Remigius:

WORTE INS LEBEN

Desiderata aus der alten St.-Pauls-Kirche, Baltimore, 1692

(wesentlich überarbeitet , ergänzt und deutlich erweitert von REMIGIUS <Pseudonym>, 1997)

Gehe ruhig und gelassen durch den Lärm und die Hast der Zeit und denk an den innerlichen Frieden, der nur in der Stille wächst. Stehe, soweit ohne Selbstaufgabe möglich, in freundlicher Beziehung zu allen Menschen. Äußere deine Wahrheit ruhig und klar und höre den anderen zu, auch den Geistlosen und Unwissenden; auch sie haben ihre Geschichte. Sei zurückhaltend in deinem Urteil, denn gar schnell erliegst du einem Vorurteil. Pflege auch in guten Zeiten deine Freundschaften. Wie rasch kann sich der Wind des Erfolgs drehen! Verletze nie die Würde eines Menschen, sie ist ein sehr hohes geistiges Gut, noch lass es zu, dass man deine Würde verletzt. Als Mann respektiere die Frau, als Frau respektiere den Mann; diese Achtung entzündet ein geistiges Licht, das erst die Voraussetzung für die Liebe ist.

Meide laute und aggressive Menschen, sie sind eine Qual für den Geist. Wenn du dich mit anderen vergleichst, könntest du vielleicht bitter werden und dir nichtig vorkommen; denn immer wird es jemanden geben, der größer ist als du, doch es gibt auch viele, die sind weniger gut ausgestattet als du, - doch du bist einmalig und so von Gott angenommen. Mach das Beste aus dir!

Freue dich über deine Fähigkeiten und Leistungen; lobe ohne Falsch die Vorzüge der anderen. Erfreue dich möglichst oft an schönen Werken. Erlahme auch nie, Pläne zu schmieden, sie beflügeln dich und halten dich jung. Bleibe, wie es deinem Alter entspricht, an deinem beruflichen Fortkommen interessiert; versuche stets, dich mit Maß zu verbessern, wie bescheiden auch immer. Ein guter Beruf und ein breites solides Wissen sind ein wertvoller Besitz im wechselnden Glück der Zeiten. In deinen geschäftlichen Angelegenheiten lass grundsätzlich Vorsicht walten, doch wage auch in einem günstigen Augenblick den Sprung. Leih dir nie Geld von Freunden, noch gib ihnen Geld von dir, außer in großer Not. Mache keine großen Schulden; sie könnten dir den Schlaf rauben oder zu sehr zum Geld- Verdienen zwingen; ziehe es im Zweifelsfall vor, bescheiden zu leben. Pass auf: in der Welt ist viel Betrug: was oft schön glänzt, zeigt sich allzu oft als Tarnung von Wertlosem und Bösem. Aber dies soll dich nicht blind machen gegen gleichermaßen vorhandene Rechtschaffenheit. Viele Menschen ringen um hohe Ideale; und es gibt mehr Männer und Frauen als du denkst, die einen guten Charakter haben, die sich positiv engagieren und zu edlen Taten bereit sind, wenn man sie fordert.

Sei du selbst, vor allen Dingen: heuchle keine Zuneigung. Es gibt echte Liebe, in vielen Formen; jedoch hüte dich davor, dich aus Liebe zu erniedrigen oder deine Würde verletzen zu lassen, - du würdest jene dann mit Sicherheit verlieren. Die Liebe zwischen Mann und Frau kann wunderschön sein; doch stütze deinen Lebenssinn nicht allein auf sie, erwarte nicht zuviel von ihr. Die Liebe schwankt: nach der Nähe braucht sie wieder Freiraum, in der Distanz sucht sie wieder die Nähe, - sieh auf den Atem, auf den Herzschlag: die gegensätzliche Pulsation ist ein Gesetz des Lebens. Daher sei gelassen: auf Entfernung folgt wieder Hinwendung. Doch hüte dich vor zu rascher Trennung. Schwierigkeiten sind ein Anreiz zum Wachsen, sind Anrufe des Herrn - an dich. Die Liebe bedarf zwischendurch des Verstandes, um zu überleben. Die Ehe ist ein großes Geschenk. Sie aufrechtzuerhalten, kann manchmal zur Pflicht werden. Dies ist gut so, schon der Kinder wegen. Eine leichtfertige Scheidung ist ein schweres Verbrechen. Nach einem Fehlschlag sei nicht zynisch, auch was die Liebe zwischen Mann und Frau betrifft; denn auch im Angesicht häufig anzutreffender Dürre und Enttäuschung gibt es sie tatsächlich, schön und unauslöschlich wie das Licht der Sterne.

Hüte dich vor falscher Weichheit; prüfe, ob sie nicht eventuell eine getarnte Schwäche von dir ist. Verrate auch nicht die Gerechtigkeit durch wohlfeile unangemessene Rücksicht, sonst zerreißen bald die Wölfe ungehindert die Schafe. Manchmal schmerzt die Konsequenz. Bedenke dies sorgfältig: nicht immer besagt der Schmerz, dass seine Ursache etwas Ungünstiges hervorbringe. Bringt denn eine Geburt etwas Ungünstiges hervor, weil sie schmerzvoll ist? Sei gütig, wo es angebracht ist, jedoch werfe keine Perlen vor die Säue. Es gibt auch böse Menschen; mache dir keine Illusionen, sie zu ändern, wenn du ihre Starrheit erkannt hast; halte dich dann möglichst von ihnen fern. Sei grundsätzlich gewaltfrei. Jedoch lass es nicht zu, dass die Bösen die Gewaltfreiheit wie eine Schwachstelle benutzen. Bei einem ungerechten Angriff wehre dich, mit Maß, eh du vernichtet wirst . Verteidige die Schwachen und Bedrohten. Jedoch besiege den Hass, er würde deine und deines Nächsten Seele zerfressen. Bemühe dich stets, die zerstörerische Seite der menschliche Natur im Zaum zu halten; achte auch darauf in der Masse, gar schnell wird der Mensch zum Ungeheuer, - wenn er nicht aufpasst. Die Geschichte lehrt es uns.

