Ich heiße Udo, ich bin Alkoholiker
Wenn mir vor etlichen Jahren jemand gesagt hätte, dass ich irgendwann meine
Geschichte im Internet veröffentlichen würde, hätte ich wahrscheinlich nur an
meine Stirn getippt.
Heute stehe ich zu dieser Geschichte und möchte Sie allen Menschen zugänglich
machen, die es interessiert. Mein Dank gilt daher auch Jürgen, der diese
Plattform hier ins Leben gerufen hat.
Ich wuchs als Stadtkind auf und verbrachte meine ersten 10 Lebensjahre in einer
Großstadt in NRW. Ich war der älteste von insgesamt drei Kindern, und ich war
wohl schon immer etwas besonderes.
Schon mit 5 hatte ich immer das Gefühl, irgendwie zu kurz gekommen zu sein. Zu
wenig abzubekommen.
Bereits in diesem zarten Kinderalter begann ich, meinen Geschwistern die
Spardosen auszuräumen um für das Geld Süßigkeiten zu kaufen. Später waren es
Fußballbilder, die ich mir unbedingt einbildete, und mit dem Geld meiner
Geschwister bezahlte.
Mein aller erster Kontakt mit Alkohol stellte sich bei einem Onkel ein, der
offensichtlich damals selber schon große Probleme mit seinem Alkoholkonsum
hatte. Ich erinnere mich an eine Situation auf dem Balkon des ersten Stockes, wo
dieser Onkel sein Zimmer hatte. Die Sonne schien auf den Balkon, auf dem Sims
stand eine geöffnete Flasche Bier, von der er hin und wieder trank. Und
irgendwie fand ich es toll, dass der Onkel mich auch immer mal an der Flasche
nippen ließ. Ich war damals so um die 6 Jahre alt.
An Wirkungen kann ich mich nicht erinnern, wohl aber an diese Situation, in der
ein Erwachsener mir etwas erlaubte, was mir meine Eltern wohl verboten hätten.
Durch die berufliche Versetzung meines Vaters führte der Familienweg nach
München.
Auch dort war der Spielplatz die Straße. Ich umgab mich von Anfang an mit den
älteren Jugendlichen aus diesem Viertel, sodass ich als 11jähriger bereits mit
den 14-15jährigen umher zog. Der Weg zur Isar war nicht weit. Zu dieser Zeit
gingen wir öfters in die Isar-Auen, um ungestört an Zigaretten zu ziehen, oder
eine Flasche Lambrusco kreisen zu lassen. Diese 2-Liter-Bomben billigsten
Rotweins gab es damals bei Aldi für 2,99 DM.
Der erste heftige Kontakt mit Alkohol stellte sich so mit 14 ein. Man traf sich
auf dem Schulweg an einem viel belebten Platz und fuhr dann in aller Regel
gemeinsam zur Schule. An einem Tag jedoch gab es eine kleine Verschwörung. Einer
der Schulkumpel hatte seiner Mutter einen 100Mark-Schein gestohlen und man
beratschlagte, was man am besten mit dem Tag, und vor allen Dingen mit dem Geld
anfangen sollte.
Der Beschluss, diesen Tag blau zu machen und das Geld in Essen und Alkohol
umzusetzen war schnell gefasst. Wir waren zu Viert. Einer war dabei, der schon
zweimal sitzen geblieben war und schon so um die 16 Jahre alt war. Der bekam den
Auftrag, trinkbares zu beschaffen und er kam nach kurzer Zeit mit zwei Flaschen
Jim Beam Whiskey aus dem Supermarkt zurück.
Wir verzogen uns in einen Park und lagerten dort auf unseren Jacken. Die Flasche
kreiste regelmäßig. Wer nur so tat, als würde er trinken, wurde von den anderen
verspottet. Mich spornte das an. Ich tat extra große Schlucke und genoss die
Bewunderung der Kameraden.
Gegen Mittag allerdings hatte der Spaß für mich ein Ende. Nachdem ich zur
allgemeinen Erheiterung mit meinem inzwischen ziemlich besoffenen Kopf auf ein
Parkdenkmal ( rund 10m hoch ) kletterte, saß ich nun dort oben auf der Statue
und kam nicht mehr runter. Es drehte sich alles vor meinen Augen, dann wurde es
wechselweise schwarz, dann wieder verschwommen und ich drohte, von diesem
Denkmal abzustürzen. Wie ich da genau runterkam weiß ich heute nicht mehr.
