Mein Name ist Klaus, ich bin Alkoholiker,

„Mein Name ist Klaus, ich bin Alkoholiker“, wie oft habe ich meinen Beitrag im Meeting bis jetzt schon so begonnen. Es sind bestimmt über 1000 mal, manchmal denke ich mir gar nichts mehr dabei. Dabei ist es doch der Schlüssel zu meiner Genesung, der Anfang vom Ende meines nassen Lebens und der Beginn von einer erstaunlichen Wiedergeburt. Jemand den eigentlich schon alle aufgegeben hatten, der wird neu geboren mit frischen Lebenssäften. Derjenige darf ich sein.

Geboren wurde ich 1964 in einer schwäbischen Kleinstadt, also nichts besonderes. Ich wuchs in einem behüteten Elternhaus auf, zu behütet wie ich damals feststellte. Die ersten sechs Jahre wurde ich mehr oder weniger von meinen Großeltern großgezogen, zu welchen ich ein sehr inniges Verhältnis hatte. Ich schreibe hier in der Vergangenheit, weil beide nicht mehr leben. Im Alter von sechs Jahren wurde mein Bruder geboren, welches mein einziges Geschwisterchen blieb. Von diesem Zeitpunkt blieb meine Mutter zu Hause, war also ausschließlich mit der Erziehung von uns Kindern beschäftigt. Meine Mutter tat alles was eine Mutter für ihre Kinder und ihren Ehegatten macht: Kochen, Putzen, Waschen. ; eines aber machte sie nicht, das Kind einfach einmal in den Arm nehmen und ihm die nötige Mutterliebe geben.

Mein Vater war der Ernährer der Familie und machte auch entsprechend eine berufliche Karriere. Ich muss erwähnen, dass mein Vater selbst ohne Vater aufgewachsen war. Deswegen versuchte er, wie es bei vaterlosen Kindern üblich ist, ein besonders guter, aber auch teilweise besonders strenger Vater zu sein. „Meine Kinder sollen es einmal besser haben als ich“ waren seine Worte, wie es viele seiner Generation äußerten.

Mein schulischer Werdegang ist auch schnell erzählt. Zuerst vier Jahre Grundschule, danach durfte oder musste ich aufs Gymnasium und ich bestand sogar mein Abitur, zwar mit einer Ehrenrunde in der 7. Klasse und gerade so mit 3,1; aber ich habe mein Abitur. Mit der Sauferei war es damals noch kaum auffällig, da ich unter der Aufsicht meiner Eltern stand.

Nach dem Abitur, im Alter von zwanzig Jahren ging ich fort um zu studieren. Ich zog also fort von der Heimat, in eine fremde Stadt. Im gleichen Jahr begann mein Vater eine neue und höher bezahlte Arbeit im Rhein-Main Gebiet, eine Gegend in Deutschland mit welcher ich mich überhaupt nicht anfreunden konnte. Meine Mutter und mein Bruder zogen deswegen auch dorthin. Wenn ich dann vom Studium nach Hause fuhr, fuhr ich eigentlich nicht nach Hause, sondern in eine mir völlig fremde Stadt. Bei mir wurde die Stadt meines Studiums meine Heimatstadt; vielleicht konnte man mich auch in gewissem Sinne als heimatlos bezeichnen. Des weiteren konnte ich jetzt endlich tun und lassen was ich wollte, ich hatte plötzlich eine Freiheit, mit welcher ich eigentlich nicht umgehen konnte, weil man mir nie die Möglichkeit gab, dieses zu lernen.

Ich aß und trank plötzlich das, zu was ich Lust hatte und nahm auch rasch an Gewicht zu. Außerdem begann ich jetzt Bier zu trinken, obwohl es mir anfänglich überhaupt nicht schmeckte. Ein richtiger Mann musste viel Bier trinken können, dachte ich damals und dass mein Vater kein richtiger Mann war. Da ich anfänglich nicht viel vertragen habe, begann ich regelrecht zu trainieren möglichst viel vertragen zu können. Innerhalb kurzer Zeit zeigte dieses Training Erfolg und ich war einer der Besten. Ich gehörte endlich einmal zu den Besten, auch wenn es nur beim Trinken war.

Meine Erfolge im Studium waren trotz meiner Trinkerei in den ersten drei bis vier Semestern sehr gut. Danach ging es aber steil bergab. Ich schaffte es dann circa zehn Jahre zu studieren, machte aber keinen Abschluss. Ich hatte zu dieser Zeit sogar einen regelmäßigen Tagesablauf; nachts saufen, tagsüber schlafen. Ich fand auch schnell Saufkumpanen, welche ich damals als meine Freunde bezeichnete. Es waren auch Studenten mit bis zu diesem Zeitpunkt ähnlicher Geschichte, wobei sicherlich jeder weiß was ich damit meine. Ich trank zu dieser Zeit in etwa zwei Kisten Bier in drei Tagen daheim, Gaststättenbesuche nicht mitgerechnet. Wobei ich hier sagen muss, dass ich in Gaststätten oder gar in Diskotheken meist nicht so viel soff. Bevor ich wegging hatte ich meistens schon acht bis zehn Bier getrunken, was man mir aber überhaupt nicht anmerkte. Im Wirtshaus trank ich dann meist nicht so viel, um nicht aufzufallen und weil es nicht gerade billig war. Nach dem Gaststättenbesuch gab ich mir dann meist daheim oder bei einem Kumpel den Rest,

