Mein Name ist Werner und ich bin Alkoholiker .

Dies ist ein Teil meiner Lebensgeschichte. Trotzdem es nur "Bruchstücke" sind , ist sie ziemlich lang geworden. Ich möchte sie trotzdem mit allen teilen, die sie lesen wollen.


Mein Name ist Werner und ich bin ein Alkoholiker.

Ich bin dankbar und glücklich, daß ich irgendwann eingesehen habe, Alkoholiker zu sein. Nur deshalb lebe ich heut noch und das in der Summe zufrieden.

Dank meiner Kapitulation, meinem Eingeständnis, dem Alkohol gegenüber machtlos  zu sein - und Dank AA- gehöre ich nicht zu den 30000 Alkoholikern, die jährlich an dieser entsetzlichen, hinterhältigen Krankheit sterben. Ich möchte die Hoffnung und die Zuversicht, die ich in AA gefunden habe, an alle weitergeben, die heute hier sind und ein Problem mit dem Alkohol haben. Deshalb und auch um mich selbst daran zu erinnern, möchte ich ein wenig aus meinem Leben berichten und von den Erlebnissen, die mich letztendlich zu AA geführt haben.

 
Mein Leben mit Alkohol begann mit ca.16 Jahren

Beim Weinabfüllen bei einem Onkel lernte ich zum ersten Mal die "scheinbar" positive Wirkung des Alkohols kennen. Auf einmal hatte ich meine Schüchternheit verloren, konnte auf einen Stuhl klettern, Karnevalslieder singen, Witze erzählen, war Mittelpunkt der Gesellschaft.

Toll, großartig - nur am nächsten Tag Übelkeit, Erbrechen, Kopfschmerzen, Kater. Egal. Ich hatte endlich ein Mittel gefunden, mit dem ich meine Ängste, meine Angst zu versagen, meine Angst vor dem anderen Geschlecht, kurz meine Minderwertigkeitkomplexe überwinden konnte.

Von dem Moment an begann ich den Alkohol zu missbrauchen. Immer dann, wenn ich mit mir selbst nicht klar kam, trank ich und hatte dann das Gefühl zu allem fähig zu sein. Schon bald bestimmte nicht mehr ich, wann und wie viel ich trank, sondern der Alkohol. Ohne es zu merken war ich Alkoholiker geworden. Egal ob in der Lehre, bei Weiterbildungsmaßnahmen, bei der BUWE immer musste ich trinken, um mit dem Leben, mit mir selbst fertig zu werden.

 
Ich erinnere mich daran, dass ich wegen meiner Sauferei das 4. Semester meines Ingenieur-Studiums wiederholen musste, wieder versagte und aus Scham nur noch trank, nicht mehr zu den Vorlesungen ging sondern abends in die Kneipen und tagsüber den Rausch ausschlief.
Irgendwann informierte meine Zimmerwirtin meinen Vater und der fand dann seinen Sohn. Fand mich betrunken im Bett in einem verwüsteten Zimmer mit schmutziger Wäsche, Badezimmer vollgesaut. Doch er sagte nur : "Warum machst du so etwas? Warum bist du nicht nach Hause gekommen?  Du weißt doch, dass ich Dir helfe, wenn Du in Not bist. "             

Ich fuhr mit nach Hause und am nächsten Abend gingen wir gemeinsam ins Bürgerstübchen um ein Kölsch zu trinken, damit "ich" meine Sorgen und mein Elend erst einmal  vergessen konnte. "Ich" konnte mein Elend vergessen, ertragen, indem ich weiter soff  ...aber meine Eltern litten weiter, weil ihr Jüngster zuviel trank und nichts Vernünftiges aus seinem Leben machte.             

 
In den nächsten 2 Jahren musste  ich 6mal die Arbeitsstelle wechseln, weil mir immer wegen Alkoholmissbrauchs gekündigt wurde. Ich verdiente immer genug , nicht für meinen Lebensunterhalt  - ich wohnte ja bei meinen Eltern- aber genug  zum Saufen. Dann  landete ich bei dem Unternehmen, bei dem ich letztendlich bis zu meinem Arbeitsende tätig war. Zuerst in der Montage, dann in der Arbeitsvorbereitung.
In der Montage fiel mein Trinkverhalten nicht weiter auf, weil die meisten tranken. Und...ich vertrug ja viel mehr als die anderen, konnte die doppelte, dreifache Menge trinken ohne aufzufallen.