Ich war derart betrunken, dass mich die Schulfreunde zur Straßenbahn schleiften.
Von dort an habe ich nur noch lückenhafte Erinnerungen. Eine davon ist, dass ich
mich in der Straßenbahn fürchterlich übergeben musste. Die andere, dass ich
zuhause abgegeben wurde mit dem Hinweis: "Dem ist in der Schule schlecht
geworden". Von was mir schlecht geworden war, konnte man offensichtlich 10 Meter
gegen den Wind riechen und an meinen Augen sehen. Ich hörte meine Mutter nur
schreien: "Was habt Ihr mit dem gemacht ?" Ich war am Rande einer
Alkoholvergiftung. Meine Augen waren derart gereizt, dass ich drei Tage lang in
meinem abgedunkelten Zimmer verbrachte, ehe ich dann wieder zu Schule gehen
konnte.
NIEEEE WIEEEDER, das war die Erkenntnis aus diesem Erlebnis.
Entsprechend vorsichtig ging ich die nächste Zeit mit alkoholischen Getränken
um. Wir trafen uns nun schon regelmäßig in der Kneipe zum Kickern, Flippern und
Kartenspielen. Stammgetränk war inzwischen Bier geworden. Das schmeckte mir,
machte die
Birne nur langsam und mit der Menge behutsam dicht.
An Schnapsrunden beteiligt ich mich grundsätzlich nicht. Zu tief saß die
Erfahrung mit dem Whiskey.
Häufiger jedoch kam es nun vor, dass ich nach übermäßigem Bierkonsum nicht mehr
ganz gerade nach Hause ging und immer wieder diese "Überflug-Anfälle" hatte. So
kletterte ich auf Baustellenkränen rum, balancierte über Rohbau-Mauern und
bewies meinen Mut darin, irgendwelche Baustellenbeleuchtungen abzumontieren und
diese als Disco-Beleuchtungsmaterial unter den Freunden zu verschenken.
Ab meinem 16ten Lebensjahr war Alkohol mein ständiger Begleiter. Meist in Form
von Bier. Mit 17 zog ich zuhause aus und mit meiner damaligen Freundin,
ebenfalls 17 zusammen. Kennen gelernt hatten wir uns mit 15 bei einer Party.
Dem "armen Udo" ging es nach übermäßigem Genuss von Bier und Cinzano so
schlecht, dass ihn das Mädel trösten und bedauern musste. Mit meinem besoffenen
Kopf lag ich im Schoß meiner späteren Freundin, Verlobten und Ehefrau und ließ
mir über die Haare streicheln, weil es mir ja soooo schlecht ging.
Also auch diese Symbiose ( meine Frau lernte den Beruf der Krankenschwester )
funktionierte von Anfang an in vorbildlicher Manier.
Dank dem Einsatz meiner Mutter !! hatte ich damals auch eine Lehrstelle bekommen
( ich selber war nicht in der Lage dazu, mich vernünftig darum zu kümmern ) und
hatte schnell raus, an welchen Schrauben ich bei Vorgesetzten und
Ausbildungsverantwortlichen drehen musste, um einen interessierten und
eigenständigen Auszubildenden abzugeben.
Es gab Abteilungen, in denen ich regelmäßig zum Bierholen geschickt wurde und
als Entlohnung von jedem jeweils eine Flasche Bier geschenkt bekam. Es kam schon
mal vor, dass ich am Tag 3 bis 4 mal zum Bier holen geschickt wurde.
Meine Ausbildung schloss ich dennoch mit Bravour ab und folgte dem Rat meines
Ausbilders, mich so schnell als möglich bei der Bundeswehr zur Ableistung meines
Wehrdienstes zu bewerben, der damals noch 15 Monate dauerte und dann berufliche
Weiterbildung in der Firma machen zu können.
Das klappte auch relativ schnell uns spätestens nach dieser Bundeswehrzeit hätte
ich wissen müssen, dass ich Alkoholprobleme habe. Es gab keinen Tag mehr ohne
Alkohol. Aber irgendwie hatte ich es sogar noch drauf, den Führerschein für
große Gabelstapler und LKW zu machen.
Wer bis hier gelesen hat weiß, dass ich - sobald ich genug gesoffen hatte, mich
immer wieder auf diverse Mutspielchen einließ.