Nach Beendigung meiner Studienzeit zog ich wieder zu meinen Eltern, zog dann wieder weg und wieder zu meinen Eltern und wieder weg. Je nachdem, ob ich Arbeit hatte und wie gerade meine finanzielle Situation war. Am Schluss landete ich in Nürnberg, der Stadt in welcher ich meinen Tiefpunkt hatte und wo ich auch trocken werden durfte. Doch dazu später mehr. Ursprünglich, am Anfang meiner Saufkarriere trank ich nur Bier, gegen Ende auch Wein und Schnaps, Hauptsache Alkohol war drin. Ich habe mir auch ernsthaft überlegt, ob man sich den Alkohol nicht spritzen kann. Bei dem Besorgen von Alkohol, kam mir die Sparsamkeit, welchem jedem Schwaben im Blut liegt zugute. Ich verstand es mit möglichst wenig Geld an möglichst viel Alkohol zu kommen..

Mit der Arbeit hatte ich es nicht so, wie man so schön sagt. Wenn ich Arbeit hatte, suchte ich mir meistens solche Arbeit bei welcher in nicht unter irgendeiner Kontrolle stand. Ich wollte schlicht und einfach in Ruhe saufen können. Am besten geeignet hierzu waren Positionen im Außendienst.

Am wohlsten fühlte ich mich aber wenn ich überhaupt nicht arbeiten musste, ich konnte mich dann den ganzen Tag meiner eigentlichen damaligen Berufung hingeben nämlich der Sauferei. Wer nie gesoffen hat, kann es sich nicht vorstellen, welche Arbeit es macht im Hauptberuf zu saufen. Stoff kaufen, Stoff verstecken, trinken, Leergut wegbringen, dass es keiner bemerkt und und und.... . Ich verstand es vortrefflich den Ärzten Krankheiten vorzuspielen, nur um an den „gelben Zettel“ zu kommen. Wurde ich gekündigt, war es nicht tragisch, da ich jetzt mein Geld vom Arbeitsamt bekam und mich ganz meinem damaligen Lebensinhalt hingeben konnte. Ich lebte so bis zum Mai 2000, bis sich mein Leben total wandelte, obwohl ich es eigentlich gar nicht wollte.

Die ganze Trinkerei hatte natürlich auch gesundheitliche Folgen. Zum einen soff ich mich in Depressionen, unter welchen ich mindestens zehn Jahre, mal schwächer, mal stärker litt. Zum anderen war und bin ich, dadurch dass ich übermäßig viel esse und es leider heute immer noch, wenn auch in geringerem Ausmaße mache, stark übergewichtig. Und drittens begann ich zu dieser Zeit immer öfters morgens Galle zu speien.

Ich lag morgens mit Depressionen im Bett welche mich daran hinderten, dass ich saufen konnte. Konnte ich dann endlich wieder saufen, weil die Depressionen nicht mehr so stark waren, soff ich so lange, bis ich besoffen war. Festen Stuhlgang hatte ich auch nicht mehr, ich kam oft also kaum von der Toilette weg. Arbeit hatte ich Anfangs 2000 auch verloren. Freundin oder sog. Freundin war plötzlich auch weg und ich hatte plötzlich große Geldprobleme, da alle Ersparnisse aufgebraucht waren. Einfach gesprochen es war der Super Gau oder Tiefpunkt und ich war plötzlich ganz ALLEIN. Nach jeder Logik der Welt hätte ich mich umbringen müssen oder innerhalb kürzester Zeit zu Tode saufen. Doch das genaue Gegenteil war der Fall, ich wurde TROCKEN.

Lange zuvor hatte ich schon versucht aufzuhören, was immer wieder misslang. Ich habe viele Phasen gehabt, in welchen ich überhaupt nichts getrunken habe, um danach alles nachzuholen, was ich vorher versäumt hatte. Anfangs 2000 unternahm ich den ernsthaften Versuch aufzuhören; der Arzt wollte mich in Therapie fortschicken, was ich ablehnte, weil ich glaubte dann ein Stigma zu haben. Ich ließ mir deshalb vom Arzt Beruhigungsmittel verordnen, was zur Folge hatte, dass ich Beruhigungsmittel und Alkohol zu mir nahm. Ich ging zu dieser Zeit immer am Donnerstag zum Arzt. Deshalb trank ich immer am Mittwoch allen Alkohol, den ich zu Hause habe weg, da ich ja, nachdem ich beim Arzt war mit dem Trinken aufhören wollte. Donnerstag kaufte ich dann trotzdem wieder Neuen ein.