In dieser Zeit lernte ich auch Irmi, meine Frau,  kennen. Wir verliebten uns. Ob ihr es glaubt oder nicht, auch sie sich in mich. Ich konnte nämlich eine kurze Zeit meinen Alkoholkonsum reduzieren und ihr den Mann vorspielen, den sie sich wünschte. Es gibt wohl keine besseren Schauspieler als nasse Alkoholiker. Ich schaffte es, sie so zu täuschen, dass sie mich heiratete.

 
An meinem neuen Arbeitsplatz lief es zuerst bestens. Trotz Schnapsflasche im Schreibtisch. Meine Vorgesetzten deckten mich, weil ich gute Leistungen erbrachte. Aber dann wurden die Anforderungen an mich größer und wie immer, wenn ich Angst hatte zu versagen, trank ich noch mehr. Mehr als ich vertragen konnte. Folge  - ich fiel wiederholt im Betrieb auf, und meine Vorgesetzten waren es leid, mich weiterhin zu decken.

Ich wurde abgemahnt und letztendlich gekündigt. Mein Arbeitsplatz sollte mir allerdings erhalten bleiben, wenn ich etwas gegen mein übermäßiges Trinken während der Arbeitszeit unternehmen würde. Bei dem Gespräch mit dem Betriebsrat fiel der Begriff Alkoholiker. Ich und ein Alkoholiker, ich lag doch nicht unter der Brücke, war doch kein Penner.

Auch beim Gesundheitsamt stellte man fest : " Alkoholismus".  Also unterschrieb ich einen Antrag auf Langzeittherapie. Damals dauerte es lange,  bis ein Platz frei wurde.  Für die Übergangszeit empfahl man mir, die Selbsthilfegruppe der Anonymen Alkoholiker aufzusuchen, um "trocken" zu werden.

 
Also ging ich mit 37 Jahren zum ersten mal zu den AA.

Ich ging hin, um meine Arbeitsstelle zu erhalten, um mit dem Trinken aufzuhören, damit meine Frau bei mir blieb, um meinen Eltern weiteren Kummer zu ersparen. Ich wollte für Gott und alle Welt trocken werden - nur nicht für mich selbst. DAS konnte nicht funktionieren. Und dann, in was für einem Verein war ich da gelandet. Mein Gott, was hatten die gesoffen. Da saßen welche, die hatten ihre Frau verprügelt, waren kriminell geworden, um Geld für den Stoff zu besorgen. So war ICH doch nicht. Trotzdem besuchte ich weiterhin die Gruppe und die Gesprächsrunde beim Gesundheitsamt.

 
Ich konnte ca. 6 Monate ohne Alkohol auskommen. Ich sage heute dazu, ich machte eine Saufpause. Und das überzeugte Frau D., die Beraterin vom Gesundheitsamt, dass ich keine Langzeittherapie brauche.Sie setzte  ein entsprechendes Schreiben für den Betrieb auf und dieses legte ich dann mit stolz geschwellter Brust meinen Vorgesetzten vor. Alles okay, unser Herr S. hat es geschafft, kann weiter für uns tätig sein.So der Betrieb! Und ich? Nun, für mich war dieses Schreiben die Bestätigung, dass ich kein Alkoholiker bin.  Wen ich keine Langzeittherapie brauchte, dann, so die" logische Schlussfolgerung",  war ich auch kein Alkoholiker.   Welch grausamer Irrtum !!!
 
Wenn ich 6 Monate ohne Alkohol auskommen konnte, dann, so dachte ich, kann ich auch kontrolliert trinken.

Kurze Zeit ging das auch gut. Wenn ich Durst hatte ein oder zwei Bier, zum entsprechenden Essen den richtigen Wein, dann ein Verdauungsschnäpschen nach dem Essen, dann ein Aperitif vorher.  Dann, heimlich, wenn meine Frau dabei war, vorher zwei, drei Schnäpse und zwei, drei zur Verdauung hinterher usw. usw. Es dauerte nur 6 Wochen, bis ich wieder auf dem Alkoholkarussell saß. Ich musste wieder trinken, saufen, um mit dem Leben fertig zu werden. Und dann begann die entsetzlichste Zeit meines Lebens.  Ich wurde Spiegeltrinker. Konnte ohne Alkohol nicht mehr leben. Ich musste immer häufiger und mehr trinken, um die Wirkung des Alkohols überhaupt zu spüren.