Es gab im Umkreis der Kaserne bestimmte Strassen, die aufgrund Ihrer Enge und
Brückengeschaffenheit nur mit PKW´s befahren werden durften.
Regelmäßig war es meine Aufgabe, mit dem LKW zum Bahnhof des nächstgelegenen
Ortes zu fahren und Pakete und Frachten dort hin zu bringen und abzuholen.
Der erste Weg am Bahnhof führte uns die Bahnhofswirtschaft, wo ich und mein
jeweiliger Begleiter in BW-Uniform immer wieder von den Stammtischlern zum Bier
eingeladen wurden.
Um einige dieser Wirtshausbekanntschaften nach Hause zu fahren, fuhr ich die
ohne Fahrbefehl mit dem Riesen LKW auf den den viel zu engen Straßen mit viel
Alkohol im Blut nach Hause.
Mit den Gabelstaplern heizte ich auf dem Kasernengelände rum, wie ein
Bekloppter.
Dass nie etwas passiert ist und ich auch nie erwischt wurde, grenzt an ein
Wunder.
Der Entlassungstag von der Bundeswehr endete am übernächsten Tag um 4 Uhr früh.
Das Entlassungsgeld war verbraucht, ich war stockbesoffen und weiß bis heute
nicht, wie ich nach Hause kam.
Inzwischen stand mein 20ster Geburtstag vor der Tür und meine Freundin ließ mich
wissen, dass Sie schwanger sei.
Na toll.
Mich überforderte diese Situation schon bei der Vorstellung und ich merkte, wie
mich die drohende Verantwortung für Frau und Familie in die Ecke drängte.
Längst gehörten zum abendlichen Fernsehrritual meine 4 bis 5 Flaschen Bier.
Irgendwie bekam ich es wochentags auf die Reihe, während der Arbeitszeit nicht
zu trinken- mich dann auf dem Weg von der Arbeit bis nach Hause so mit Alkohol
zu präparieren, dass ich am Abends einigermaßen mit der erwähnten Menge
Bier auskam.
Dann kam es zu einem für mich verhängnisvollen Geburtstag eines Arbeitskollegen.
Nach reichlich Bier ließ ich mich auf das Mittrinken einiger Jägermeister ein.
Dieses süß-bittere Zeug konnte ich einigermaßen vertragen ohne gleich kotzen zu
müssen. Allerdings stellte sich auch schnell die Wirkung ein.
Ich fuhr den ebenfalls schon volltrunkenen Kollegen gegen 1 Uhr früh nach Hause
und baute 5 Minuten später einen kapitalen Frontalunfall auf einer 6spurigen
Strasse. Ich wurde durch die Windschutzscheibe geschleudert, mein Unfallgegner
war in seinem Wagen eingeklemmt. Bis auf einen Schlüsselbeinbruch und einer
tiefen Schnittwunde über dem Auge fehlte mir nichts.
Der Beifahrersitz war komplett zertrümmert. Hier saß fünf Minuten vorher noch
der Kollege.
Als mich die Polizeibeamten nach der Versorgung in der Klinik zur Blutprobe
abholten, war mir klar, dass dies ein einschneidender Punkt in meiner
Saufkarriere war.
Meine Frau war zu dieser Zeit hoch schwanger. Ich schämte mich in Grund und
Boden und war wenigstens in der Lage, immerhin eine Woche lang vor lauter Scham
und Schreck nichts zu trinken.
Nachdem die körperlichen Wehen etwas abgeflaut waren meldete ich mich wieder
arbeitsfähig und musste nun täglich jeweils eine Stunde mit dem Zug zur Arbeit
fahren.
Von dem Augenblick an soff ich noch ungehemmter. Ich brauchte ja nicht mit dem
Auto zu fahren. Zeitweise holte mich meine Frau am Bahnhof aus dem Zug, weil ich
vor lauter Rausch regelmäßig einschlief.
Weil ich keinen Führerschein hatte, konnte ich meine Frau auch nicht in die
Klinik fahren, als die Wehen einsetzten. Ich musste erst meinen Vater anrufen.
Bei der Geburt war ich dabei. Es war ein so überwältigendes Erlebnis, dass ich
mir um 7 Uhr früh, nach der Geburt so den Schädel voll soff, dass ich nicht mehr
heimfahren konnte und irgendwo auf einer Parkbank einschlief.
