22. Mai

Manchmal habe ich eine Mordswut auf sie. Da würde ich ihr am liebsten die Haare ausreißen. Aber dann sag ich mir, sie hat auch ein Recht zu leben. Sie hat ein Recht, sich auf der Welt umzusehen und sich ihre Leute auszusuchen. Nur weil ich sie liebe, kann ich ihr dieses Recht nicht absprechen. (Alice Walter, beim Schreiben der „Farbe Lila“)

Wenn wir uns zu einem Menschen hingezogen fühlen und bereit sind, zu geben und zu teilen, sind wir auch verletzbar. Wir hören oft, wie schön es ist zu lieben, aber wir wissen auch, wie schmerzlich das sei kann.

Es würde uns wahrscheinlich nichts ausmachen zu lieben, wenn der andere uns nicht wehtun würde. Manchmal haben wir den Eindruck, als täte er es mit Absicht: er kommt zu spät zum Abendessen nach Hause, vergisst eine Verabredung oder ein besonderes Ereignis oder schläft beim Austausch von Zärtlichkeiten ein. Wir lassen uns dann unsere Enttäuschung anmerken, indem wir den anderen anschreien, mit Gegenständen nach ihm werfen, ihn schlagen, weglaufen oder die Beziehung abbrechen.

Aber auch wir vergessen ab und zu ein wichtiges Datum oder sind zu müde für die Liebe. Wenn wir uns dieses Recht zubilligen, müssen wir es auch dem Partner zugestehen. Liebe ist nur dann von Dauer, wenn wir genügend Platz haben, um zu wachsen – wie zwei prächtige Blumen, die auch nur dann gedeihen können, wenn sie sich nicht gegenseitig Licht und Nahrung wegnehmen.

Ich will dem Menschen, den ich liebe, einen möglichst großen Freiraum zugestehen.