Mein Name ist Susanne, ich bin eine Alkoholikerin

Am 12.12. hatten wir ein Weihnachtsmeeting. Seit fünf Monaten ging ich zu den Anonymen Alkoholikern ins Meeting. Und wusste noch immer nicht, ob ich eine Alkoholikerin bin! Oder auf dem besten Weg dazu. Oder nur wegen seelischer Probleme trinke. Und niemand in dem Verein nahm mir die Verantwortung ab und sagte mir, wie es genau mit mir stehe !

Und jede Woche, seit Juli, zog es mich am Dienstag ins f2f. Ich nahm ca. 5 Stunden Weg auf mich. Hin und zurück. Denn ich suchte das Meeting in einer größeren Stadt, also weit weg von da wo ich wohnte. Ich hatte nämlich eine Riesenangst, dass mich Jemand sehen könnte. Und meine Vorstellung war dann, dass Derjenige das herumerzählen würde und ich hätte meinen guten Ruf und mein Gesicht verloren!

Denn ich war ja Jemand im Ort. Und ich hatte vor nichts mehr Angst, als vor falschem Gerede. Denn denen könnte ich ja dann nicht erklären, dass es nicht so schlimm ist, und ich ja noch nicht so weit gesunken sei wie die "richtigen" Alkoholiker/Innen.

Ich sagte nicht, dass ich Alkoholikerin sei, weil ich es wirklich nicht wusste. Das ist nämlich auch kein Schleck, kein feiner Zustand. Man hat das Gefühl von doch nicht dazugehören und von speziell sein, das man gar nicht will. Ich hatte auch nicht den Wunsch, mit dem Trinken aufzuhören, ich wollte nur weniger trinken. Und das Leben nicht mehr meistern können? Ha, ich sicher nicht. Schließlich managte ich einen Haushalt, ein Geschäft, ein Büro, Kinder, Garten, Umschwung, Haus, Hobbys, las anspruchsvolle Literatur, machte Musik, engagierte mich sozial, etc etc.

Ich fuhr nur einmal Auto mit Alkohol. Sonst ließ ich andere fahren oder nahm ein Taxi, meistens aber trank ich eher zu Hause. Vor 18.00h trank ich von Montag bis Freitag auch nicht. Samstag, Sonntag war ja sowieso anders und meine Kinder sahen mich praktisch nie betrunken

Also, wo soll ich denn mein Leben nicht mehr meistern? Was suchte ich dann bei AA?

Wo war mein Problem? Hätte es sture AA-FreundInnen in meiner Gruppe gegeben, die gesagt hätten: Die einzige Voraussetzung ist der Wunsch, mit dem Trinken aufzuhören. Oder: du darfst nur hier bleiben, wenn du dich als Alkoholikerin bekennst..... ---- mich schaudert bei dem Gedanken, wo und wie ich jetzt wäre

Zum Glück hatte ich eine wunderbare Gruppe gefunden, mit nicht nur sehr langjährigen trockenen FreundInnen, sondern auch mit gelebter Nüchternheit

Den Unterschied merkte ich bald. Sie verstanden, dass es für mich (ich war damals die Jüngste), nicht einfach sei, herauszufinden, ob ich zu ihnen gehöre oder nicht. Da immer mehr Menschen früher aus der Sucht aus- steigen können, also im ersten Stock aussteigen könnten, sei es nicht so ersichtlich wie bei ihnen, die sie im tiefsten Keller gelandet seien. Da gab es irgendwann nichts mehr zu fragen. Nur noch Leben oder Tod.

Ihre Geschichten schockierten mich auch zutiefst. Ich sah mich nicht einfach auch darin, wie das andere oft beschreiben. Vor allem die Frauen, was sie erzählten, rüttelte mich auf, schockte aber, zum Teil stieß es mich auch ab. Wie konnten die nur! Ich war verwirrt auf dem Heimweg und dachte, da gehe ich nicht mehr hin. Das sind ja Rabenmütter. Nächste Woche ging ich wieder und wurde von eben diesen Frauen mit Wärme und großer Freude empfangen. So ging das, wochenlang. Aus lauter Schock trank ich keinen Schluck Alkohol. Täglich gingen mir das Gesagte der Menschen im Kopf rum. Ich konnte nicht mehr mit meinem Mann schlafen, weil mir immer die Meetings rumspukten, es ließ mich nicht mehr los

Ich fing an zu experimentieren. Mit dem Wissen der Gruppe und meinem Mann trank ich anfangs unter der Woche nichts. Und samstags und sonntags trank ich normal mit meinem Mann. Das ging anfangs gut. Nach einiger Zeit und mich selbst beobachtend, merkte ich, wie ich auf Samstag gierte. Und fand, eigentlich gehört auch der Freitag zum Wochenende. Also trank ich Fr, Sa und So.

Dann trank ich Freitag zuviel, weil ich mich so freute zu trinken, samstags weniger, weil ich so einen schweren Kopf hatte am Samstagmorgen, Sonntag wieder viel, weil ich ja Mo - Do nicht trinken konnte. Und da war doch mitten in der Woche ein Feiertag und da trank ich dann auch, weil es ja speziell ist, nicht? Und hatte ein Blackout und wusste am andern Tag nicht mehr, was ich gesagt hatte, ob ich mit meinem Mann geschlafen hatte oder nicht......

Es war ein Stress sondergleichen, und ich schämte mich - oh dieses abgrundtiefe Schämen, am nächsten Tag. Und ich kapierte, dass mit mir viel mehr nicht stimmte, als ich meinte. Wie war das noch?