Ertrage freundlich-gelassen den Ratschluss der Jahre, gib die Dinge der Jugend mit Grazie auf. Achte und ehre das Alter, denn schnell verfliegt auch deine Zeit. Als älterer Mensch beneide nicht die Jugend, suche nach Verständnis. Übe dich im Loslassen-Können. Verdränge den Gedanken an den Tod nicht, ja bete täglich auch darum, einmal eine gute Sterbestunde zu haben. Stärke stets die Kraft des Geistes, damit du bei plötzlich hereinbrechendem Unglück nicht ungeschützt und hilflos bist. Beruhige dich nicht mit Einbildungen, extremen Vorlieben oder Illusionen. Stehe mit beiden Füßen auf dem Boden, doch gib es nie auf, Träume zu haben.

Die Angst begleitet uns im Dasein, doch viele Ängste sind die Folge einer Schwächung durch zu großer Belastung, zu wenig Geborgenheit, durch Vereinzelung, durch Liebesmangel, durch Geiz und Neid - und nicht zuletzt das Ergebnis der Unfähigkeit, Gott auch in der Not vertrauen zu können; sie sind oft die Quittung für eine falsche Entwicklung, welche auf die Realität des Lebens nicht vorbereitete.

Bei einem heilsamen Maß an Selbstdisziplin sei stets auch gut zu dir selbst. Nimm dich selbst an, denn du bist in erster Linie dir vom Schöpfer geschenkt. Achte auf deine geistige, seelische und körperliche Gesundheit. Ja, gib acht, gerade der Geist wird schneller mit Negativem vergiftet, als du wahrhaben kannst. Bedenke, dass alles mit dem Geist begann und beginnt, der Logos gebiert das Sein.

Beachte die Rhythmen des Lebens. Alles hat seine Zeit.

Vergiss nie den Humor, übe dich darin; nimm dich selbst nie zu ernst. Vermeide jeden Fanatismus, er wäre eine Karikatur deiner selbst.

Du bist ein Kind des Universums, nicht weniger als die Bäume und Sterne; du hast ein Recht hier zu sein, ob es dir nun bewusst ist oder nicht.

Wie ein grandioser Plan es vorsieht, entfaltet sich das Universum: es ist ein großartiges Wunder, wo wir Menschen geringer als ein Stäubchen erscheinen. Die Größe und Großartigkeit des Weltalls lässt die Edlen voll Ehrfurcht erschauern; sein Alter und sein Anblick gibt vielen unserer Probleme die ihnen zukommende geringe Dimension. Schau oft zum Sternenhimmel, wenn du das Glück hast, ihn sehen zu können, seine göttliche Pracht wird dich veredeln - und dich daran erinnern, wie kurz deine Zeit ist.

Lebe in Frieden mit dem Schöpfer, mit Gott. Bei aller Toleranz bemühe dich um den rechten Glauben; er ist uns geoffenbart. Vergiss jedoch nie, dass der Glaube ohne Liebe zum Übel wird, und er ohne Hoffnung verdorrt. Erforsche in dir den Ruf Gottes an dich. Achte die Religion der anderen, jedoch verleugne die deine nicht. Weise den Irrenden ruhig und bestimmt zurecht, jedoch verfolge ihn nicht. Achte die Tradition; wie man mit ihr umgeht, gibt viel Auskunft über das menschliche und kulturelle Niveau einer Zeit. Es wäre ein verhängnisvoller Irrtum zu glauben, man könne Bewährtes einfach deshalb verwerfen, weil es eine alte Erfahrung darstelle. Ist denn der menschliche Körper zu verwerfen, weil sein Bauplan alt ist?

In der lärmenden Wirrnis des Lebens arbeite stets daran, den Frieden mit deiner Seele zu erlangen. Mach dich empfänglich für das moralische Gesetz in dir, es ist genau so großartig wie der Sternenhimmel über dir. Bemühe dich dabei stets um die Orientierung an dem, der über der Welt steht. Dann ist jenes die Quelle des unzerstörbaren Glücks, auch wenn das viele nicht begreifen.

Nimm das Leid an, wenn es dich trifft. Es ist ein Bestandteil unseres Lebens hier, ob dies nun uns gefällt oder nicht. Doch bedenke: gerade bei vielen Regentagen wächst die Wahrscheinlichkeit, dass sich schließlich wieder die Sonne zeigt. Am Ende jedoch trittst du durch die Dunkelheit des Sterbens in das Licht.

Ja, trotz all ihrem Schein, der Plackerei, dem Leid und vielen zerbrochenen Träumen ist diese Welt doch wunderschön, und noch unendlich schöner ist der Himmel, für den Gott uns vorgesehen hat. Du darfst stets danach streben, glücklich zu sein und dich weiterzuentwickeln, soweit du andere dabei nicht schädigst; du bist so gemeint.

Es gibt noch viele andere weise und gute Regeln, die es dir erleichtern, deiner irdischen und deiner ewigen Bestimmung näher zu kommen.

©Copyright by MOSCH-Verlag, 1992.

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