Dann kam Mittwoch, der 3.Mai 2000. Ich trank wieder allen Alkohol den ich zu Hause hatte weg. Am anderen Tag verschrieb mir der Arzt noch stärkere Beruhigungsmittel und gleich zwei verschiedene. Von den Einen sollte ich eine am Tag nehmen, von den Anderen drei am Tag. Ich war damals so blöd im Kopf, dass ich die Dosierung verwechselte. Ich wurde dadurch aber so ruhig, dass ich nicht mehr fortging um Alkohol zu kaufen oder zu trinken. Das ging eine ganze Woche so; am 11.Mai 2000 hatte ich einen Gedanken oder soll ich es besser Eingebung nennen. „Klaus sagte ich, du musst diesmal etwas mehr tun als bloß nicht zu Trinken.“ Es kam mir der Gedanke AA anzurufen und ein Anrufbeantworter sagte mir, dass am Abend Meeting stattfindet.

Ich ging also abends dorthin und wurde freundlich empfangen und ein Kurt führte mit mir ein Erstgespräch. Er sagte mir, dass ich mich ins Meeting setzen solle und den Geschichten der Anderen zuhören solle, weil sie genau das Selbe erlebt hätten wie ich auch. Er erklärte mir auch ganz unmissverständlich, dass es für meine Zukunft drei Möglichkeiten gibt; Irrenhaus oder Knast, zwei Meter tiefer, oder Aufhören. Ich setzte mich also ins Meeting und die Leute erzählten Ihre (meine) Geschichte. Nur waren diese Leute sauber angezogen und schon Jahre und Jahrzehnte trocken. Ich begriff, das kann ich auch haben. Ich ging von diesem Tag an fast jeden Tag ins Meeting. Nach ein paar Wochen setzte ich die Tabletten und etwas später auch den Arzt ab und musste trotzdem nicht wieder Alkohol trinken.

Bei einem kleineren Meeting, in welchem ein Rundgespräch gemacht wurde, redete ich dann zum ersten Mal. Reden in den Meetings, ist seither für mich zur Befreiung der Seele von seiner Last geworden.

Was für mich auch zur Trockenheit dazugehört, ist meine Beziehung zu Gott. Im Glauben erzogen wurde ich von Menschen, welche die Frohbotschaft mit Drohbotschaft verwechseln. Ich habe diesen Menschen verziehen, da sie auch Menschen mit Fehlern sein dürfen. Außerdem haben sie bei mir das spirituelle Fundament gelegt, ohne welches ich nicht hätte trocken werden können; mein spirituelles Haus baute ich nach meiner Genesung selbst.

Da ich diese Form, von Glauben ablehnte bezeichnete ich mich lange als Atheist. Erst als ich ganz am Boden lag, begann ich wieder zu beten. Ich betete um einen Lottogewinn, reiche Frau, und entsprechendes, also lauter Dinge, welche mich hätten in Ruhe weiter saufen lassen. Mein Gott machte etwas ganz Anderes, er führte mich auf den Weg, welcher mich trocken werden ließ. Seither bete ich den Satz im Vater Unser „. Dein Wille geschehe“ viel inbrünstiger, da ich spüren durfte, was er bedeutet. Es entstand jetzt etwas in mir, was mir bis dahin gefehlt hatte, URVERTRAUEN. Gott hat mich aus dem tiefsten Loch meines Lebens geholt, weil er das Richtige hat geschehen hat lassen. Jetzt weiß ich, dass er immer das Richtige macht, er hat den großen Plan, ihm kann ich immer und in allem vertrauen. Einem Therapeuten, welchem ich diese Geschichte erzählte, fragte mich in welcher Sekte ich sei; er war danach mein Therapeut. In Meetings höre ich immer wieder, dass Leute mit Gott nichts anfangen können; für mich gehören Gott und Genesung zusammen.

In groben Zügen hätte ich meine Geschichte jetzt erzählt. Abschließend möchte ich mit Euch ein Gedicht teilen, welche ich kurz nach meiner Genesung geschrieben habe. Es heißt gemeinsam neue Wege gehen, und ist für alle, welche im Sinne des 12-Schritte-Programms leben.  

Zusammen neue Wege gehen

 Lange ging ich meine Weg allein,
doch ich schlich nur so dahin.
Keinen Sinn fand ich in meinem Sein;
Das Leben war nur so am Vorüberziehn.

Benebelt war ich oft am Tag,
mit Alkohol ich mir die Zeit totschlug.
Mein Leben war ein Warten auf den großen Schlag,
doch meine Hoffnung ich darauf oft begrub.

Doch meine Hoffnung in Erfüllung ging,
mir wurde was ich brauchte gegeben.
Mein Leben, welches nur noch an der Flasche hing,
ich durfte es plötzlich neu und trocken erleben.

Ich konnte plötzlich wieder aufrecht stehen,
und fand neue Freunde, die Echten.
Wir durften zusammen neue Wege gehen
Und trennten uns gemeinsam von allem Schlechten.

Viele Gute 24 Stunden
Klaus
Alkoholiker