Ohne Freude kann keiner leben.

Eine Europäerin lebte eine Zeitlang in China. Im Frühling war sie in Shanghai angekommen. Die Hitze war mörderisch, der Geruch der Kanäle kaum auszuhalten, und überall roch es nach Sojabohnenöl. In dieser fremden Welt fühlte sie sich ganz verloren. Sie merkte auf einmal: da war keiner, der sich um sie kümmerte, der sie einmal gefragt hätte, wie es ihr zumute wäre.

Dann ergab es sich, dass sie für einige Tage bei einer europäischen Familie wohnen konnte, die chinesisches Personal hatte. Der oberste der Diener war der Koch, Ta-tse-fu, der große Herr der Küche!

Eines Abends, als sie wieder einmal total verweint in ihrem Zimmer saß, überreichte ihr Ta-tse-fu ein Geschenk! Es war eine chinesische Kupfermünze mit einem Loch in der Mitte! Durch das Loch waren viele bunte Wollfäden gezogen und dann zu einem Zopf zusammengeflochten.

"Die Wollfäden", so erklärte er, "sind von mir und meiner Frau, vom Zimmer-Kuli und seiner Schwester und von den Eltern und Brüdern des Ofen-Kuli!"

Die Beschenkte war überrascht und bedankte sich sehr. Später erklärte man ihr, jeder Wollfaden bedeutete ein Stunde des Glücks.

Was war passiert?

Der Koch war zu seinen Freunden gegangen und hatte gefragt: "Willst du von den Stunden des Glücks, die für dein Leben vorausbestimmt sind, eine Stunde abtreten?"

Daraufhin hatte der Ofen-Kuli, der Zimmer-Kuli und ihre Verwandten für die fremde Europäerin einen Wollfaden gegeben als Zeichen dafür, dass sie ihr von ihrem eigenen Glück eine Stunde schenkten!

Das war ein großes Opfer, denn keiner von ihnen wusste, welche Stunde aus ihrem Leben es sein würde. Das Schicksal würde entscheiden, ob sie etwa jene Stunde abtreten würden, in der ihnen ein reicher Verwandter sein Hab und Gut verschrieben hätte, oder ob es nur eine der vielen Stunden sein würde, in der sie glücklich beim Reiswein säßen. Blindlings und doch mit weit offenen Augen machten sie der Fremden einen Teil ihres Lebens zum Geschenk!

Nie wieder hatte die Europäerin ein Geschenk erhalten, das sich hätte mit diesem vergleichen können. Von diesem Tag an hatte sie sich in China Zuhause gefühlt!!

Die Münze mit dem bunten Wollzopf begleitete sie jahrelang, bis sie eines Tages jemanden kennen lernte, der noch übler dran war als sie damals in Shanghai! Da nahm sie einen Wollfaden, knüpfte ihn zu den anderen und gab die Münze weiter.