30. November – Abstand

Mein Sohn brachte einmal eine Wüstenspringmaus mit nach Hause. Wir setzten sie in einen Käfig. Es dauerte nicht lange, und die Wüstenspringmaus war ihrem Käfig entflohen. Die nächsten sechs Monate huschte das Tier verschreckt durchs Haus. Und die ganze Familie hinterher – um ihrer habhaft zu werden.

„Da ist sie! Fang sie!“ kreischten wir jedes Mal, wenn einer von uns das Tier erspähte. Mein Sohn und ich ließen alles liegen und stehen, rannten durchs Haus und warfen uns auf das Tier, um es einzufangen – vergeblich.

Ich machte mir ständig Sorgen. „Das ist nicht richtig“, dachte ich. „Ich kann die Maus nicht im Haus herumlaufen lassen. Wir müssen sie fangen. Wir müssen irgend etwas tun.“

Eine kleine Maus hielt die ganze Familie auf Trab.

Eines Tages saß ich im Wohnzimmer und sah, wie die Maus den Flug entlang huschte. Hektisch begann ich mir der gewohnten Jagd. Doch dann überlegte ich es mir anders.

Nein, sagte ich mir. Ich habe es satt. Wenn das Tier in den Winkeln und ritzen dieser Wohnung hausen will, soll es das ruhig tun. Ich bin es leid, mir deshalb Sorgen zu machen. Ich habe es satt, ständig auf Jagd zu gehen. Es ist zwar kein normaler Zustand, aber so soll es wohl sein.

Ich ließ die Wüstenspringmaus vorbeilaufen, ohne auf sie zu reagieren. Ich fühlte mich nicht ganz wohl mit meiner neuen Art zu reagieren – nicht zu reagieren -, aber ich hielt mich daran.

Bald fühlte ich mich wohler mit diesem neuen Verhalten und dachte mir nichts mehr dabei. Ich hatte den Kampf mit der Wüstenspringmaus aufgegeben.

Wenige Wochen, nachdem ich meine neue Einstellung zum ersten Mal in die tat umgesetzt hatte, lief die Maus wie so oft an mir vorbei, ohne dass ich sonderlich Notiz von ihr nah,. Das Tier hielt inne, drehte sich um und beäugte mich. Prompt verfiel ich in meine alte Gewohnheit und wollte mich darauf stürzen. Sie entkam, wie immer. Ich holte tief Luft.

„Na schön“, sagte ich. „Mach, was du willst.“ Und diesmal meinte ich es wirklich.

Eine Stunde später trippelte die Wüstenspringmaus auf mich zu, kauerte sich vor mich hin und wartete. Behutsam nahm ich sie hoch und setzte sie in ihren Käfig, wo sie seither ganz zufrieden lebt. Die Moral von der Geschichte? Wirf dich nicht auf Wüstenspringmäuse. Sie sind ohnehin ängstlich, und die Jagd verschreckt sie nur noch mehr und macht uns alle verrückt.

Abstand gewinnen ist die Lösung.

Heute will ich mich mit meiner neuen Reaktion – nicht zu reagieren – begnügen. Ich fühle mich wohl dabei.