Mein Tiefpunkt (von Luisa)
10.April 2003
Fassungslos stehe ich im Keller vor einer leeren Kiste Bier. Ich alleine habe
sie ausgetrunken.
Heute Abend wollte ich am PC Buchführung machen. Die verschiedenen Ausgaben und
Einnahmen den Konten zuordnen. Mein Schwager hatte sich die Mühe gemacht und mir
die Grundbegriffe gezeigt.
Natürlich hatte ich alles sofort begriffen. Ich bin doch viel klüger, schneller,
intelligenter als andere Menschen, die das vielleicht jahrelang gelernt und
gemacht haben.
Zuerst mal ein Bier. Bier ist ein Grundnahrungsmittel bei uns in Bayern. Hopfen
und Malz, Gott erhalt´s. Es ist 20.30 und ich fange an.
Heute ist Mittwoch und ich bin, wie so oft, allein zu Hause. Mein Mann hat einen
seiner vielen Termine.
Als ich das erste Bier holte, waren noch 10 Flaschen
voll und ich war überzeugt, das reicht noch lange. Morgen kommt das Bierauto und
bringt Nachschub.
Es ist 23.°° und ich stehe im Keller. Die Kontierung habe ich nicht kapiert, und
habe aufgegeben. Zum Schlafengehen noch einen Absacker.
Und nun stehe ich fassungslos vor der leeren Kiste.
Ich alleine habe sie ausgetrunken. Es war definitiv
sonst niemand im Haus. Mein Mann auf der Versammlung, keine Gäste oder sonstige
Verbraucher da.
10 Flaschen Bier das sind 5Liter, ein kleiner Putzeimer voll, und ich habe nicht
das Gefühl besoffen zu sein. Die nötige Bettschwere stellt sich nicht ein.
Mein nächster Gang wieder zum PC. Über eine Suchmaschine hole ich mir die HP der
Anonymen Alkoholiker auf den Bildschirm. Dort ist ein Kontaktformular. Eine
halbe Stunde schreibe ich, lösche es wieder, schreibe noch einmal. Am Schluss
ist nur noch ein Satz da: Mein Alkoholkonsum nimmt bedenkliche Ausmaße an.
Ich glaube ich brauche Hilfe.
Und dann habe ich den Mut, dieses Formular auch
abzuschicken. Klick und weg - mein neues Leben beginnt.
11.04.2003
Mein erster Gang heute Morgen ist zum PC. Ob ich schon Antwort bekommen habe???
Ja, eine Bernadette schreibt mir, begrüßt mich herzlich und begleitet mich in
ein Mailmeeting. Keine Ahnung was das ist, doch alles ist besser, wie diese
Isolation, in die ich mich zurück gezogen habe. Sie erzählt von sich, wie sie es
geschafft hat und ein kleiner Funke Hoffnung glimmt in mir hoch.
Zum ersten mal höre ich von:
Nur für Heute, nur für 24 Stunden
Ja für Heute könnte ich es schaffen, nichts zu trinken.
Meine gefährlichste Zeit ist der Abend, die Langeweile, die Einsamkeit. Auch da
hilft mir wieder Bernadette und begleitet mich in einen Chat der
Anonymen Alkoholiker. Mich wundert, wie locker dort geredet wird, Späße gemacht
werden, small talk. Doch kaum traue ich mich, von mir und meinen Problemen zu
reden, sofort wird es ernst und alle versuchen mir zu helfen.
Komisch, ich bekomme keine Rat-SCHLÄGE, und was ich tun
"muss". Nein, jeder redet nur von sich und wie er in dieser Situation gehandelt
hat. Vor lauter chatten vergesse ich das Bier, meinen täglichen Begleiter. Gegen
den Durst habe ich mir eine Flasche Wasser geholt. Es ist 24°° uns ich habe
heute nichts getrunken.
Mein erster Tag ohne Alkohol nach vielen Jahren.
Die erste Nacht.
Ich gehe ins Bett, mein Mann schläft schon. Er hat die
Gabe, sofort einzuschlafen. Wenn ich genug Bier in mir habe, falle ich sofort in
eine Art Bewusstlosigkeit, doch spätestens nach 2 Stunden muss ich was
trinken, den der Nachdurst plagt mich. Normal habe ich immer eine Flasche Bier
neben dem Nachtisch stehen. Auch wenn es schal und abgestanden ist, ich trinke
es. Ich habe Durst, ich "muss" trinken.
Heute geht es in meinem Kopfkino los, ich kann nicht schlafen.
Ich bin glücklich, ich habe Freunde gefunden, die mich verstehen, doch mein Körper wehrt sich. Entzug.......
Es geht los an den Füssen, sie werden eiskalt. Die Kälte steigt hoch und immer höher. Vor Jahren habe ich mal einen Film gesehen, in dem sich ein reicher, kranker Mann mit Stickstoff einfrieren lies um sich ein Jahrhundert später wieder auftauen zu lassen, mit der Hoffnung, dass die Medizin ihm dann helfen kann.