 
Mein Tag begann in dieser Zeit damit, dass ich zum Bäcker in der Nachbarschaft ging, um Brötchen für einen Arbeitskollegen und mich und.... 4 bis 5 Flachmänner Jägermeister zu holen. Bevor ich bei meinem Kollegen ins Auto einstieg, kippte ich erst mal an der Kircheneingangstür einen Flachmann, Inhalt 5 Schnäpse, in mich hinein, um überhaupt arbeiten gehen zu können. Bis zur Mittagspause reichten die restlichen so eben und dann sorgte ich für Nachschub.

Wenn ich dann nach Hause kam und nichts Hochprozentiges in der Wohnung war, brach ich einen Streit vom Zaun und schob los in die Dorfkneipe. Hier verstand man mich. Ist doch klar, wenn du so eine Zankhippe zu Hause hast, musst du dir ja einen zur Brust nehmen. Nur, wenn die anderen nach Hause gingen, setzte ich mich ins Taxi und fuhr nach Köln, um weiter saufen zu können. So lernte ich dann die Tag-, Nachtbars in der Friesenstraße und auf dem Friesenwall kennen. Hier war ich doch noch wer, hier wurde ich gerne gesehen. Schließlich ließ ich ja Geld da - und das reichlich. In dieser Zeit habe ich mir Schulden in 6stelliger Höhe angesoffen.

Wie oft wurde ich in der Morgendämmerung auf den Betonklötzen am Breslauerplatz wach und wusste nicht, wie ich dorthin gekommen war. Und wieder einmal einen Zettel in der Tasche, auf dem ich ermahnt wurde, meine Schulden zu bezahlen, sonst würde man mich pfänden lassen.

 
Ich besorgte Geld, indem ich meinen Eltern vorgaukelte, ich würde erpresst. Fuhr nach Köln zurück, bezahlte meine Schulden, soff weiter und am nächsten Morgen saß ich wieder besoffen mit leerer Brieftasche auf den Betonklötzen. Das, was ich damals mit 36 Jahren nicht wahrhaben wollte, war passiert. Ich war zum Penner geworden. Wenn auch zu einem "Penner mit Wohnung und Frau".

In dieser Zeit besoff ich mich am Sterbebett meines Vaters. Ich hatte die Nachtwache im Sterbezimmer eines kleinen Krankenhauses übernommen. Besorgte "offiziell" eine Flasche Sekt zum Munterbleiben aber auch eine Flasche Jägermeister. Am nächsten Morgen fanden meine Frau und mein Bruder mich betrunken am Sterbebett sitzend. Meine Frau blieb im Krankenhaus und während mein Vater starb - Irmi saß bei ihm - schlief ich auf Vatis Lieblingscouch meinen Rausch aus. Ich hatte den Menschen im Stich gelassen, der immer für mich da war, mir immer geholfen hatte, wenn ich in Not war.

 
Ich schämte mich, ich ekelte mich vor mir selber. Ich musste weiter trinken um diese Scham ertragen zu können.

Ich kletterte aus Ekel vor mir selber auf die Hohenzollerbrücke und wollte in den Rhein springen. Aber noch nicht einmal das schaffte ich. Irgendetwas hielt mich zurück. Ich musste weiterleiden.

 
Bis zwei Tage vor meinem 44. Geburtstag.

Ich hatte während der Arbeit mehr getrunken, als ich vertragen konnte - meinen Spiegel überschritten- . Ich verdrückte mich auf die Toilette und schloss mich ein, um meinen Rausch auszuschlafen.  Natürlich passte das meinem Boss nicht und er ließ mich durch Kollegen von der Toilette holen. Ich lallte etwas von Tabletten und doppelter  Wirkung in Verbindung mit zwei, drei Geburtstagsschnäpschen. Mein Vorgesetzter glaubte mir nicht, teilte mir mit, dass am nächsten Tag ein Gespräch mit der Geschäftsleitung stattfinden würde. Man fuhr mich nach Loope und ich verbrachte die restliche "Arbeitszeit" in der Kneipe.

Am nächsten Morgen schlappte ich genau wie all die Tage, Wochen, Monate zuvor zum Bäcker und besorgte mir 5 Flachmänner.

Angst vor dem Gespräch mir der Geschäftsleitung! Also... trank ich in zwei Stunden die Flachmänner aus.  Folglich ging ich betrunken zu dem Gespräch, in welchem es um meine weitere Zukunft gehen sollte. Das Kündigungsschreiben war bereits vorbereitet und für mich brach eine Welt zusammen. Allerdings wollte man mir noch einmal die Chance einräumen, etwas gegen meinen Alkoholismus zu tun und dann meinen Arbeitsvertrag aufrechterhalten.
 