Was ich in dieser Zeit immer noch top erledigte, war meine Arbeit. Weil ich ja
jeden Tag mit einem schlechten Gewissen wegen meiner Alkoholeskapaden rumlief,
konnte mir auch jeder alles an Arbeit anschaffen. Ich machte das schon. Bloß
nicht auffallen, bloß nicht nein sagen.
Und so rödelte ich teilweise bis zu 14 Stunden in dieser Firma. Gab mir Abends
meine Belohnung, kam immer später nach Hause. Meine Tochter wuchs heran. Ich sah
sie meist nur abends schlafend oder mal am Wochenende, wenn ich nicht gerade auf
der Couch lag und schlief
Die Situation war nur noch traurig. Es gab endlose Diskussionen mit meiner Frau.
Der Satz "Trink doch nicht soviel" fiel mehrfach im Laufe eines Abends und am
einfachsten war es für mich, irgendeinen Streit anzuzetteln und dann
türeknallend das Haus Richtung Wirtschaft oder Auto ( ich fuhr dann eben ohne
Führerschein zu Tankstelle ) zu verlassen.
Meinen Schein bekam ich nach 15 Monaten wieder. Die ersten zwei Wochen schaffte
ich es, nicht betrunken zu fahren. Danach war alles wieder wie zuvor. Zwei
leichtere Unfälle unter dem Einfluss von Restalkohol überstand ich ohne
Alkoholkontrolle. Mehrfach gab es Situationen, in denen Menschen hätten zu Tode
kommen können durch meine Alkoholfahrten. Hinzu kamen wie in frühesten
Jugendzeiten meine "Ausraster". Ich fuhr Waldwege-Rennen, setzte Autos in den
Graben und hatte immer wieder das Glück jemanden zu finden, der mir dann das
Auto mit dem Traktor aus dem Graben zog.
Zu Hause kündigte sich zweiter Nachwuchs an. Ich hatte mir inzwischen ein fast
perfekt funktionierendes Gebilde aus Arbeit-Familienleben-Sauferei
zusammengebastelt.
Biervorräte hatte ich im Keller, im Speicher, in der Garage, im Auto und im
Schuppen angelegt. Morgens nahm ich Leergut mit, welches ich in
unterschiedlichen Supermärkten eintauschte. Für´s Auto hatte ich regelmäßig
Dosen dabei, die sich, während der Fahrt getrunken, leichter an Rastplätzen
entsorgen ließen.
Während der Arbeitszeit trank ich weiterhin nicht. Wenn allerdings mal ein
Geburtstag, Jubiläum oder ähnliches dazwischen kam und ich das erste Glas trank,
dann war der Tag für mich gelaufen. Ich musste dann nachschütten.
Ebenfalls wurde ich gegen Abend hin immer unruhiger bis dann endlich Feierabend
war, und ich meinen Alkoholspiegel auffüllen konnte.
Vor dem Wochenende oder vor Feiertagen wurde ich dann hemmungslos. Wenn ich den
nächsten Tag nicht arbeiten musste, saß ich vor dem Fernseher, rauchte und
trank, bis ich voll war und zeitweise auf allen Vieren ins Bett kroch.
Meine Frau hatte es sich zur Angewohnheit gemacht, schon sehr früh zu Bett zu
gehen. Später sagte sie mir einmal, dass sie mein Sauf- und Rauchverhalten nicht
mehr mit anschauen hätte können.
Immer öfters kam es zu Diskussionen, weil ich mich zu wenig um die Kinder
kümmerte.
Weil meine Frau Sonntags gerne etwas länger schlief und ich doch immer relativ
früh wach war, packte von da an Sonntags meine Kinder zusammen und fuhr mit
Ihnen auf einen Spielplatz an einem nahe gelegenen See.
Nicht ohne vorher meinen Biervorrat im Auto zu überprüfen. Während sich die
Kinder auf dem Spielplatz vergnügten, saß ich mit meiner Pulle auf der Bank und
trank nun auch schon Morgens Alkohol. Am Sonntag-Nachmittag musste ich meinen
Rausch ausschlafen.
Hin und wieder verfiel ich in dieser Zeit in Angstzustände, meldete mich krank,
obwohl mir organisch nichts fehlte, verbrachte Tage lang im Bett.
Heute weiß ich, dass ich damals bereits unter Depressionen litt, die ich
letztendlich versuchte, mir wegzutrinken.
Immer häufiger stiegen Selbstmordgedanken in mir hoch. Oft plagten mich diese
Gedanken nächtelang und ich musste mich morgens, nicht zuletzt wegen meines
Katers aus dem Bett quälen um zur Arbeit zu gehen.