Alkoholismus ist eine Krankheit, eine 3-teilige Krankheit, geistig, seelisch und körperlich. Und eine progressive. Und sie ist tödlich

Und dann bemerkte ich, wie wenn ich die Geschichten zum ersten Mal hören würde, dass da Erlebnisse waren, wo ich jetzt stand. Und dann kamen die Sachen, die ich ja auch kannte - ja und der Rest, vor dem blieb ich verschont. Aber für wie lange? Wenn ich weiter trank, konnte ich dann wissen, ob ich nicht auch mal an einem Tag, irgendwann, um 7.00h morgens in einem Kaffeetassli Wein hatte, damit die Kinder nicht merkten, was drin war? Wie die Freundin M erzählte, wo es mich noch vor Monaten grauste, ob der Story.

Wer denn garantierte mir, dass ich nicht von der Brücke sprang in den Rhein wie Freund R., weil er es nach einem Rückfall nicht mehr schaffte? Oder wie X., der zum fünften Mal in die psychiatrische Klinik eingeliefert wurde, obwohl er viel Geld hatte und einen hohen IQ, oder die Freundin A., deren Tochter einen Selbstmordversuch unternahm, weil sie das Trinken der Mama nicht mehr aushielt, oder wie Freund K., der von der Familie rausgeworfen wurde, aus seinem schönen Haus? Etc. etc.

Da waren die alle mal, wo ich jetzt grad war. Das dämmerte mir plötzlich Da wo ich nie hingehören wollte, da zog es mich wie ein Magnet hin. Das war mein Weg, zu diesen Menschen gehörte ich! Vielleicht waren da auch gerade einige Zacken aus meiner Krone gefallen

Das Reden, das Zuhören, das Inventur machen taten das ihre....

An diesem Weihnachtsmeeting begleiteten mich zwei AA-Freunde auf den Bahnhof. Wir redeten noch lange im Auto, sie waren so verständnisvoll. Keiner drängte mich, keiner wusste es besser, sie erzählten nur von sich und vor allem, sie hatten Verständnis für meine Situation. Und es war so viel Mitgefühl und Liebe da. Ich brauchte das.

Im Zug war ich sehr, sehr nachdenklich, traurig, verzweifelt. Ich wollte auch wie sie sein. Gelassen. Trocken. Im Frieden mit sich und der Krankheit Sie wussten wenigstens, woran sie waren, dachte ich dazumal.

Ich betete leise vor mich hin. Wünschte so sehr, dass ich zu einer Entscheidung kommen könnte. Dass ich endlich Ruhe fände. Frieden mit und in mir.

Und dann hatte ich die Gnade, ein geistiges, spirituelles Erwachen zu erleben. Ein Geschenk. Drei Stationen auf meinem Heimweg weiß ich heute noch nicht, wie das alles passierte. Ich "erwachte" tränenüberströmt an meinem Bestimmungort, und ich war berührt worden. Genau von dieser Höheren Macht oder Höheren Kraft, so wie die FreundInnen das im Meeting nannten, so wie sie sie verstanden.

Und hörte die Stimme. Und ich wusste, von der Zeit her war es wie heute, der 12.12 ca. 23.10h, dass ich kapitulieren durfte. Dass ich eine Alkoholikerin bin und immer bleiben werde. Dass ich meine Krankheit stoppen kann.

Immer nur für HEUTE, indem ich das ERSTE Glas stehen lasse. Und zwar von Montag bis Sonntag, immer und immer wieder.

Ein neues, ein anderes Leben wurde mir geschenkt

Ein Leben in Würde. In Tiefe. Immer so ehrlich, wie ich es grad konnte

Mit einem Programm der 12 Schritte und Traditionen. Mit Menschen, die mit mir den gleichen Weg gehen würden, FreundInnen, die mich unterstützten, die mich hielten, wenn ich schwankte. Die mir Mut machten. Die mir aber auch den Spiegel vorhielten, wenn es nötig war. Die vorlebten, immer Tag für Tag. Mit all ihrer ganzen Menschlichkeit. Wo Licht ist, ist auch Schatten

Als ich nach Hause kam an diesem Abend, weckte ich meinen Mann und erzählte ihm, was mir geschah. Auf ihn konnte ich zählen, immer. Er unterstützte mich in dieser Hinsicht, wo er konnte. Am nächsten Tag erwachte ich und erschrak, was, wenn ich das nur geträumt hatte, diese Vision. Was, wenn es nicht anhielt??

Als am Weihnachtsmeeting ein Freund von sieben trockenen Jahren redete, und er war in einer Scheidung, Stelle gekündet, etc. dachte ich, das ist doch nicht möglich. Soooo lange nichts zu trinken, und unter diesen schweren Umständen!!

Und das kommt mir heute in den Sinn. Nie hätte ich damals gedacht, dass ich heute meinen 14. DOS feiern würde und unter den schwersten Zeiten meines Lebens nüchtern bleiben würde

Nie, aber nie hätte ich das gedacht

Und darum weiß ich auch, dass das nicht allein mein Verdienst ist. Absolut nicht. Da haben andere Kräfte, Segnungen, ihre Hände im Spiel gehabt.

Meine Höhere Kraft, so wie ich sie spüre und verstehe und die Kraft und der Geist der Gemeinschaft der Anonymen Alkoholiker

Die Frauen und Männer in den Meetings - Ihr !!!

Danke
Danke
Danke

Susanne,
dankbar trocken