Den Rest des Tages verbrachte ich wieder in der Kneipe und legte mich am Abend volltrunken auf die Couch. Gegen Mitternacht wurde ich wach. Und da wurde mir urplötzlich meine Situation klar: Kündigung. Schulden in 6stelliger Höhe; aus, Ende, alles vorbei. Und ich erkannte, dass ich trotz des Wissens um dieses wichtige Gespräch genauso hatte saufen müssen wie all die Zeit zuvor.

Ich war verzweifelt, heulte, weinte und wusste auf einmal .....ich bin Alkoholiker.

Das, was die Menschen in AA mir 6 Jahre zuvor versucht hatten zu vermitteln stimmte: Ich wusste auf einmal, dass der Alkohol stärker war als ich. Ich betete. bettelte... Mein Gott, hilf mir doch, dass ich nicht mehr trinken muss. Ich wollte alles, wirklich alles tun, um nicht mehr trinken zu müssen. Ich hatte kapituliert.

Und da geschah das für andere Unvorstellbare. Ich brauchte von dieser Nacht an, der Nacht zum 19.Dezember, der Nacht zu meinem 44.Geburtstag, nicht mehr zu trinken.

Die körperliche Entgiftung habe ich zu Hause durchgestanden. Ich weiß, dass das lebensgefährlich war. Aber ich habe überlebt. Ich erinnerte mich an AA und ging mit einem Kollegen, der sich mir gegenüber als Alkoholiker zu erkennen gegeben hatte, kurz nach Weihnachten in eine AA-Gruppe im LKA. Hier hörte ich den Namen Ingelore und von der AA-Gruppe in Bensberg. Das war doch die Frau, die sich 6 Jahre zuvor so bemüht hatte, mir zu helfen.  Also fuhr ich am nächsten Donnerstag mit dem Bus nach Bensberg (ich habe übrigens nie einen Führerschein besessen, deshalb konnte man mir auch keinen abnehmen) .

Als ich die Tür zum Meetingsraum öffnete, dachte ich zuerst, ich wäre falsch.

Große Tafel, die sich vor lauter Schüsseln und Platten mit Essen fast bog und.....lachende, scherzende Menschen. Keine verzweifelte, traurige sondern fröhliche Menschen saßen am Tisch, speisten, tranken, erzählten Witze. Ich dachte, ich wäre falsch, wollte wieder gehen, bis Karin mir sagte :" Wenn du nach AA willst, komm rein, hier bist du richtig." Ich hörte, dass an diesem Abend das jährliche "Große Fressen" stattfand. Ein AA-Freund nahm mich beiseite, erzählte mir ein wenig von sich, drückte mir das Faltkärtchen "Gestern, Heute, Morgen" in die Hand und  empfahl mir wiederzukommen.

 
Am nächsten Donnerstag fuhr ich wieder in diese Gruppe.

Diesmal fand ein richtiges Meeting statt. Die Freunde erzählten mir ihre Lebensgeschichten. Dieselben Menschen, die eine Woche zuvor so fröhlich, lustig ihr Fest gefeiert hatte -allerdings ohne Alkohol -  waren durch die gleiche Hölle gegangen wie ich. Aber sie hatten einen Weg gefunden, um ohne Alkohol ein zufriedenes Leben führen zu können. Sie hatten diese  hinterhältige, tödliche Krankheit Alkoholismus zum Stillstand gebracht. Ich war endlich zu Hause angekommen. Eine tiefe Hoffnung und Zuversicht erfüllte mich. Wenn diese lebensbejahenden Menschen es geschafft hatten, dann würde ich es auch schaffen.

 
Diesmal funktionierte AA. Konnte funktionieren, weil ich hingegangen war um Hilfe zu finden, hingegangen war, um mit dem Trinken aufhören zu können. Nicht für andere, sondern ganz alleine für mich.

Ich konnte akzeptieren, dass Alkoholismus eine Krankheit ist und dass es keine Schande ist krank zu sein, sondern nur, nichts dagegen zu tun.

Und ich lernte unser wundervolles 12 Schritte Programm kennen. Mit Hilfe dieses Programms, einer Höheren Macht, die ich Gott nenne und den Freunden in AA begann für mich ein neues Leben... Ein Leben in Zufriedener Nüchternheit.

 
Ich bin dankbar und glücklich, dass ich eingesehen habe, Alkoholiker zu sein    
 
Ich wünsche uns allen noch viele 24 Stunden in Zufriedener Nüchternheit