Zwischenzeitlich hatte ich den Job gewechselt. Nicht etwa um mich zu verbessern.
Nein, es war im nachhinein betrachtet ein weiterer sozialer Abstieg. In diesem
Job hatte ich die Möglichkeit, relativ ungestört auch schon während des Tages zu
trinken.
Ich war inzwischen 29 Jahre alt, hatte zwei liebe Kinder im Alter von 9 und 7
Jahren, eine immer noch unermüdliche Frau, die mich deckte, unterstützte,
zusätzliches Geld ranschaffte.
Sogar gemeinsame Urlaube nach Kroatien, Italien und Österreich konnten wir uns
leisten. Für mich immer ein fürchterliche Zeit, da ich jeweils 24 Stunden mit
meiner Familie zusammen sein musste.
Also waren immer wieder neue Ausreden gefragt, warum ich noch mal schnell in den
Ort musste, mal kurz an die Tankstelle, mal eben eine Auskunft einholen usw.
usf. Es war einfach anstrengend, an die Menge Alkohol zu kommen, die ich
brauchte.
Im Urlaub stieg ich dann schon mal auf Wein um, den ich von der Menge her aber
wie Bier trank.
Das Ergebnis brauche ich nicht mehr zu kommentieren. Es passierten schlimme
Entgleisungen in meinem Suff, für die ich mich immer noch schäme.
Nach meinem 30. Geburtstag war ich seelisch so kaputt, dass in nicht mehr leben
wollte.
Morgens sah ich mir meine versoffenen Augen im Spiegel an und ballte die Fäuste,
bis die Fingerknochen weiß hervortraten.
Immer wieder beschimpfte ich dieses widerliche Spiegelbild. "Warum hörst Du
nicht auf mit der Sauferei ? Du bist doch ein Mann, Du musst das doch schaffen.
Morgen hörst Du auf, morgen."
Den Kaffee konnte ich morgens meist nicht mehr behalten. Entweder kotzte ich ihn
gleich wieder in die Kloschüssel oder ich ging draußen an einen Busch.
Langsam erkannte ich, dass es so mit mir nicht weiter gehen kann.
Eines Morgens sprang mir bei der Lektüre der Morgenzeitung ein Artikel
entgegen.. Dieser Artikel handelte von den Anonymen Alkoholikern. Ich verzog
mich mit der Zeitung aufs Klo, weil ich befürchtete, einer meiner
Arbeitskollegen könnten mir beim Lesen über die Schulter schauen.
Aus dem Artikel ging hervor, was die Anonymen Alkoholiker machen, was es mit der
Krankheit Alkoholismus auf sich hat und wo in unserer Gegend Meetings waren.
Irgendwas in mir machte "Klick". Ich wusste, dass ich da hin gehen musste, um
nicht vor die Hunde zu gehen. Körperlich hätte ich die Sauferei noch eine ganze
Zeit lang durchgestanden, obwohl ich jeden Tag fürchterliche Kater hatte.
Aber seelisch - Seelisch war ich am Ende. Es hatte alles keinen Sinn mehr
und ich war des Lebens überdrüssig.
Ich hatte den Artikel an einem Donnerstag gelesen. Am Mittwoch der darauf
folgenden Woche hatte ich mir vorgenommen, in dieses Meeting der AA zu gehen.
Was dann kam, wurde genau getimt. Am Samstag morgen ging ich zum Friseur, ließ
mir meine relativ langen Haare auf halbe Streichholzlänge schneiden und ließ mir
meinen Vollbart abnehmen. Ich wollte ein neuer Mensch werden.
Anschließend ging ich in den Supermarkt und kaufte mir eine Lage Dosenbier. Dann
fuhr ich mit dem Auto an den See und setzte mich mit meinen 20 Dosen auf den
Bootssteg und fing an, eine Dose nach der anderen zu leeren.
Es war ein lauer Abend. Hin und wieder kamen ein paar Leute, schauten über den
See, sahen mich verächtlich an und gingen dann wieder.
Es war eine schaurig, traurig schöne Stimmung- mit der ich mich vom Alkohol
verabschieden wollte.
Sonntag schlief ich meinen Rausch aus und Montag und Dienstag trank ich seit
langer Zeit mal wieder nichts.