Ich habe dieses Gefühl, spüre wie der Stickstoff meinen Körper einfriert. Die Kälte steigt und steigt, immer höher die Beine hoch, der Bauch, zum Magen, zum Herzen. Ich mache mir eine Wärmflasche, ein heißes Kräuterkissen, hole mit zwei Wolldecken doch ohne Erfolg. Die Kälte kriecht unaufhörlich weiter.
Mir ist klar, wenn sie noch einige Zentimeter höher steigt, sterbe ich, doch ich bin nicht traurig. Eher neugierig, wie wenn ich neben mir stehe und mich beobachte.
Doch wie ein Wunder, es hört auf, kurz vor dem Herzen
ist eine Mauer, die die Kälte nicht durchdringt. Mein Mann schläft neben mir
tief und fest. Er hätte es nicht gemerkt. Und ich hatte nicht den Mut ihn zu
wecken, um Hilfe zu bitten. Er arbeitet den ganzen Tag streng, da "muss" ich
doch Rücksicht nehmen. Ich hätte es auch noch nicht gewagt, ihm zu sagen, was
mir fehlt. Dass ich Alkoholikerin bin, konnte ich mir noch nicht eingestehen.
Erst Wochen später erfahre ich, wie gefährlich diese Nacht für mich war. Wie
leichtsinnig es ist, zuhause kalt zu entziehen. Der Tod saß auf meinem Bett.
In dieser Nacht hielt meine höher Macht seine Hand über mich.
Doch auch diese Nacht geht zu Ende und auch diese Nacht habe ich nicht
getrunken.
12.04.2003
Der zweite Tag. Jede freie Minute hänge ich am PC. Und immer wieder ist es Bernadette, die mir schreibt.. Aber auch viele andere begrüßen mich und machen mir Mut Bernadette gibt mir den Tipp, viel Tee mit Zitrone und Traubenzucker zu trinken, damit der Druck nach Alkohol nachlässt.
Trinken, trinken, trinken auch ohne Durst, der Magen muss voll sein. Ich glaube ihr gerne, denn sie schreibt, dass es bei ihr geholfen hat. Wie immer wird mein Verlangen nach Bier am Abend groß. Diese Zeit überstehe ich, da ich die 24 Stunden in einzelne Stunden aufteile.
Einen Stunde und noch eine Stunde. Dabei viel Tee trinken Dann geh ich wieder in den Chat und werde dort gelobt, dass ich es auch HEUTE ohne Alkohol ausgehalten habe. Bernadette nennt mich Mäuselchen. Gibt es das, eine Frau gibt mir einen Kosenamen???
Etwas singt in mir: Mäuselchen, Mäuselchen, Mäuselchen. Doch dann denke ich: Die hat mich halt noch nicht gesehen. Ich eine alte Frau, aufgedunsen, fett, hässlich, krank, eher tot wie lebendig.
Der Mann an meiner Seite geht lieber zu seinen
Vereinskameraden. Recht hat er, ich möchte auch nicht mit so einem fetten,
unansehnlichen Schwein
zusammen sein, wie ich es bin. Er nennt mich dicker Bär, recht hat er. Ja meine
Kuhle aus Selbstmitleid, Selbsthass, Selbstverachtung ist sehr tief.
Auch dieser Abend geht vorbei, ohne dass ich getrunken
habe. Dies ist mein zweiter Tag ohne Alkohol, meine zweiten 24 Stunden.
Die Nacht geht wieder los, wie die letzte. Kälte kriecht hoch von den Füssen
über die Beine bis zum Knie. Doch da bleibt sie stehen. Diesmal ist es schon
besser. Doch einige Male muss ich raus. Mein Tee wirkt und die
Durchlaufautomatik ist in Takt. Vielleicht sollte ich mir ein "Reseviert"-Schild
an die Türe hängen, so oft wie ich heute auf die Toilette musste. Aber soll gut
sein, für die Nieren.
13.04.03
3.Tag. Es wird leichter, der Druck lässt nach. Doch heute habe ich einen
schweren Streit mit Mann: Ich sei faul, fett, sitze nur rum und hänge vor dem
PC. Er weiß noch nichts von meiner "Verbindung". Ich will es ihm auch noch nicht
sagen, dann müsste ich ja gestehen, dass ich zuviel trinke.
Und ich falle, falle, falle im Sturzflug in mein ASS - Arme Sau Syndrom. Und ich trinke wieder. Ich gebe auf, ich kann es nicht. Am Abend schreibe ich den Online-Freunden: "Bitte schreibt mich aus, ich schaffe es nicht".
Voll Verachtung für mich, voll Selbsthass gehe ich ins
Bett. Mein einziger Gedanke: Morgen bringe ich mich um, ich habe kein Recht auf
dieser Welt zu sein. Ich bin ein Versager. Die Bierflasche steht wieder neben
meinem Bett.
14. April
Mein erster Gang zum PC. Und da sind Menschen die mich verstehen, die an mich
glauben. sie machen mir Mut: "Steh auf, fang noch mal an, Nur für Heute
für 24 Stunden, du schaffst es. Mut".
Dieser Tag ist mein neuer Geburtstag. Mein DOS