ich mir den Frust wegspülen musste. Aber ich funktionierte natürlich immer noch. Im Job machte ich Karriere. Aber in mir selber war eine Leere, die ich nicht wahrnehmen konnte, wahrscheinlich nicht wahrhaben wollte. Und immer öfter zog ich mich dann eben in mein Arbeitszimmer zurück, arbeitete und trank "nebenbei". Es kam natürlich noch etwas dazu: Meine Ex fühlte sich ja auch "unverstanden" - und obwohl ich da dann doch schon erkennen konnte, dass mein Trinkverhalten vielleicht doch nicht so ganz der Norm entsprach, hatte ich den "Trost", dass ich weniger trank als sie.

Das konnte aber auf Dauer nicht gut gehen. Die Streitigkeiten wurden immer heftiger, die Arbeit machte mir keinen Spaß mehr, und obwohl ich all die ach so notwendigen Prestigeobjekte hatte: großes Haus, dickes Auto, feine Anzüge, wurde ich immer unzufriedener und unglücklicher. Und je unglücklicher ich mich fühlte, desto durstiger wurde ich. Mit ein paar Gläsern waren diese Gefühle weg, Existenzängste existierten nicht mehr - und immer öfter war mir danach, mich einfach mit Alkohol aus der Realität herauszulösen und mir dieses trügerische Glücksgefühl zu besorgen, das er zu vermitteln schien.

Zu dieser Zeit, das war zu Anfang der 90er, begann ich, mein Trinken zu verheimlichen oder zumindest herunterzuspielen. Ging es mir nach einer langen Nacht nicht gut, habe ich mich krank gemeldet - und danach meinen Job umso fleißiger zu machen. Das schlechte Gewissen - denn ich wusste ja, dass ich diese Tage wegen meiner Trinkerei gefehlt habe - machte mich zu einem besonders eifrigen Mitarbeiter, der bereitwillig alles das an Aufgaben angenommen hat, was andere nicht mochten. Aber abhängig? Ich trank doch "nur" abends und an den Wochenenden. Alkoholiker waren nach meinem damaligen Verständnis nur die zerlumpten Gestalten, die obdachlos am Kölner Hauptbahnhof herumsaßen, unrasiert, stinkend und mit der Schnapsflasche in der Hand - dazu gehörte ich doch nicht, Ich hatte doch noch alles, Job, Familie, Haus, Auto .... - mir ging es doch gut.

Ich hatte dieses schiefe Bild des Alkoholikers, das auch viele andere haben. Heute weiß ich, dass diese Krankheit in allen Gesellschaftsschichten zuhause ist. Im Gegenteil: Je höher ich sozial angesiedelt bin, um so leichter fällt es mir doch, mein Trinkverhalten zu verheimlichen. Und meine Umwelt tut dann meist auch noch alles, um mich zu decken. Schade eigentlich, denn durch dieses "Decken" wurde meine Leidenszeit verlängert.

Jedenfalls wurden die familiären Streitigkeiten 1994 dann so heftig, dass ich das Haus verlassen habe. Ich lebte dann in einem kleinen Apartment (25 qm Wohnklo mit Kochdusche), durfte die Hypotheken für das Haus weiter zahlen, Unterhalt löhnen und mich darüber grämen, dass der neue Lover meiner Ex am Tag nach meinem Auszug dort eingezogen ist. Was war ich für ein armer Kerl. Was blieb mir denn da anderes übrig, als zu trinken? Es eskalierte.

Ich zog mich zurück und machte nur noch meinen Job. Nach der Arbeit auf der Rückfahrt immer zur gleichen Tankstelle fahren, die Abendration besorgen, mich bemitleiden und trinken, morgens verkatert aufstehen und am nächsten Tag das gleiche Spiel von vorn. Und noch mehr Ehrgeiz im Job, denn er war zu meinem alleinigen Lebensinhalt geworden.

Anfang 1996 kam dann der erste Zusammenbruch. Tagelang fehlte ich ohne Entschuldigung auf der Arbeit - und wenn ich mich meldete, dann per Fax, damit niemand hören konnte, wie es mir geht. Ich hab tatsächlich geglaubt, damit etwas vertuschen zu können - nasse Denke eben.

Mein Arbeitgeber drängte mich dann zu einer Kurzzeittherapie. Mit einem für mich katastrophalen Ergebnis: Denn mir wurde vorgegaukelt, dass ich wegen eines depressiven Syndroms in eine psychosomatische Klinik gehen sollte. Erst bei meiner Ankunft stellte ich dann fest, dass es eine Therapieklinik für Alkoholabhängige war. Unter diesen Voraussetzungen konnte die Therapie natürlich nicht fruchten. Denn ich war noch nicht bereit, mich meiner Krankheit zu stellen. Andere hatten für mich entschieden und die Diagnose gestellt - und dadurch meinen Widerstand verstärkt.

Nun, nach vier Wochen war ich "geheilt", habe meine Arbeit wieder aufgenommen, bin (jetzt waren die Probleme ja weg) wieder zu meiner Familie gezogen - und war der festen Überzeugung, jetzt "kontrolliert" trinken zu können.