Dann fuhr ich am Mittwoch Abend zu der Adresse, die in der Zeitung angegeben
war. Es war ein Kirchenhaus, in dem zeitgleich zum Meeting ein Kirchenkonzert
stattfand.
Prima, dachte ich. Wenn mir einer blöd kommt, dann kann ich immer noch sagen,
dass ich zum Kirchenkonzert gehen will.
Aber irgendwie sah ich wohl nicht so aus, als ob ich mir geistliche Musik
reintun wollte. Ein Mann kam auf mich zu und sagte: " Möchtest Du zu AA ? "
Ich konnte nur noch stumm nicken und saß kurz darauf in meinem ersten
AA-Meeting. Bei angenehmen, gepflegten Menschen. Bei Kerzenschein und Kaffee.
Und die behaupteten von sich, Alkoholiker zu sein.
Hey, Alkoholiker
Die sitzen am Hauptbahnhof, oder im Stachus-Untergeschoss oder unter der
Isarbrücke und stemmen Ihre Bomben.
Das hier sind doch keine Alkoholiker. Wahrscheinlich genauso wenig wie ich einer
bin.
Doch diese Leute fingen an, aus Ihrem Leben zu erzählen. Und mit der Zeit stieg
mir der Schweiß auf die Stirn. Woher kannten die mich ???
Die erzählten aus MEINEM Leben. Die erzählten von MEINEN Empfindungen und von
MEINEM Trinkverhalten.
Das was diese Leute erzählten war mein größtes Geheimnis. Niemand sollte wissen,
dass ich so ein willenloses Schwein war, welches nicht mit dem Saufen aufhören
konnte.
Und die erzählten MEINE Schamgeschichten völlig ruhig, gelassen, ohne
Übertreibungen und ohne etwas unter den Teppich zu kehren.
Ich war zutiefst beeindruckt.
Stammelte da noch einige Worte von wegen " ich weiß nicht genau ob ich
Alkoholiker bin " usw. und dann waren diese ersten zwei Meetings-Stunden auch
schon rum.
Ich fuhr nach Hause. Ich hatte ein Gefühl der Freude, der Zuversicht und der
Dankbarkeit in mir. Ich spürte vom ersten Augenblick an, dass ich dort richtig
war.
Dass nur diese Menschen mit Ihrer Erfahrung mir helfen konnten, ohne mir zu
helfen und mit endlose Ratschläge zu geben.
Einige Dinge habe ich erfahren, die sofort hilfreich waren:
-Lass das erste Glas stehen
-Nur für HEUTE
-Komm wieder, es funktioniert
Ich fuhr heim und kippte meine letzten zwei Flaschen Bier in den Ausguss. Am
nächsten Tag räumte ich meine Verstecke und bereitete mich auf meinen nächsten
Meeting-Besuch im Nachbarort vor.
Und da war es wieder. Diese Herzlichkeit, diese Verständnis, diese Wärme.
Ich hatte kein Verlangen, Alkohol zu trinken. Einige Tipps nahm ich dankend an.
Darunter:
"Lade Dir einen Kasten Wasser in den Kofferraum". "Leg Dir einen Vorrat an
Schokolade an". Hier ist eine Liste mit Telefon-Nummern. Ruf an, BEVOR Du
trinken willst.
Ende Mai 1990 durfte ich aufhören zu trinken. Ein kurzer Rückfall nach einem
Jahr Trockenheit brachte mir die letzte Gewissheit, dass ich Alkoholiker bin und
mit dem Stoff nicht umgehen kann.
Wie eingangs erwähnt, bin ich heute 46 ( bald 47 ) Jahre alt. Die letzten 15
Jahre hatten eine völlig andere Qualität als die Jahre davor.
Meine Ehe ist, zwei Jahre nachdem ich trocken wurde gescheitert. Meine Frau kam
mit einem völlig veränderten Menschen nicht mehr zurecht.
Ich bin wieder verheiratet. Zu meinen beiden großen Kindern habe ich ein sehr
sehr gutes Verhältnis und in zweiter Ehe hat sich auch noch mal Nachwuchs
eingestellt.
Mein kleiner Sohn ist 8 Jahre alt geworden und ich bin sehr froh, sein Wachstum
nüchtern und trocken erleben zu dürfen.
Ein Bericht über meine trockenen Jahre möchte ich gerne mal bei Gelegenheit
anfügen. Das solls bis hier für heute mal gewesen sein.
Danke fürs Lesen
Ich heiße Udo, ich bin Alkoholiker