Fatalerweise hat das dann auch für einige Monate funktioniert. Aber von Woche zu Woche bin ich wieder tiefer in den Alkoholsumpf geraten. Ich musste nicht mehr jeden Tag trinken. Und habe mich dann dafür belohnt, indem ich mir, wenn ich trank, so richtig die Kante gegeben habe. Geheilt war ich also nicht, aber ich war von einem recht unauffälligen Spiegeltrinker zu einem Quartalssäufer geworden.

Wenn ich mich betrunken hatte, gab es kein Halten mehr. Ich bin zwar nie gegen Personen gewalttätig geworden, aber ich hatte keinerlei Kontrolle mehr darüber, was ich im Suff sonst angestellt habe.

Der "Erfolg" war, dass meine Ex dann ihrerseits ausgezogen ist. Ich habe das damals sogar als persönlichen Sieg empfunden - ich hatte das Haus zurückerobert! Klar, meine private Welt war zerstört, aber die materiellen Dinge hatte ich gerettet. Wenn ich heute daran zurückdenke, kann ich mich darüber sogar amüsieren. Wie kaputt musste mein Gehirn sein, um mich in einer solchen Situation noch als Sieger zu fühlen?

Da die Abstürze weitergingen und die Abstände zwischen diesen Phasen exzessiven Saufens immer kürzer wurden, bin ich Anfang 1999 noch einmal in die gleiche Klinik zu einer weiteren Therapie gegangen. Dieses Mal hatte ich vom Kopf her eingesehen, dass ich Alkoholiker bin. Dieses Mal konnte ich aus der Therapie für mich einiges mitnehmen und konnte danach erst einmal trocken bleiben. Aber etwas Wichtiges hatte ich immer noch übersehen. Ich war nicht für mich trocken geworden, sondern aus anderen Motiven. Für den Arbeitgeber, für die Menschen in meiner Umgebung, denen ich beweisen wollte, dass ich "geheilt" bin, nur nicht für mich selber.

Kurz: Ich war trocken, aber in keiner Weise nüchtern. Ich stand unter Beobachtung und äußerer Druck sollte mich trocken halten. Die innere Einstellung hatte sich nicht verändert, ich habe das gleiche Leben geführt wie zuvor, nur eben ohne Alkohol. Eine echte Lebensperspektive hatte ich nicht mehr.

Nach dieser Therapie habe ich angefangen, Selbsthilfegruppen zu besuchen. Aber richtig verstanden habe ich da vieles erst einmal nicht. Mein Trockensein war noch nicht Grundlage für ein zufriedenes Leben, wie die Freunde dort erzählten, sondern es wahr eine erzwungene Trockenheit. Aber es war ein Anfang gemacht. Ich sah andere Menschen, die offensichtlich fröhlich und zufrieden leben konnten und die im Nichttrinken offenbar keinen "Verzicht" mehr sahen. Nur ich konnte das nicht. Und musste dafür dann noch einmal für 4 Tage durch die Hölle.

Ohne jeglichen erkennbaren Anlass habe ich im Jahr 2000 zur Flasche gegriffen und weiß von diesen vier Tagen praktisch nichts mehr - Blackout total. Nur einige ganz wenige Ereignisse, dass ich in einen Fischteich gefallen bin und beinahe nicht mehr herausgekommen wäre, dass ich versucht habe, ein Auto aufzuschließen, das mir gar nicht gehörte und die Polizei mich dann heimgefahren hat, und dass Freunde aus meinen Gruppen mich dann aufgefunden haben - mehr tot als lebendig.

Es ist ein medizinisches Wunder, dass ich aus diesem exzessiven Rückfall ohne Entgiftung herauskommen konnte. Und es ist für mich ein Wunder, dass nach diesen grausamen Tagen in mir etwas geschehen ist, was ich bis heute nicht begreifen oder benennen kann. Meine Kraft und mein Wille alleine hätten mir nicht mehr helfen können und ich empfinde meine heutige Trockenheit als Geschenk Gottes.

Seit damals weiß ich, dass ich für mich trocken bin. Und heute lebe ich meistens recht zufrieden. Ich habe vieles geändert. Ich habe das Haus unter gewaltigen Verlusten verkauft und mir eine kleine Wohnung gemietet, ich bin geschieden und ich habe eine ungeliebte berufliche Tätigkeit nach 23 Jahren beendet. Tatsächlich habe ich seither einige dieser "Katastrophen" nüchtern meistern können, die mich früher allein schon bei einem Gedanken daran, dass sie passieren könnten, an die Flasche getrieben hätten.

Ich habe das Leben wieder gewonnen, zum ersten Male lebe ich wirklich bewusst und ich habe erstmals wirkliche, aufrichtige Freunde. Keine Saufkumpane und niemanden mehr, dem ich irgend etwas beweisen muss, dafür Menschen, die mich so akzeptieren, wie ich bin. Die in mir den Menschen und nicht die Füllung des Maßanzuges sehen, denen ein Titel egal ist, aber mich mögen als der, der ich bin: Ich bin Jürgen, ein trockener Alkoholiker.